Vom Garten Eden bis zur neuen Schöpfung

Die Geschichte des Singens in der Bibel

Artikel von Rudi Tissen
22. Juli 2022 — 8 Min Lesedauer

Eine Filmszene, die mich immer wieder berührt, stammt aus dem Filmklassiker Der Pianist. Im völlig zerstörten Warschau trifft der Pianist Wladyslav Szpilman auf einen Hauptmann der deutschen Besatzer, der ihn auffordert, auf einem Flügel zu spielen. Kurze Zeit später erklingt in den Ruinen der polnischen Hauptstadt Chopins Nocturne in cis-Moll. Inmitten von Chaos, Gewalt, Zerstörung und Dunkelheit blitzt in diesem Moment – wie aus einer anderen Welt – ein Stück Schönheit auf.

Jedem von uns wird bewusst sein, dass Musik etwas mit uns macht. Sie weckt Emotionen, bringt Erinnerungen hervor, setzt Menschen in Bewegung und kann sogar Massen mobilisieren. Aber was, wenn Musik eine viel tiefere Bedeutung hat? Was, wenn der Gesang der Kinder Gottes mehr ist als eine religiöse Übung? Wenn er vielmehr die Schönheit einer anderen Welt – nämlich Gottes zukünftiger Welt – signalisiert? Was, wenn die Geschichte dieser Welt ganz eng mit Gesang zusammenhängt und im Kern „musikalisch“ ist?

Ich glaube, dass diese Gedanken zutiefst biblisch sind, weil es in der Geschichte dieser Welt letztendlich um nichts anderes geht als Anbetung. Wir wurden geschaffen, um unseren Schöpfer durch unser ganzes Leben großzumachen. Wir wurden gemacht, um unsere größte Freude an ihm zu haben. Gesang ist ein zentraler Weg, um dieser Berufung treu zu sein. Das ist auch der Grund, warum der christliche Glaube schon immer ein singender Glaube gewesen ist. Wir schreiben Lieder und singen über Glaubensinhalte. Wir reden nicht nur über Gott, sondern singen über ihn und zu ihm. Wir bringen unsere Liebe und Freude nicht nur durch gesprochene, sondern durch gesungene Worte zum Ausdruck. Warum ist das so? Weil es eine zentrale Überzeugung der christlichen Weltanschauung ist, dass Menschen Anbeter sind und dass die Geschichte dieser Welt eben „musikalisch“ ist. In diese Geschichte möchte ich uns mit hineinnehmen.

Singender Schöpfer

1. Mose 1 zeigt uns, dass die Welt, die wir sehen, durch das Wort des allmächtigen Gottes ins Dasein gerufen wurde. So lesen wir in Psalm 33,6: „Durch des HERRN Wort ist der Himmel gemacht und all sein Heer durch den Hauch seines Mundes.“ Die Schönheit, Ordnung und Genialität der Schöpfung – gepaart mit der poetischen Gestaltung des Schöpfungsberichts und dem künstlerischen Auftreten Gottes – hat Theologen dazu bewogen, davon zu sprechen, Gott habe die Welt ins Dasein gesungen. Die Worte, die Gott aussprach, als er seine Welt schuf, waren Worte voller Freude – einer Freude, die in dem wiederkehrenden Refrain „Gott sah, dass es gut war“ durchklingt.

„Wir sind singende Geschöpfe, weil wir anbetende Kreaturen sind.“
 

Dieser Gedanke ist auch in der Lehre der Dreieinigkeit verankert: Die Schönheit der Schöpfung ist Ausdruck einer innertrinitarischen Freude – der Freude, die der dreieinige Gott von Ewigkeit her in sich selbst erlebt. Schon ewig freut sich der Vater an dem Sohn und dem Geist. Schon ewig verherrlicht der Geist den Vater und den Sohn. Wir glauben an einen singenden Gott, der nicht nur seine unendliche Macht und Weisheit, sondern auch seine Freude in atemberaubenden Sonnenuntergängen und der riesigen Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten sichtbar werden lässt. Da ist eine Symphonie zu hören, die den Kosmos durchzieht – komponiert aus Noten, die nicht von dieser Welt sind.

Singende Schöpfung

Eins der ersten Geräusche, die wir hören, wenn wir im Frühling oder Sommer früh aufwachen (und nicht unbedingt in einer Großstadt leben), ist das Singen der Vögel. Abgesehen von allen biologischen Erklärungen ist dieses Singen aus der Sicht der Bibel zutiefst „theologisch“. Die Schöpfung singt. Sie ist dazu geschaffen worden zu singen und die Schönheit und Größe ihres Schöpfers zu reflektieren und zu verkünden. Das ist ein Gedanke, der gerade in den Psalmen immer wieder aufgegriffen wird: Wir lesen von klatschenden Bäumen, jubelnden Bergen und einem Meer, das vor Freude aufbraust. Die Schöpfung verkündet und preist die Herrlichkeit ihres Schöpfers (vgl. Ps 19,2–4). Zu Recht singen wir deshalb:

All ihr Geschöpfe uns’res Herrn, freut euch und lasst es alle hör’n. Kommt, preist ihn! … O Sonne, du erstrahlst in Pracht. Mond, der du schimmerst in der Nacht. Kommt, preist ihn! Kommt, preist ihn! Halleluja!“

Was für die Schöpfung um uns herum gilt, gilt auch für uns Menschen. Wir sind singende Geschöpfe, weil wir anbetende Kreaturen sind. Wir wurden geschaffen, um Gott als Priester zu verherrlichen, ihn für immer zu genießen und den Gesang der Schöpfung anzuführen. Mensch zu sein bedeutet, Sänger und Poet zu sein, weil Mensch sein heißt, Anbeter zu sein.

