Gottes Wort für unsere Welt

Rezension von Eric Sollberger
19. Mai 2022 — 6 Min Lesedauer

Grundsätzlich ist es so: Wenn ich ein theologisches Sachbuch im Umfang von rund 60 Seiten in die Hand bekomme, bin ich geneigt, es wieder zur Seite zu legen. „Das kann sich doch nur um eine oberflächliche Behandlung des Themas handeln“, ist mein erster Gedanke. Ist der Autor aber der bekannte Prediger John Stott (1921–2011), dann muss man dem Buch eine Chance geben. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um eines dieser raren Bücher handelt, welche mit wenigen Worten doch tiefgreifende Wahrheiten ausdrücken können.

Gottes Wort für unsere Welt ist da keine Ausnahme. Die Rückseite formuliert das Anliegen des Buches folgendermaßen:

„Nichts ist wichtiger, als das Wort Gottes zu hören, es zu verstehen und ihm zu gehorchen. Nur durch Gottes Wort können wir persönlich und in unseren Gemeinden Leben und gesundes Wachstum erfahren.“

Natürlich passt dieses Thema auch sehr gut zum Herausgeber Langham Preaching Resources, welcher sich auf die Fahnen geschrieben hat, auf der ganzen Welt Bewegungen zur treuen, relevanten und klaren Verkündigung der Bibel zu unterstützen.

Die Bibel selbst sprechen lassen

Der Text ist in fünf Kapitel unterteilt. Jedes Kapitel nimmt einen Bibeltext als Grundlage, um das Thema zu behandeln. Auch da ist Stott konsequent. Methodisch entfaltet er seine Gedanken aus dem Bibeltext selbst – lässt das Wort Gottes selbst sprechen. Dabei gelingt es ihm immer wieder, die Hauptgedanken klar und einfach herauszuschälen und zum Schluss des Kapitels noch einmal kurz und bündig zusammenzufassen. Man spürt ihm die große Vertrautheit mit dem Wort Gottes ab.

Eine Kostprobe? Im ersten Kapitel „Gott und die Bibel“ legt Stott Jesaja 55,8–11 aus und entnimmt dem Text drei Dinge.

  • Die Verse 8 und 9 lehren uns erstens, dass Gottes Gedanken nicht unsere Gedanken sind und dass es daher unerlässlich ist, dass Gott sich uns offenbart.
  • Zweitens müssen wir uns Rechenschaft darüber geben, wie Gott redet. So lehren die Verse 10 und 11, dass der Regen vom Himmel fällt und die Erde befruchtet und die Natur sprießen lässt. Ganz ähnlich ist es mit dem Wort Gottes: Es „fällt“ ebenfalls vom Himmel, denn der Schöpfer hat gesprochen. Er hat sich offenbart und uns seinen Willen kundgetan. Welch ein Vorrecht!
  • Damit ist Stott aber noch nicht fertig. Die Frage steht im Raum, warum denn Gott gesprochen hat. Wie der Regen seinen Zweck erfüllt und die Erde fruchtbar macht, so erfüllt auch das Wort Gottes seinen Zweck und lehrt nicht nur die Wahrheit, sondern rettet uns. Es ist eben „Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt“ (Röm 1,16).

Ein weiter Weg bis in unser Herz

Im Kapitel „Jesus und die Bibel“ erfahren wir, dass die wichtigste Funktion der Schrift darin besteht, Zeugnis von Jesus Christus abzulegen: „[D]as geschriebene Wort weist auf das lebendige Wort hin und sagt uns: ‚Geht zu Jesusֹ‘“ (S. 15). Gleichzeitig legt aber auch Jesus Zeugnis über die Heilige Schrift ab. Er bestätigt das Alte Testament und ebnet den Weg für das Niederschreiben des Neuen Testaments.

„Die wichtigste Funktion der Schrift besteht darin, Zeugnis von Jesus Christus abzulegen.“
 

Mit den zwei bisherigen Kapitelüberschriften sollte nun klar sein, wie es weitergeht, denn die „beste Definition der Bibel ist auch trinitarisch: ‚Die Bibel ist das Zeugnis des Vaters über den Sohn durch den Heiligen Geist‘“ (S. 25). So untersucht Stott hier die Rolle des Heiligen Geistes im Prozess der Offenbarung, wobei er vier Phasen unterscheidet: Der Heilige Geist ergründet die Tiefen Gottes, offenbart diese seinen Propheten und Aposteln, wacht über der Niederschreibung dieser Offenbarung (was wir „Verbalinspiration“ nennen) und erleuchtet dann unseren Verstand, damit wir diese Wahrheiten auch erfassen können. Die Wahrheit muss einen weiten Weg zurücklegen, bis sie unser Herz erreichen kann. Gott sei Dank für seinen Heiligen Geist, der uns in alle Wahrheit führt.

