Allmächtiger Gott mit liebevollen Absichten

Artikel von John Piper und Tony Reinke
30. Mai 2022 — 6 Min Lesedauer

Anfang Mai ist das Buch Vorsehung von John Piper beim Verlag Verbum Medien erschienen. In einer Ausgabe von „Ask Pastor John“ geht Piper darauf ein, worin der Unterschied zwischen Gottes Vorsehung und seiner Souveränität besteht.


Tony Reinke: Pastor John, im Sommer des vorletzten Jahres hast du ein Buch über die Vorsehung Gottes geschrieben, ein ungefähr 700 Seiten starkes Buch. Manchmal spreche ich davon, dass es ein Buch über die Souveränität Gottes ist. Das führt mich zu der Frage eines Hörers dieses Podcasts: „Ich habe nach Definitionen für die Begriffe ‚Souveränität Gottes‘ und ‚Vorsehung Gottes‘ gesucht, konnte aber nichts Hilfreiches finden, um den Unterschied zwischen den beiden Begriffen zu verstehen. Sind es Synonyme? Was ist darunter zu verstehen?“

John Piper: Das ist eine exzellente Frage, die ich gerne beantworten möchte. Zunächst aber will ich ein paar Worte zur Verwendung von „Definitionen“ äußern, vor allem bei Begriffen, die nicht in der Bibel vorkommen. Das Wort „Vorsehung“ taucht nicht in unseren Bibeln auf. Genauso wenig wie die Begriffe Bibel, Dreieinigkeit, Jüngerschaft, Evangelisation, Auslegung, Seelsorge, Ethik, Politik, Geistesgaben.

Keiner dieser Begriffe kommt direkt in der Bibel vor. Das zeigt, dass die Wirklichkeit, auf die Worte hinweisen, viel wichtiger ist als die Worte selbst. Natürlich sind Worte wertvoll und unerlässlich – und im Fall der Bibel inspiriert und von Gott gegeben. Aber sie sind nur Hinweise auf die Realität dahinter. Und diese Realität ist manchmal derart in der Schrift verwoben, dass es hilfreich sein kann, einen Begriff zu verwenden, der die Fäden der Realität zusammenhält – einem Begriff, der vielleicht nicht in der Bibel steht.

Wie wirkt sich das nun auf die Definitionen für die Begriffe aus, nach denen ich gefragt wurde? Der Begriff Vorsehungwird in keinem bestimmten biblischen Text verwendet, es gibt demnach keine biblische Definition im engeren Sinne. Wir können nicht sagen: „Die Bibel definiert ‚Vorsehung‘ folgendermaßen: ...“ Wir könnten es nur dann sagen, wenn die Bibel das Wort „Vorsehung“ tatsächlich verwenden würde.

Immer wenn wir die Frage stellen nach der Bedeutung eines Begriffs wie Vorsehung, Rechtfertigung, Glaube, usw. stellen, dann muss es auch jemanden geben, der ihn definiert. Nur so kann man von einer Definition sprechen. Nur so kann man überhaupt sagen, dass es dies und nicht jenes bedeutet. Wenn es aber nicht die Autoren der Bibel sind, die Vorsehung definieren, dann muss ich ihm selbst eine Bedeutung zuweisen, sobald ich ihn verwende. Das mache ich direkt im ersten Kapitel meines Buches. Aber das bedeutet nicht, dass dem Begriff eine willkürliche Bedeutung zuweise, zumindest hoffe ich das. Wenn ich das täte, würde mich kein Mensch verstehen. Keiner würde darunter dasselbe verstehen wie ich, weil ich eine Definition gewählt hätte, die so weit hergeholt wäre, dass sie für niemanden Sinn ergäbe. Ich versuche also, mich eng an das zu halten, was andere in der Kirchengeschichte unter Vorsehung verstanden haben. Aber es stimmt schon, dass ich den Begriff definiere.

Du siehst also, was das Reden über die biblische Sicht der Vorsehung mit sich bringt, zumal die Bibel das Wort gar nicht verwendet. Es geht daher – ob in Gesprächen über die Bedeutung von Vorsehung oder in meinem Buch – nicht primär um die Definition des Wortes. Ich habe mich für eine Definition entschieden, die ich in meinem Buch verwende und will sie gerne nennen, weil du mich danach fragst. Die eigentliche Frage lautet: Entspricht das, was ich in der Bibel zu sehen meine und „Vorsehung“ nenne, wirklich der Realität? Darum geht es. Lass es mich noch einmal sagen: Ist das, was ich sehe, in meinem Buch beschreibe und „Vorsehung“ nenne, wirklich in der Bibel enthalten?

