Der Missionsbefehl – heute?

Artikel von Ron Kubsch
21. Februar 2022 — 12 Min Lesedauer

Gott baut sein Reich. In vielen Regionen unserer Welt entstehen neue oder wachsen bestehende Kirchengemeinden.[1] Dabei hat sich das geographische Zentrum von der nördlichen Halbkugel in die südliche Hemisphäre verschoben. Während das Christentum beispielsweise in China, Indien oder Lateinamerika wächst, werden viele Länder Europas zunehmend als Missionsländer wahrgenommen. Auch Deutschland ist, nicht zuletzt wegen der Selbstsäkularisierung der Kirchen und der sich ausbreitenden Konfessionslosigkeit, längst wieder ein Missionsgebiet geworden. In Chile sind beispielsweise knapp 20 Prozent der Einwohner lebendige Christen. In Deutschland hingegen gelten nur ungefähr 2,5 Prozent als „Wiedergeborene“.

„Evangelisation, die nur zur Bekehrung aufruft, um Menschen ‚in den Himmel zu bringen‘, greift zu kurz.“
 

Die bekenntnisorientierten Kirchengemeinden Deutschlands brauchen deshalb nicht nur ein Herz für die Weltmission, sondern auch für die Inlandsmission. Die Gründung und geistliche Neuausrichtung von Gemeinden wird in den nächsten Jahrzehnten eine der größten Herausforderungen für die Christen in Zentraleuropa werden.

Dazu einige persönliche Denkanstöße:

Jünger machen

Es lohnt sich, den „Missionsbefehl“ gründlich zu lesen.[2] Es sei hier nur kurz darauf hingewiesen, dass es dort nicht heißt: „Ruft zur Bekehrung auf“, sondern „macht zu Jüngern“. Die beiden Mittelwörter „Taufen“ und „Lehren“ konkretisieren dieses „Jüngern“. Nachfolger Jesu lernen die Glaubensinhalte, die ihr Herr ihnen hinterlassen hat („lehrt sie alles, was ich euch gesagt habe“). Sie gehorchen dem, was sie gelernt haben. Das Evangelium von Jesus Christus stiftet unter allen Völkern den „Gehorsam des Glaubens“ (vgl. Röm 16,25–27). Evangelisation, die nur zur Bekehrung aufruft, um Menschen „in den Himmel zu bringen“, greift zu kurz.

Bekenntnisgebundene Mission

Da in den letzten hundert Jahren Fragen des rechten Glaubens durch Pragmatismus und Gemeinschaft verdrängt worden sind, gilt es, die einende und festigende Bedeutung von Glaubensbekenntnissen wiederzuentdecken. Die Gemeinde kämpft für den Glauben, „der ein für alle Mal den Heiligen überliefert ist“ (Judas 1,3).[3] Bekenntnisse sind Kurzformeln, in der „die biblische Botschaft brennglasartig zusammen­gefaßt wird, in der das unaufgebbare Soll, die ‚eiserne Ration‘ christlicher Wahrheit ‚festgeschrieben‘ wird.“[4] Obschon der Glaube in der Bibel primär als persönlicher Vertrauensakt verstanden wird, bleibt er auf Lehre bezogen.

„Nicht zuletzt waren es Irrlehren, die die neutestamentliche Gemeinde zwangen, klipp und klar auf den Satz und auf den Punkt zu bringen, was christlicher Glaube ist und was er nicht ist. Glaube ist im Neuen Testament immer auch inhaltliches Bekenntnis, kein ver­schwommenes allgemeines Gottvertrauen.“[5]

Es braucht verbindliche und öffentliche Zeugnisse über das, was in Gemeinde und Mission gilt.

Gemeindebezogene Mission

Die ersten Missionsgesellschaften hatten eine den Kirchengemeinden dienende Funktion. Sie übernahmen Aufgaben, die einzelne Gemeinden allein nicht leisten konnten. Leider haben sich inzwischen viele Missionswerke von sendenden Gemeinden emanzipiert. Hinzu kommt, dass Gründung und Stärkung von Gemeinden oft nicht mehr im Zentrum des Augenmerks stehen. Auch wenn nicht alle Missionsarbeit gemeindegebunden sein muss – ich denke hier beispielsweise an Studentenmission –, so sollte sie insgesamt dem Gemeindebau dienen.[6]

Gemeinde ist Botschafterin, nicht die Botschaft

Bei der Mission verkündigen wir nicht uns selbst (2Kor 4,5) oder ersonnene Botschaften (vgl. 2Petr 1,16), sondern den für uns am Kreuz gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus. Verkündigung des Evangeliums ist treue „Ausbotschaftung“ der Tatsache, dass Gott uns mit sich selbst versöhnt hat, indem er seinen Sohn als Sühneopfer für uns Sünden hat sterben lassen, so dass diejenigen, die ihm vertrauen und umkehren, ewiges Leben haben.

