Eine Biblische Theologie der Vergänglichkeit

Artikel von Kai Soltau
10. November 2011 — 6 Min Lesedauer

Vortragsreihe mit Kai Soltau

Bei den Vorträgen der ersten Evangelium21-Konferenz im August standen insbesondere die Merkmale einer gesunden, evangeliumszentrierten Gemeinde im Mittelpunkt. Mit textauslegendem Predigen, einem klaren Verständnis des Evangeliums, der Bekehrung und der Evangelisation sowie biblischen Strukturen in der Gemeinde durch bedeutungsvolle Gemeindemitgliedschaft, Hingabe zur Jüngerschaft, Bereitschaft zur Gemeindezucht (wenn nötig) und gesunder Gemeindeleitung konnten wohl die meisten Konferenzteilnehmer etwas anfangen. Die meisten dieser Punkte waren wohl auch nichts Neues für die Teilnehmer, aber trotzdem eine gute Erinnerung.

Das Konzept von „Biblischer Theologie“ als Merkmal einer gesunden Gemeinde war jedoch vielleicht für einige neu und fremd. Mark Dever kommentiert das Thema „Biblische Theologie“ in seinem Buch 9 Merkmale einer Gesunden Gemeinde (3L Verlag), wo er jedes der oben genannten Merkmale gründlich beleuchtet, wie folgt: „Wir müssen Gottes Wort als ein zusammenhängendes Ganzes begreifen, das uns zu allererst als eine Offenbarung Gottes begegnet“ (S. 15). In Zeiten, in denen Gottes Wort zu allen möglichen Anliegen befragt wird, nur nicht darüber, wer Gott eigentlich ist, ist das eine gute Ermahung.

Biblische Theologie hat also damit zu tun, den Text in seinem größeren Kontext zu verkünden und ihn im größeren Rahmen der Geschichte der Bibel zu verstehen. In seinen Vorträgen über das Buch Prediger veranschaulicht Kai Soltau (Evangelikale Akademie, Wien) sehr schön, wie gerade durch die Berücksichtigung des größeren biblischen und heilsgeschichtlichen Kontextes bei Texten aus dem Alten Testament der Blick auf das Heilswerk Jesu Christi und den göttlichen Plan für die Menschheit gerichtet werden kann.

Im ersten von fünf Vorträgen, „Ein Platz an der Sonne –  Der Verlust des Paradieses und die Sehnsucht zur Rückkehr“, zeigt Soltau auf, wie Salomon seine Betrachtung des vergänglichen Lebens auf dieser Erde im Schöpfungsberiecht und der Beschreibung des Sündenfalls verankert (1. Mose 1-4). Er erläutert, wie das Buch Prediger eine Art „Theologie der Vergänglichkeit“ ist, in der Salomon weiter ausführt, was Mose in seinem Bericht über den Sündenfall (Gen. 3-4) nur andeutet – der Tod ist in die Welt gekommen und hinterlässt jetzt seinen dunklen Schatten auf allen Aktivitäten auf Erden. Alles liegt seit dem Sündenfall eingeschlossen unter dem Fluch, den Gott über diese Welt verhängt hat.

Weiter erläutert Soltau in seinem zweiten Vortrag, „Das Leben im Schatten Der Schatten des Todes und der Vergänglichkeit über allem Leben“, wie alles Leben auf der Welt in seiner Unvollkommenheit und Tragik untergeht. Der Tod, der seit der Trennung des Menschen von Gott über dieser Welt hängt, hat alle Gebiete des menschlichen Daseins durchdrungen und jedem Bereich des Lebens den Stempel der Unvollkommenheit aufgedrückt. Wie Salomon im Buch Prediger beschreibt, ist alles fortan beschränkt: (1) Die menschliche Lebensdauer – Tod und Verfall machen dem menschlichen Leben einen Strich durch die Rechnung (vgl. Pred. 1) – Der Mensch kann an nichts vollständig festhalten (Pr. 6,1-2); (2) Die menschliche Erkenntnis – Der Mensch weiß nicht, was Gott (sein Schöpfer und Richter) tut – Der Mensch kann nichts vollständig erschließen (Pred. 6,12; vgl. 9,12); (3) Die menschliche Erfüllung – Die gefallene Welt ist nicht mehr vollkommen und kann von daher nichts Vollkommenes mehr bieten. – Der Mensch kann durch nichts vollständig erfüllt werden (Pred. 6,7; 5,10); (4) Das menschliche Schaffen – Als Folge des Sündenfalls ist die Erde von Dornen und Disteln behaftet (Gen. 3,18), so dass alles um ihn herum vom ständigen Verfall betroffen ist – Der Mensch kann nichts vollständig schaffen; (5) Die menschliche Kontrolle – Auf Grund von Sünde und menschlichen Einschränkungen ist der Mensch nicht in der Lage sein Leben vollständig zu kontrollieren – Der Mensch kann nichts vollständig kontrollieren; (6) Die Kontrolle über Fairness und Gerechtigkeit Der Mensch kann sein Schicksal nicht vollständige kontrollieren; (6) Die Fähigkeit immer nur Gutes zu tun – Auf Grund des Sündenfalls ist das Leben des Menschen durch und durch von Sünde behaftet – Der Mensch kann nicht vollständig gut sein. Das ist also Salomons Beurteilung des menschlichen Lebens seit dem Sündenfall: Alles im Leben ist nichtig, wertlos, dahinfliehend und außerhalb menschlicher Kontrolle.

