Gebet füreinander

Artikel von Florian Gostner
17. Juni 2022 — 8 Min Lesedauer

Wenn du auf dein Glaubensleben zurückblickst – waren die Zeiten, in denen du im Glauben gewachsen bist, nicht auch Zeiten, in denen Gottes Wort, Gebet, christliche Gemeinschaft und der Einsatz deiner Gaben in besonderer Weise präsent waren? Ich bin überzeugt davon, dass es Gott freut, wenn wir von diesen „normalen“ Gnadenmitteln Gebrauch machen. Wenn wir Gewohnheiten entwickeln, die uns in die Bibel, ins Gebet, in die Gemeinschaft und in den Dienst führen. Um eine dieser vier Disziplinen für unser Wachstum im Glauben soll sich dieser Artikel drehen: das Gebet.

Schon beim Überfliegen des Neuen Testaments kommt uns das Gebet füreinander immer und immer wieder unter. Wir sehen es im Leben Jesu, der ein ganzes Kapitel lang speziell für die Gläubigen betet (vgl. Joh 17). Paulus bittet seine Geschwister regelmäßig, für ihn zu beten (vgl. 1Thess 5,25; Kol 4,2–4; 2Thess 3,1–2, Hebr 13,18). Er fordert die Christen auf beständig dranzubleiben, „ohne Unterlass“ zu beten (1Thess 5,17; vgl. 1Tim 2,1–8). Dieses ständige, gemeinsame Gebet zeichnete die ersten Gemeinden aus: „Diese alle blieben beständig und einmütig im Gebet und Flehen, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern“ (Apg 1,14, H.d.V.).

Die Briefe betonen die hervorragenden Verheißungen dieses Gebets. In Philipper 4,6–7 schreibt Paulus: „Sorgt euch um nichts; sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden. Und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus!“ (H.d.V.).

Durch das Gebet füreinander haben wir darüber hinaus teil am Werk Gottes:

„[W]obei auch ihr mitwirkt durch eure Fürbitte für uns, damit wegen der von vielen Personen für uns [erbetenen] Gnadengabe auch von vielen gedankt werde um unsretwillen.“ (2Kor 1,11, H.d.V.)

Gebet ist (neben anderem) Ausdruck der gegenseitigen Anteilnahme der Gläubigen (vgl. Röm 12,12–13) und gehört daher zu unserer Standard-Waffenrüstung (vgl. Eph 6,17–19a).

„Unsere Rettung und unser Teilsein am universalen Leib Christi wird in der Ortsgemeinde sichtbar. Unter dieser Gruppe von Nachfolgern wird unser Glaube praktisch.“
 

Dass das Gebet einen hohen Stellenwert in unserer Nachfolge haben sollte und dass die Bibel uns zum Gebet – besonders zum Gebet füreinander – auffordert, dürfte also unumstritten sein. Dennoch tun wir uns (oder tue zumindest ich mich) mit dem Beten schwer. Ich brauche Hilfe und Anregungen, Abwechslung und Gewohnheiten. Ja, ich wünsche mir, ein Mann des Gebets zu sein. Ja, ich wünsche mir eine Gemeindekultur, in der es normal ist, füreinander zu beten und so am Leben – an den Höhen und Tiefen – der Geschwister Anteil zu haben. Doch wie kommen wir dorthin? Wie kann ich und wie kannst du eine solche Kultur des Füreinander-Einstehens im Gebet fördern?

