Missions By The Book

Rezension von Benjamin Tissen
2. Juni 2022 — 7 Min Lesedauer

Es war 2019 in Pakistan, als ich mit einem dort lebenden Missionar ins Gespräch über Gemeinde, Evangelisation und Theologie kam. Ich habe großen Respekt vor dem Eifer, der Leidensbereitschaft und der Erfahrung dieses Mannes. Schnell wurde allerdings klar, dass wir sehr unterschiedliche Vorstellungen zum Thema Mission und Gemeinde hatten. Er versuchte mich davon zu überzeugen, dass meine traditionelle Vorstellung von Gemeinde „westlich“ sei und in Ländern wie Pakistan nicht funktioniere. Durch seine kritischen Fragen verunsichert, fing ich an zu zweifeln und fragte mich, wer von uns beiden falsch lag.

Ein Jahr darauf flog ich nach Mexiko, um mir die Missionsschule Radius International anzuschauen. Dieser Besuch war eines der prägendsten Erlebnisse in den letzten Jahren. Dort begegnete ich zum ersten Mal Chad Vegas, einem der Gründungsmitglieder von Radius. Chad Vegas ist zusammen mit Alex Kocman, Co-Host von „The Missions Podcast“, Autor von Missions By The Book, einem Buch, das schon lange überfällig war angesichts der aktuellen Verwirrungen und Entwicklungen in der Missionswelt.

Ein längst überfälliges Buch

Ich bin jetzt schon seit einigen Jahren in Kontakt mit verschiedenen Missionaren und Missionsgesellschaften und habe mich immer wieder gefragt, warum es so viele Missionare gibt, die nicht sehr theologisch, und so viele Theologen, die nicht sehr missionarisch sind. Warum ist die Kombination von beidem so selten?

Die Autoren haben die gleichen Bedenken. Ihr Buch ist ein klarer Appell, dass Theologie und Praxis und damit auch Theologie und Mission untrennbar zusammengehören. So schreiben sie:

„Wir haben eine Krise in evangelikaler Mission. Eine große Kluft trennt den Bereich der Theologie und die Welt der Mission.“ (S. 2)

Und weiter, über den Hauptpunkt des Buches, sagen sie:

„Die zentrale Behauptung dieses Buches ist, dass christliche Lehre und Methodik in der Mission zusammengehören.“ (S. 5)

Theologie von Mission zu trennen, führt zu Pragmatismus und Verwässerung des Evangeliums auf der einen und trockenem Dogmatismus und Intellektualität auf der anderen Seite. Wir brauchen beides: Theologie und Mission!

„Theologie von Mission zu trennen, führt zu Pragmatismus und Verwässerung des Evangeliums auf der einen und trockenem Dogmatismus und Intellektualität auf der anderen Seite. Wir brauchen beides: Theologie und Mission!“
 

So beginnen die beiden den ersten Teil des Buches damit, zu zeigen, dass das Wort Gottes die Grundlage und Autorität für Mission ist. Auch erläutern sie die Rolle des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geists in der Mission. Im mittleren Teil schreiben sie über die Gemeinde und ihren Auftrag, das Evangelium unter allen Völkern zu verkünden. Den letzten Teil des Buches widmen sie der Kraft der gewöhnlichen Evangeliumsverkündigung, dem Lohn der Mission und der Person des Missionars.

Kritisch, aber nicht polemisch

Gerade in der evangelikalen Missionslandschaft liegt der Fokus aktuell sehr stark auf schnellem Wachstum und Multiplikation, was an sich auch sehr wünschenswert ist. Die Kehrseite ist allerdings oft, dass Missionare ausgesandt werden, die charakterlich und lehrmäßig unqualifiziert sind. Das kann oft zu pragmatischen Methoden und fragwürdigen Lehren führen.

Im Verlauf des Buches sprechen die Autoren einige dieser missiologischen Methoden an (etwa das Disciplemaking Movement oder das Insider Movement) und zeigen ihre Schwachstellen auf. Diese Strategien zielen darauf ab, das Evangelium unter unerreichten Volksgruppen rasch zu verbreiten und schnelle Erfolge zu erzielen.

Meiner Meinung nach schaffen Chad Vegas und Alex Kocman es sehr gut, diese verschiedenen Trends in der Mission zu bewerten und zu kritisieren, ohne dabei polemisch oder extrem zu werden. Immer wieder betonen sie, dass sie das Anliegen und den Eifer der Missionare schätzen, dass es allerdings auch wichtig ist, biblisch zu sein (Was sagt das Wort?) und nicht pragmatisch (Was funktioniert?).

Ein besserer Ansatz

Dabei ist der Hauptteil des Buches nicht kritisch und korrigierend, sondern positiv und aufbauend. Die Verfasser argumentieren, dass Gott uns in seinem Wort nicht nur die Botschaft gegeben hat, die wir vermitteln sollen, sondern auch die Methode, wie wir diese Botschaft weitergeben sollen (vgl. S. 17).

