Ausgewogen im Indikativ und Imperativ predigen

Wenn die ethischen Imperative das Evangelium in den Hintergrund drängen

Artikel von Bryan Chapell
1. April 2022 — 3 Min Lesedauer

Hermann Ridderbos’ Einsicht in die Theologie des Paulus leistet einen wertvollen Beitrag in der Frage, wie die Schrift anzuwenden ist: Jeder Imperativ der Schrift (was wir für Gott tun sollen) beruht auf dem Indikativ (wer wir in unserer Beziehung zu Gott sind). Diese Reihenfolge ist nicht umkehrbar (Apg 16,14–15; Kol 3,1–5; 1Joh 5,1–5).[1] Der menschliche Instinkt dagegen verändert mit jeder nichtchristlichen Religion die Reihenfolge und lehrt: Wer wir vor Gott sind, beruht auf dem, was wir für Gott tun. Jede christliche Predigt muss die Hörer davor bewahren, unser Sein und unser Tun durcheinanderzubringen oder zu vertauschen.

„Was Christen tun, beruht darauf, wer sie in Christus sind.“
 

Was Christen tun, beruht darauf, wer sie in Christus sind. Wir gehorchen, weil Gott uns geliebt und durch seinen Sohn mit sich selbst vereint hat. Wir sind nicht deswegen mit Gott vereint, weil wir ihm gehorcht haben. Ebenso wenig bewirkt unser Gehorsam seine Liebe zu uns. Unser Gehorsam ist vielmehr eine Antwort auf seine Liebe, wir verdienen sie nicht durch Gehorsam. Diese Indikativ-Imperativ-Beziehung verdeutlichen wir in einer Predigt nicht schon dadurch, dass wir beide Elemente irgendwie erwähnt haben. Die Predigt darf erst dann zu Ende sein, wenn die Hörer motiviert sind, Gott aufgrund dessen zu gehorchen, was er in seiner Gnade für sie getan hat.

Dabei werden wir manchmal zuerst das Fundament von Gottes Fürsorge legen, als motivierende Grundlage für die Imperative danach. Manchmal werden wir zuerst die klaren Anweisungen des Textes erläutern und im Anschluss die Beziehung zu Gott erklären, aus der unser Gehorsam erwächst. Der Indikativ hat die konzeptuelle Priorität, zum Gehorsam zu motivieren und ihn zu ermöglichen, selbst wenn in der konkreten Predigt die Imperative danach folgen.

Wir sollten nicht versuchen, eine Standardreihenfolge oder -gewichtung für die Nennung der Imperative und Indikative in unseren Predigten festzulegen. Denn dann werden wir die Texte unweigerlich entgegen der Intention ihrer Autoren verdrehen. Natürlich sollten wir in unterschiedlichen Predigten die Imperative und Indikative in unterschiedlicher Reihenfolge und Gewichtung nennen, je nach Inhalt und Kontext des jeweiligen Bibeltexts. Doch der Schlüssel zu einer evangeliumsgemäßen Botschaft liegt darin, die Hörer keinesfalls mit dem Gefühl weggehen zu lassen, ihr Verhalten sei die Grundlage ihrer Erlösung.

„Eine Predigt ist keine christliche Predigt, wenn in ihr die ethischen Imperative die evangelischen Indikative verdunkeln.“
 

Eine Predigt ist keine Predigt, wenn sie keine Imperative enthält. Eine Predigt ohne Anwendungen bleibt abstrakt. Aber eine Predigt ist keine christliche Predigt, wenn in ihr die ethischen Imperative die evangelischen Indikative verdunkeln. Eine Botschaft, in der Pflicht auf Pflicht gehäuft wird, ist pure Gesetzlichkeit, selbst wenn die Pflichten so im Text enthalten sind.

Der Anteil von Imperativ und Indikativ wird variieren, aber die Hörer müssen die Wichtigkeit von beidem erkennen können. Wir schaden den Zielen der Schrift und der Klarheit des Evangeliums, wenn wir nicht seelsorgerlich erwägen, was nötig ist, damit beide Elemente gehört und gelebt werden können.

Eine Botschaft, die den Hörern 35 Minuten lang Imperative einhämmert und ganz am Ende ein „Aber denk daran, Jesus liebt dich“ in die Runde wirft, versteht nichts davon, wie das menschliche Herz funktioniert. Eine Botschaft, die 35 Minuten lang um Jesu Liebe kreist und mit einem nicht greifbaren „Also lebe so, dass dein Leben für ihn zählt“ endet, versteht nichts von der menschlichen Neigung, die Gnade vorzuschieben, um das Gehorchen zu umgehen.

Wir sollten uns als Pastoren um Botschaften bemühen, die die Menschen dazu befähigen, unseren Erlöser mit jenem Gehorsam zu ehren, der dem Evangelium entspringt. Damit uns das gelingt, müssen wir sowohl die Erfordernisse des Textes wie auch den Zustand unserer Versammlung bedenken. Dies wird uns helfen, die richtige Ausgewogenheit zwischen Imperativ und Indikativ zu finden.

Wenn die Menschen nicht wissen, was sie tun sollen, können sie Gott nicht gehorchen. Daher sind Imperative in irgendeiner Form notwendig. Wenn die Menschen mit falscher Motivation gehorchen, dann ehrt ihr vermeintlicher Gehorsam Gott nicht. Daher müssen alle Imperative in Indikativen gründen, die in richtiger Weise motivieren und befähigen. Die Gewichtung variiert, aber beide müssen deutlich genug vorhanden sein, um das Verhalten zu leiten und das Herz für Christi Ehre zu entzünden.


[1]  Vgl. Herman Ridderbos, Paulus: Ein Entwurf seiner Theologie, Wuppertal: Theologischer Verlag Rolf Brockhaus, 1970, S. 177.

Bryan Chapell ist Geistlicher der Presbyterian Church in America, ehemaliger Pastor der Grace Presbyterian Church, emeritierter Präsident des Covenant Theological Seminary in St. Louis (Missouri), und Mitglied des Vorstands von The Gospel Coalition. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben. Er und seine Frau Kathy haben vier Kinder.