The Biblical Accommodation Debate in Germany

Rezension von Luke Stannard
14. Juni 2022 — 11 Min Lesedauer

In einer stark vom Postmodernismus und der Relativitätstheorie geprägten Kultur ist Hoon J. Lees The Biblical Accommodation Debate in Germany: Interpretation and the Enlightenment (dt. etwa „Die biblische Akkommodationsdebatte in Deutschland: Auslegung und die Aufklärung“) ein willkommener Beitrag. Lees Publikation geht auf seine Doktorarbeit zurück und untersucht die nachreformatorische Geschichte der biblischen Akkommodation. Über die faszinierende Untersuchung einer historischen Diskussion hinaus erweist sich Lees Arbeit als aufschlussreich für die modernen Debatten um die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift. Lees Schwerpunkt auf der Entwicklung unter deutschen Theologen macht sein Werk besonders für diejenigen interessant, die im Deutschland des 21. Jahrhunderts theologisch arbeiten. Viele der aktuellen Dilemmata, mit denen die Kirche in Deutschland konfrontiert ist, verdanken ihre Existenz den Themen, die Lee behandelt. Unter anderem aus diesen Gründen ist das Werk eine Analyse wert und bestätigt das Sprichwort, dass diejenigen, die nicht aus der Geschichte lernen, dazu verdammt sind, ihre Fehler zu wiederholen.

„Unter anderem aus diesen Gründen ist das Werk eine Analyse wert und bestätigt das Sprichwort, dass diejenigen, die nicht aus der Geschichte lernen, dazu verdammt sind, ihre Fehler zu wiederholen.“
 

Unscharfe Definition

Lees Einführungskapitel enthüllt einen der wichtigsten Streitpunkte rund um das Vokabular der biblischen Akkommodation: Der Begriff selbst wird auf unterschiedliche Weise verwendet. Auf einer grundlegenden Ebene wird „Akkommodation“ verwendet, um Gottes Herablassung zu beschreiben, sich in die der Menschheit gesetzten Grenzen hineinzubegeben. Der vielleicht bekannteste Aspekt der Akkommodation ist der „Anthropomorphismus“ (d.h. Gott menschliche Eigenschaften zuzuschreiben), aber auch visuelle, sprachliche und kognitive Aspekte sind mit eingeschlossen. Selbst der Gebrauch menschlicher Sprache bei der Offenbarung ist ein Hinweis darauf, dass Gott sich gnädig auf unser Niveau herabbeugt. Ohne diese Anpassung wäre die göttliche Offenbarung für uns unverständlich. Das wirft jedoch die Frage auf: Wie weit geht die Akkommodation? Hier liegt das historische Problem: Gelehrte mit radikal unterschiedlichen theologischen Ansichten nehmen jeweils die Akkommodation für ihre eigenen Zwecke in Anspruch. Dies macht nicht nur eine knappe Definition unmöglich, sondern birgt auch eine subtile, aber existenzielle Gefahr: Gelehrte haben über die Jahre hinweg dieselbe Terminologie verwendet, ohne die grundlegenden Unterschiede zu erkennen. Lee postuliert zwei erkenntnistheoretische Zentren, von denen er das erste als augustinisch-calvinistische Akkommodation und das zweite als sozinianische Akkommodation bezeichnet. Er weist darauf hin, dass für die erste Gruppe „die Akkommodation, wie sie traditionell verstanden wurde, die Wahrheit oder Autorität der göttlichen Offenbarung nicht in Frage stellt“ (S. 3). Mit anderen Worten: Die augustinisch-calvinistische Akkommodation versteht die Heilige Schrift so, dass diese in einer Sprache vermittelt wird, die den umfassenden Beschränkungen des Menschen entspricht, ohne dabei einen Irrtum einzuführen. Im Gegensatz dazu vertrat Fausto Sozzini einen Begriff der biblischen Akkommodation, der auch die fehlerhaften und die grundlegenden Ansichten der Autoren der Heiligen Schrift einschloss, wie sie der damaligen Zeit entsprachen. Lee weist darauf hin, dass dies zu einer bedeutenden Verschiebung führte, bei sich auch der Inhalt und nicht nur die Art der Offenbarung veränderte. Er kommt zu dem Schluss, dass „die beiden Definitionen der Akkommodation, obwohl sie denselben Namen tragen, gegensätzliche Konzepte der Bibel vertraten, was zu sehr unterschiedlichen Schlussfolgerungen führte“ (S. 5).

