Gottesfurcht

Rezension von Boris Giesbrecht
30. Juni 2022 — 9 Min Lesedauer

Vielleicht hast du auch schon einmal gehört, dass die „Furcht Gottes“ nicht wirklich Angst bedeutet, sondern dass damit viel mehr der Respekt oder die Ehrfurcht vor Gott gemeint ist. Doch ist das eine zutreffende Erklärung für alle Stellen über Gottesfurcht in der Bibel?

Michael Reeves, Präsident und Professor für Theologie an der Union School of Theology in Wales, hat sich im Buch Gottesfurcht: Eine überraschend gute Nachricht dieses Themas angenommen. Er hat bereits mehrere Bücher in den Rubriken Theologie und Kirchengeschichte veröffentlicht. Dieses Buch ist allerdings das erste, das in die deutsche Sprache übersetzt wurde.

„Gottesfurcht ist eine Furcht, die sich in unserer staunenden, zitternden, überwältigenden Bewunderung Gottes ausdrückt.“
 

Bevor ich das Buch zur Hand nahm, war ich gespannt, auf welche Seite Reeves sich wohl stellen wird: Würde er die „Furcht Gottes“ auf „Respekt“ und „Ehrfurcht“ beschränken oder argumentieren, dass sie „Angst“ bedeute? Reeves hat etwas Besseres gemacht. Er stellt klar, dass die Furcht Gottes keineswegs bedeutet, dass Christen Angst vor Gott haben müssen. Die Furcht Gottes kann aber auch nicht durch Respekt oder Ehrfurcht ersetzt werden, weil diese Begriffe viel zu schwach sind. Gottesfurcht ist eine Furcht, die der angekündigte Messias in Jesaja 11,1–3 auch hat und die sich in unserer staunenden, zitternden, überwältigenden Bewunderung Gottes ausdrückt. Kurz: Eine paradoxe Mischung von Furcht und Freude.

Fürchten oder nicht fürchten?

Im ersten Kapitel formuliert Reeves die Ausgangsbasis für seine Untersuchungen. Zunächst stellt er die auf den ersten Blick verwirrenden Aussagen der Bibel gegenüber. Wiederholt fordert die Bibel ausdrücklich dazu auf, den Herrn zu fürchten. Eine häufige Anweisung in der Bibel lautet jedoch gegenteilig: „Fürchte dich nicht!“ Ist die Furcht in der Bibel nun etwas Gutes oder Schlechtes? Reeves stellt fest, dass sich innerhalb der Christenheit zwei Lager gebildet haben: Die einen sprechen von der Liebe Gottes und vermeiden die Gottesfurcht, während die andere Seite die Gottesfurcht betont und dabei die Liebe Gottes kaum wahrnimmt. Reeves‘ erklärtes Ziel ist es, Freude daran zu wecken, dass Christen einerseits von falscher Furcht befreit wurden und andererseits durch Christus zu wahrer Gottesfurcht geführt werden.

Nicht nur der Christenheit, sondern auch der westlichen Gesellschaft bescheinigt Reeves einen ungesunden Umgang mit Angst als Folge des Verlustes der Gottesfurcht. Zunächst zeigt er auf, dass die Annahme der Aufklärung gescheitert ist. Die Prämisse, der Fortschritt des menschlichen Wissens werde die Ängste vertreiben, ist durchaus nicht eingetroffen. Im Gegenteil: Mehr Wissen bedeutet nicht unbedingt weniger Angst, sondern häufig sogar mehr. Und so hat die Gesellschaft „ihren sicheren Anker verloren und wird dafür mit freischwebenden Ängsten überflutet“ (S. 15).

Sündige Furcht oder rechte Furcht?

In den nächsten vier Kapiteln liefert Reeves Definitionen der Gottesfurcht, indem er hilfreiche Unterscheidungen vornimmt. Der Grund: Nicht alle Ängste sind gleich und nicht jede Angst ist schlecht. Angst vor Schmerzen, Unfällen und dem Tod sind natürliche Ängste. Sie sind das Ergebnis des Sündenfalls, aber sie sind nicht sündig. Die sündige Furcht allerdings treibt von Gott weg. Das Verhalten der ersten Menschen im Garten Eden nach dem Sündenfall ist ein Beispiel dafür. Sündige Furcht ist die Angst des Ungläubigen, der sich davor fürchtet, als Sünder entlarvt zu werden. Diese Angst ist der Motor für Atheismus und Götzendienst. Die rechte Furcht dagegen zieht uns näher zu Gott. Gottesfurcht ist eine Liebe, die zittert, weil das Objekt der Liebe (Gott) überwältigend schön, heilig und herrlich ist. Unzählige Bibelstellen zeigen, dass Menschen Gott fürchten, gerade wegen all des Guten, das er für sie tut. Diese Furcht nimmt Gottes Güte und Barmherzigkeit wahr und will deshalb die Gemeinschaft mit Gott. Gott zu fürchten, heißt, ihn, seine Güte, Weisheit, Heiligkeit, Größe und Vergebung mit hoher Intensität und Leidenschaft zu genießen.