Wenn zum Beispiel John Howard Yoder betont, dass die sichtbare Kirche nicht Überbringerin der christlichen Botschaft, sondern selbst die Botschaft ist,[7] liegt hier eine Fehldeutung des Zeugendienstes zugrunde. Als Gesandte oder Zeugen des Evangeliums sind wir Überbringer einer Botschaft und nicht selbst Urheber oder Gegenstand dieser Botschaft (vgl. 2Kor 5,20, Apg 1,8).

Mittel der Mission ist die Predigt

Unter Berufung auf Johannes 20,21 versuchen derzeit etliche Theologen, ein sogenanntes „ganzheitliches Missionsparadigma“ zu etablieren. Demnach habe sich Mission an der Sendung Jesu zu orientieren. Die Heiligung von Kranken, die Armutsbekämpfung oder die Transformation „sündiger Strukturen“ sei nicht weniger Mission als verbale Verkündigung der Guten Nachricht.[8] Doch wenn Jesus sagt: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“, liegt die Betonung auf dem Gehorsam der Kirche gegenüber ihrem Herrn Jesus Christus.[9] „Stille Proklamation des Evangeliums ist“ – wie D.A. Carson kürzlich gezeigt hat – „ein Oxymoron“, also ein begrifflicher Widerspruch.[10] Das Evangelium begegnet Menschen, indem es verkündigt wird. Selbstverständlich soll die Verkündigung durch entsprechende Werke gedeckt und bestätigt werden. Doch die Werke gehören nicht selbst zum Evangelium, sondern sind Früchte des Evangeliums. Der Glaube kommt „aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi“ (Röm 10,17). Insofern ist es vorrangige Aufgabe der Gemeinde, das Wort Christi zu verkündigen.

Umsichtige apologetische Verkündigung

Ein Thema, das uns umtreibt, betrifft die Evangeliumsverkündigung in der Postmoderne: Wie kann die Verkündigung des Evangeliums und damit Mission gelingen, wo doch die Leute gar kein Evangelium mehr hören wollen? Und wie sollen die wenigen, die noch zuhören, uns verstehen, wenn sie doch völlig anders denken als wir?

„Unsere Situation ist eine andere als die in der Reformation. Damals wollten die Menschen wissen, was zu tun ist, um von Gott angenommen zu werden. Heute ist für viele Menschen Versöhnung mit Gott keine Lösung, sondern Teil des Problems.“
 

In der Tat ist unsere Situation eine andere als die in der Reformation. Damals wollten die Menschen wissen, was zu tun ist, um von Gott angenommen zu werden. Heute ist für viele Menschen Versöhnung mit Gott keine Lösung, sondern Teil des Problems. Sie wollen wissen, wie sie Gott und die Kirchen los werden können. Gott sitzt auf der Anklagebank. Die postmoderne Kultur mit ihrem Wahrheitsrelativismus, Subjektivismus und ihrem zersetzenden Zweifel scheint die Kommunikation des Evangeliums fast unmöglich zu machen.

Einige begabte christliche Vordenker setzen deshalb darauf, aus Liebe zu den Menschen das Evangelium dem Verstehenshorizont der postmodernen Menschen anzupassen. Sie fordern eine radikale Kontextualisierung. Wir müssen das Evangelium auf eine Weise verkündigen – so bekomme ich immer wieder zu hören –, die mit dem postmodernen Denken und Fühlen kompatibel ist. Wir müssen unsere Theologie sowie die Gemeinde- und Missionsarbeit den neuen Bedingungen angleichen. Manche hoffen, die Spannung mit einem Prinzip lösen zu können, dem der Theologe Paul Tillich (1886–1965) die Bezeichnung „Korrelation“ gegeben hat. Korrelationsprinzip bedeutet, dass die Antworten des Evangeliums mit den Fragen des (post-)modernen Menschen in einer Wechselbeziehung stehen. Der Glaube erfährt seine inhaltliche Bestimmung im Dialog mit dem Geist der Zeit.[11]

Streng genommen ist das Evangelium innerhalb eines postmodernen Bezugsrahmens aber überhaupt nicht verstehbar. Wolfgang Welsch, der renommierteste Kenner der postmodernen Philosophie in Deutschland, sagt: Die „Nicht-Existenz einer Metaregel, eines obersten Prinzips, eines Gottes, eines Königs, eines Jüngsten Gerichtes usw. macht das Herz des Postmodernismus aus“[12]. Wenn wir nun versuchen, das Evangelium mit dieser Grundeinsicht zu versöhnen, opfern wir seinen Wahrheitsanspruch. Was am Ende dabei herauskommt, ist ein anderes Evangelium.

