Höre auf dein Herz!?

Warum Authentizität nicht das Wichtigste ist

Artikel von Florian Gostner
11. Februar 2022 — 13 Min Lesedauer

„Sei einfach du selbst!“, „Hör auf dein Herz!“, „Bleib dir selbst treu!“ – Diese und ähnliche Appelle sind typisch für eine Zeit, in der viele Menschen sich nach Echtheit und Aufrichtigkeit sehnen. Wir haben genug von Shows, von Fassaden, von Masken. Zu oft haben andere uns schon etwas vorgespielt und dabei ihr wahres Ich versteckt. Die Ablehnung von Heuchelei und der Wunsch nach dem Authentischen sind also nachvollziehbar. Der Blick auf uns selbst und die Offenheit über unser ungeschminktes Innerstes scheinen die naheliegende Lösung zu sein. Doch wie ist das Streben nach Authentizität zu bewerten? Und was sagt die Bibel über unser Herz und über unsere Identität?

Den Blick nach außen oder nach innen richten?

Wenn man dem kanadischen Philosophen Charles Taylor Glauben schenkt, befinden wir uns schon seit Mitte der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts im „Zeitalter der Authentizität“. Während gesellschaftliche und religiöse Normen und Traditionen wegfielen, die den Menschen früher Daseinszweck und Erfüllung boten, so suchen die Menschen seither Lebenssinn vermehrt in sich selbst. Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung stellen darum für viele die höchsten Ziele dar. Sie möchten ihres Glückes Schmied sein, ihr Leben selbst gestalten und ihre Wünsche verwirklichen. Taylor beschreibt sehr treffend und gut durchdacht diese neue Denkweise, bei der sich selbst treu zu sein und auf sein Herz zu hören alternativlos erscheint:

„Es gibt eine bestimmte Art, Mensch zu sein, die meine Art ist. Ich bin dazu aufgerufen, mein Leben auf diese Weise zu leben und nicht die eines anderen nachzuahmen. Aber dadurch bekommt mir selbst treu zu sein eine neue Bedeutung. Bin ich mir selbst nicht treu, so verfehle ich den Sinn meines Lebens – dann verfehle ich, was Menschsein für mich bedeutet. … Ich sollte mein Leben nicht nur nicht an äußere Anforderungen anpassen; ich kann nicht einmal das Modell finden, nach dem ich außerhalb meiner selbst leben kann. Ich kann es nur in meinem Inneren finden.“[1]
„Was sollen wir tun, wenn in uns nicht nur vielversprechendes Potential schlummert, das verwirklicht werden will, sondern auch Neid, Bosheit und Stolz?“
 

Vereinfacht könnte man sagen: Früher blickte man für Antworten auf die wichtigsten Lebensfragen (Wer bin ich? Was ist gut? Wie soll ich mich verhalten?) nach außen – heute hingegen nach innen, in unser Herz.

Höre auf dein Herz?

Auch in der Bibel hat unser Herz eine zentrale Rolle. Wir denken vielleicht an Sprüche 4,23:

„Mehr als alles andere behüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus.“

Während das Bild des Herzens (und damit das Menschenbild) im Humanismus jedoch mit fröhlich-bunten Farben gemalt wird, hat die Bibel eine weitaus pessimistischere Sicht auf das Wesen des menschlichen Herzens:

„Überaus trügerisch ist das Herz und bösartig; wer kann es ergründen?“ (Jer 17,9)

Auch Jesus verortet im Herzen den Ursprung böser Gedanken und Taten:

„Von innen, aus dem Herzen des Menschen, kommen die bösen Gedanken hervor, Ehebruch, Unzucht, Mord, Diebstahl, Geiz, Bosheit, Betrug, Zügellosigkeit, Neid, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen heraus und verunreinigt den Menschen.“ (Mk 7,21–23)

Darüber hinaus finden wir in den Evangelien auch keine Aufrufe, uns selbst zu finden oder zu verwirklichen – sehr wohl aber Gebote, uns selbst zu verleugnen (vgl. Mt 16,24).