Bevor er sein einleitendes Kapitel abschließt, geht Lee kurz auf zwei moderne Beispiele für die Debatte über die biblische Akkommodation ein. Er stellt fest, dass Peter Enns’ Inspiration and Incarnation und Kenton Sparks’ God’s Words in Human Words die Akkommodation als Beweis für ihre Argumente gegen die Unfehlbarkeit der Schrift anführen, während sie die von Lee aufgezeigte historische Divergenz nicht erkennen. Lee greift dies in seiner Schlussfolgerung wieder auf, um zu zeigen, wie ein Mangel an historischer Aufmerksamkeit zu einer Aneignung der Akkommodation führt, die in ihrem Wesen sozinianisch ist. So kann der unbewanderte Leser zu der Annahme verleitet werden, dass viele Kirchenväter und Theologen an der biblischen Akkommodation festhalten, ohne zu erkennen, dass sich die augustinisch-calvinistische Sichtweise, die während des größten Teils der Geschichte vertreten wurde, drastisch von der neueren sozinianischen Akkommodation unterscheidet.

Die Debatten des 17. Jahrhunderts

Lee beginnt seine historische Analyse mit den Debatten des 17. Jahrhunderts unter den niederländischen Reformatoren. Obwohl die Akkommodationsdebatte anfangs ein Schisma mit Sozzini erlebte, zeigt Lee, dass sich die sozinianische Akkommodation erst im 17. Jahrhundert weitgehend durchsetzte. Über die theologischen Einflüsse hinaus stellt Lee fest, dass Gelehrte wie René Descartes die Bewegung hin zum kartesischen Denken beeinflussten. Daraufhin versuchten Theologen wie Johannes Coccejus, Wiep van Bunge und andere, Aspekte der cartesianischen Entwicklung mit dem traditionellen reformierten Denken zu verbinden. Dies führte zu einer Hermeneutik, die davon ausging, dass bestimmte Teile der Heiligen Schrift verändert wurden, um der Unwissenheit und religiösen Naivität der Israeliten gerecht zu werden. Insbesondere wissenschaftliche Passagen oder solche, die sich mit Wundern befassen, wurden als bildlich angesehen und ihre wörtliche Auslegung wurde abgelehnt. Andere Cartesio-Cocceianer, wie etwa Christopher Wittichius, begannen vorzuschlagen, dass das Entgegenkommen „den Irrtum in die Herablassung Gottes einschließt“ (S. 34). Folglich begann sich die Debatte von einer Fehlinterpretation durch die Empfänger hin zu einem mit Fehlern behafteten Inhalt der göttlichen Offenbarung zu wenden. Das 16. Jahrhundert endete mit dem Aufstieg des einflussreichen Benedikt de Spinoza, der die Akkommodation auf breiter Ebene übernahm, als er zu zeigen versuchte, dass der Schwerpunkt der Heiligen Schrift auf der Frömmigkeit und nicht auf der Philosophie liegt. Entsprechend wurde die Wahrhaftigkeit der Propheten irrelevant und sogar beinahe zu einem Nachteil. Stattdessen wurde die Fähigkeit, die Zuhörer um jeden Preis zu einem frommeren Lebensstil zu bewegen, als Ziel betrachtet. Viele Gelehrte erkennen jedoch bis heute nicht, worauf Lee treffend hinweist: Die spinozianische Akkommodation hat ihre Wurzeln eher in der sozinianischen als in der augustinisch-calvinistischen Akkommodation.

