Traumatisierten Kindern helfen

Artikel von Justin Holcomb und Lindsey Holcomb
9. Mai 2022 — 8 Min Lesedauer

Kinder können durch eine Vielzahl von Erfahrungen traumatisiert werden. Dazu gehören unter anderem Vernachlässigung, körperliche Misshandlung, sexueller oder psychischer Missbrauch, der Tod eines geliebten Menschen, Mobbing, Traumata durch Rassismuserfahrungen und Krankheit. Laut der amerikanischen Substance Abuse and Mental Health Services Administration (SAMHSA) entsteht ein Trauma durch

„ein Ereignis, eine Reihe von Ereignissen oder eine Konstellation von Umständen, die von der Person als physisch oder emotional schädigend oder als lebensbedrohlich erfahren werden, und die dauerhaft beeinträchtigende Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit und das mentale, körperliche, soziale, emotionale oder spirituelle Wohlbefinden der Person haben.“[1]

Mit einer einfühlsamen Haltung können Eltern oder Betreuer Kindern nach traumatischen Erlebnissen helfen, Heilung zu finden. Wenn Kindern das Gefühl vermittelt wird, in eine Gemeinschaft eingebunden und geliebt zu sein, wenn sie die Möglichkeit bekommen, ihre Gefühle auszudrücken, wenn die nötige professionelle Betreuung ermöglicht und wenn ihnen bei Verhaltensauffälligkeiten Geduld entgegengebracht wird, dann kann all dies für Kinder eine große Hilfe auf dem Weg zur Heilung sein.

Unser Mitleiden und Gottes Mitleiden

Das Wissen, dass Gott ihr Leiden sieht, sich der Dinge annimmt und ihren Schmerz versteht, wird traumatisierten Kindern bei der Heilung helfen. Wir können sie daran erinnern, dass eines Tages aller Schmerz und alles Leid ein Ende hat. Dies kann ihre Gedanken von der Angst vor künftigen Traumata weglenken hin auf den Frieden und die Freude, die für die Zukunft verheißen sind.

„Das Wissen, dass Gott ihr Leiden sieht, sich der Dinge annimmt und ihren Schmerz versteht, wird traumatisierten Kindern bei der Heilung helfen.“
 

Unsere Betroffenheit und unser Erschrecken über die vielen Arten, wie Kinder ein Trauma erleiden können, sollten uns motivieren, uns um diese Kinder zu kümmern, ihnen Gottes Liebe auf spürbare Weise zu zeigen und sie zu beschützen. Gott liebt Kinder und hat ein großes Anliegen für sie. Das sollte uns anspornen, es ihm in seiner liebevollen Fürsorge gleichzutun und ihnen Hoffnung und das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln.

Wie schön wäre es, wenn Kinder, die Trauma-Erfahrungen gemacht haben, in ihren Familien und Gemeinden Heilung und Hoffnung erfahren würden. Ein Bericht des SAMHS erläutert:

„Die Art und Weise, wie eine Gemeinschaft mit einem individuellen Trauma umgeht, legt die Grundlage für den Einfluss des traumatischen Ereignisses, für dessen Wahrnehmung und Folgen. Eine Gemeinschaft, die einen Rahmen des Verstehens und der Selbstbestimmung bietet, kann den Heilungs- und Wiederherstellungsprozess des Einzelnen begünstigen. Auf der anderen Seite kann eine Gemeinschaft, in der die Auswirkungen des Traumas verdrängt, ignoriert oder missverstanden werden, oftmals retraumatisierend sein und den Heilungsprozess behindern. Menschen können durch eben die Personen retraumatisiert werden, die ihnen helfen wollen.“[2]

Praktische Hilfestellungen

Die speziellen Maßnahmen, die Kinder jeweils benötigen, werden zwar von Kind zu Kind unterschiedlich sein. Dennoch gibt es eine Fülle von allgemeinen Tipps, wie Eltern und Betreuer mit diesen Kindern auf gute Weise umgehen und sie bei der Heilung unterstützen können. Die folgenden Empfehlungen beziehen sich auf Situationen, in denen die traumatische Erfahrung vorüber ist und die Kinder sich in einer ausreichend sicheren Umgebung befinden.

