Vier Schwerpunkte einer gesunden Jugendarbeit

Artikel von Jonathan de Oliveira
25. März 2022 — 6 Min Lesedauer

Die Jugendarbeit ist vielerorts ein wichtiger Teil der Gemeindearbeit. Im besten Fall hat sie für die Gesamtgemeinde und für die einzelnen Teilnehmer prägende, positive Auswirkungen. In diesem Artikel möchte ich die Schwerpunkte einer gesunden Jugendarbeit nennen, die sowohl der Gemeinde als auch den Teilnehmern dienen. Dabei ist der erste Punkt das Hauptanliegen, während die übrigen drei den Rahmen dafür bilden.

1. Jüngerschaft als Priorität

Eine gesunde Jugendarbeit ist nicht gleichbedeutend mit einem vollen Programm. Sie besteht auch nicht aus „coolen“ Events, die mit den übrigen Jugend-Angeboten in der Stadt konkurrieren. Womit man die Leute gewinnt, dafür gewinnt man sie. Wenn eine Jugendarbeit Menschen mit einem Spaßprogramm anlockt, werden die Leute auch genau dafür kommen. So muss man den Unterhaltungsfaktor aufrechterhalten, um niemanden zu verlieren. Die geistlichen Aspekte, die durchaus im Programm sein mögen, sind dabei nicht der Grund, wofür man kommt. Vielmehr erduldet man sie für das „höhere Gut“ – das Unterhaltungsprogramm.

„Womit man die Leute gewinnt, dafür gewinnt man sie. Wenn eine Jugendarbeit Menschen mit einem Spaßprogramm anlockt, werden die Leute auch genau dafür kommen.“
 

Eine gesunde Jugendarbeit besteht nicht darin, „Fans“ von Jesus anzulocken – das heißt, Menschen, die bei Jesus nur Unterhaltung suchen. Sie besteht vielmehr darin, Jugendliche in die Nachfolge Jesu zu rufen. Das Ziel einer solchen Jugendarbeit ist, dass die Teilnehmer Jesus näher kommen, ihn besser kennenlernen und ihr Leben nach ihm ausrichten.

Darf die Jugend also nicht attraktiv sein? Doch, auf alle Fälle! Dass Jüngerschaft die Priorität sein soll, schließt nicht aus, dass man in der Jugend eine angenehme, wohltuende Zeit genießt. Die Frage ist nur, was die Jugend attraktiv macht. Elemente, die man auch überall sonst vorfindet – oder eine von Gott gewirkte Atmosphäre der Gnade und Liebe? Ist eine Jugend nicht dadurch attraktiv, dass sie aus Menschen besteht, die Jesus kennen und ihr Leben nach ihm ausrichten? Ja, das ist sie! Lasst uns deshalb Jüngerschaft zur Priorität machen.

2. Den Fokus auf den Kern

Eine gesunde Jugendarbeit ist nicht gleichbedeutend mit einer großen Jugendgruppe. Das heißt nicht, dass sie nicht groß sein darf. Es geht vielmehr um die Frage: Für wen machen wir die Jugendarbeit? Wer ist unsere Hauptzielgruppe? Die Antwort: die Jünger von Schwerpunkt 1. Es sind diejenigen, die wahre Nachfolger Jesus sein wollen. Das ist die Hauptzielgruppe und der Kern unserer Arbeit – egal wie viele oder wenige Jugendliche er umfasst.

In der Praxis bedeutet das, dass die Jugendarbeit nicht primär darauf abzielt, mehr Teilnehmer zu gewinnen, sondern darauf, die Teilnehmer, die Gott dieser Arbeit schon geschenkt hat und die schon präsent sind, im Glauben voranzubringen. Wir machen das nicht, weil wir für neue Menschen nicht offen sind – natürlich freuen wir uns über zahlenmäßiges Wachstum! Wir machen das, weil wir erkennen, dass wir in erster Linie Verantwortung für diejenigen tragen, die wirklich da sind, und nicht für diejenigen, die potenziell da sein könnten.

Noch wichtiger: Das Hauptaugenmerk auf den Kern zu legen, ermöglich eine dynamische, intime und wirksame Jüngerschaft, die nicht nur dem einzelnen Christen zur Glaubensreife verhilft, sondern auch auf Wachstum angelegt ist. Was meine ich? Nehmen wir als Beispiel unsern Herrn Jesus Christus. Er hatte einen Kern von 12 Jüngern, hat in sie investiert und sie schließlich hinausgesandt. Seine Strategie führte zu einem großen und robusten Wachstum, denn jetzt war nicht nur ein Mensch an der Arbeit für Gottes Reich beteiligt, sondern 12, dann 120, dann Tausende und so weiter. Sich auf einen Kern von Jüngern zu konzentrieren, kann das Wachstum der Gruppe fördern – nicht nur, weil Einzelne im eigenen Glauben wachsen, sondern weil sie auch gelernt haben, den Glauben weiterzugeben.

