Jüngerschaft – aber mit wem?

Neun Kriterien, die bei der Auswahl helfen

Artikel von Mark Dever
19. Juli 2022 — 13 Min Lesedauer

Stell dir einmal zwei Leute aus deiner Gemeinde vor – nennen wir sie Paul und Peter. Paul ist ein eifriger Bibelforscher. Egal welches Thema, er möchte alles wissen, was die Bibel darüber zu sagen hat. Wenn man ihn fragt, kann er die Lehre der Dreieinigkeit erklären. Jedoch wirken einige seiner Wesenszüge nicht christlich. Eigentlich sieht sein ganzes Leben nicht wirklich christlich aus. Aber Paul kennt seine Bibel!

Peter ist da anders. Er ist nicht gerade stolz darauf, aber eigentlich liest er nicht viel in der Bibel. Natürlich möchte er „gut“ sein und bemüht sich, seinen Nächsten zu lieben. Peter würde es wohl ziemlich schwer fallen, eine fundierte Aussage darüber zu machen, wer Jesus ist oder was eine Kirche ausmacht. Er könnte ethisch heikle Themen nicht präzise definieren. Aber er möchte ein anderes Leben führen als das eitle, eigennützige und eigensinnige Leben, das er in anderen sieht. Er würde sich wohl eher als Beziehungstyp beschreiben und nicht als Bibelexperten. Kannst du dich in einer dieser Personen wiederfinden? Paul sollte sich mehr um seine Beziehungen zu anderen kümmern und Peter sollte nach der Wahrheit forschen. Beide sollten sich viel mehr um ihre Beziehung zu Jesus kümmern, weil dieser sowohl die Wahrheiten von Gottes Wort als auch das Leben von Gottes Volk liebt.

Die Jüngerschaftsarbeit einer Gemeinde sollte Menschentypen wie Paul und Peter helfen, Jesus besser nachzufolgen. Jesus sagte einmal: „Wer mir nachkommen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ (Mk 8,34). Paul muss sich selbst verleugnen und Jesus nachfolgen, indem er seinen Nächsten mehr liebt, während Peter daran arbeiten muss, das Wort Gottes mehr zu lieben. Ein Jünger ist nicht der, der einfach nur behauptet Christus nachzufolgen. Jünger ist, wer Christus tatsächlich nachfolgt.

Zu Beginn eines jeden Gesprächs über Jüngerschaft sollte man sich die Bedeutung der Nachfolge Christi bewusst machen: Jüngerschaft heißt, anderen dabei zu helfen Jesus nachzufolgen. Jüngerschaft ist eine Beziehung, in der wir danach streben, jemandem durch Antreiben, Lehren, Korrigieren, Formen, Lieben, uns Demütigen, Beraten und Beeinflussen geistlich Gutes zu tun.

Wie leben wir also Jüngerschaft? Wie können wir Paul helfen, seinen Glauben besser auszuleben, und was könnte Peter dabei unterstützen, den Glauben besser zu verstehen?

Diese Fragen sollten sich nicht nur Gemeindeleiter oder Pastoren stellen. Dieser Auftrag gilt uns allen. Johannes sagt uns, dass wir einander lieben sollen (vgl. 2Joh 5). Paulus erklärt uns, dass wir einander ermahnen und erbauen sollen (vgl. 1Thess 5,11). Auch sollen wir einander lehren, da wir sehen wollen, wie jeder Mensch in Christus vollkommen wird (vgl. Kol 1,28). Der Autor des Hebräerbriefes ermutigt uns, einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen (vgl. Hebr 10,24).

Die erste Frage, die wir uns hier stellen sollten, ist: Mit wem sollen wir Zeit verbringen? Unsere Zeit ist nun mal begrenzt. Man kann unmöglich mit der ganzen Gemeinde gleichzeitig Jüngerschaftskurse machen, also muss man sich überlegen, in wen man seine Zeit investiert.