  • Gib den Kindern Sicherheit und bestätige ihnen, dass sie in Sicherheit sind. Lass sie an konkreten Beispielen sehen, was du unternimmst, um sie zu Hause oder in der Schule zu schützen. Das kann bedeuten, sie jeden Tag zu ihrem Klassenzimmer zu begleiten; in Hörweite zu bleiben, wann immer du zu Hause bist; sie im Blick zu behalten, wenn sie draußen spielen, damit sie nicht alleine sind; am Schuleingang oder an der Bushaltestelle zu warten, um sie abzuholen.
  • Hilf den Kindern, sich integriert und geliebt zu fühlen. Sage und zeige ihnen, dass du sie liebst und dass du dein Bestes tun wirst, dich um sie zu kümmern. Dazu gehört auch, emotional und physisch für sie da zu sein (Umarmungen, gemeinsame Zeit als Familie). Versichere den Kindern, dass es normal ist, nach einem traumatischen Ereignis viele unterschiedliche oder starke Gefühle zu haben.
  • Lass die Kinder wissen, dass das, was passiert ist, nicht ihre Schuld war, und sei ein aufmerksamer und unvoreingenommener Zuhörer. Erlaube den Kindern, ihre Erfahrung zu verarbeiten und ihre Gefühle auszudrücken. Das kann bedeuten, den Kindern dabei zu helfen, Worte zu finden, oder sie zu ermutigen, sich auf andere Weise durch Reden, Schreiben, Spielen, Musik oder sonstige Aktivitäten auszudrücken. Sei den Gefühlen der Kinder gegenüber nicht abweisend und rede ihnen auch nicht ein, dass sie einfach über das traumatische Ereignis hinwegkommen sollten.
  • Bete mit den Kindern. Wir haben in Jesus Christus einen großen Hohenpriester, der mit uns mitleidet (vgl. Hebr 4,14–16). Deshalb können wir beten und Gott bitten, dass er handelt, heilt, tröstet, für Gerechtigkeit sorgt, die Dinge in Ordnung bringt und vieles mehr. Dies greift die Traurigkeit und den Schaden des Traumas wie auch unsere Hoffnung und Zuversicht auf, dass Gott erhören und helfen wird.
  • Sorge dafür, dass die Kinder bei Bedarf professionelle Hilfe bekommen. Dazu gehören Therapeuten, Mitarbeiter des Jugendamts oder sozialpsychiatrischer Dienste, Anwälte für Opferzeugen, Schulpsychologen oder Sozialarbeiter.
  • Kümmere dich darum, dass eine offizielle Ermittlung eingeleitet wird, falls das angebracht ist. Das beinhaltet, die Behörden zu informieren, wenn ein erwiesener oder vermuteter Kindesmissbrauch vorliegt.
  • Wenn Kinder aufgebracht sind oder starke Emotionen zeigen, dann versuche, gelassen zu reagieren, anstatt wütend zu werden. Behalte eine unterstützende Haltung bei, sprich mit fester, beruhigender Stimme und erkenne ihre Gefühle an. Versuche, das Verhalten der Kinder nicht persönlich zu nehmen. Denke daran, dass bei den Kindern möglicherweise Reaktionen ablaufen, die für sie unaufhaltsam erscheinen oder bei denen sie sich machtlos fühlen, sie zu kontrollieren. Bedenke, dass solche Verhaltensweisen während des Traumas vielleicht sie oder andere geschützt haben.
  • Kehre zu den normalen Abläufen zurück, sofern das möglich und hilfreich ist. Dazu können Essenszeiten, Schule, Wochenendaktivitäten oder Zubettgeh-Routinen gehören. Bemühe dich um Verlässlichkeit, beispielsweise die Kinder rechtzeitig abzuholen und sie über Veränderungen im Voraus zu informieren.
  • Gib den Kindern ein gewisses Maß an Kontrolle über tägliche Aktivitäten, die ihrem Alter und Entwicklungsstand entspricht. Erlaube ihnen, manche eigenen Entscheidungen zu treffen, z.B. in Bezug auf Kleidung, Essen, usw.
  • Ermutige die Kinder, ihrer Sicherheit in Christus gewiss zu sein. Wenn sie an Christus glauben, dann ist ihre Identität sicher und unverwüstlich. Gott bestätigt den Wert seiner Kinder, indem er sie daran erinnert, dass sie in seine Familie hineinadoptiert wurden. Diese Wahrheit bringt große Erleichterung, denn die Kinder sind nicht dazu verdammt, als Opfer des Traumas zu leben. Dies beseitigt zwar nicht ihre Wunden, lässt auch nicht ihren Schrei nach Befreiung und Heilung verstummen. Doch es bedeutet, dass diese Wunden nicht das letzte Wort darüber sprechen, wer sie sind.
  • Befasse dich mit dem Gefühl des Zorns. Gottes Zorn gegen die Sünde und ihre Folgen ist berechtigt. Laut David Powlison verrät uns Gottes Zorn etwas Wichtiges: „Zorn kann völlig richtig, gut, angemessen und schön sein, die einzig angebrachte Reaktion auf etwas Böses und eine liebevolle Reaktion im Hinblick auf die Opfer des Bösen“.[3] Auch Gottes Volk kann gottgemäßen Zorn zeigen: „Zürnt ihr, so sündigt nicht“ (Eph 4,26). Man kann Kinder ermutigen, indem man ihnen erzählt, dass Gott zornig ist, wenn sie ein Trauma erleben.
  • Biete Hoffnung. Hoffnung ist nicht einfach nur die Sehnsucht nach einem bestimmten, zugesagten Ergebnis, sondern sie ist geprägt vom Vertrauen auf unseren treuen Gott. Unsere Hoffnung wird bestärkt durch Gottes Treue in der Vergangenheit und sie erwartet seine Treue für die Zukunft. Christus wurde von den Toten auferweckt, daher können wir Gottes Verheißungen vertrauen.

Wenn du versuchst, dich um Kinder in deinem Umfeld zu kümmern, die mit einem Trauma zu kämpfen haben, oder wenn du andere dabei unterstützt, dann möchten wir dich daran erinnern, dass du nicht allein bist und dass Gott alles unter Kontrolle hat. Eines Tages wird er alle Dinge in Ordnung bringen. Bis dahin haben wir das Privileg und die Berufung, den Angeschlagenen Sicherheit, Trost und Hoffnung zu spenden und sie geduldig zu begleiten. Sie sind Menschen, die von dem Gott geschaffen und geliebt sind, der das Universum erschuf und in seinen Händen hält.


[1] SAMHSA’s Trauma and Justice Strategic Initiative, SAMHSA’s Concept of Trauma and Guidance for a Trauma-Informed Approach, July 2014, S. 7, online unter: https://ncsacw.acf.hhs.gov/userfiles/files/SAMHSA_Trauma.pdf (Stand: 09.05.2022).

[2] Ebd., S. 17.

[3] Vgl. Powlison, „Anger, Part 1: Understanding Anger“, The Journal of Biblical Counseling 14/1 [1995], S. 40.