Putin, der Westen und der Mythos des Fortschritts

Artikel von Trevin Wax
7. März 2022 — 6 Min Lesedauer

Überrumpelt von der Entscheidung Wladimir Putins, die russische Arme gegen ein Nachbarland einzusetzen, haben Politiker und Experten um Worte gerungen, um diesen Akt der Aggression zu beschreiben. „Ich dachte, wir leben in einer Welt, die solcherlei Aktivitäten ablehnt“, stotterte John Kerry. Andere Kommentare brachten ähnliche Fassungslosigkeit zum Ausdruck. Putins Denken sei „mittelalterlich“. Russlands Handlungen scheinen „rückwärtsgewandt“, „primitiv“, oder „nicht zeitgemäß“.

US-Präsident Biden ließ sich von US-Präsident George W. Bush und anderen inspirieren und beschrieb „Freiheit, Demokratie und Menschenwürde“ als „weitaus mächtigere Kräfte als Furcht und Unterdrückung“. Er erklärte, dass dies die Werte seien, die von Dauer sind und von Tyrannen niemals ausgelöscht oder von Feinden ausradiert werden könnten.

Eschatologie der Aufklärung

In den verdatterten Reaktionen auf die Invasion der Ukraine wie auch in der hochtrabenden Rhetorik von Anführern des Westens, die glauben, dass die Freiheit überdauern wird, sehen wir offenen Auges die Eschatologie der Aufklärung: Die Vorstellung, dass sich die Welt seit dem Zeitalter der Aufklärung sowohl technologisch als auch moralisch stets verbessert und weiterentwickelt. Darum stünden uns die besten und freiesten Tage noch bevor.

Aber das ist ein Mythos. Es ist immer ein Mythos gewesen.

Warum reden viele führende Persönlichkeiten so, als ob man sich eine bessere Zukunft ganz einfach herbeiwünschen könnte – als ob der Kalender allein schon „mittelalterliches“ Denken abwehren und unsere Reise zu kultivierten und zivilisierten Höhen sicherstellen könnte? Wegen des unerschütterlichen Glaubens der Aufklärung an den Fortschritt.

Diese gängige Auffassung vom Fortschritt findet sich auch im alltäglichen Sprachgebrauch, wenn es um die verschiedenen moralischen und ethischen Fragen unserer Zeit geht. Wenn Menschen sagen: „Nun, da wir im 21. Jahrhundert leben…“ oder: „Ich kann nicht glauben, dass so etwas in der heutigen Zeit noch möglich ist…“, dann pflichten sie implizit der Sichtweise der Aufklärung auf die Geschichte bei und setzen voraus, dass jeder andere ihr auch beipflichtet. Welchen Sinn macht es sonst, sich auf den Kalender zu berufen, wenn man keine ähnliche Sichtweise auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft teilt – oder darauf, was zu Fortschritt führt?

Aufklärung und Whiggery

Immanuel Kant glaubte, das Fortschreiten in der Aufklärung sei ein Grundzug der menschlichen Natur und dass das „angemessene Schicksal“ der Menschheit darin besteht, Fortschritt zu erleben. Dieses Vertrauen in den Fortschritt als Schicksal der Menschheit erfordert eine verzerrte Sicht auf die Vergangenheit.

Wenn man die Vergangenheit in der Finsternis versinken lässt und sich selbst so darstellt, als würde man die Menschheit ins Licht führen, dann neigt man dazu, Aspekte der Geschichte zu verzerren, die nicht zur eigenen Sichtweise der Richtung dieser Welt passen. Und genau das ist es, was die Geschichtswissenschaftler in der Ära der Aufklärung taten. Peter Gay schreibt über sie etwa, dass sie in die Vergangenheit wie in einen Spiegel schauten und sich aus ihrer Geschichte jene Vergangenheit herauspickten, die sie gebrauchen konnten. Diese Art missbräuchlichen Umgangs mit der Geschichte durch die Geschichtswissenschaftler der Aufklärung hat sich so weit verbreitet, dass man den Begriff „Whiggery“[1] übernahm, um die extremen Auswüchse des historischen Revisionismus zu beschreiben.