Andere halten es deshalb für das Beste, einfach treu das Wort vom Kreuz zu predigen, ohne dem kulturellen Wandel allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Unsere Verantwortung liegt demnach in der gewissenhaften Predigt des Evangeliums. Alles andere müssen wir Gott überlassen. Berufen können sich diese Brüder beispielsweise auf Sören Kierkegaard, der die Verteidigung und Verständlichmachung des Glaubens als einen Judasdienst bezeichnet hat.[13]

Dabei wird meines Erachtens unterschätzt, dass die Missionspredigt sehr wohl um bestmögliche Verständlichkeit bemüht sein sollte. Das Verstehen der Kreuzesbotschaft liegt nicht in unserer Verfügungsgewalt.[14] Das entbindet uns jedoch nicht von der Aufgabe, so verständlich wie möglich zu kommunizieren. Jesus beschreibt im Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld, was passiert, wenn ein Mensch das Wort Gottes hört, aber nicht versteht: „... es kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihren Herzen, damit sie nicht zum Glauben gelangen“ (Lk 8,12; ähnlich Mt 13,19).

Wir brauchen deshalb eine umsichtige apologetische Verkündigung.[15] Gerade die Theologie des Kreuzes hilft uns, tragfähige Antworten auf die Herausforderung des postmodernen Denkens und Fühlens zu geben. Die postmodernen Gelehrten haben nämlich recht, wenn sie darauf hinweisen, dass wir Menschen keine vernunftgeleiteten, selbstbestimmten Wesen sind, sondern tief verwurzelte Begierden und Denkvoraussetzungen unsere Einsichten imprägnieren und lenken. Wir können, auf uns selbst geworfen, nicht klar genug denken. Oder, um es einmal christlich zu formulieren: Wir stehen so unter dem Sog der Sünde, dass wir nicht geradlinig genug denken können, um Gott zu finden.

Das Wort vom Kreuz deckt auf, dass unsere Herzen Götzenfabriken sind. Wir haben uns so tief in die Götzenanbetung verstrickt, dass Gott selbst kommen muss, um uns unsere falschen Denkvoraussetzungen aufzubrechen und uns aus unserer Sündennot zu retten. Gott sucht uns, er kommt zu uns in seinem Sohn, um uns einen Weg aus unserer tragischen Verstricktheit zu eröffnen.

Diese Botschaft ist zweifellos für das postmoderne Wirklichkeitsverständnis eine Provokation. Sie passt nicht in einen postmodernen Bezugsrahmen. Also müssen wir uns mit diesem Bezugsrahmen auseinandersetzen. Weil es unser Auftrag ist, das unveränderliche Evangelium in einer Weise zu verkündigen, dass Menschen es möglichst gut verstehen können, sprengen wir den Bezugsrahmen, der es ihnen verbietet, das Reden Gottes zu vernehmen.

„Die Missionsgeschichte ist voll von Beispielen dafür, dass Frucht erst später sichtbar wird.“
 

Der Geist der Zeit vernebelt unser Denken und lenkt es in eine abgöttische Richtung. Es braucht schon viel Naivität, zu glauben, dieser Geist mache vor unseren Ausbildungsstätten oder den Gemeinden halt. Wenn wir nicht wollen, dass dieser Geist unser Denken vereinnahmt, müssen wir uns mit ihm auseinandersetzen (vgl. Röm 12,1–3). Das ist keine einfache Aufgabe. Wir kämpfen nicht mit Fleisch und Blut, sondern „gegen die Mächte, die Gewalten, die Fürsten dieser Finsternis, gegen die Geister des Bösen in den Himmeln“ (Eph 6,12). Es gehört zu unserem Auftrag, die „Bollwerke“ und „großartige Gedankengebäude“ niederzureißen und „alles Hochragende, das sich erhebt wider die Erkenntnis Gottes“, in den „Gehorsam Christi“ zu führen (2Kor 10,5).