Furcht vor dem Schöpfer oder vor dem Erlöser?

Weiter unterscheidet Reeves zwei unterschiedliche Arten von wahrer Gottesfurcht. Da ist zum einen die Furcht vor dem Schöpfer. Nicht nur Christen, sondern alle Menschen können etwas von dieser Furcht vor dem Schöpfer spüren, vor dem wir uns auch verantworten müssen. Allerdings erleben Nichtchristen diese Furcht als bedrohlich, während es sich dabei für Christen um eine anbetende und liebende Furcht handelt. Der Grund liegt darin, dass Christen eine zweite Art der Gottesfurcht kennen: die Furcht vor dem Erlöser. Diejenigen, die Gott nur als Schöpfer und Richter kennen, haben zu Recht Todesangst. Durch Jesus stehen Christen jedoch als adoptierte und geliebte Kinder vor ihrem himmlischen Vater. Sie haben eine kindliche Angst vor Gott – nicht davor, von Gott getrennt zu werden, sondern davor, dass ihre Sünden sie von der glücklichen Gemeinschaft mit dem Vater fern halten. Diese Furcht bringt sie dazu, Gottes Charakter zu schätzen und Sünde zu hassen. Außerdem bewirkt sie, dass sie sich danach sehnen, Christus ähnlicher zu werden (S. 111–112). Derjenige, der auch von Gott als Vater überwältigt ist, kann die Wunder von Gott, dem Schöpfer, am meisten genießen. Blitze, Berge, Sterne und wilde Ozeane erscheinen denen viel wunderbarer, die sie als die Werke ihres majestätischen und gnädigen Vaters erkennen (S. 117). Diejenigen, die Gott nur durch die Schöpfung kennen, haben berechtigterweise Angst vor Gott. Sie begreifen zwar seine Macht, kennen aber seinen Charakter nicht. Diejenigen, die Gott aber durch Jesus Christus kennen, zittern vor ihm nicht vor Angst oder Schrecken, sondern weil sie von seiner Liebe ergriffen sind.

Wie wachsen wir in der Furcht des Herrn?

Die nächsten zwei Kapitel wenden sich dem Leben des Christen in der Gottesfurcht zu. Hier bietet der Autor eine Anleitung, wie man in dieser Furcht Gottes wachsen kann. Da sie ein Geschenk Gottes ist, kann sie nicht mechanisch erzeugt werden. Gott hat aber die gewöhnlichen Mittel der Gnade (wie z.B. die Verkündigung des Wortes) bestimmt, um seine Kinder in der Furcht Gottes wachsen zu lassen. Deshalb plädiert Reeves für ehrfurchtsvolle Prediger und Ehrfurcht bewirkende Predigten. Man sollte bis zu einem gewissen Grad spüren können, ob ein christlicher Leiter Furcht besitzt oder nicht. Predigten sollten sowohl in ihrem Inhalt als auch in ihrer Absicht von der Gottesfurcht geprägt sein. Es reicht nicht, die Gemeinde durch die Predigt lediglich zu informieren. Das Ziel der Predigt ist, Gottesfurcht in der Gemeinde zu vermehren.

„Diejenigen, die Gott durch Jesus Christus kennen, zittern vor ihm nicht vor Angst oder Schrecken, sondern weil sie von seiner Liebe ergriffen sind.“
 

Reeves geht dann auf die Folgen der Furcht ein. Die Furcht Gottes wirkt sich sowohl auf unsere Anbetung als auch auf unsere Heiligung aus. Wenn Gott uns vergibt, motiviert es uns, ihn auf eine Weise anzubeten, die die Sünde selbst fürchtet – nicht nur ihre Strafe. Während ein Christ in der Gottesfurcht wächst, lernt er Gott auf eine Weise immer mehr kennen, die dazu führt, dass er Christus immer ähnlicher wird. Die Gottesfurcht ist es auch, mit der Christen ihre Ängste bekämpfen können. Wenn sie für uns zentral und zur Priorität wird, treten andere Ängste in den Hintergrund (S. 159). Reeves stellt aber auch klar: Die Neuausrichtung unserer Ängste und Empfindungen bleiben ein täglicher Kampf, den wir ausfechten müssen (S. 164).

