Ausgewogen leiten in unausgewogenen Zeiten

Artikel von Daniel Knoll
20. Mai 2022 — 8 Min Lesedauer

Wir erleben eine Zeit, in der Meinungen zunehmend radikaler werden. Meinungsbildung geschieht dabei oft nicht durch ruhiges Abwägen von Argumenten, sondern häufig durch eine medial erzeugte Flut von Emotionen, die sich oft aus einseitigen Quellen speist. Die dadurch entstehende Polarisierung macht auch vor Gemeinden nicht Halt. Manche Christen fühlen sich bisweilen mehr mit Menschen verbunden, die politische Überzeugungen teilen, als mit denen, die biblische Überzeugungen teilen. In diesem Zusammenhang sprach der ehemalige Pastor Tim Keller kürzlich von einer aktuellen Krise in der Kirche, die mit nichts zu vergleichen sei, das er selbst in seinen langen Dienstjahren je erlebt habe.[1] Christliche Leiter sind herausgefordert, einen guten Umgang mit dieser Krise zu finden. Das betrifft in besonderer Weise Pastoren, aber auch jeden, der irgendwo sonst Verantwortung für andere wahrnimmt. Eine wichtige Antwort auf die vielen unausgewogenen Ansichten und Forderungen, die täglich an uns herangetragen werden, lautet: Ausgewogenheit.

Um es gleich vorwegzunehmen: Bei einigen führt selbst die Ausgewogenheit zu einer gewissen Unausgewogenheit. Ausgewogenheit kann zur Ausrede werden, wenn uns die Lehre von Gottes Heiligkeit, die Autorität der Bibel oder der ethische Anspruch von Jesus zu unbequem ist. Ausgewogenheit kann aber auch zum Feindbild werden, wenn es als Inkonsequenz ausgelegt wird, verschiedene Meinungen nebeneinander stehenzulassen.

Ausgewogenheit als Feindbild ist genauso problematisch wie Ausgewogenheit als Ausrede. Dabei verstehe ich unter Ausgewogenheit nicht das Streben nach der vermeintlich goldenen Mitte, sondern nach einer biblisch begründbaren Vielseitigkeit. Die finden wir tatsächlich bereits bei Jesus selbst.

I. Jesus repräsentieren

Jesus ist alles andere als einseitig. Er zeigt sich als „sanftmütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,29) unmittelbar nach einer deftigen Drohrede über diejenigen, die nicht bereit sind, ihre Sünde zu bereuen (vgl. Mt 11,20–24). Seine Sanftmut und Demut gingen nicht auf Kosten von Klarheit und Direktheit. Er erscheint als Löwe und als Lamm (vgl. Offb 5,5–6). Wir brauchen ihn als Lamm, das unsere Schuld trägt und voller Mitgefühl für uns eintritt – aber auch als Löwen, der Gottes Heiligkeit verteidigt und Sünde richtet. Die Psalmen beschreiben ihn als guten Hirten (vgl. Ps 23) und als Ehrfurcht gebietenden König (vgl. Ps 2). Die Propheten erwarten ihn als leidenden Knecht (vgl. Jes 53) und als mächtigen Herrscher (vgl. Dan 7,14).

„Der Blick auf das Kreuz hilft, als Leiter ausgewogen zu bleiben und Jesus zu repräsentieren: Dort hängt Christus als Opfer und als Sieger zugleich, als Inbegriff von Gottes Gerechtigkeit und von Gottes Gnade.“
 

Es kann leicht passieren, dass wir eine Seite von Jesus mehr betonen als die andere. Vielleicht, weil wir von unserem eigenen Charakter her stärker zu dieser Seite neigen – oder weil wir die Bibel zu einseitig lesen. Welche Seite also ist wichtiger? Sollen christliche Leiter vor allem sanftmütig sein? Oder vor allem kompromisslos? Sollen sie sich besonders für den Einzelnen aufopfern? Oder zielstrebig vorangehen, um weitere Menschen zu erreichen? Tatsächlich vereinte Jesus beide Seiten, indem er in verschiedenen Situationen unterschiedlich handelte und redete. Hier haben wir viel Weisheit zu lernen. Gerade der Blick auf das Kreuz hilft, als Leiter ausgewogen zu bleiben und Jesus zu repräsentieren: Dort hängt Christus als Opfer und als Sieger zugleich, als Inbegriff von Gottes Gerechtigkeit und von Gottes Gnade. Aber was bedeutet das praktisch?