Einen langen Atem

Ein letzter Gedanke: Was wir bei unserer missionarischen Arbeit brauchen, ist ein langer Atem. Wir dürfen nicht immer nur nach dem Erfolg schielen und auch nicht zu schnell aufgeben. Die Missionsgeschichte ist voll von Beispielen dafür, dass Frucht erst später sichtbar wird. Immer wieder kam es vor, dass die Missionare die Frucht ihrer eigenen Arbeit selbst nicht genießen konnten. Gott fordert von uns Treue, keine effektvolle Bilanz. Paulus schreibt über die Apostel, also über die Missionare der Urgemeinde (1Kor 4,1–2): „Dafür soll man uns halten: als Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes. Von den Verwaltern wird übrigens hierbei verlangt, dass sie sich als treu erweisen.“

Zum Schluss

Mitte und Haupt der Gemeinde ist unser Herr Jesus Christus. Er ist Gottes Antwort auf unsere menschliche Not. Die Frohbotschaft von seinem Kommen, der von ihm erwirkten Erlösung, von seiner Herrschaft und seiner Wiederkunft, soll seine Gemeinde ausfüllen. Eine Kirche, die von diesem Evangelium erfüllt ist, will – ja, muss! – davon erzählen und Menschen einladen, zu diesem Christus zu kommen. Wer so einen Schatz entdeckt hat, will nichts anderes mehr haben (vgl. Mt 13,44–46). Die Frohbotschaft vom Reich der Himmel ist das Einzige, was die Welt sich nicht selbst geben kann, was ihr also jemand bringen muss. Deshalb gehört es zum Auftrag der Gemeinde, sich selbst die Botschaft von der freien Gnade Gottes zu predigen und sie zu allen Völkern zu tragen.


[1] Einen Überblick zu den Entwicklungen gibt: Patrick Johnstone, Gebet für die Welt, 2003.

[2] Eine ausgezeichnete Erörterung findet sich in: A. J. Köstenberger, P. T. O’Brien, Salvation to the Ends of the Earth, 2001, S. 101–109.

[3] Siehe dazu: C.R. Trueman, The Creedal Imperative, 2012.

[4] H. G. Pöhlmann, „Sinn und Zweck von kirchlichen Bekenntnissen“ in: Schirrmacher, Thomas (Hrsg.): Kein anderer Name – Festschrift zum 70. Geburtstag von Peter Beyerhaus, 1999, S. 510–513, hier S. 510.

[5] Ebd.

[6] Siehe dazu auch den Vortrag „Das Evangelium für die Welt: Die Gemeinde und Mission“ von Andre Bay, URL: http://www.evangelium21.net/ressourcen/das-evangelium-fuer-die-welt-die-gemeinde-und-mission-artikel [Stand: 11.02.2022].

[7] Siehe dazu: Peter Steinfeld, „John H. Yoder, Theologian At Notre Dame, Is Dead at 70“, New York Times, 07.01.1998, URL: http://www.nytimes.com/1998/01/07/us/john-h-yoder-theologian-at-notre-dame-is-dead-at-70.html [Stand: 11.02.2022].

[8] Im deutschsprachigen Europa wird dieses „Paradigma“ beispielsweise durch Roland Hardmeier missionarisch verbreitet. Siehe: Roland Hardmeier, Kirche ist Mission, 2009 u. Geliebte Welt, 2012.

[9] Vgl. dazu Erhard Berneburg, Das Verhältnis von Verkündigung und sozialer Aktion in der evangelikalen Missionstheorie, 1997, S. 355–356.

[10] D. A. Carson, „The Hole in the Gospel“, Themelios 38.3 (2013), S. 353–356, hier: 355.

[11] Siehe: P. Tillich, Systematische Theologie, Bd. 1, 1979 [1958],s S. 74ff.

[12] W. Welsch, Unsere moderne Postmoderne, 1997, S.232.

[13] S. Kierkegaard, Die Krankheit zum Tode, 2006 [1849], S. 317.

[14] Ich habe auf die Versuchung der Manipulation, der beispielsweise Charles Finney erlegen ist, bereits hingewiesen. Siehe dazu URL: http://www.theoblog.de/die-desastrose-theologie-des-charles-finney/4995/ [Stand: 11.02.2022].

[15] Apologetik ist denkerische Rechtfertigung und Verteidigung des christlichen Glaubens. Der Begriff leitet sich ab vom griechischen apologia (Verteidigung, Verteidigungsrede [vor Gericht]), das sich auch in 1Petr 3,15b-16 findet.

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 15 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.