„Gott hat uns in seinem Wort nicht nur die Botschaft gegeben, die wir vermitteln sollen, sondern auch die Methode, wie wir diese Botschaft weitergeben sollen.“
 

Diese Methode ist die „autoritative“ Verkündigung des Evangeliums, wie sie schon Paulus und die Apostel praktiziert haben. Die Autoren beschreiben sie folgendermaßen:

„Predige das Evangelium und versammle Jünger zu lokalen Gemeinden mit qualifizierten Ältesten.“ (S. 101)

Das Ziel der Mission ist die Gründung von selbstständigen Ortsgemeinden, die Gott verherrlichen. Die Mittel dafür sind die gewöhnlichen Gnadenmittel, wie sie schon der Westminster Katechismus beschreibt: die Predigt des Wortes, das Gebet und die Verwaltung der Sakramente (vgl. S. 46).

Dabei sind sie nicht stumpf theologisch, sondern sprechen über die Wichtigkeit von gutem Sprach- und Kulturverständnis (vgl. S. 104), schneiden soziologische Themen wie Schuld- und Schamkulturen an (vgl. S. 36) und plädieren für eine gesunde Kontextualisierung (vgl. S. 80).

Eine große Stärke des Buches ist, dass es eine gute, solide theologische Grundlage legt – nicht nur für Mission, sondern für das christliche Leben allgemein. Die Autoren stehen in der reformatorischen Tradition und beziehen sich im Laufe des Buches immer wieder auf das baptistische Londoner Glaubensbekenntnis von 1689, was an zahlreichen Zitaten und Verweisen deutlich wird. Sie haben eine sehr hohe Sicht vom Wort Gottes und erinnern immer wieder daran, dass die Frage im Gemeindebau nicht ist, was ‘funktioniert’ und was Gott kann, sondern was er angeordnet und geboten hat (vgl. S. 53).

Sehr gute Einführung in Missiologie

Missions By The Book ist eine großartige Einführung in Missiologie. Ich bezeichne das Buch als Einführung, weil auf 150 Seiten nur beschränkt ein so großes, umfangreiches und umstrittenes Thema behandelt werden kann. Allerdings haben die Autoren sehr hilfreiche Fußnoten mit vielen Verweisen zu weiterführenden Ressourcen und Büchern eingefügt, die dem interessierten Leser weiterhelfen werden. Außerdem schließen sie jedes Kapitel mit einer Liste von sehr guten Fragen, die zum weiteren Studium und Nachdenken anregen sollen.

„Die Frage im Gemeindebau ist nicht, was ‘funktioniert’ und was Gott kann, sondern was er angeordnet und geboten hat.“
 

Das Buch ist recht einfach zu lesen, auch für Leute, die sonst nicht so viel in Englisch lesen. Es eignet sich besonders gut für Pastoren, Missionare und alle anderen Christen, die sich mit dem Thema Mission näher auseinandersetzen wollen. Es bietet sich sehr gut zum Selbststudium an, kann aber auch als Leitfaden dienen, um sich als Gemeindeleitung oder Missionswerk zu bestimmten Themen und Fragen der Mission Gedanken zu machen. Ich bin überzeugt, dass es sich zu einem Standardwerk im Bereich der Missiologie entwickeln wird.

Ein Kritikpunkt ist meiner Meinung nach die Frage nach der Aktualität einiger aufgeführter Methoden: Pragmatismus ist mit Sicherheit immer noch ein Problem, aber einige der erwähnten und kritisierten extremen Kontextualisierungsmethoden scheinen mir überholt und nicht mehr sehr weit verbreitet zu sein. Beim Lesen könnte allerdings schnell der Eindruck entstehen, dass die meisten oder zumindest viele Missionare diese Methoden praktizieren, was sich jedoch nicht mit meinen Beobachtungen deckt.

Klare Leseempfehlung

Als ich vor ein paar Monaten von der Neuerscheinung des Buches hörte, habe ich mich sehr gefreut, dass endlich aus reformatorisch-theologischer Sicht zum Thema Mission geschrieben wird. Und ich wurde nicht enttäuscht. Das Buch ist sehr einfach, aber tief und überzeugend geschrieben und macht seinem Untertitel alle Ehre: Es zeigt wunderbar auf, wie Mission und Theologie zusammengehen können und sollen. Es hat mich noch einmal mehr davon überzeugt, dass viele Missionare, so wie mein Bekannter aus Pakistan, zu schnell damit sind, etwas als ‚westlich‘ abzutun, was in der Tat einfach biblisch ist.

Ich hoffe, dass Missions By The Book nicht dazu führt, dass Missionare, Pastoren und Theologen einander bekämpfen und kritisieren, sondern das Gespräch suchen, gemeinsam um Wahrheit ringen und das Wort Gottes studieren: Damit der Missionsauftrag wieder zurück in die Hände der Ortsgemeinden gelegt wird und mehr Missionare ausgesandt werden, die treu in gottesfürchtigem Leben und gesunder Lehre ausharren.

Buch

Chad Vegas, Alex Kocman, Missions By The Book: : How Theology and Missions Walk Together, Founders Press, 2022, 186 S., ca. 17,21 Euro.