Die Gefahr, die von innen kommt

Artikel von Larry Norman
6. April 2022 — 5 Min Lesedauer

Sie haben gewisse Ähnlichkeiten mit Poltergeistern oder dem berüchtigten Monster unter dem Bett. Sie sind eine Art Wesen, an die wir zwar glauben, solange wir jung sind, wo wir aber früher oder später merken, dass sie nicht real sind. Zumindest nicht dort, wo du wohnst. Und so verblassen die Horrorgeschichten über fiktive Märchenfiguren, die nur darauf warten, dass die Lichter ausgehen, zusehends in vager Erinnerung und werden schließlich in einer Box mit der Aufschrift „Kindische Dinge“ verstaut.

Ich gestehe, dass dies oft meine Gedanken über „Irrlehrer“ sind. Sie scheinen weit weg zu sein, und außerdem so dubios und schattenhaft, dass es schwer ist, sie nicht in dieselbe Schublade wie den Grinch zu stecken. Einige Bekannte aus meiner eigenen Gemeinde sind jedoch in den Dunstkreis solcher Sekten, Kulte und Irrlehrer gekommen. Für sie sind Irrlehrer viel realer. Aber für die meisten von uns bleiben Irrlehrer nicht viel mehr als die Nachbarn des Ungeheuers von Loch Ness oder des Yeti.

Doch so spricht die Bibel nicht über Irrlehrer. Das Alte Testament sah sie als eine ernst zu nehmende Gefahr für das Leben des Volkes Gottes. Jedes neutestamentliche Buch warnt in irgendeiner Weise vor ihnen; wobei besonders 2. Petrus 2 unsere Augen dafür öffnet, dass Irrlehrer nicht bloß der Phantasie entspringende Gruselmonster sind, sondern zweifelsohne eine sehr konkrete Gefahr für jede Gemeinde, die Jesus nachfolgen will. Petrus sagt, dass Irrlehrer eine verborgene, sich ausbreitende und folgenschwere Bedrohung darstellen.

Eine verborgene Bedrohung

Das Problem mit Irrlehrern ist, dass sie nicht mit einem blinkenden Warnschild über ihrem Kopf oder dem Geruch fauler Eier herumlaufen. Stattdessen sehen sie aus wie normale Christen. Aus diesem Grund warnt Petrus seine Leser, dass „falsche Propheten unter dem Volk [des Alten Testaments], wie auch unter euch falsche Lehrer sein werden, die heimlich verderbliche Sekten einführen“ (2Petr 2,1). Die Menschen, vor denen Petrus warnt, waren ein integrierter Teil ihrer Ortsgemeinden. Sie hielten sogar Festmähler mit den anderen Gemeindegliedern (V. 13); möglicherweise ein Hinweis darauf, dass sie das Abendmahl gemeinsam einnahmen.

„Die gefährlichsten Irrlehrer sind diejenigen, die man nicht kommen sieht; solche, die nicht aus der Masse hervorstechen, sondern stillschweigend die gesamte Gemeindefamilie verderben.“
 

Die gefährlichsten Irrlehrer sind diejenigen, die man nicht kommen sieht; solche, die nicht aus der Masse hervorstechen, sondern stillschweigend die gesamte Gemeindefamilie verderben.

Eine sich ausbreitende Bedrohung

Petrus ist sich darüber im Klaren, dass Irrlehrer nicht nur für einige wenige in der Gemeindefamilie eine Bedrohung darstellen, sondern für viele. Durch diese falschen Lehrer werden „viele ihren verderblichen Wegen nachfolgen“ (V. 2) und „angelockt“ werden (V. 14; 18). Die Bibel warnt verhältnismäßig häufiger vor Irrlehrern, die Menschen dazu bringen, Christus zu entehren, als vor Leiden, das Menschen dazu veranlasst, Christus zu verlassen. Verlockende Botschaften, die sinnliche Freiheit versprechen (V. 19), sind demnach mehr zu fürchten als Krankenhausdiagnosen.

Wenn Petrus davon spricht, dass „viele“ den falschen Lehrern folgen werden, so ist das eine implizite Warnung an uns, uns vor unserer Nachlässigkeit gegenüber unserer eigenen Seele und der unserer Gemeindefamilie zu hüten. „Viele“ bedeutet, dass ich unmöglich voraussetzen kann, dass ich selbst gegen die Versuchung immun sei, Christus und sein Wort unter dem Deckmantel einer neuen geistlichen Lehre zu verlassen. Ich sage bewusst „ich“ und nicht „wir“. Dies ist nämlich genauso eine Bedrohung für die Leitungskräfte unter uns. Barnabas war ein wichtiger Leiter in der frühen Gemeinde. Und doch schreibt Paulus im Galaterbrief, dass „selbst Barnabas“ durch die Heuchelei der Irrlehrer mit fortgerissen wurde (Gal 2,13).

Irrlehrer reißen die „unbefestigten Seelen“ mit sich (V. 14). Sie beuten Gemeinden aus (V. 3) und sind unersättlich gierig (V. 14). Ihr anhaltender Hunger macht sie zu einer sich ausbreitenden Bedrohung.

Petrus lehrt uns, dass die Gefahr von Irrlehrern nicht nur von ihrem verborgenen und wachsendem Einfluss ausgeht, sondern auch von den zerstörerischen Folgen, die sie mit sich bringen.

Eine ernsthafte Bedrohung

Irrlehrer richten überall Schaden an, wo sie hinkommen. Sie entehren Jesus, leugnen seine Herrschaft und Autorität und ihretwegen wird der Weg der Wahrheit verlästert (V. 2). Sie lästern über himmlische Realitäten, die sie nicht verstehen (V. 10–12).

Sie schaden ihren Zuhörern, beuten sie ruchlos aus (V. 3) und bringen „verderbliche Sekten“ in die Gemeindefamilie. Ihre Lehre versklavt all diejenigen, die sie sich zu Herzen nehmen (V. 19).

Und nicht zuletzt schaden sie sich selbst: „Das Gericht über sie ist längst vorbereitet, und ihr Verderben schlummert nicht“ (V. 3). Wenn sie nicht umkehren, werden sie „in ihrer Verdorbenheit völlig zugrunde gerichtet werden, indem sie so den Lohn der Ungerechtigkeit empfangen“ (V. 12–13). Mit anderen Worten bringen Irrlehrer Verderben in diesem Leben und im nächsten. Sie sind wortwörtlich schlimmer als die Pest.

Wie sollten wir folglich auf die verborgene, sich ausbreitende und ernsthafte Bedrohung durch Irrlehrer reagieren? Petrus erklärt es uns in Kapitel 3.

Zuerst erkenne, dass Gott darüber nicht verwundert ist. Jesus und seine Apostel haben bereits angekündigt, dass Irrlehrer gewiss kommen werden (V. 1–7).

Begreife, dass Gott zu seinem Wort steht und das Gericht noch eine Zeit lang zurückhält, damit diejenigen, die in falsche Lehren verstrickt sind, Buße tun (V. 8–10).

Warte geduldig auf die Rückkehr des Herrn, bei der er alles und überall in Ordnung bringen wird (V. 11–16).

Und vor allem: Wachse. Als Christ zu wachsen ist der beste Weg, standhaft zu bleiben. Wenn du vermeiden willst, durch den Einfluss von Irrlehrern fortgerissen zu werden (V. 17), dann wachse weiter in der Gnade und Erkenntnis des Herrn Jesus Christus (V. 18).

Larry Norman wohnt zusammen mit seiner Frau und ihrer kleinen Tochter in Leipzig, wo er für die Leipzig English Church arbeiten darf. Er hasst Marzipan.