II. Gegensätze verbinden

Tim Elmore hat in seinem Buch Eight Paradoxes of Great Leadership scheinbar widersprüchliche Eigenschaften gegenübergestellt, die in guten Leitern sichtbar werden sollten.[2] Christliche Leiter können davon einiges lernen. Drei Beispiele:

1. Überzeugung und Demut

Überzeugung ohne Demut kann gefährlich werden, wenn die Bereitschaft fehlt, sich korrigieren zu lassen. Demut darf jedoch nicht davon abhalten, unserer Überzeugung gemäß zu leiten. Leiter brauchen beides. Gerade dann, wenn es um Gottes Reich geht.

2. Zeitgemäß und zeitlos

Wer ausschließlich zeitlos und konservativ sein will, wird die Menschen unserer Zeit kaum erreichen. Wer immer nur zeitgemäß sein will, läuft Gefahr, biblische Überzeugungen leichtfertig über Bord zu werfen. Immer wieder neu abzuwägen, was bleiben sollte und was verändert werden muss, ist aufwendig, aber wichtig.

3. Hohe Standards und Barmherzigkeit

Barmherzigkeit darf nie zum Deckmantel mangelnder Vorbereitung werden. Es ist angemessen, nach Exzellenz zu streben, wenn es um Gott geht. So ist z.B. die Vorbereitung eines Gottesdienstes ein Höchstmaß an Gründlichkeit wert. Wenn aber dennoch die Technik versagt oder die Predigt ein paar holprige Stellen enthält, ist es wichtig, barmherzig zu sein: Es geht nicht um Perfektion, sondern um Gott.

Ein ausgewogener Leiter zu sein, fordert kritische Selbstreflexion und ständige Bereitschaft zur Veränderung – besonders dort, wo wir von unserer Persönlichkeit her zu einer bestimmten Seite neigen. Das Bemühen darum, vielseitige Eigenschaften zu vereinen, ist aber auch eine wichtige Voraussetzung dafür, ausgewogen auf die vielseitigen Herausforderungen zu reagieren.

III. Vielseitig reagieren

Ausgewogenheit spiegelt auch die Überzeugung wider, dass Wahrheit, Sicherheit und Weisheit nicht immer nur auf einer Seite zu finden sind – genauso wenig wie Unwahrheit, Gefahr und Dummheit. Leider widerspricht diese Überzeugung unserer natürlichen Neigung. Wir tendieren dazu, Gefahren grundsätzlich aus einer Richtung kommen zu sehen. Darum bezeichnen manche immer wieder bestimmte Themen als „die Herausforderung unserer Zeit“ und bestimmte Antworten als „die notwendige Reaktion“ darauf.

„Vielseitige Herausforderungen fordern vielseitige Reaktionen. Darum brauchen wir keine pauschale Antwort, sondern ein Spektrum an biblischen Antworten für unterschiedliche Situationen.“
 

Trevin Wax hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Herausforderungen, auf die christliche Leiter zu reagieren haben, aus verschiedenen Richtungen kommen.[3] Leiter, die eher konservativ geprägt sind, sehen schneller die Gefahr, weltlicher und liberaler zu werden. Leiter, die eher progressiv orientiert sind, sehen sie womöglich besonders in Gesetzlichkeit und Abschottung. In der Bibel finden wir beide Seiten: Den Auftrag, Gottes Werte zu bewahren und die Anweisung, in diese Welt hineinzuwirken. Genauso wie die Warnung davor, uns den Trends dieser Welt anzupassen und die Aufforderung, unser Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Vielseitige Herausforderungen fordern vielseitige Reaktionen. Darum brauchen wir keine pauschale Antwort, sondern ein Spektrum an biblischen Antworten für unterschiedliche Situationen. Paulus‘ Aufforderung in 1. Thessalonicher 5,14 zeigt das sehr anschaulich:

„Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, nehmt euch der Schwachen an, seid langmütig gegen alle.“

Manchmal ist Zurechtweisung nötig, in anderen Fällen Trost. Einige brauchen Hilfe, alle brauchen unsere Geduld. Immer wieder neu anhand der Bibel zu durchdenken, was in einer bestimmten Situation weise ist, ist nicht nur aufwendiger, sondern wirkt zunächst vielleicht sogar weniger konsequent als immer nach demselben Muster zu handeln. Langfristig fördert es aber eine gesunde Ausgewogenheit – auch in anderen.

