Die Bibel als Literatur lesen

Buchauszug von Leland Ryken
10. Juni 2022 — 17 Min Lesedauer

C.S. Lewis stellte einmal fest: „Die Bibel, die ja nun einmal Literatur ist, kann gar nicht richtig gelesen werden, außer als Literatur; und ihre verschiedenen Teile nicht anders als die verschiedenen Arten von Literatur, die sie sind.“[1]. Diese häufig zitierte Aussage soll der Leitgedanke dieses Kapitels sein und es thematisch zusammenfassen. Die Frage, wie man die Bibel als Literatur lesen sollte, erörtere ich in vier Schritten: (1) was die Bibel als Literatur nicht bedeutet, (2) was sie tatsächlich bedeutet, (3) wie wir die Bibel als Literatur lesen können und (4) warum wir die Bibel als Literatur lesen sollten.

1. Was ist mit der Bibel als Literatur nicht gemeint?

Bevor wir uns wirklich auf die Vorstellung einlassen, die gemeinhin als „die Bibel als Literatur“ bekannt ist, müssen wir erst einmal allerlei Ängste loswerden. Diese Ängste verdienen es jedoch, ernst genommen zu werden. Wenn wir uns mit dieser Thematik befassen, werden wir feststellen, dass sich mögliche Einwände als Irrtümer erweisen. Vier davon behaupten sich hartnäckig.

  1. Ein anfängliches Missverständnis – insbesondere bei Menschen, die es nicht gewohnt sind, den literarischen Aspekt der Bibel zu berücksichtigen – besteht darin, dieses Konzept als moderne und liberale Idee zu verdächtigen. Sie ist jedoch weder modern noch von Natur aus liberal. Das Konzept geht vielmehr auf die Verfasser der Heiligen Schrift zurück, die auf fast jeder Seite ihre literarischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Diese Autoren verwenden hin und wieder literarische Fachbegriffe wie Chronik, Lied, Gleichnis, Apokalypse und Epistel. Das Missverständnis, wonach diese Idee im Grunde liberal ist, lässt sich leicht ausräumen. Große Theologen wie Augustinus, Luther und Calvin haben nie bezweifelt, dass die Bibel literarische Qualitäten besitzt. Wenn wir literarische Kommentare zur Bibel lesen, finden wir dieselbe Bandbreite an liberalen und evangelikalen Tendenzen, die auch in anderen Bibelkommentaren vorkommen. Das Lesen und Analysieren der Bibel als Literatur beginnt dort, wo jedes andere Bibelstudium seinen Anfang nehmen sollte – indem man all das als wahr akzeptiert, was die Bibel selbst über ihren einzigartigen Status als Wort Gottes aussagt.
  2. Ein weiteres Missverständnis: Die Bibel als literarisch zu bezeichnen bedeutet keineswegs, dass sie fiktional und nicht faktisch ist. Obwohl Fiktionalität ein üblicher Bestandteil von Literatur ist, spielt sie keine wesentliche Rolle. Die Eigenschaften, die einen Text literarisch machen, hängen nicht davon ab, ob das Material historisch korrekt oder fiktiv ist. Ein Text ist immer dann literarisch, wenn er literarische Qualitäten aufweist. Sogar in einigen evangelikalen Kreisen besteht die ungerechtfertigte Annahme, dass eine starke Strukturierung und absichtliche Kunstfertigkeit in einem biblischen Text darauf hindeuten, dass er fiktional ist.
  3. Drittens achtet ein Leser, der die Bibel als Literatur liest, nicht zwingend nur auf ihre literarischen Qualitäten und schließt andere Aspekte aus. In der Bibel begegnen wir drei unterschiedlichen Textgattungen: historischen, theologischen und literarischen. Genau diese Kombination macht es unmöglich, die Bibel nur als eine davon zu lesen. Wer einen dieser Aspekte vernachlässigt, verzerrt das Wesen der Bibel. In der Regel werden geschichtliche und theologische Inhalte in eine literarische Form verpackt und können daher nicht isoliert davon gelesen und verstanden werden. In diesem Sinne ist es angemessen, vom Primat der literarischen Form in der Bibel zu sprechen.
  4. Zuletzt erheben Menschen, die es nicht gewohnt sind, die Bibel als Literatur zu betrachten, manchmal Einwände gegen den Versuch, die Bibel auf die gleiche Ebene wie andere Literatur zu stellen. Die Bibel als Literatur zu bezeichnen, ist aber lediglich eine objektive Beschreibung der Form, in der die Schrift zu uns kommt. Die Bibel soll dadurch weder erhoben noch herabgesetzt werden. Wenn wir uns ihr mit den üblichen Methoden der literarischen Analyse nähern, erhebt sich die Bibel selbst und offenbart ihre einzigartige geistliche Qualität und Kraft. Trotz aller Gemeinsamkeiten zwischen ihr und anderer Literatur ist die Bibel nicht identisch mit anderer Literatur. Der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge stellte treffend fest: „Die Worte der Bibel reichen in größere Tiefen [unseres] Wesens hinein“ als jedes andere Buch.[2] Es wäre tragisch, wenn wir uns durch Einwände, die sich letztlich als Irrtümer herausstellen, vom literarischen Studium und der Freude an der Bibel abhalten ließen. Wir müssen den besonderen Status und die spirituelle Verehrung, die wir der Bibel entgegenbringen, nicht aufgeben, um ihren literarischen Charakter zu würdigen.