Aber durch diese „Theologie der Vergänglichkeit“ zeigt Salomon nicht nur die Not der Menschheit auf, sondern schafft auch bei seinen Lesern eine Sehnsucht danach, aus dieser Vergänglichkeit auszubrechen. Diese Sehnsucht wird einzig und allein in Christus erfüllt. Wenn wir die Geschichte der Bibel weiterverfolgen, dann erkennen wir, dass Jesus Christus, wie kein anderer und nichts anderes in dieser Welt, diesen Fluch der Beschränkung des menschlichen Lebens behoben hat. Im dritten Vortrag, „Der Aufgang der Sonne Das Leben in Christus als Antwort auf die Vergänglichkeit“, geht Soltau darauf ein, wie in Jesus Christus das Heil angebrochen ist, durch das der Mensch jetzt schon in gewisser Weise diese Beschränkungen, die der Fluch mit sich gebracht hat, überwinden kann. In Jesus Christus hat der Mensch eine neue Gerechtigkeit und so weiß er, wo er steht. In Ihm hat er ein neues Ziel und so weiß er, wo es in seinem Leben hingeht. In Christus hat der Mensch eine neue Sicherheit und so weiß er sich inmitten der Vergänglichkeit und Wertlosigkeit geborgen.

Aber die große Geschichte, die die Heilige Schrift für uns schildert, geht noch weit über dieses Heil, das Christus uns jetzt schon bereitet hat, hinaus. Wie das Alte und Neue Testament deutlich machen, wird der Tag kommen, an dem Gott alles neu machen wird (Jes. 65,17-25; 2. Pet 3,10-13; Offb. 21)–ein Tag, an dem der Todesschatten, der seit dem Sündenfall über der Welt liegt, endlich ein für alle Mal beseitigt wird. Durch Jesus Christus wurde der Tod überwunden und durch ihn leuchtet bereits in diesem Leben schon das Licht der Vollkommenheit auf. Um es mit den Worten Salomons auszudrücken, läuft Gottes ganze Offenbarung in der Bibel auf ein „Leben über der Sonne“ hinaus. Angesichts dieser Verheißungen zu leben, ist ein weiterer Weg, um die Vergänglichkeit auch in diesem Leben schon zumindest zum Teil zu überwinden. Folglich erläutert Soltau in seinem vierten Vortrag, „Das Leben über der Sonne Das Leben mit Blick auf die Ewigkeit als Antwort auf die Vergänglichkeit“, wie es angesichts dessen, was wir aus Salomons „Theologie der Vergänglichkeit“ gelernt haben, aussieht, „das ewige Leben zu ergreifen“ (1. Tim. 6,12). Es ist eine Aufforderung, das Gute und Schöne auf der Welt zu genießen und dennoch in dem Bewusstsein zu leben, dass diese Welt ihm letztendlich nicht die ersehnte Erfüllung geben wird und auch nicht kann. Erfüllung gibt es momentan nur dort, wo das Leben ganz auf Gott und die neue Welt ausgerichtet ist. Dort bricht der Morgen der ewigen Herrlichkeit an und es schwindet bereits die Vergänlichkeit dieser Welt.

Wir sehen, dass Gottes Wort als ein zusammenhängendes Ganzes zu begreifen den Blick auf Christus und sein Heil eröffnet. Biblisch-theologisch beleuchtet erklingt selbst aus einem Buch wie Prediger die Botschaft des Evangeliums und der Gnade Gottes – einer „Gnade der Vergänglichkeit“. Denn es ist gerade die Vergänglichkeit, die Salomon uns im Buch Prediger vor Augen führt, die uns nach Jesus Christus und dem neuen Leben in ihm (sowohl hier und jetzt, als auch für alle Ewigkeit) Ausschau halten lässt.

Kai Soltau ist Dozent für Biblische Studien und unterrichtet an verschiedenen theologischen Ausbildungsstätten. Er ist Pastor und Gemeindegründer in Wien, einer der Leiter von Langham Österreich und Vorstandsmitglied von Evangelium21. Kai und seine Frau Missy haben zwei Kinder.

Die fünf Vorträge stehen hier als Video zur Verfügung. Sie wurden im Rahmen einer Gemeindefreizeit der FEG München-Mitte aufgezeichnet.