Hier sind fünf praktische Möglichkeiten, dein Gebetsleben für deine Geschwister anzufachen:

Nutze deinen Kalender als Erinnerungshilfe

Jemand erzählt dir von seiner Sorge um die bevorstehende Untersuchung, das kommende Krisengespräch mit seinem Chef oder das evangelistische Event nächste Woche? Das ist genau der richtige Moment, um deinen Kalender zu zücken und dir einen Eintrag zu machen. Denn seien wir ehrlich: In 9 von 10 Fällen hast du die Sache sonst bis dahin schon lange wieder vergessen. Wie genial aber, wenn du nächsten Mittwochmorgen deinen Kalender öffnest (oder wenn dein Smartphone dich benachrichtigt) und du für deinen Bruder oder deine Schwester beten kannst. Noch besser: Du kannst auch gleich Bescheid geben, dass du mit der betreffenden Person vor Gottes Gnadenthron einstehst, oder nachher fragen, wie’s gelaufen ist. Überhaupt könnten wir uns doch das „Ich werde dafür beten!“ abgewöhnen und gegen ein „Ich habe heute für dich gebetet!“ oder ein „Lass uns doch gleich jetzt dafür beten!“ austauschen.

Mach aus der Mitgliederliste eine Gebetsliste

Unsere Rettung und unser Teilsein am universalen Leib Christi wird in der Ortsgemeinde sichtbar. Unter dieser Gruppe von Nachfolgern wird unser Glaube praktisch. Neben diese Brüder und Schwestern hat Gott uns gestellt, um einander zu ermutigen, zu ermahnen, anzuspornen, und – füreinander zu beten! Also werde kreativ: Druck dir die Mitgliederliste deiner Gemeinde aus und bete jeden Morgen, während dein Kaffee durchläuft, für eine Person, eine Familie oder den nächsten Buchstaben im Alphabet. Und wenn dir dabei auffällt, dass du gar nicht weißt, wer Familie Schmidt ist, findest du in derselben Zeile auch gleich eine Telefonnummer, um die Schmidts mal einzuladen und das zu ändern.

Lerne, mit den Psalmen zu beten

Vielleicht fragst du dich: „Woher soll ich denn überhaupt wissen, was ich für meine Geschwister beten soll?“ Dann gibt es gute Nachrichten für dich: Mit den Psalmen begegnet Gott dieser Hürde und gibt uns 150 Gebetsvorlagen für alle Lebenslagen – von „himmelhoch jauchzend“ bis „zu Tode betrübt“. Das Beste daran: Wie die anderen Gebete der Bibel helfen uns auch die Psalmen, unser Denken, unser Weltbild, unser Wertesystem und unsere Prioritäten Stück für Stück – Gebet für Gebet – zu verändern. Sie sind es wert, gelesen, studiert, verstanden, gebetet und geteilt zu werden.

Es ist gut, für Irmgards Rückenschmerzen zu beten. Es ist noch besser, z.B. mit Psalm 57 für Irmgards Rückenschmerzen zu beten: dass auch in dieser schwierigen Situation (vgl. Ps 57,1.5.7) Gott ihre Zuflucht ist, dass sie sich immer wieder an ihn wendet und er ihr immer wieder hilft durch seine Gnade, seine Güte und Wahrheit (vgl. V. 2–4); dass ihr größtes Ziel und ihr größter Wunsch ist, dass Gott verherrlicht wird an ihrem Leben – auch in den schwierigen Situationen und sogar in den Schmerzen (vgl. V. 6); dass ihr Herz feststeht im Herrn und sich von nichts erschüttern lässt, sondern Gottes Güte und Wahrheit überall und in allem erkennt, schätzt und preist (vgl. V. 8–11); dass Vers 12 zum Refrain (vgl. mit V. 6) ihres Lebens wird: dass Gott groß gemacht wird, immer und in allem, und dass die Menschen in ihrem Umfeld seine Herrlichkeit sehen.

So möchte ich beten lernen. Und wie genial wäre es, wenn für dich und mich so gebetet würde?