2. Was bedeutet es, dass die Bibel Literatur ist?

Die Liste der Merkmale, die einen schriftlichen Text zu einem literarischen machen, ist lang. Entsprechend zahlreich sind die Dinge, die die Bibel zu einer Sammlung literarischer Texte werden lassen. Nachfolgend beschreibe ich eine Auswahl der wichtigsten literarischen Eigenschaften der Bibel, die jedoch bei weitem nicht erschöpfend ist. Ich möchte vorausschickend auf die wichtige Tatsache hinweisen, dass diese literarischen Qualitäten genau dieselben sind, die auch die Literatur im Allgemeinen kennzeichnen. Jedes Standardhandbuch über literarische Formen und Techniken beschreibt die richtigen Kategorien und Definitionen für die Bibel als Literatur.[3] Obwohl literarische Eigenschaften an anderer Stelle in diesem Buch erörtert werden, seien hier einige genannt, da die meisten Leser die Bedeutung dieser Eigenschaften für die Bibel nicht völlig erfassen.

„Die Bibel als literarisch zu bezeichnen bedeutet keineswegs, dass sie fiktional und nicht faktisch ist.“
 

Es ist am sinnvollsten, mit der inhaltlichen oder der thematischen Ebene zu beginnen. Gegenstand der Literatur ist die menschliche Erfahrung, die so anschaulich beschrieben wird, dass sie in der Vorstellung nacherlebbar ist. Die Wahrhaftigkeit gegenüber dem Leben und der menschlichen Erfahrung ist die erste inhaltliche Ebene, der wir in einem literarischen Werk begegnen – sowohl in der Bibel als auch in anderen Büchern. An diesem Punkt müssen wir den Grundsatz von Flannery O'Connor beherzigen, dass „der ganze Text die Bedeutung in sich trägt, weil er eine Erfahrung ist, keine Abstraktion“[4]. Die Geschichte von Kain besteht nur aus sechzehn Versen (vgl. 1Mose 4,1–16), aber die Liste der in ihr beschriebenen menschlichen Erfahrungen ist lang: Geschwisterkonflikte, häusliche Gewalt, Groll, das Gefühl der Ablehnung, Zorn darüber, erwischt worden zu sein, die Weigerung, Buße zu tun, eine falsche Entscheidung zu treffen und mit den Folgen zu leben, Schuld, Exil und so weiter. In Psalm 23 erkennen wir denselben erfahrungsorientierten Zugang zur Wahrheit in poetischer Form. Wenn wir das Gedicht durcharbeiten, erfassen wir zunächst einmal keine Ideen auf der Verstandesebene. Vielmehr folgen wir einem Hirten durch seinen Tagesablauf, sehen ihn bei seiner Arbeit und stellen uns eine Reihe von Situationen vor.