IV. Ausgewogenheit prägen

Christliche Leiter können eine biblisch begründete Ausgewogenheit prägen, wenn sie das Ringen um Ausgewogenheit auch zeigen. Einige praktische Vorschläge – besonders für Pastoren:

  • Lies die ganze Bibel. Regelmäßig. Einschließlich der Texte, die dich langweilen, die du auswendig kennst oder die dein Gottesbild herausfordern.
  • Lies Bücher von Theologen und Leitern, die andere Überzeugungen haben als du. In einer mündigen Gemeinde ist es keine Gefahr, wenn sich in den Bücherregalen der Pastoren auch Bücher mit anderen Meinungen finden.
  • Lehre und predige auch über herausfordernde Bibeltexte und Themen. Predigtserien durch ganze Bibelbücher können vor einer zu einseitigen Auswahl bewahren.
  • Zeige der Gemeinde, dass verschiedene Meinungen unter Christen möglich sind. Ich habe schon in Predigten darauf hingewiesen, dass wir in unserer Gemeinde gemeinsam Gott anbeten können, selbst wenn wir nicht alle dasselbe Verständnis von Erwählung haben, dass wir Pastoren verschiedene Meinungen zum Thema Wiederheirat haben oder dass wir als Christen zu den meisten politischen Themen unterschiedlicher Ansicht sein können.
  • Lass dir Zeit damit, dir eine Meinung zu bilden. Man muss nicht zu allem eine Meinung haben. Schon gar nicht innerhalb von 24 Stunden. Es ist gut, wenn auch einmal erkennbar ist, dass du noch keine abgeschlossene Meinung zu einem bestimmten Thema hast.
  • Vermittle eine Wertschätzung für wissenschaftliche Forschung – insbesondere für wissenschaftliche Theologie. Gott redet persönlich, klar und einfach durch die Bibel zu uns. Aber ein gründliches Bibelverständnis ist zugleich immer das Ergebnis von harter Arbeit, Einbeziehung verschiedener Perspektiven und Korrektur vorläufiger Textverständnisse. Es ist wertvoll, wenn Christen Gottes Wort vertrauen, ohne es sich bei komplexen Themen mit „Entweder-oder“-Kategorien zu einfach zu machen.
„Man muss nicht zu allem eine Meinung haben. Schon gar nicht innerhalb von 24 Stunden.“
 

Ja, wir leben in Zeiten zunehmender Radikalisierung und Polarisierung. Wäre es nicht schön, wenn ausgewogene Leitung dazu beiträgt, dass Christen gemeinsam die Kraft des Evangeliums demonstrieren, statt die Zersplitterung der Gesellschaft widerzuspiegeln? Wenn mehr Gemeinden gegründet werden als gespaltet? Wenn es mehr ausdrückliche Wertschätzung gibt als öffentliche Streitgespräche? Wenn der Kampf darum, Menschen für die wichtigste Botschaft überhaupt zu gewinnen, wichtiger bleibt als der Kampf darum, in nebensächlichen Themen Recht zu behalten?

Was kurzfristig immer wieder anstrengend ist, kann sich langfristig als segensreich erweisen: Ausgewogen zu leiten in unausgewogenen Zeiten.


[1] Sophia Lee und Tim Keller, Handling a hostile culture: Assessing how the Church is responding to shifting cultural pressures, online unter: https://wng.org/articles/handling-a-hostile-culture-1640586880?fbclid=IwAR0YfWRiFdEw5EzdO5Af3lDA46UYQNaTJBANq9u_gu8acPE2De1tq9VkL-A (Stand: 01.01.2022).

[2] Tim Elmore, Eight Paradoxes of Great Leadership: Embracing the Conflicting Demands of Today’s Workplace, New York: HarperCollins Leadership, 2021.

[3] Trevin Wax, The Multi-Directional Leader: Responding Wisely to Challenges from Every Side, Austin: TGC, 2021.

Daniel Knoll ist Pastor der Immanuel-Gemeinde in Wetzlar. Er hat mehrere Jahre als Projektmanager in der freien Wirtschaft gearbeitet, bevor er Theologie in Gießen, Wheaton und Leuven studierte. Er ist verheiratet mit Andrea und hat vier Kinder.