Seelsorge für Singles im Zeitalter des Selbst

Artikel von Sam Allberry
4. Juli 2022 — 7 Min Lesedauer

Als der französische Philosoph René Descartes sein berühmtes Diktum „Ich denke, also bin ich“ proklamierte, legte er unter anderem den Grundstein einer Entwicklung, die in unserer Zeit zur vollen Blüte gelangt ist: Jeder Antwort auf eine der großen Lebensfragen wird ein „Ich“ vorangestellt. Heute finden wir uns im „Zeitalter des Selbst” wieder.[1] Wenn „Ich“ der Grundbaustein des Lebens bin, dann ist Ziel und Zweck des Lebens mein eigenes Gefühl der Erfüllung, insbesondere meiner sexuellen Erfüllung.

Ein Kontext wie dieser macht das Singledasein als Christ umso mehr zu einer Herausforderung und die gesunde pastorale Fürsorge im Blick auf Ledige zu einer absoluten Dringlichkeit. Bisher wurden in jeder Generation Stimmen laut, dass die christliche Sexualethik unnötig restriktiv sei. Doch heutzutage wächst in der breiten Masse unserer Gesellschaft der Druck, ebendiese Ethik als gefährlich für unser psychisches Wohlbefinden und als existenzielle Bedrohung des gesellschaftlichen Allgemeinwohls zu erachten. Ohne eine aufmerksame pastorale Fürsorge werden viele unserer Singles von den Wellen dieser gesellschaftlichen Strömungen verschluckt und weit von Christus weggespült werden.

Wie können wir uns nun also in so einer Zeit seelsorgerlich um Singles kümmern?

Drei Wahrheiten sind es, derer sich die Gemeinde, insbesondere die Singles, bewusst werden müssen.

1. Glück und Erfüllung sind nicht zuerst vom Familienstand abhängig

Es ist leicht, dies zu glauben. Unsere Kultur beschallt uns ohne Unterlass mit der Botschaft, ein Leben ohne Liebesbeziehung sei überhaupt kein Leben – zumindest kein erfülltes. Einer meiner Freunde schaute einmal auf einem Langstreckenflug drei Filme hintereinander. Eine Komödie, einen Superhelden- und einen eher ernsten Film. Danach berichtete er mir, jeder davon hätte die gleiche Botschaft vermittelt: du bist ein totaler Verlierer, wenn du keine romantische Erfüllung findest.

„Wer Christus hat, wird das Beste, was das Leben zu bieten hat, nicht verpassen.“
 

Selbst in der Gemeinde ist diese Botschaft manchmal ungefähr dieselbe. Wir mögen die Ehe an die Stelle der romantischen Erfüllung stellen, rechnen ihr aber genau die gleiche Bedeutung zu. Ein Großteil des Gemeindelebens ist um Ehepaare und ihre Familien herum aufgebaut, wodurch es Singles erschwert wird, ihren Platz zu finden. Häufig sprechen wir von Ehe, als ob sie das Endziel des Christenlebens sei, ein Zustand, in den wir aus dem Singledasein heraus hineinwachsen.

Darum ist es verständlich, wenn viele in unseren Gemeinden den Eindruck haben, die Möglichkeit zu heiraten sei der wichtigste Faktor, um ein glückliches Leben zu führen. Eine Botschaft, welche von der Kultur, in der wir leben, auch noch bekräftigt wird.

Die Bibel aber zeigt uns eine ganz andere Sicht der Dinge. Nicht das Entweder-Oder von single / verheiratet bestimmt zuvorderst, ob unser Leben glücklich verlaufen wird, sondern die Frage, ob ich „in Christus“ bin oder nicht. Paulus‘ wiederholte Botschaft an seine philippischen Freunde war nicht „erfreut euch der Ehe allezeit“ oder „erfreut euch der romantischen Erfüllung“, sondern „freut euch im Herrn allezeit“ (Phil 4,4). In ihm finden wir unsere tiefste Freude und Erfüllung. Wenn wir unsere ultimative Zufriedenheit in Christus finden, erkennen wir, dass es letztendlich nicht ausschlaggebend ist, ob wir alleinstehend oder verheiratet sind. Wer Christus hat, wird das Beste, was das Leben zu bieten hat, nicht verpassen.

Die pastorale Erfahrung bekräftigt dies. Selbst die besten Ehen enttäuschen uns manchmal. In meinem seelsorgerlichen Dienst habe ich viele Menschen kennengelernt, die geglaubt haben, die Ehe würde ihre tiefsten Sehnsüchte stillen, nur um festzustellen, dass sie diese sogar vertiefen kann. Ein Leben in Jesus, nicht ein Ring am Finger, ist das einzige, das uns wahrlich zufriedenstellen kann.

2. In der Ehe wie auch im Singledasein geht es nicht um uns

In 1. Korinther 7,7 beschreibt Paulus sowohl die Ehe als auch das Singledasein als Geschenke Gottes. Beide kommen zu uns als gute Geschenke eines großzügigen Schöpfers. Keines ist dabei geringzuschätzen, beide sollen in Dankbarkeit angenommen werden. Und wie jede gute Gabe Gottes sollen sie wohl verwaltet und gebraucht werden. Genauso wie die Geistesgaben, von denen Paulus später spricht, sind Ehe und Singledasein keine Selbstzwecke, sie sollen dem „allgemeinen Nutzen” dienen (1Kor 12,7).