Als literarisches Werk bringt uns die Bibel zunächst mit der universellen menschlichen Erfahrung in Berührung. Sie ist nicht in erster Linie ein Buch voller Ideen, wie sie theologische Bücher enthalten. Natürlich können wir einem literarischen Werk immer Themen oder Ideen entnehmen, nachdem wir den Text auf der Erfahrungsebene nacherlebt haben. Literatur ist inkarnatorisch, denn sie verkörpert ihren Inhalt auf eine Art und Weise, die uns dazu bringt, eine Erfahrung zu teilen – zum Beispiel die Gefühle des Verliebtseins im Hohelied Salomos. Wie weit erfüllt die Bibel dieses literarische Kriterium des „Zeigens“ anstelle des „Erzählens“ mittels Darstellung anstelle von Abstraktion? In einem früheren Kapitel war von 80 Prozent die Rede, und bei einer großzügigen Anwendung des Prinzips liegt der Prozentsatz sogar noch höher.

Wenn der literarische Charakter der Bibel anhand ihres Erfahrungsgehalts bestimmt werden kann, dann ist dies auch in Bezug auf die Formen möglich, die diesen Inhalt transportieren. Im Laufe der Jahrhunderte war die gängigste Methode, einen Text als literarisch zu bezeichnen, ihn bestimmten Gattungen oder literarischen Typen zuzuordnen. Schon seit Langem wurden einige Gattungen als expositorisch und andere als literarisch anerkannt. Der expositorische Diskurs vermittelt Informationen direkt und abstrakt (z.B. Berichte, Tagebucheinträge und Aufsätze). Zu den literarischen Gattungen gehören Geschichte oder Erzählung, Poesie, Satire, visionäres Schreiben, Sprichwort und Epistel. Die Bibel ist eine der umfangreichsten Sammlungen verschiedener literarischer Gattungen und Formen in der Welt. Ihr Vorhandensein zeigt klar, dass es sich bei der Bibel um Literatur handelt.

Ein zweiter Hinweis auf den literarischen Charakter der Bibel ist ihre hohe Qualität, die wir als Kunstfertigkeit bezeichnen und mit der wir automatisch Schönheit assoziieren. Allgemein kann man dies an der durchgängigen Struktur einer Geschichte oder dem sorgfältigen Aufbau eines Gedichts nach dem Prinzip von Thema und Variation erkennen. In Psalm 1 wird die Glückseligkeit des gottesfürchtigen Menschen so beschrieben, dass wir verschiedene Facetten eines einzigen Themas betrachten können. Die Schönheit des Wortes durchdringt die Bibel und macht sie zum aphoristischsten Buch, das wir kennen – voller einprägsamer, leicht zu merkender Aussagen. Die rhetorische Gestaltung ist eine Form der Kunstfertigkeit, wie in Matthäus 5,2–10 zu sehen ist, wo jede Seligpreisung dem gleichen Muster folgt: (1) Segenszusage, (2) Benennung einer Gruppe, (3) Grund für den Segen, der mit der Formel denn beginnt, und (4) Nennung einer versprochenen Belohnung. Zum Beispiel: „Glückselig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Reich der Himmel!“ (Mt 5,3).

„Wenn wir uns ihr mit den üblichen Methoden der literarischen Analyse nähern, erhebt sich die Bibel selbst und offenbart ihre einzigartige geistliche Qualität und Kraft.“
 

Ein weiterer Hinweis auf den literarischen Charakter der Bibel besteht in den besonderen sprachlichen Mitteln, die einen literarischen Text von expositorischer Alltagsprosa unterscheiden. Die offensichtlichsten Beispiele sind Redewendungen wie Bilder, Metaphern, Gleichnisse, Anspielungen und Personifikationen. Sie machen die Sprache der Poesie aus, sind in der Bibel aber nicht nur auf poetische Erzählungen beschränkt. Sie begegnen uns auf fast jeder Seite und treten besonders in den Reden Jesu, in den Briefen und in der Offenbarung des Johannes hervor.

Was bedeutet es, dass die Bibel Literatur ist? Es bedeutet, dass wir in ihr menschliche Erfahrungen betrachten können, dass sie in eine breite Palette literarischer Gattungen verpackt und voller Kunstfertigkeit ist und dass literarische Sprachmittel verwendet werden.