Mit diesen Wahrheiten im Hinterkopf sollten wir wohl zögern, „einfach wir selbst zu sein“. Denn was sollen wir tun, wenn in uns nicht nur vielversprechendes Potential schlummert, das verwirklicht werden will, sondern auch Neid, Bosheit und Stolz? Was, wenn mein Herz sich diese Woche gerade weniger nach Gott sehnt, sondern vielmehr nach meiner Lieblings-Sünde? Was, wenn sich eigentlich alles in mir sträubt, Vergebung und Versöhnung zu suchen oder wenn ich mich nicht danach fühle, zu dienen, zu lieben, zu helfen? Was, wenn das Gebot der Authentizität und das Gebot Gottes einander entgegengesetzt sind?

„Kann es sein, dass Authentizität einen zu hohen Stellenwert in unserem Denken eingenommen hat, der eigentlich für Gott reserviert war?“
 

Bei „spektakulären“ Sünden sind Christen sich wohl noch einig: Auch wenn ich mich inmitten eines Konflikts – natürlich hat der andere Schuld – völlig aufrichtig und authentisch danach fühle, meinem Gegenüber mit der Bratpfanne eins überzuziehen, sollte ich innehalten, um zuerst nach einem Balken in meinem Auge zu suchen (Lk 6,42). Gut, aber wie sieht es bei „akzeptableren“, kleineren, versteckteren Sünden aus – oder bei Unterlassungssünden (vgl. Jak 4,17)?

Ich frage mich, ob ein Teil unseres Strebens nach dem Authentischen nicht tatsächlich Antinomismus[2] in einem neuen Gewand ist. Kann es sein, dass Authentizität einen zu hohen Stellenwert in unserem Denken eingenommen hat, der eigentlich für Gott und sein vollkommenes und gutes Gesetz reserviert war? Warum ist die letzte Instanz für viele unserer Entscheidungen nicht Gottes Wort, sondern unser Herz geworden? Kann es sein, dass wir beim Versuch, nur zu tun, was wir „aus vollem Herzen“ machen möchten, um der Gesetzlichkeit zu entkommen, dabei auf der entgegengesetzte Seite – nämlich der Gesetzlosigkeit – vom Pferd fallen?

Ist Gott unser Herz egal?

Jemand mag einwenden, dass Gott doch auf unser Herz sieht (vgl. 1Sam 16,7) – und dieser Einspruch ist berechtigt. Schließlich wendet sich Gott schon im Alten Testament mehrmals an sein Volk und kritisiert den oberflächlichen, äußerlichen Gehorsam. In den Psalmen etwa (50,7–15), in Jesaja (29,13) und auch im Propheten Amos gebraucht er dazu mitunter harte Worte:

„Ich hasse, ich verachte eure Feste und mag eure Festversammlungen nicht riechen! Wenn ihr mir auch euer Brandopfer und Speisopfer darbringt, so habe ich doch kein Wohlgefallen daran, und das Dankopfer von euren Mastkälbern schaue ich gar nicht an. Tue nur hinweg von mir den Lärm deiner Lieder, und dein Harfenspiel mag ich nicht hören!“ (Amos 5,21–23)

Auch im Neuen Testament scheint sich an Gottes Haltung zu unaufrichtiger, oberflächlicher Religiosität nichts geändert zu haben. So verurteilte auch Jesus die Scheinheiligkeit einiger seiner Zeitgenossen:

„Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, dass ihr das Äußere des Bechers und der Schüssel reinigt, inwendig aber sind sie voller Raub und Unmäßigkeit! … Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, dass ihr getünchten Gräbern gleicht, die äußerlich zwar schön scheinen, inwendig aber voller Totengebeine und aller Unreinheit sind!“ (Mt 23,25.27; vgl. 15,7–9)