Die Gemeinde und das Wort Gottes

Wem das noch zu wenig praktisch war, der wird in den letzten zwei Kapiteln fündig. Im vierten Kapitel zeigt Stott zwei Zusammenhänge anhand zweier Bibelstellen auf: Einerseits ist die Wahrheit der Bibel gemäß Epheser 2,20 die Grundlage für das „Gebäude“ der Gemeinde. Gleichzeitig ist gemäß 1. Timotheus 3,15 die Gemeinde auch das Fundament und die Säule der Wahrheit. Trägt nun die Wahrheit die Gemeinde oder die Gemeinde die Wahrheit?

„Die Wahrheit muss einen weiten Weg zurücklegen, bis sie unser Herz erreichen kann. Gott sei Dank für seinen Heiligen Geist, der uns in alle Wahrheit führt.“
 

Die Gemeinde ist von der Wahrheit der Bibel abhängig. Sie hält die Gemeinde am Leben, weist ihr den Weg, bringt sie zurück auf den Weg (Reformation) und schafft Einheit im Volk Gottes. Die Wahrheit der Bibel ist aber in einem gewissen Sinne auch „abhängig“ von der Gemeinde, denn diese ist dazu berufen, ihre Wahrheiten zu verbreiten und zu verteidigen. Das ist kein Widerspruch, sondern wunderbare Ergänzung.

Die Bibel für unser Wachstum

Zum Abschluss geht es um „Die Gläubigen und die Bibel“. Stott betont hier, wie wichtig das Lesen der Bibel ist, um im Glauben wachsen zu können. Anhand der Geschichte von der Fußwaschung in Johannes 13 erläutert er die Bedeutung der Bibel für die Jüngerschaft. In der Fußwaschung sieht er ein Bild für die Selbsterniedrigung von Jesus: Er legte seine Herrlichkeit ab, wurde Mensch wie wir und lehrte dadurch seine Jünger etwas über sich selbst. Als Petrus nicht zulassen wollte, dass sein Meister ihm die Füße wusch, erwuchs daraus eine Lektion über Sündenvergebung. Schlussendlich gab es noch eine praktische Lektion: Genauso wie Jesus ihnen die Füße gewaschen hatte, sollten auch sie einander dienen. Um es in den Worten des Autors zusammenzufassen:

„Er lehrte drei Lektionen, die drei Reaktionen verlangten. Indem er ihnen sich selbst offenbarte, forderte er ihre Anbetung heraus. Indem er ihnen Erlösung versprach, forderte er ihr Vertrauen heraus. Indem er ihnen das Gebot gab, einander zu lieben, forderte er ihren Gehorsam heraus.“ (S. 52)

Wie sollen wir ihn aber anbeten, wenn wir ihn nicht kennen? Wie können wir ihm vertrauen, wenn wir seine Verheißungen nicht kennen? Wie ihm gehorchen, wenn er uns nicht seinen Willen offenbart? Daher ist die Bibel einfach unverzichtbar. Wir sollten sie täglich studieren und dabei wie Samuel beten: „Rede, Herr, denn dein Knecht hört!“ (1Sam 3,10).

„Wie sollen wir ihn aber anbeten, wenn wir ihn nicht kennen? Wie können wir ihm vertrauen, wenn wir seine Verheißungen nicht kennen? Wie ihm gehorchen, wenn er uns nicht seinen Willen offenbart? Daher ist die Bibel einfach unverzichtbar.“
 

Eine Universalempfehlung

Das Buch ist äußerst relevant, nimmt doch seit Jahren die Bibelkenntnis unter Christen rapide ab. John Stott ist es gelungen, das Thema sehr fundiert darzulegen, dabei aber nie den Blick für den Laien zu verlieren. Das Buch eignet sich daher hervorragend zum Weitergeben, wäre aber auch eine gute Grundlage für eine kleine Predigtserie in der Gemeinde. Und warum nicht eine Kleingruppe starten und gleich von Beginn an die Bedeutung der Bibel herausstellen? Möge dieses kleine Buch weite Verbreitung finden.

Buch

John Stott, Gottes Wort für unsere Welt. Langham, 2021. 76 Seiten, ca. 13,43 Euro.

Eric Sollberger ist Pastor in einer Freikirche in der Nähe von Winterthur (Schweiz). Er ist mit Karin verheiratet, gemeinsam haben sie vier Kinder.