3. Wie können wir die Bibel als Literatur lesen?

Viele Menschen, auch Bibelwissenschaftler, stimmen theoretisch allem zu, was wir über den literarischen Charakter der Bibel gesagt haben. Wenn sie dann jedoch die Bibel lesen und lehren, ignorieren sie, was sie in der Theorie glauben. Bei ihrem Umgang mit der Bibel greifen sie auf konventionelle Methoden zurück, anstatt die Bibel auch als Literatur zu analysieren. Das bloße Lippenbekenntnis zum literarischen Charakter der Bibel beraubt uns eines großen Gewinns – als würde man eine Mahlzeit zubereiten und sich dann nicht hinsetzen, um sie zu essen. Die offensichtliche und einfache Antwort auf die Frage, wie wir die Bibel als Literatur lesen können, lautet: Wir müssen den literarischen Qualitäten der Bibel gerecht werden. So einfach ist das. Nachfolgend wollen wir untersuchen, welche Anstrengungen der Leser auf sich nehmen sollte angesichts der spezifischen literarischen Qualitäten der Bibel.

Auf der inhaltlichen Ebene drückt Literatur authentische menschliche Erfahrungen aus. Geschichten und Gedichte stellen uns diese vor Augen, damit wir sie betrachten und teilen können. Dies erfordert, dass wir die menschlichen Erfahrungen im Text, den wir lesen, erkennen und benennen. Da die Bibel ein heiliges Buch ist, das sich mit der geistlichen Realität befasst, kann man leicht zu dem falschen Schluss kommen, dass sie mit alltäglichen Erfahrungen wie Ackerbau und Hausputz, Raub und Fischfang nichts zu tun hat. Wenn Jesus seine Gleichnisse erzählte, ging es ihm in der Regel darum, das Himmelreich zu beschreiben. Die Begriffe, mit denen er diese Wahrheit offenbarte, hatten mit den oben genannten menschlichen Erfahrungen zu tun. Wenn wir die Bibel als Literatur lesen, lassen wir uns auf menschliche Erfahrungen ein und können dadurch den biblischen Inhalt besser verstehen. Das tut Literatur, und das tut auch die Bibel als Literatur.

Literatur zeichnet sich durch besondere Gattungen oder Schreibweisen aus. Wenn wir einen bestimmten Bibeltext richtig erfassen wollen, ist es erforderlich, erst einmal festzustellen, um welche Gattung es sich handelt. Wenn wir eine Geschichte lesen, müssen wir die üblichen erzählerischen Überlegungen zu Handlung, Schauplatz und Figuren anstellen. Bei der Lektüre eines Gedichtes müssen wir die enthaltenen Bilder und Redewendungen erkennen und ihre Bedeutung verstehen. Wir müssen beispielsweise davon ausgehen, dass es sich bei einem prophetischen Gerichtsorakel auch um einen satirischen Text handelt. Als solcher verfügt er über einen Angriffsgegenstand, ein Vehikel, in dem der Angriff verkörpert wird, und eine erklärte oder implizierte satirische Norm, anhand dessen der Angriffsgegenstand verurteilt oder lächerlich gemacht wird.[5]

„Wir müssen den besonderen Status und die spirituelle Verehrung, die wir der Bibel entgegenbringen, nicht aufgeben, um ihren literarischen Charakter zu würdigen.“
 

Ein weiteres Kennzeichen von Literatur ist ihr künstlerischer Ausdruck und dass sie für uns eine Quelle der Schönheit darstellt. Sie ist das Produkt von Kreativität und technischem Können. Sie bietet etwas, das in die gleiche Kategorie fällt wie ein Klavierkonzert, der Besuch einer Kunstgalerie oder ein Spaziergang durch einen klar strukturierten, schönen Garten. Die Bibel als Literatur zu lesen bedeutet, ihre Kunstfertigkeit und Schönheit wahrzunehmen, sich Zeit zu lassen, diese Aspekte eines Textes zu erkennen und ihre beabsichtigte Wirkung als Genuss zu bejahen. Der Verfasser des Buches Prediger schreibt in seiner Kompositionsphilosophie, dass er „wohlgefällige Worte zu finden suchte“ (Pred 12,10, ELB). Wenn wir die Bibel als Literatur lesen, finden und genießen wir die Freude an den Bibeltexten und anderen literarischen Werken, die sich mit der Bibel befassen.