Die Debatten unter deutschen Theologen

In den folgenden Kapiteln konzentriert sich Lee ausschließlich auf die Debatten unter den deutschen Theologen. Er unterteilt seine Analyse in die Anfangsphase der deutschen Akkommodationsdebatte (1761–1789), die mittleren Jahre (1790–1799) und den Abschluss der Debatte (1800–1835). Lee stellt die zentrale Behauptung auf, dass die Entwicklung der Auseinandersetzung weder im Gegensatz zu den niederländischen Theologen noch zu den Aufklärungsdebatten stand, sondern als eine Fortsetzung beider verstanden werden sollte. Dies rechtfertigt nicht nur seine Behandlung der Jahre, die der deutschen Akkommodationsdebatte vorausgingen, sondern schafft auch die Voraussetzungen für die theologische Richtung, die die Szene damals durchdrang. Lee stellt insbesondere die frühe Herausbildung und Unterscheidung zwischen den beiden Lagern fest: augustinisch-calvinistisch und sozinianisch. Zu den Gelehrten, die für die sozinianische Akkommodation und die nachfolgende hermeneutische Bewegung der historischen Kritik eintraten, gehören: Johann August Ernesti, Gotthilf Traugott Zachariae, Wilhelm Teller, Christoph Oetinger, Johann Salomo Semler und andere. Eine der Neuerungen, die sich durchsetzten, war die Schwerpunktverschiebung vom Alten zum Neuen Testament. Die niederländische Kontroverse hatte sich auf das alte Israel und das wissenschaftliche Verständnis des Alten Testaments konzentriert. Sowohl Ernesti als auch Zachariae verlagerten die Diskussion jedoch auf die Fehlbarkeit des Neuen Testaments. Infolgedessen konzentrierte sich die Diskussion dann stark auf die Frage, inwieweit Jesus und die Apostel in ihren Lehren die Akkommodation verwendeten. Welche Auswirkungen dies hatte, hing davon ab, welchem Lager der Akkommodation die einzelnen Gelehrten angehörten. In der Anfangsphase der Debatte gab es eine klare Unterscheidung zwischen den beiden Gruppen, die auch von beiden Seiten anerkannt wurde.

„Außerdem wird deutlich, dass die Philosophie die Theologie prägte und beeinflusste, anstatt sämtliche Argumente auf die Heilige Schrift zu gründen. Dies wirkte sich auf die Art und Weise aus, wie die Heilige Schrift interpretiert wurde, und hatte erhebliche Auswirkungen darauf, welche Zuverlässigkeit und Nützlichkeit man der Bibel beimaß.“
 

Der Übergang von der frühen zur mittleren Periode war durch eine rasche Abkehr von der augustinisch-calvinistischen Akkommodation zugunsten der sozinianischen Akkommodation gekennzeichnet. Lee stellt fest, dass auch die umgebende Kultur dazu beigetragen hat, vor allem das einflussreiche Werk von Immanuel Kant. Lee zeigt zudem systematisch auf, wie deutsche Gelehrte wie Hermann Friedrich Behn, Wilhelm Traugott Krug, Carl Friedrich Senff, Friedrich August Carus, Johann Wilhelm Schmid, Gottlieb Jakob Planck und Georg Lorenz Bauer den sozinianischen Begriff der Akkommodation popularisierten. Wie die Vielzahl der Theologen zeigt, wurde der mittlere Teil der Debatte von Stimmen dominiert, die für die sozinianische Akkommodation plädierten. Außerdem wird deutlich, dass die Philosophie die Theologie prägte und beeinflusste, anstatt sämtliche Argumente auf die Heilige Schrift zu gründen. Dies wirkte sich auf die Art und Weise aus, wie die Heilige Schrift interpretiert wurde, und hatte erhebliche Auswirkungen darauf, welche Zuverlässigkeit und Nützlichkeit man der Bibel beimaß.

