Wenn dir Unrecht geschieht

Rezension von Markus Depner
7. Juli 2022 — 6 Min Lesedauer

Auch in Gemeinden kommt es nur zu oft vor, dass jemand verletzt wird. Stolze Menschen äußern herabwürdigende Bemerkungen. In theologischen Auseinandersetzungen kommt es zu unsachlichen Beleidigungen. Es werden Gerüchte verbreitet oder Geheimnisse ausgeplaudert. Worte werden wie Pfeile gegeneinander abgeschossen und vieles mehr. Es gibt Fälle, bei denen mein Blutdruck steigt, wenn ich sie höre, und alles in mir sich nach Gerechtigkeit sehnt. Was aber, wenn Gerechtigkeit in diesem Leben nicht möglich ist? Was, wenn der Schaden nicht rückgängig gemacht werden kann? Dafür hat Gott die beste Lösung, die er selbst am besten vorgelebt hat: Vergebung.

Satan will Verbitterung – Gott will Versöhnung

Erwin W. Lutzer möchte uns in seinem Buch Wenn dir Unrecht geschieht in das Thema hineinnehmen. Niemand mag Menschen, die andere kränken oder beleidigen – und doch gibt es solche Menschen. Dabei merken wir recht schnell, dass man gar nicht so lange suchen muss, um so einen Menschen zu finden. Um genau zu sein, steckt dieser Mensch ja auch in uns allen drin. Satan hat nun eine ganz schön bunte „Trickkiste“, wie Lutzer sie nennt, die er laufend anwendet, um Zerrüttung und Feindschaft zu bewirken. Lutzer listet uns die Lieblings-Tricks Satans auf, die da wären: gebrochene Versprechen, missbrauchtes Vertrauen, persönliche Zurückweisung oder Ablehnung, falsche Beschuldigung und Misshandlung. Wem Derartiges widerfährt, hat doch wohl das Recht, verbittert zu sein, oder nicht? Lutzer möchte vor der blindmachenden Wirkung von Kränkungen warnen. Menschen, die verletzt wurden, können so sehr in ihrer eigenen Bitterkeit gefangen sein und diese sogar götzendienerisch verehren, dass sie selbst zu Zerstörern werden. Jesus hat uns vom inneren Drang befreit, anderen alles heimzahlen zu wollen und selber für Wiedergutmachung zu sorgen. Stattdessen möchte er, dass wir lernen, einander zu vergeben, gleichwie er uns vergeben hat (vgl. Kol 3,13).

„Was aber, wenn Gerechtigkeit in diesem Leben nicht möglich ist? Dafür hat Gott die beste Lösung, die er selbst am besten vorgelebt hat: Vergebung.“
 

Satan will nichts als Zerstörung. Eines der besten Beispiele dafür ist Kain, sowie die Geschichte von Jakob und Esau oder auch jene von König Saul. All diese biblischen Beispiele behandelt Lutzer ausführlich und bringt uns wertvolle Lektionen bei. Er zeigt uns auch anhand der Josefgeschichte, wie man Bitterkeit beiseitelassen und stattdessen zum Segen übergehen kann. Wer, wenn nicht Josef, hätte das Recht gehabt, bis an sein Lebensende bitter gegen seine Brüder zu sein? Doch er segnet die, die ihm geschadet haben, und weigert sich, Vergeltung zu üben. Wenn das geschieht, dann ist die transformative Kraft des Evangeliums wirklich zur Anwendung gekommen. Und das ist einfach herrlich!

Ein sehr anschauliches Buch

Der Reiz an diesem Buch ist zweifelsfrei sein Schreibstil. Gestickt mit Beispielen aus seinen seelsorgerlichen Erfahrungen schreibt Lutzer anschaulich und anregend. Er nutzt passende Sprichwörter („Ein hartes, bitteres Wort im Sommer reicht für einen ganzen Winter.“ S. 10), nutzt anschauliche Bilder (Menschen, die andere kränken, vergleicht er mit Speerwerfern) und schreibt durchweg in einem einfachen und nicht technischen Stil. Die Kapitel sind sehr überschaubar, sodass man sich ruhig auch mal 15 Minuten vor dem Einschlafen eines davon zu Gemüte führen kann. Ich fand ebenfalls stark, dass es in jedem Kapitel kurze Zusammenfassungen gibt, falls man sich nochmal einen Überblick über das Gelesene verschaffen möchte.