Es ist nicht so wichtig, haarspalterisch darüber zu streiten, ob das Wort „Vorsehung“ diese Realität am besten beschreibt. Das ist ziemlich unwichtig. Die alles entscheidende Frage ist doch, ob die Bibel eine Realität beschreibt – was bedeutet, dass es die Wirklichkeit des Universums ist –, die zu meiner Beschreibung des Ziels, des Wesens und des Ausmaßes der Vorsehung Gottes passt.

Allmächtiger Gott mit liebevollen Absichten

Nun zu meinen Antworten auf die Fragen: Nein, Souveränität und Vorsehung sind nicht dasselbe. Gottes Souveränität ist sein Recht und seine Macht, alles zu tun, was er will. „Ich habe erkannt, dass du alles vermagst, und kein Plan für dich unausführbar ist“ (Hiob 42,2). Beachte jedoch, dass in dieser Definition der Souveränität nichts von Gottes Weisheit oder Gottes Plänen enthalten ist, nur Recht und Macht: „Du hast das Recht und die Macht, zu tun, was du willst“. Wenn er etwas tun will, dann tut er es, und niemand kann ihn aufhalten. Das ist „Souveränität“.

„Vorsehung ist weise und zielgerichtete Souveränität.“
 

Um Souveränität also zu einem christlichen und nicht nur zu einem philosophischen Konzept zu machen, müssen wir andere Dinge einbeziehen, die wir aus der Bibel über Gott wissen, wie Weisheit und Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit und Gnade. „Vorsehung“ beinhaltet das, was der Souveränität fehlt. Vorsehung ist, so wie ich das Wort verwende und die meisten Christen vor uns es verwendet haben, Souveränität im Dienste weiser Absichten. Oder man könnte sagen: Vorsehung ist weise und zielgerichtete Souveränität. Da Gottes Absichten in seiner Vorsehung einen solch zentralen Stellenwert einnehmen, habe ich etwa hundertfünfzig Seiten zur Klärung dessen verwendet, was laut Bibel Gottes letztendliche Absichten sind.

Es ist nicht sehr hilfreich, die Bedeutung eines Wortes wie Vorsehung an seiner Etymologie – der Geschichte seiner Wortteile – festzumachen. Wenn man den lateinischen Begriff für Vorsehung – providentia – in seine Bestandteile aufteilt, dann sind die einzelnen Worte pro-vide mehrdeutig. Das Wort kann dann „vorhersehen“, oder „ersehen“ bedeuten. Im Deutschen gibt es die Redewendung „Sieh zu!“. Eine interessante Redewendung, oder? Welche Bedeutung steckt dahinter? Man sagt damit: „Unternimm etwas, um sicherzustellen, dass es geschieht“.

Tatsächlich denke ich, dass dies eine der Formulierungen ist, die hinsichtlich der Taten der Vorsehung Gottes am hilfreichsten ist. Gott „sieht zu“, dass alles geschieht. Gott „sieht zu“, dass absolut alles geschieht, was geschehen muss, um seine Absichten herbeizuführen. „Von Anfang an [verkünde ich] den Ausgang und von alters her, was noch nicht geschehen ist, – der ich spreche: ‚Mein Ratschluss soll zustande kommen, und alles, was mir gefällt, führe ich aus‘“ (Jes 46,10). Anders gesagt: „Ich werde zusehen“. Zusehen – pro-vide. „Ich werde dafür sorgen. Ich werde zusehen, dass alles für die Ziele zusammenwirkt, die ich mit der Welt habe.“

Aus seiner väterlichen Hand

Lass mich mit einem Beispiel aus der Geschichte schließen, das ich wunderschön finde. Es ist die Frage 27 aus dem Heidelberger Katechismus. Sie stammt aus dem Jahr 1563 und lautet: „Was verstehst du unter der Vorsehung Gottes?“ Die Antwort lautet:

„Die allmächtige und gegenwärtige Kraft Gottes, durch die er Himmel und Erde mit allen Geschöpfen wie durch seine Hand noch erhält und so regiert, dass Laub und Gras, Regen und Dürre, fruchtbare und unfruchtbare Jahre, Essen und Trinken, Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut und alles andere uns nicht durch Zufall, sondern aus seiner väterlichen Hand zukommt.“

Das ist eine gute Zusammenfassung der Vorsehung Gottes, nämlich seine weise und zielgerichtete Souveränität.

Tony Reinke ist Journalist, Mitarbeiter von Desiring God, Moderator des Podcasts Ask Pastor John und Autor von 12 Ways Your Phone Is Changing You (dt. Wie dein Smartphone dich verändert), The Joy Project, Newton on the Christian Life und Lit!. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Minneapolis.

John Piper ist leidenschaftlicher Prediger und Professor für Praktische Theologie am Bethlehem College und Seminar in Minneapolis, Minnesota (USA). Er hat viele Bücher verfasst, von denen viele auch in deutscher Sprache erhältlich sind.