Natürlich funktioniert Whiggery nur dort, wo man die Widersprüche ausblendet. Und wenn es an den unausweichlich aufsteigenden Pfad in Richtung „Fortschritt“ geht, dann stößt die Aufklärung auf viele Herausforderungen:

  • Führungspersönlichkeiten auf der ganzen Welt glaubten in den frühen 1900ern, dass die technologische Weiterentwicklung zu einer neuen Ära von Frieden und Wohlstand führen würde. Stattdessen standen sie kurz vor dem blutigsten Jahrhundert in der Geschichte der Menschheit.
  • Der Prager Frühling – der Aufstand und Protest gegen den Totalitarismus im Jahr 1968 in der Tschechoslowakei – war ein Wunder vor unseren Augen, bis die Sowjetunion und andere Mitglieder des Warschauer Pakts im Land einmarschierten und die Reformen niederschlugen.
  • Die mutige Haltung der Studenten auf dem Tian’anmen-Platz inspiriert uns heute immer noch. Aber das Ereignis ist in China in Vergessenheit geraten, wo die Unterdrückung der Uiguren bis heute weitergeht, und wo die Anführer ihre Drohungen gegen Hong Kong und Taiwan vervielfacht haben.

Whiggery ist nicht verschwunden. Sich selbst dienender geschichtlicher Revisionismus war auch ein mächtiges Werkzeug, von dem die kommunistischen Revolutionäre in Rumänien in den späten 1940er Jahren Gebrauch machten. Geschichtswissenschaftler beteiligten sich dabei, zu zeigen, dass das diktatorische Regime der Höhepunkt früherer Bemühungen um Fortschritt und Gerechtigkeit war. Und heute betreibt Wladimir Putin seine eigene revisionistische Geschichte als Rechtfertigung für seinen Einmarsch.

Erschütterte Eschatologie der Aufklärung

Als Christen sollte unsere Reaktion auf die revisionistische russische Geschichte nicht darin bestehen, mit der Eschatologie der Aufklärung zum Gegenangriff überzugehen. Diese Sichtweise des Fortschritts ist mehr Kant und Hegel geschuldet als Jesus und Paulus.

Weltweit wahrgenommene Ereignisse, wie die Angriffe am 11. September, der Aufstieg des Islamischen Staates oder der Einmarsch Russlands in die Ukraine sollten stattdessen Fragen über die unkritische Übernahme der Eschatologie der Aufklärung aufwerfen. Die Welt ist kein unausweichlicher Aufstieg in Richtung Fortschritt, ganz egal wie wir diesen definieren.

„Die Welt ist kein unausweichlicher Aufstieg in Richtung Fortschritt, ganz egal wie wir diesen definieren.“
 

Nein, die Bibel gibt uns eine andere Sichtweise auf die Geschichte und auf die Zukunft. Wir befinden uns nicht auf einem Aufstieg in Richtung einer Utopie von Freiheit und demokratischen Normen. Wir befinden uns in einer Welt, die Kriegen und Kriegsgerüchten ausgeliefert ist. Wir sind auf einem geistlichen Schlachtfeld, in dem das Evangelium auf dem Vormarsch ist und alle mit ihm rivalisierenden Sichtweisen auf die Geschichte und die Zukunft mit der spektakulären Behauptung auf den Kopf stellt, dass Christus auferstanden ist und wiederkommt. Ganz egal, was wir in der Welt erleben: Wir gehen mit Glaube, Hoffnung und Liebe von Gottes Verheißungen für die Gemeinde voran. Wir verkündigen Christus, machen andere Menschen zu Jüngern und dienen den Nationen. All das tun wir und richten dabei unseren Blick auf den Tag, an dem er wiederkommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten. Das ist unser Schicksal – und nicht Hegels Zeitgeist.

G.K. Chesterton schrieb vor fast einem Jahrhundert, dass die Welt nur eine Sache tut: Sie taumelt. Und in dieser taumelnden Welt nimmt die Hoffnung der Christen eine unverwechselbare Form an. Wir bleiben in Gott und in seinen Verheißungen verwurzelt. Daher können wir zuversichtlich sein. Wir müssen nicht auf unsere eigenen Anstrengungen vertrauen, um eine bestimmte Zukunftsvision herbeizuführen, sondern auf Gott, dass er seine Schöpfung wiederherstellen und die Welt zurechtbringen wird.


[1] Whiggery (auch „Whig history“ genannt) ist eine Geschichtsphilosophie, die nach den Whigs (der britischen Partei, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Tories zur Liberal Party zusammenschloss) benannt wurde und den unvermeidlichen Fortschritt betont, vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Whig_history. Im Deutschen gibt es dafür keine Übersetzung. Anm. d. Redaktion.

Trevin Wax ist Chefredakteur von The Gospel Project, theologischer Berater von LifeWay Christian Resources und Gastprofessor am Wheaton College, in Wheaton, Illinois/USA. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter Rethink Your Self, This Is Our Time, Eschatological Discipleship und Gospel Centered Teaching.