Das letzte Kapitel bietet einen Ausblick auf die Ewigkeit. Unsere heutigen Ängste sind nur ein Vorgeschmack.

„Die sündigen Ängste und Befürchtungen der Ungläubigen sind die Erstlingsfrüchte der Hölle, die kindliche Furcht der Christen ist die Erstlingsfrucht des Himmels. Jetzt sind unserer Ängste auf ein bestimmtes Maß beschränkt, dann aber werden sie maßlos sein.“ (S. 183)

Was macht dieses Buch so wertvoll?

Auf dem christlichen Büchermarkt gibt es viele durchschnittliche und einige gute Bücher. Es gibt jedoch wenige Bücher, die tiefer gehen und das Potenzial haben, unser Leben von Grund auf zu verändern. Michael Reeves‘ Buch „Gottesfurcht“ kann in diese letzte Kategorie eingeordnet werden. Reeves untersucht das Thema mit Klarheit und Kompetenz. Seine Ausführungen basieren auf dem Studium der Bibel. Das Buch bietet jedoch keine Exegese oder soziologische Analyse der Gesellschaft bzw. der Gemeinde. Seine Disziplin ist die Theologie und hierbei arbeitet er vorbildlich heraus, wie das Thema in der Bibel entfaltet wird. Das Buch ist nicht nur von Bibelzitaten durchzogen, sondern lässt auch unentwegt Erkenntnisse früherer Generationen einfließen. Die Reformatoren Luther und Calvin, aber auch die Puritaner Owen, Murray, und Bunyan sowie auch Jonathan Edwards, Spurgeon oder C.S. Lewis kommen zu Wort. Damit macht Reeves deutlich, dass seine Arbeit nicht nur auf modernen Erkenntnissen beruht, sondern „auf den Schultern von Riesen steht“. Ja, es ist sogar ein wenig beschämend, festzustellen, wie das Thema der Furcht Gottes so viele Theologen der Vergangenheit beschäftigt hat, während es heute nur ein Randthema zu sein scheint.

„Es ist ein wenig beschämend, festzustellen, wie das Thema der Furcht Gottes so viele Theologen der Vergangenheit beschäftigt hat, während es heute nur ein Randthema zu sein scheint.“
 

Gottesfurcht ist nicht nur eine Darstellung der biblischen Lehre. Das Buch lässt den Leser nicht unbeteiligt. Es hilft uns nicht nur, mehr über Gott zu erfahren, sondern ihn auch besser kennenzulernen und vor allem, ihn mehr zu lieben. Das erklärte Ziel von Reeves ist es, den Leser nicht nur über die Gottesfurcht zu informieren, sondern auch auf dem Weg zur wachsenden Gottesfurcht zu unterstützen. Und das gelingt ihm hervorragend, sodass der Leser am Ende mit John Newtons Hymne „Amazing Grace“ einstimmen kann: „Die Gnade hat mich Furcht gelehrt und auch von Furcht befreit.“

Fazit

Wir leben heute in einer Kultur der Angst. In dieser Zeit ist Gottesfurcht tatsächlich eine „überraschend gute Nachricht“, wie es der Untertitel des Buches bereits andeutet. Und das nicht nur deshalb, weil Gottesfurcht bedeutet, Gott zu kennen und sich an ihm zu erfreuen, sondern auch, weil sie uns von allen anderen Ängsten befreit. Ich empfehle dieses Buch daher jedem Gemeindemitarbeiter. Aber auch für jeden Bibelleser, der sich nicht von Reeves gelegentlichen Ausflügen in die poetische Welt der Gedichte oder in die Fantasiewelt von Herr der Ringe oder Narnia abschrecken lässt, ist das Buch ein enormer Gewinn.

Buch

Michael Reeves, Gottesfurcht: Eine überraschend gute Nachricht, Bad Oeynhausen: Verbum Medien: 2022, 210 Seiten, 12,90 Euro. Das Buch kann auch direkt beim Verlag bestellt werden.

Boris Giesbrecht ist Studienleiter und Dozent an der Akademie für Reformatorische Theologie (Gießen). Gemeinsam mit seiner Frau Maria haben sie drei Kinder und sind Teil der Bekennenden Evangelisch-reformierten Gemeinden Gießen.