Diese Liste von neun aus der Bibel herausgearbeiteten Kriterien kann dir helfen, die richtige Person zu wählen. Wahrscheinlich solltest du sogar in dieser Reihenfolge vorgehen:

1. Familienangehörige

In 1. Timotheus 5,8 schreibt Paulus:

„Wenn aber jemand für die Seinen, besonders für seine Hausgenossen, nicht sorgt, so hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger.“

Die Bibel lehrt an dieser und auch an anderen Stellen ganz deutlich, dass jeder von uns eine besondere Verantwortung für die eigenen Familienangehörigen hat. Mit der Familie hat Gott uns lebenslange Beziehungen anvertraut und einen natürlichen Ort gegenseitiger Zuneigung und Anteilnahme geschaffen. Dieses natürliche Vertrauensverhältnis sollte auch für christliche Zwecke genutzt werden; gerade dann, wenn man mit seinen Familienangehörigen zusammenlebt. Es sollte vor allem da, wo die Bibel eine besondere Verantwortung auferlegt, wie z.B. in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Ehepartnern, die Basis für Jüngerschaft bilden. Diese Beziehungen sind die wichtigsten Jüngerschaftsbeziehungen überhaupt.

2. Geistlicher Zustand

Natürlich soll man seinen ungläubigen Freunden das Evangelium predigen, jedoch ist es sinnfrei, hier Jüngerschaft zu betreiben, als seien sie Christen. Paulus schreibt:

„Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss.“ (1Kor 2,14)
„Jüngerschaft funktioniert nur unter Jüngern.“
 

Jüngerschaft funktioniert nur unter Jüngern.

3. Gemeindemitgliedschaft

Man beachte diese Aufforderungen aus dem Hebräerbrief:

„Gedenkt an eure Führer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; schaut das Ende ihres Wandels an und ahmt ihren Glauben nach! … Gehorcht euren Führern und fügt euch ihnen; denn sie wachen über eure Seelen als solche, die einmal Rechenschaft ablegen werden, damit sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn das wäre nicht gut für euch!” (Hebr 13,7.17)

Diese Verse rufen zunächst dazu auf, die Verantwortlichen der eigenen Gemeinde zu achten. Eine weitere Forderung impliziert jedoch, dass Jüngerschaft am besten im Beziehungskontext der eigenen Gemeinde funktioniert. Wir haben eine große Verantwortung für unsere eigene Ortsgemeinde, sowohl, um ihr zu helfen als auch um Hilfe von ihr zu erfahren. Die Mitglieder derselben Gemeinde folgen demselben Ältestenkreis und unterordnen sich auch diesem. Sie bekennen sich zu einer Glaubenserklärung und zum gleichen Kirchenbund. Sie erleben dieselben Lehren, sowohl in primären wie auch sekundären Themen. Sie sehen sich mindestens wöchentlich. Aus all diesen Gründen ist es grundsätzlich zweckmäßig, Jüngerschaftsbeziehungen im Kontext der eigenen Gemeinde zu pflegen.

Darüber hinaus kann man dem geistlichen Leben von Freunden, die eine ungesunde Gemeinde besuchen, durch Jüngerschaft sogar schaden. Wie das? Der geistliche Beistand unterstützt sie paradoxerweise, in einer Gemeinde zu bleiben, die nicht biblisch ist. Das ist keine absolute Regel, aber es könnte besser sein, den Freund zu ermutigen, sich einer gesunden Gemeinde anzuschließen. Christen brauchen den ganzen Leib Christi, nicht nur dich.

4. Geschlecht

Die Heilige Schrift ist sehr sensibel, wenn es um das Geschlecht in der Jüngerschaftsbeziehung geht. Paulus schreibt zum Beispiel an Titus:

„dass sich die alten Frauen gleicherweise so verhalten sollen, wie es Heiligen geziemt, dass sie nicht verleumderisch sein sollen, nicht vielem Weingenuss ergeben, sondern solche, die das Gute lehren, damit sie die jungen Frauen dazu anleiten, ihre Männer und ihre Kinder zu lieben, besonnen zu sein, keusch, häuslich, gütig, und sich ihren Männern unterzuordnen, damit das Wort Gottes nicht verlästert wird.“ (Tit 2,3–5)

In der Öffentlichkeit unterrichte ich sowohl Männer als auch Frauen. Hinzu kommt, dass wir alle einen Vater bzw. eine Mutter haben, und viele von uns haben Schwestern, Brüder und Ehepartner. Das bedeutet: Jüngerschaft mit Angehörigen des anderen Geschlechts ist teilweise auch Bestandteil familiärer Beziehungen. In der Gemeinde stehen wir mit Männern und Frauen in einem Bund und unterhalten Freundschaftsbeziehungen zu Familien.