Beim Blick auf das Inhaltsverzeichnis dieses Buches könnte man annehmen, dass in diesem Kapitel doch ein gewisser Unterschied zwischen der Bibel und der in den anderen Kapiteln behandelten Literatur gemacht wird. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, denn wir wollen den gesamten Inhalt des vorliegenden Buches auch auf die Bibel anwenden. Wir würden so viel besser mit der Bibel umgehen, wenn wir sie im Lichte dessen lesen und interpretieren würden, was wir bereits über Literatur im Allgemeinen wissen. Weil wir die Bibel in eine Welt eingeschlossen haben, die vom Rest unseres Lebens, einschließlich unserer literarischen Erfahrungen, weit entfernt ist, wurde unserem Verständnis der Heiligen Schrift großer Schaden zugefügt. Martin Luther wünschte sich, „dass es recht viele Poeten und Rhetoren geben möge; denn ich sehe wohl, wie die Menschen durch nichts so sehr geschickt werden, die Religion zu ergreifen und sie recht und erfolgreich zu treiben.“[6]

4. Warum sollten wir die Bibel als Literatur lesen?

Wenn wir uns fragen, warum wir die Bibel als Literatur lesen sollten, lautet die knappe Antwort: Weil wir sie nur als Literatur richtig verstehen können. Da der größte Teil der Bibel literarischer Natur ist, kommen wir nicht umhin, uns auch mit ihren literarischen Merkmalen auseinanderzusetzen. Wir können eine biblische Geschichte nicht lesen, ohne uns mit ihrer Handlung, ihrem Schauplatz und ihren Figuren zu beschäftigen. Wir können uns ein Gedicht nicht aneignen, ohne seine Bilder und Redewendungen zu betrachten. Menschen, die sich dieser literarischen Aspekte biblischer Texte nicht bewusst sind, denken vielleicht, dass sie ohne eine literarische Analyse auskommen. Aber entweder führen sie diese intuitiv und unbewusst durch, oder sie interagieren nicht wirklich mit der Bibel, sondern nur mit einem Ersatz – vermutlich in Form von Kontext, „Hintergrundinformationen“ oder Ideen, die jemand aus der Bibel entnommen und an sie weitergegeben hat. Da es sich bei der Bibel nicht um eine bloße Ideensammlung handelt, ist eine gewisse Analyse ihrer literarischen Form erforderlich, um zu erkennen, was sie uns sagen will.

Ein zweiter Grund, warum wir die Bibel als Literatur lesen sollten, besteht darin, dass wir nur so einen Text in seiner Fülle erfassen können – im Gegensatz zu der üblichen und auf unterschiedliche Weise praktizierten isolierten Betrachtung. Wenn wir einen Bibeltext lesen, gehen wir davon aus, dass alles, was der Autor in den Text hineingeschrieben hat, wichtig und unserer Aufmerksamkeit und Bewunderung wert ist. Wenn der Schauplatz einer Geschichte detailliert beschrieben wird, geschieht dies zu einem bestimmten Zweck. Die Parallelität der biblischen Poesie und einiger ihrer Prosatexte ist nicht zufällig entstanden, sondern beabsichtigt. Um einen Text literarisch zu analysieren, muss man ihn genau lesen. Alles, was im Text vorkommt, ist wichtig, auch wenn es vom Hauptsinn des Textes weit entfernt zu sein scheint (aber wahrscheinlich nicht ist). Diese Methode unterscheidet sich von der in evangelikalen Kreisen sehr verbreiteten isolierten Betrachtung, die Bibeltexte auf bestimmte Begriffe reduziert. Das Lesen der Bibel als Literatur öffnet außerdem die Tür zum Lesen und Lehren der ganzen Bibel. Wenn wir darauf ausgerichtet sind, nur ideenorientierte, expositorische Prosa zu lesen, wissen wir nicht, was wir mit literarischen Passagen anfangen sollen, insbesondere mit solchen, die zu unbekannten Gattungen gehören. Die Lösung des Problems besteht darin, sich mit dem ganzen Spektrum der literarischen Gattungen der Bibel vertraut zu machen, das in etwa dem entspricht, was in den Literaturkursen an Highschools und Universitäten behandelt wird.[7]