Gott ist unser Herz nicht egal. So viel steht fest. Er möchte nicht nur unseren Gehorsam, sondern unseren freudigen Gehorsam. Doch was ist zu tun, wenn wir nicht mit fröhlichem Herzen tun können, was Gott von uns verlangt? Auf der einen Seite ist da Gottes Gebot – etwa die Aufforderung, aufeinander Acht zu geben, einander zu ermutigen und zu ermahnen und mich der Gemeinschaft nicht fernzuhalten (Heb 10,24–25). Auf der anderen Seite ist da mein Herz, das dieses Gebot vielleicht gerade nur widerwillig befolgen könnte. Nur aus Pflichtgefühl könnte ich mich in den Gottesdienst oder die Gebetsstunde setzen, weil ich dort dem Gott begegnen muss, dem ich die restliche Woche vielleicht gerade so gut es geht aus dem Weg ging.

Wie steht das Evangelium zur Authentizität?

Was tun? Heuchelnd zu gehorchen ist offenbar keine Lösung. Nun wäre die einfache Antwort, „authentisch“ nicht zu gehorchen – und uns dabei auf Gottes Gnade und Vergebung zu berufen: Wir müssen das Gesetz und ein spezielles Gebot doch nicht halten, um vor Gott zu bestehen! Schließlich hat Christus dies an unserer Stelle schon perfekt erfüllt und darüber hinaus am Kreuz für unsere Schuld bezahlt. All unsere Sünden sind uns, den Gläubigen, vergeben. Jesu vollkommene Gerechtigkeit wird uns angerechnet (vgl. Röm 3,4; Phil 3,9).

Amen! So ist es. Doch es muss mehr gesagt werden als nur Gnade, die vergibt. Denn das Evangelium ist mehr als das, was Dietrich Bonhoeffer im Folgenden als „billige Gnade“ bezeichnet:

„Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung. … In [der Kirche dieser Gnadenlehre] findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. … Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders. Weil Gnade doch alles allein tut, darum kann alles beim alten bleiben. … Es lebe also auch der Christ wie die Welt, er stelle sich der Welt in allen Dingen gleich und unterfange sich ja nicht … unter der Gnade ein anderes Leben zu führen als unter der Sünde!“[3]

Ja, Gottes Gnade vergibt. Doch Gottes teure Gnade tut mehr – sie verändert auch! Paulus bringt diese beiden Auswirkungen der Gnade im Titus-Brief deutlich auf den Punkt. Zuerst die rettende Gnade:

„Denn die Gnade Gottes ist erschienen, die heilbringend ist für alle Menschen“ (Tit 2,11).

Dann die verändernde Gnade in voller Länge:

„sie [dieselbe Gnade Gottes] nimmt uns in Zucht, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in der jetzigen Weltzeit, indem wir die glückselige Hoffnung erwarten und die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Jesus Christus, der sich selbst für uns hingegeben hat, um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen und für sich selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen, das eifrig ist, gute Werke zu tun.“ (Tit 2,12–14)

Gott hat seine Verheißung, ein neues Herz zu geben (vgl. Hes 36,26), im Neuen Bund erfüllt. Und es scheint, als würde Gott damit auch Schritt für Schritt unsere Identitäts- und Authentizitätsprobleme lösen, indem er die Seinen von innen heraus verändert und heiligt.

Gibt es einen besseren Weg?

Damit eröffnet sich uns ein besserer Weg und eine bessere Ausdrucksweise: Aus dem selbstverwirklichenden „Sei einfach du selbst!“ der Welt wird das selbstverleugnende „Werde ein geheiligtes Selbst!“ der Gemeinde.