„Menschen, die verletzt wurden, können so sehr in ihrer eigenen Bitterkeit gefangen sein und diese sogar götzendienerisch verehren, dass sie selbst zu Zerstörern werden.“
 

Lutzer ist zudem ehrlich und offen. Viele Beispiele, die er gibt, haben eben nicht die wunderbare Versöhnung als Endergebnis. Oft misslingt die Versöhnung auch. Das kann natürlich sehr hart für jemanden sein, der sich die Mühe gemacht hat und auf eine Person zugegangen ist, um Frieden mit ihr zu stiften. Dennoch ist es jede Anstrengung wert, es zu versuchen. Dafür plädiert Lutzer sehr leidenschaftlich. Die Versöhnung wird als etwas so Erstrebenswertes und Schönes dargestellt, dass man sich regelrecht darauf freut, diese Erfahrung selbst machen zu dürfen. Einige Beispiele gehen auch wirklich nahe. Eine Begebenheit möchte ich exemplarisch kurz vorstellen. Lutzer erzählt die Geschichte von zwei Brüdern, die verfeindet waren und dann miteinander versöhnt wurden. Lutzer schreibt: „[Z]wei Brüder, die zwanzig Jahre nicht mehr miteinander gesprochen hatten, [versöhnten sich]. Ihr Pastor hatte sie im Keller des Gemeindehauses zusammengebracht. Sie waren von betenden Diakonen umgeben. Der Pastor bestand darauf, dass sie bleiben sollten, bis sie ihre Bitterkeit abgelegt hatten. Nach einiger Zeit gab es eine tiefe Buße und Wiederherstellung, und am nächsten Abend sangen die Brüder in der Kirche ein Duett“ (S. 127). Als Folge dieser Versöhnung brach eine Erweckung in hunderten von Gemeinden in Kanada aus. Ist es nicht das, was wir uns auch in unseren Gemeinden wünschen? Was würde das wohl für das geistliche Wachstum in unserem Land bedeuten, wenn wir diese Art der Versöhnung lebten?

Kein Buch ist perfekt

Stellenweise hatte ich den Eindruck, dass die Bibel „verseelsorgerlicht“ wurde. Damit meine ich, dass einige Geschichten aus der Bibel (wie z.B. der historische Bericht von Jakob und Esau) herangezogen wurden, um uns beispielsweise drei Schritte zur Versöhnung mitzugeben. Sicherlich waren diese Tipps nicht falsch, doch ich denke, es war nicht die Hauptabsicht des Textes, diese Schritte zu kommunizieren. Das hätte meiner Meinung nach erwähnt werden sollen. In den Geschichten der Bibel wird uns doch allem voran Gottes Heilshandeln geschildert, wie er seine Segenslinie über Jakob, den jüngeren der beiden Brüder, den Betrüger, laufen lässt – und zwar wider alle Erwartungen. Er sorgt dafür, dass Esau nicht aus Wut diese Linie Jakobs ausrottet. In diesem Heilshandeln Gottes spielt Versöhnung natürlich eine zentrale Rolle, doch ob uns hier wirklich ein Leitfaden für Versöhnung vorgestellt werden soll, wage ich zu hinterfragen. Nicht, dass ich davon ausgehe, dass der Autor diese Meinung vertritt, doch als klärende Zusatzbemerkung hätte er meiner Meinung nach erwähnen sollen, dass die Hauptabsicht der Geschichten, die er heranzieht, die Offenbarung von Gottes Heilsplan für uns Menschen ist. Trotzdem denke ich, dass die Lektionen aus der Schrift sehr wertvoll waren. Und es ist natürlich sehr zu begrüßen, dass der Autor so viel Wert darauf legt, die Bibel zum Thema Versöhnung reichlich zu Wort kommen zu lassen.

Fazit

Für Menschen, die Verbitterung erfahren haben, oder all jene, die Menschen kennen, die mit Kränkungen und Bitterkeit zu kämpfen haben, kann eine wärmste Empfehlung für dieses Buch ausgesprochen werden. Eigentlich ist es ein Buch für jedermann. Denn auch wenn wir selbst noch nie stark gekränkt wurden, so kennen wir sicher Leute, bei denen genau dies der Fall ist. Dann kann dieses Buch im Umgang mit ihnen helfen. Darüber hinaus können wir in dieser sündigen Welt eigentlich mit großer Sicherheit erwarten, dass auch wir irgendwann einmal in unserem Leben böse Kränkungen zu erwarten haben. Daher ist es nicht schlecht, schon im Vorhinein einiges über dieses Thema gelesen zu haben, um nicht in einen Morast der Bitterkeit zu fallen, aus dem der Weg hinaus sehr mühsam ist.

Buch

Erwin Lutzer. Wenn dir Unrecht geschieht. CV Dillenburg, 2022. 160 S., ca. 9,90 Euro. Das Buch kann auch direkt beim Verlag bestellt werden.

Markus Depner hat sein Studium am sbt Beatenberg absolviert. Derzeit studiert er am Martin Bucer Seminar in München, um sein Theologiestudium abzuschließen. Er studiert zudem auf das Lehramt für Englisch und Philosophie-Ethik. In seiner Gemeinde predigt er und singt im Männer- und Jugendchor.