Seufzende Schöpfung

Die Schöpfung um uns herum ist aber nicht nur eine singende Schöpfung. Wegen Adams Fall und unserer Sünde leben wir in einer Schöpfung, die seufzt. Darüber spricht Paulus in Römer 8: Die Schöpfung stöhnt und seufzt, weil sie infolge der Sünde des Menschen der Vergänglichkeit unterworfen ist. Sie singt also nicht nur Lob-, sondern auch „Klagelieder“.

„Wir leben in einer seufzenden Schöpfung, weil wir als Menschen zu singenden Götzendienern geworden sind.“
 

Der Kern der menschlichen Sünde besteht darin, dass wir Gott nicht anbeten – und zwar willentlich und wissentlich. Wir geben ihm nicht Dank und Verehrung, sondern setzen geschaffene Dinge auf den Platz, der nur Gott gehört. Wir könnten auch sagen: Die Lieder unseres Herzens gehören nicht mehr ihm. Wir leben in einer seufzenden Schöpfung, weil wir als Menschen zu singenden Götzendienern geworden sind.

Singender Erlöser

Unsere Herzen müssen also von der falschen Anbetung und den falschen Liedern befreit werden. Wenn wir ins Neue Testament schauen, entdecken wir, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, singt. Am letzten Abend mit seinen Jüngern (kurz vor seinem Tod) hören wir ihn Psalmen singen. In Hebräer 2,12 wird Psalm 22,23 auf ihn angewandt: „Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern; inmitten der Versammlung will ich dich loben.“ Damit ist Jesus zunächst einmal der bessere Adam, denn sein Herz hörte niemals auf, vor Freude über Gott, den Vater, zu singen. Er erfüllte den Gehorsam, den wir nicht erfüllt haben.

Sein Herz sang nie ein falsches Lied. Deshalb konnte er das perfekte und sündlose Sühneopfer sein, das nötig war, um uns Rettung zu bringen. Am Kreuz von Golgatha wurde sein Singen zu einem lauten Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Weil er dieses Lied aus Psalm 22 sang und den Fluch der Sünde auf sich nahm, dürfen wir befreit und gerecht vor dem heiligen Gott stehen und Lieder voller Dankbarkeit singen.

Aber da ist noch mehr: Dieser singende Erlöser singt auch über die, die er erlöst. Er hat uns durch sein Blut vollkommen rein und heilig gemacht. Er freut sich von ganzem Herzen über uns. Der Prophet Zefanja zeigt uns diesen Gott, der voller Freude über die singt, die er rettet: „Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der rettet; er freut sich über dich in Fröhlichkeit, er schweigt in seiner Liebe, er jauchzt über dich mit Jubel“ (Zef 3,17). Der Gott, der uns erlöst, singt voller Freude über die, die er erlöst. Und er erschafft sich ein singendes Volk.

Singende neue Schöpfung

Wenn wir uns die Heilsgeschichte anschauen, merken wir, dass Gott schon im Alten Testament andeutet, was er vorhat. Er will sich ein Volk erlösen, das ihn anbetet. Dabei ist es spannend zu sehen, was passiert, sobald Gott Israel durch das Rote Meer geführt und die Feinde besiegt hat: Israel fängt unter der Leitung von Mose an zu singen und Gott für die erfahrene Befreiung und Rettung zu preisen (vgl. 2Mose 15).

Es verwundert also nicht, dass das Volk Gottes auch im Neuen Testament ein singendes Volk ist. Gott hat ja in Christus den ultimativen Exodus vollbracht. Wir sind befreit worden von der Macht der Sünde und des Todes. Gott hat gesiegt. Deshalb hören wir die Apostel im Gefängnis voller Freude singen. Deshalb ruft uns Paulus auf, zueinander und zu Gott zu singen. Darum fordert uns Jakobus auf, Psalmen zu singen.

„Wir singen, weil wir zu Gottes befreitem Volk gehören. Jesus ist gestorben und auferstanden, um einen großen Chor zu erlösen.“
 

Wir singen, weil wir zu Gottes befreitem Volk gehören. Jesus ist gestorben und auferstanden, um einen großen Chor zu erlösen. Wir singen das neue Lied und proklamieren damit den Sieg Gottes. Und nicht nur seinen Sieg, sondern auch den Anbruch seiner neuen Schöpfung. Wer in Christus ist, ist eine neue Schöpfung (vgl. 2Kor 5,17). Wir singen das neue Lied, weil Gott in uns seine neue Schöpfung hat anbrechen lassen. Wir sind die singende, neue Schöpfung. Unsere Herzen singen wieder das Lied, für das sie geschaffen wurden – mitten im Chaos und den Ruinen der gefallenen Schöpfung.

Und wir werden singen, bis Christus wiederkommt, um dann mit noch größerer Leidenschaft in das Lob der ganzen Schöpfung einzustimmen. Denn dann werden wir zu Hause sein – dort, wo sich alles um unseren König dreht und ihm zur Ehre singt: Singender Himmel, Eden wiederhergestellt.

Rudi Tissen ist seit 2016 Pastor der EFG Unna. Theologie studierte er an der Theologischen Universität in Kampen (Niederlande). Er ist begeisterter Musiker und Songschreiber. Er ist mit Christina verheiratet.