Schreib deine Gebete und Gebetserhörungen auf

Im Hauskreis haben wir es uns mal ein Jahr lang zur Angewohnheit gemacht, unsere Gebetsanliegen schriftlich festzuhalten, und zwar so: Am Beginn des Treffens ging ein Kuvert herum, in das jeder Zettel mit Gebetsanliegen geben konnte. In der Gebetszeit nach dem gemeinsamen Bibelstudium öffneten wir dann das Kuvert und beteten für die Anliegen von heute bzw. jene, die von den letzten Malen noch drin waren. Die Anliegen blieben so lange im Kuvert, bis sie nicht länger relevant waren oder Gott unser Gebet erhörte. Erst beim letzten Hauskreistreffen des Jahres erfuhren die anderen dann, dass ich die erhörten Anliegen in einem Glas gesammelt hatte. Zuletzt schauten wir uns diese Anliegen aus dem über die Monate gefüllten Glas wieder an und wurden an viele Gebete, Gottes Antworten und seine Fürsorge erinnert, die wir anders schon lange wieder vergessen hätten. So konnten wir unseren letzten Hauskreis des Jahres damit verbringen, Gott für zahlreiche Gebetserhörungen zu danken.

Nutze die Zeiten vor und nach dem Gottesdienst

Auch der Sonntagmorgen eignet sich für das Gebet füreinander – und damit meine ich nicht nur die gemeinsamen Gebetszeiten während des Gottesdienstes. Colin Marshall und Tony Payne bringen es in diesem Zitat ausgezeichnet auf den Punkt:

„So wie die Zeiten vor und nach dem Gottesdienst am Sonntag für gegenseitige Ermutigung, Gespräche und Jüngerschaft nützlich sind, so sind sie auch eine ausgezeichnete Gelegenheit, füreinander und miteinander zu beten. Wenn du mit jemandem über ein Thema oder ein Ereignis in seinem Leben sprichst oder ihr euch über die Predigt austauscht – warum nicht mit einem kurzen gemeinsamen Gebet schließen? Das ist auch ein hervorragender Einstieg in ein ergiebiges Gespräch: Frag deinen Gesprächspartner, ob du für ihn beten kannst. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass dies das Gespräch sofort von Wetter und Fußball weg auf die wirklich wichtigen Dinge lenkt und oft Möglichkeiten für eine wichtige gegenseitige Ermutigung eröffnet.“[1]

Wenn wir die Augen aufmachen, finden wir viele Gelegenheiten, das Gebet füreinander zum Teil unseres Alltags und zur Gewohnheit zu machen – und unsere Freude daran zu vergrößern. Dabei sind wir noch gar nicht zu sprechen gekommen auf gemeinsame Mahlzeiten als Familie oder mit Gästen, die ideale Zeiten des Gebets bieten; oder auf die Bitte um das Gebet, wenn Krankheit, Leid, Versuchung oder Sünde unseren Glauben auf die Probe stellen (vgl. Jak 5,13–16).

„Wenn wir die Augen aufmachen, finden wir viele Gelegenheiten, das Gebet füreinander zum Teil unseres Alltags und zur Gewohnheit zu machen – und unsere Freude daran zu vergrößern.“
 

Manches davon hab ich mir mehr oder weniger angewöhnt, anderes mache ich punktuell oder phasenweise. Bei wieder anderem wünsche ich mir mehr Wachstum. Doch das ist in Ordnung. Wir sind alle auf dem Weg. Was ist dein nächster Schritt in Richtung Mann oder Frau des Gebets? Welchen dieser Vorschläge (oder andere, bessere Ideen) möchtest du in den nächsten Wochen umsetzen?


[1]  Colin Marshall und Tony Payne, The Vine Project: Shaping your ministry culture around disciple-making, Sydney: Matthias Media, 2016, S. 225–226.

Florian Gostner hat Gott in Neuseeland kennen, fürchten und lieben gelernt. Seither liest, liebt und verkündigt er Gottes Wort. Deshalb absolvierte er eine dreijährige Prediger-Ausbildung in Zürich und ein Theologiestudium am Martin Bucer Seminar in München. Er lebt mit seiner Frau und vier Töchtern im österreichischen Vorarlberg und arbeitet hauptberuflich für die Freie Evangelikale Gemeinde Feldkirch sowie nebenher für Langham Österreich.