3. Glaubensvorbilder als Mitarbeiter

Jüngerschaft als Priorität zu setzen, setzt voraus, dass die Jugendleiter und Mitarbeiter diese Jüngerschaftsarbeit auch vorantreiben können. Jugendmitarbeiter sollten demnach in erster Linie nicht Coolness, sondern Christus-Ähnlichkeit aufweisen. Sie können natürlich beides mitbringen, aber niemals Coolness ohne Charakter. Mit Coolness allein kann man schnell eine große Anhängerschaft gewinnen. Aber die Arbeit wäre so stabil wie ein Kartenhaus. Mit Christus-Ähnlichkeit bringen die Mitarbeiter hingegen wahre Stabilität in die Jugendarbeit.

Die Mitarbeiter müssen selbst Glaubensvorbilder sein. Das bedeutet nicht, dass sie perfekte Christen sind. Wo gibt es schon perfekte Christen? Es geht darum, dass die Mitarbeiter selbst den Herrn Jesus lieben und offensichtlich danach streben, ihm ähnlicher zu sein. Das Wort „offensichtlich“ ist hier wichtig, denn die Jugendlichen brauchen konkrete und greifbare Beispiele und Vorbilder, die ihnen vorleben, wie Nachfolge aussieht. Darum müssen Mitarbeiter selbst vorbildliche Jünger sein.

Darüber hinaus können die Mitarbeiter die Jüngerschaft der Jugendlichen auf drei Arten vorantreiben:

  1. Indem sie selbst Jüngerschaftsbeziehungen mit Jugendlichen haben.
  2. Indem sie ältere Jugendliche ermutigen und trainieren, in jüngere zu investieren.
  3. Indem sie als Vermittler zwischen einzelnen Jugendlichen und reiferen Christen in der Gemeinde fungieren, um den Aufbau solcher Jüngerschaftsbeziehungen im Leben der Gemeinde zu fördern. Ich nenne das „Jünger-Verkupplung“.

4. Integration in die Gemeinde

Eine gesunde Jugendarbeit ist nie Selbstzweck, sondern Bestandteil der Gemeindearbeit. Das Ziel der Jugendarbeit ist, Jugendliche an Christus und seine Gemeinde zu binden – nicht an die Jugend. Schließlich ruft Jesus uns in die Gemeinschaft aller Gläubigen hinein – in eine Gemeinschaft, die nicht auf ein bestimmtes Alter, Geschlecht, einen besonderen ethnischen Hintergrund oder sonstige Unterkategorien beschränkt ist. Eine Jugendarbeit hat also nur eine Daseinsberechtigung, wenn sie diese Integrationsarbeit in die Gemeinde hinein fördert und ihr nicht im Weg steht.

„Das Ziel der Jugendarbeit ist, Jugendliche an Christus und seine Gemeinde zu binden – nicht an die Jugend.“
 

Darüber hinaus wird eine Jugendarbeit, die in sich selbst gekehrt ist, im Wachstum gehemmt sein, denn die Jüngerschaft der Teilnehmer – und vielleicht sogar der Mitarbeiter – wird weitestgehend auf den Erfahrungshorizont der älteren Teens und der jungen Erwachsenen begrenzt sein. Das Endergebnis: Jugendliche, die nicht wirklich gelernt haben, die Herausforderungen des Christenlebens in den unterschiedlichsten Bereichen zu meistern. Geistliche Zwerge statt gestandene Männer und Frauen Gottes.

Die Gemeinde, nicht die Jugend, ist der beste Schauplatz für nachhaltige Jüngerschaftsarbeit. Das bedeutet praktisch, die Jugendlichen darin zu unterweisen, die Wichtigkeit von der Teilnahme in Gottesdiensten und Gesamtgemeinde-Veranstaltungen zu betonen, die Bedeutung von Mitgliedschaft aufzuzeigen, Beziehungen zwischen Jugendlichen und älteren, reiferen Christen in der Gemeinde zu ermöglichen („Jünger-Verkupplung“) und Begegnungsräume zwischen Jugendlichen und dem Rest der Gemeinde zu schaffen.

Schluss

Der Prüfstein einer gesunden und erfolgreichen Jugendarbeit ist nicht ihre Größe, ihre Beliebtheit unter den Teilnehmern oder ihre Reichweite in der Gegend. Das alles sind gute Dinge. Doch die wichtigsten Fragen an Jugendliche, die Teil unserer Jugendarbeit waren, sind diese:

  • Lieben sie Jesus dadurch mehr?
  • Sind sie reifer im Glauben geworden?
  • Werden sie dieser Gemeinde (oder jeder anderen Gemeinde, in die sie künftig gehen) zum Segen sein?

Bei den Jüngern Jesu war das der Fall. Darum lasst uns unsere Jugendlichen zu Jüngern machen!

Jonathan de Oliveira kommt gebürtig aus Brasilien. Er ist in einer Missionarsfamilie aufgewachsen und hat seine Kindheit und Teenager-Jahre in Indien und Großbritannien verbracht. Nach seinem ersten Studium (Französisch und Deutsch) zog er 2013 nach München, um in der Hotellerie zu arbeiten. Während dieser Zeit hat er angefangen, am Martin Bucer Seminar Theologie zu studieren. Später durchlief er das Pastoren-Trainee-Programm in der FEG München-Mitte. Seit 2020 ist er Pastor in der FeG München-Mitte mit dem Fokus „Junge Gemeinde“.