Doch wenn es um eine normale, regelmäßige und bewusste Jüngerschaftsbeziehung geht, ist es ratsam, dass Männer mit anderen Männern zusammenarbeiten und Frauen mit anderen Frauen. Wir erkennen hiermit an, dass das Geschlecht eine von Gott gegebene Realität ist, und wir wollen sie angemessen berücksichtigen. Wir sollten jeden in der Gemeinde lieben, uns aber gleichzeitig vor falschen Intimitäten hüten.

5. Alter

So wie die Schrift in der Frage des Geschlechts sensibel ist, so ist sie es auch, wenn es um das Alter geht. In der gerade erwähnten Stelle aus dem Titusbrief geht es darum, dass jüngere Frauen von älteren Frauen lernen sollen. An anderer Stelle sagt Paulus zu Timotheus, er solle seine Jugend nicht verachten, doch im selben Brief ermutigt er Timotheus, ältere Männer zu respektieren (vgl. 1Tim 4,12; 5,1).

Üblicherweise wird man mit jemandem Jüngerschaft betreiben, der jünger ist als man selbst. Allerdings ist die Bibel voll von außergewöhnlichen Beispielen, in denen Jüngere Ältere lehren. Und wenn wir älter werden, wollen wir sicherlich auch in der Demut wachsen, von denen zu lernen, die in unserem Alter sind oder sogar jünger als wir selbst. Andernfalls werden wir keine Lehrer mehr haben! Ich persönlich lerne viel von Freunden in ihren Zwanzigern und Dreißigern, genauso wie von Leuten in ihren Siebzigern und Achtzigern.

6. Anders als du

Die Kraft des Evangeliums zeigt sich insbesondere da, wo Menschen, die in den Augen der Welt zu verschieden sind, eine Einheit bilden. „Denn durch ihn [Christus]“, so erwähnt es der Epheserbrief, „haben wir beide [Juden- und Heidenchristen] den Zutritt zu dem Vater in einem Geist“ (Eph 2,18). Die trennende Mauer zwischen Juden und Heiden ist am Kreuz gefallen. Nun zeigt sich die Weisheit Gottes in der Einheit der ehemals getrennten Menschen (vgl. Eph 3,10). Dass Menschen aus unterschiedlichsten Nationen mit unterschiedlichster Bildung und finanzieller Lebenssituation eine Einheit innerhalb der Gemeinde bilden können, weist auf den Tag hin, an dem „eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen“ in perfekter Einheit vor dem Thron Gottes anbeten wird (Offb 7,9–10).

Was bedeutet das nun praktisch?

Wenn man jemanden für eine Jüngerschaftsbeziehung sucht, sollen natürlich Frauen mittleren Alters miteinander Freundschaften schließen und junge Ehepaare sollten Zeit miteinander verbringen, auch alleinstehende Männer in ihren Zwanzigern sollten sich treffen. Solche Gruppen haben Gemeinsamkeiten, die Gott für das Wachstum der Gläubigen benutzt. Man sollte sich aber bewusst sein, wie viel man lernen kann, wenn man Zeit mit jungen Universitätsstudenten verbringt oder aber mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, wenn man internationalen Gästen aus England, Brasilien oder Korea hilft oder wenn man als junger weißer Ehemann einen älteren afroamerikanischen Mann trifft.

Es gibt so vieles über Gott, was er uns durch Menschen lehrt, die anders sind als wir. Gerade in unserer Einheit zeigt sich das Evangelium – nicht nur darin, dass wir einander mögen, sondern darin, dass wir voneinander lernen.

7. Lehrbarkeit

Immer wieder loben die Sprüche den Sohn, der gelehrsam ist, und verwerfen den Narren, der Zurechtweisung, Belehrung und Rat verschmäht. Außerdem heißt es dort, Gott „leitet die Elenden in Gerechtigkeit und lehrt die Elenden seinen Weg“ (Ps 25,9; vgl. auch Spr 11,2). Daher gibt Petrus folgende Anweisung:

„Ebenso ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter; ihr alle sollt euch gegenseitig unterordnen und mit Demut bekleiden! Denn ,Gott widersteht den Hochmütigen; den Demütigen aber gibt er Gnade’.“ (1Petr 5,5)

Es ist Zeitverschwendung, jemanden zu belehren, der denkt, dass man ihm nichts mehr beibringen kann und dass er nichts mehr zu lernen hat. Belehre die Belehrbaren und bleib dabei selbst belehrbar.