„Die evangelikale Bibelauslegung (Hermeneutik) vertritt das Schlüsselkonzept, Bibeltexte entsprechend der ursprünglichen Absicht des Autors zu verstehen, aber sie hat das Konzept nicht weit genug angewendet.“
 

Ein weiterer Grund, die Bibel als Literatur zu lesen, liegt darin, dass mit diesem Ansatz die Absicht des Autors respektiert wird. Die evangelikale Bibelauslegung (Hermeneutik) vertritt das Schlüsselkonzept, Bibeltexte entsprechend der ursprünglichen Absicht des Autors zu verstehen, aber sie hat das Konzept nicht weit genug angewendet. Es liegt doch nahe, dass ein biblischer Autor, der für seine Botschaft eine literarische Form gewählt hat, auch beabsichtigte, dass wir sein Werk als Literatur lesen sollen. Im Sinne des Autors zu lesen bedeutet, einen Text im Licht seiner literarischen Qualitäten zu lesen und zu interpretieren.

Es gäbe zwar noch viele weitere Antworten auf die Frage nach dem „Warum“, an dieser Stelle ist jedoch nur noch Platz für eine: Wenn wir die Bibel als Literatur lesen, können wir einen frischen Zugang zu ihr entdecken. Was unsere Freizeitlektüre zu einer Quelle der Freude macht, lässt sich auch auf das Bibellesen übertragen. Die meisten Menschen, die einen literarischen Zugang zur Bibel gefunden haben, berichten übereinstimmend, wie dieser ihr Interesse und ihre Freude am Bibellesen neu entfacht und andere Blickwinkel eröffnet hat. Wenn wir unser Bibelstudium um die literarische Dimension erweitern, erfassen wir die Texte nicht nur genauer – wir werden dabei von der Pflicht zur Freude geführt.


[1] C.S. Lewis, Reflections on the Psalms, New York: Harcourt, Brace & World, 1958, S. 3.

[2] Samuel Taylor Coleridge, Confessions of an Inquiring Spirit, Stanford: Stanford University Press, 1967, S. 43.

[3] Einen umfassenden Überblick über die literarischen Formen und Techniken, die in der Bibel zu finden sind, liefert das Buch von Leland Ryken: A Complete Handbook of Literary Forms in the Bible, Wheaton: Crossway, 2014. Von meinen (Lelands) zahlreichen Büchern über die Bibel als Literatur bieten die beiden folgenden die beste Vertiefung des in diesem Kapitel über die Bibel als Literatur behandelten Materials: Ryken, How to Read the Bible as Literature, Grand Rapids: Zondervan, 1984; and Ryken, Words of Delight: A Literary Introduction to the Bible, Grand Rapids: Baker, 1992.

[4] Flannery O’Connor, Mystery and Manners, New York: Farrar, Straus & Giroux, 1957, S. 73. Kursiva hinzugefügt

[5] Eine hilfreiche Anleitung zum Erkennen literarischer Aspekte in der gesamten Heiligen Schrift ist The Literary Study Bible, English Standard Version, Hrsg. Leland Ryken und Philip Graham Ryken, Wheaton: Crossway, 2020.

[6] Martin Luther, Letter to Eoban Hess,” in Luther’s Correspondence and Other Contemporary Letters, Philadelphia: Lutheran Publication Society, 1918, Bd. 2, S. 177.

[7] Siehe Ryken, How to Read the Bible as Literature and Words of Delight: A Literary Introduction to the Bible.

Leland Ryken ist emeritierter Professor für Englisch am Wheaton College in Wheaton, Illinois. Er war als „literary stilist“ bei der English Standard Version Bible tätig und hat über sechzig Bücher verfasst oder herausgegeben, darunter A Complete Handbook of Literary Forms in the Bible.