Demnach ist der Endzweck des Singledaseins – wie auch der der Ehe – nicht mein eigenes Gefühl der Erfüllung oder Befriedigung. Es ist leicht, sich im „selbstsüchtigen Singletum” zu üben, also die Freiheiten und Möglichkeiten der Ungebundenheit als bloße Diener des eigenen Glücksempfindens zu nutzen. Wir können im Fehlen ehelicher Bindung und elterlicher Pflichten lediglich ein Mittel dafür sehen, tun und lassen zu können, was wir gerade möchten. Dies entspricht aber nicht Gottes Absicht für uns. Wenn das Fehlen von uns einschränkenden Menschen die Motivation für unser Ledigbleiben ist, verfehlen wir nicht nur den Zweck des Singledaseins, sondern auch den des Christenlebens.

Die positive Haltung des Paulus zur Ehelosigkeit – für moderne Ohren oft überraschend – konzentriert sich auf die sich ergebenden Dienstmöglichkeiten, nicht unsere Selbsterfüllung. An die Stelle von familiären Verpflichtungen soll ein Leben „mit ungeteilter Hingabe“ (1Kor 7,35, NGÜ) an den Herrn treten. Dies sieht Paulus als derart erstrebenswert an, dass er sich wünscht „alle Menschen wären wie ich“ (1Kor 7,7), nämlich ledig. Was Singles also dazu bewegen sollte, das Ledigbleiben in Erwägung zu ziehen, ist nicht das Aufschieben persönlicher Bindungen oder der größere finanzielle Spielraum, sondern die Freiheit, dem Herrn auf Arten und Weisen zu dienen, die für Verheiratete nicht möglich oder nicht zu empfehlen wären.

3. Im Zeitalter des Selbst brauchen wir gottesfürchtiges Singledasein

Wenn wir uns mit unserem „Zeitalter des Selbst” beschäftigen, stellen wir unter Umständen fest, dass viele der Möglichkeiten zu “ungeteilter Hingabe” gegenüber Christus und seinem Reich, die Singles zur Verfügung stehen, genau das sind, was wir in einer Zeit wie dieser brauchen.

„Singles können einen einzigartigen Beitrag dazu leisten, eben jene Arten enger und diverser Gemeinschaft zu erschaffen, die unserer Kultur abhandengekommen sind.“
 

Hier nur ein Beispiel: Dem Zeitalter des Selbst fehlt es völlig an Gemeinschaft. Während Singles nicht die Einzigen sind, die hier etwas beitragen können, so bietet das Singledasein doch einzigartige Möglichkeiten, die gemeinschaftlichen Dynamiken innerhalb einer Gemeinde zu schmieren. Viele Singles haben mehr Möglichkeiten als Ehepaare, Freundschaften zu pflegen. Einfach gesagt: sie können Zeit für mehr Leute aufbringen. Singles können so generations- und gruppenübergreifend ernsthafte Freundschaften mit einem breiten Spektrum verschiedenster Menschen aufbauen. Ihnen bieten sich mehr Möglichkeiten, sich zwischen Bevölkerungs- und Interessensgruppen, die wenig miteinander gemeinsam haben, hin und her zu bewegen und diese zu verbinden. Singles können einen großartigen Job machen, wenn es heißt, unterschiedlichste Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Singles können einen einzigartigen Beitrag dazu leisten, eben jene Arten enger und diverser Gemeinschaft zu erschaffen, die unserer Kultur abhandengekommen sind.

Oder man bedenke die Möglichkeiten, die gottgefälliges Singledasein schenkt, um die tiefsitzenden Verwirrungen Vieler bezüglich ihrer Identität und Sexualität zu beantworten. Die Erwartung an romantische und sexuelle Erfüllung wird überfrachtet, sie ist zu einem der wichtigsten Güter der modernen, westlichen Gesellschaft geworden. Nun bedenke man den christlichen Single, der die Erfüllung seiner tiefsten Sehnsüchte in Christus gestillt findet und im fröhlichen Dienst an seinen Nächsten lebt. Solche Menschen verkörpern einen prophetischen Gegenpunkt zur Welt um uns herum. Das Leben dreht sich nicht um mich. Sex dreht sich nicht um mich. Einer ist’s, der ein Bräutigam ist, so vollkommen in all seiner Perfektion, dass er selbst die intensivsten romantischen Erfahrungen dieser Welt überstrahlt. Einer, dessen zukünftiges Leben mit seinem Volk so erfüllt und vollständig sein wird, dass es für uns in der zukünftigen Zeit nicht mehr nötig sein wird, zu heiraten oder verheiratet zu werden (Mt 22,30).

Das Zeitalter des Selbst wird uns aller Voraussicht nach noch weiter erhalten bleiben. Doch die Antwort auf alle scheinbar unerschütterlichen „Zeitalter” dieser Welt ist das Evangelium dieses einen Mannes, Jesus Christus, dessen Wort uns allezeit auf guten Wegen leiten wird und dessen Leben mit uns für all unsere tiefsten Bedürfnisse und Sehnsüchte genug ist.


[1]  Vgl. Carl R. Truemans kulturanalytischer Meilenstein The Rise and Triumph of the Modern Self: Cultural Amnesia, Expressive Individualism, and the Road to the Sexual Revolution (Wheaton, Illinois: Crossway, 2020). Eine deutsche Übersetzung soll noch dieses Jahr bei Verbum Medien erscheinen.

Sam Allberry ist Redakteur bei The Gospel Coalition, Apologet, Redner und Pastor in Maidenhead (England). Er hat mehrere Bücher geschrieben, darunter Ist Gott homophob?.