8. Fähig, andere zu lehren

Denk an Paulus‘ Worte an Timotheus:

„Und was du von mir gehört hast vor vielen Zeugen, das vertraue treuen Menschen an, die fähig sein werden, auch andere zu lehren.“ (2Tim 2,2)
„Wir sind nicht nur Mentoren für die nächste, sondern für alle darauffolgenden Generationen!“
 

Natürlich ist es wichtig, dass alle in Jüngerschaftsbeziehungen stehen, aber wir möchten vor allen Dingen mit denjenigen arbeiten, die dann wiederum Jüngerschaftsbeziehungen mit anderen beginnen werden. Wenn wir müssen, konzentrieren wir uns auf die Addition von Jüngern, aber wir würden gerne eine Multiplikation sehen. Wir sind nicht nur Mentoren für die nächste, sondern für alle darauffolgenden Generationen!

9. Nähe und Terminvereinbarkeit

Und schließlich ist die Bibel, auch wenn man es kaum glauben mag, sehr genau, wenn es um Zeitplanung und stressige Terminkalender geht. Paulus schreibt:

„So lasst uns nun, wo wir Gelegenheit haben, an allen Gutes tun, besonders aber an den Hausgenossen des Glaubens.“ (Gal 6,10)

Man findet eine ganze Menge dieser Verse, die dazu auffordern, das Beste aus unserer Zeit zu machen (vgl. Eph 5,16).

Vor allem dieser letzte Punkt verlangt viel Weisheit. Grundsätzlich würde ich empfehlen jemanden zu suchen, dessen Terminplanung zu deiner passt. Zu beachten sind hier auch der eigene Wohnort und Verantwortlichkeiten gegenüber der eigenen Familie, dem Beruf und der Gemeinde. Du darfst sicher sein, dass Gott dich nicht dazu beruft, das Unmögliche zu schaffen.

In allem dürfen wir auch hier wissen, dass Gott die guten Werke für uns vorbereitet, in denen wir wandeln sollen (vgl. Eph 2,10). Und wie im Falle des guten Samariters stellt Gott uns häufig Menschen in den Weg, mit denen wir ganz natürlich nicht gerechnet hätten. Vielleicht ist da ein Gemeindemitglied, das „zufällig“ in deinem Büro arbeitet. Vielleicht nehmen auch eure Kinder am selben Sportevent teil. Oder die Person, die von ihrem Ehepartner verlassen wurde, wendet sich vertrauensvoll an dich.

Mach dir also Gedanken, mit wem du Zeit verbringen willst, sei dir aber bewusst, dass die Vorsehung des Herrn manchmal all unsere Pläne über den Haufen wirft. Gott sei gelobt; so bleiben wir uns unserer Abhängigkeit von ihm bewusst.

Die Puzzleteile zusammenlegen

Gehen wir zurück zu Paul und Peter. Nimm einmal an, dein Terminkalender erlaubte dir nur, mit einer der beiden Personen Zeit zu verbringen. Wie entscheidest du dich? Natürlich solltest du dafür beten, aber es gibt nicht unbedingt die eine richtige Antwort und deshalb solltest du dich nicht schuldig fühlen, wenn du nicht mit beiden gleichzeitig Jüngerschaft machen kannst. Deshalb haben wir den Leib Christi.

Vielleicht entscheidest du dich dafür, Zeit mit Paul zu verbringen, weil eure Arbeitszeiten ähnlich sind oder weil er in der Nachbarschaft lebt oder aber weil eure Ehepartner befreundet sind. Vielleicht entscheidest du dich dafür, Peter zu unterstützen, weil er im nächsten Sommer ins Ausland zieht, um dort andere zu unterrichten, und du möchtest ihn dafür ausrüsten, anderen zu dienen. Was auch immer deine Überlegungen sein mögen: Bete, bitte um Weisheit und leg los.

Ganz gleich, ob man nur eine Person unterweist oder aber gleich vier, es muss sichergestellt werden, dass auch du geistlich wachsen kannst, damit du dann auch wieder anderen helfen kannst zu wachsen.

Weiterlesen

Dieser Buchauszug stammt aus Wachstum durch Jüngerschaft von Mark Dever. Das Buch kann auch direkt beim Verlag bestellt werden.