In der letzten von Lee untersuchten Periode kam es weiterhin zu Neuformulierungen und Neudefinitionen der Akkommodation. Während sich die Philosophie weiterentwickelte und veränderte, argumentierten die Anhänger beider Lager für Änderungen ihrer jeweiligen Positionen. Ein entscheidendes Merkmal dieser Periode war das Versäumnis, die beiden Ansichten voneinander zu unterscheiden. So begann sich das, was früher von beiden Seiten verstanden wurde, in ein Feld mit unscharfen Grenzen zu verwandeln. Eine der Folgen war die weit verbreitete Verwendung des Begriffs „Akkommodation“, ohne zu erklären, welche Form damit gemeint war. Dies führte zu erheblichen Missverständnissen und Fehleinschätzungen, die die Kirche des 21. Jahrhunderts weiterhin plagen. Lees Fallstudien über Georg Friedrich Seiler, Anton Theodor Hartmann und Karl Christian Tittmann spiegeln diese Verzerrung wider. Daher kommt Lee zu dem Schluss, dass es oft schwierig ist, die genauen Überzeugungen der jeweiligen Theologen zu bestimmen. Lee führt mehrere Theologen an, die sich um die Beibehaltung der Linien bemühten: Georg Christian Knapp, Ernst Wilhelm Hengstenberg, Karl Gottlieb Bretschneider, Johann Friedrich Ernst Kirsten und Johann Jahn. Die Debatte endete jedoch ohne eine eindeutige Lösung. Eine Konsequenz aus dem Scheitern der Auseinandersetzung ist die fortgesetzte Verbreitung eines einzigen Begriffs, der semantisch auf sehr unterschiedliche Hintergründe zurückgeht. Während wir aufgrund unserer identischen Terminologie von einem gemeinsamen Verständnis ausgehen, werden sehr unterschiedliche Bedeutungen vermittelt. Lee kommt zu dem Schluss, dass die augustinisch-calvinistische Akkommodation das historische Verständnis des Begriffs und die historische Sicht der Schrift beibehält. Sie geht davon aus, dass Gott sich in unsere Begrenzungen herablässt, indem er die Offenbarung in einer Weise bereitstellt, die unseren erkenntnismäßigen Befähigungen entspricht. Allerdings, und das ist das Wichtigste, geschieht dies ohne Fehler, und die Wahrheit der Offenbarung bleibt vollständig gewahrt. Aus diesem Grund konzentriert sich die augustinisch-calvinistische Akkommodation auf die Form und die Art und Weise, wobei die Reinheit, Irrtumslosigkeit und Wahrhaftigkeit sowohl des Materials als auch des Inhalts völlig intakt bleiben. Die sozinianische Akkommodation hingegen plädiert für eine Anpassung, die sich auf alle Aspekte der göttlichen Offenbarung auswirkt. Das Ergebnis ist ein Verständnis der Schrift, das sie als fehlerhaft betrachtet, wobei die Frage nur noch lautet: Wie weit reichen diese Fehler? Folglich wird die Autorität der Schrift untergraben und ihre Zuverlässigkeit unterliegt der Interpretation.

„Die gegenwärtigen Auseinandersetzungen über die Genügsamkeit und Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift finden nicht in einem Vakuum statt. Moderne Ansichten stehen auf dem Fundament einer langjährigen Geschichte.“
 

Leseempfehlung

Lees Werk ist nicht nur wertvoll, weil es einen großen Teil der damaligen Perspektiven auf die Schrift erklärt, sondern auch, weil es seine Leser mit den wichtigsten Kontrahenten in dieser Debatte bekannt macht. Der Leser gewinnt einen bemerkenswerten Einblick auf den Einfluss verschiedener deutscher Theologen im Laufe der Jahrhunderte. Ich vermute, dass der aufmerksame Leser ein besseres Verständnis für die aktuelle theologische Situation in Deutschland und der gesamten neuzeitlichen Welt erhalten wird und davon sehr profitieren kann. Die gegenwärtigen Auseinandersetzungen über die Genügsamkeit und Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift finden nicht in einem Vakuum statt. Moderne Ansichten stehen auf dem Fundament einer langjährigen Geschichte. Lees Arbeit dechiffriert die grundlegenden Argumente und bietet zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten für die moderne theologische Szene.

Ich empfehle dringend, sich die Zeit zu nehmen, das Buch zu kaufen oder zu leihen und die Einsichten, die Lee bietet, zu nutzen. Sie werden nicht nur helfen, die Vergangenheit besser zu verstehen, sondern auch ein tieferes Verständnis für die gegenwärtigen Konflikte zu gewinnen. Das ist eine sehr gute Voraussetzung, um gewinnbringend über die Zukunft sprechen zu können.

Buch

Hoon J. Lee, The Biblical Accommodation Debate in Germany: Interpretation and the Enlightenment, Cham (CH): Springer International Publishing, 2018, ISBN 978-3-319-87092-2, 249 S., ca. 26,00 Euro.

Luke Stannard , geboren in Texas (USA), ist seit 2021 am Martin Bucer Seminar tätig. Außerdem unterstützt er Matthias Lohman im Rahmen des Pastoralpraktikantenprogramms der FEG München Mitte (Trainee-Programm).

Die Rezension erschien zuerst in der Zeitschrift Glauben und Denken heute, 2/2021, Nr. 28, S. 64–66. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.