„Der große Graben zwischen Gottes heiligen Ansprüchen und unserem authentischen Selbst ist ein hervorragender Ort, um im Gebet vor Gott auf die Knie zu gehen.“
 

Nicht bleiben wie wir sind, sondern werden wie Jesus! Doch weil Jesus ähnlicher werden ein Prozess ist, sind damit die Spannungen von oben noch nicht gelöst. Was also tun, wenn uns die Kluft zwischen unserem alten, sündigen Selbst (das immer noch da ist) und unserem neuen, heiligen Selbst (das noch nicht so ausgeprägt ist, wie wir das gerne hätten) wieder schmerzhaft bewusst wird? Hier sind fünf praktische Schritte:

  1. Sei ehrlich mit Gott
    Der große Graben zwischen Gottes heiligen Ansprüchen und unserem authentischen Selbst ist ein hervorragender Ort, um im Gebet vor Gott auf die Knie zu gehen. Du musst (und kannst) Gott nichts vorspielen. Vor ihm darfst du dein Herz ausschütten – ungeschminkt und ganz authentisch. Gott hat Freude daran, wenn du mit leeren Händen (vgl. Lk 18,9–14; Röm 7,15) und zerbrochenem Herzen kommst (vgl. Ps 51,19).
  2. Bitte um Vergebung
    Dass wir nicht aufrichtig und voller Freude tun wollen, was Gott von uns verlangt (und was übrigens nicht nur seiner Ehre, sondern auch unserer Freude dient), sollte uns nicht von Gott wegtreiben, sondern zu ihm hin. Es ist schließlich mehr Gnade in Christus, als Sünde in uns![4] Auch über die verkehrten Wünsche unseres Ichs dürfen wir Buße tun und um Vergebung bitten.
  3. Lebe im Vertrauen
    Genauso sicher wie deine Errettung ist auch deine Heiligung. Ja, Gott wird sein Werk in seinen Kindern zu Ende bringen (vgl. Phil 1,6; Röm 8,29; 1Thess 5,23–24; 1Petr 5,10). Die Kluft zwischen Wollen und Sollen wird eines Tage ganz verschwunden sein – nach Jesu Wiederkunft und mit einem neuen Auferstehungsleib, der nicht mehr sündigen will oder kann. Dann können wir all unsere geheiligten Wünsche und unser vollendetes Selbst völlig authentisch ausleben und Gott dadurch verherrlichen.
  4. Entscheide dich für Gehorsam
    Bis es soweit ist: Feiere oder rechtfertige deine Sünde nicht im Namen der Authentizität. Entscheide dich im Zweifelsfall nicht für Echtheit, sondern für Gehorsam und damit für wahre Liebe (vgl. Joh 14,15.21). Tu all das im Vertrauen darauf, dass Gott deine Entscheidung, dich gemäß deiner neuen Identität zu verhalten (vgl. Röm 6,11–13), auch segnen wird und dich zum Gehorsam befähigt. Er gibt, was er befiehlt![5]
  5. Warte auf Veränderung
    Im Idealfall führt unsere Freude zu aufrichtigem Gehorsam. Öfter jedoch führt unser Gehorsam zu echter Freude. So oder so – wo das Rad sich zu drehen beginnt, ist gar nicht mehr wichtig. Denn Gott ist in seinen Kindern am Werk – im Wollen und im Vollbringen (vgl. Phil 2,12–13). Er verändert sogar unsere Wünsche, unsere Sehnsüchte, unser Herz – hin zu wahrer Heiligung, treuem Gehorsam und aufrichtiger Liebe (wenngleich die authentische Natur unseres alten Menschen nichts weniger möchte).

Was wirst du tun?

Eigentlich ist es genial: Gott bringt uns durch seine Gebote immer wieder dazu, unsere Not zu erkennen, Buße zu tun, uns im Glauben ganz auf ihn zu werfen und uns in völliger Abhängigkeit von Gott von innen nach außen verändern zu lassen. All das geschieht, wenn nicht unsere „Echtheit“ und damit wir selbst, sondern Gott unser höchstes Gut ist. Ja, wir sind so, wie wir sind. Aber wir müssen – durch Gottes vergebende und verändernde Gnade – nicht so bleiben, wie wir sind.

Also, was wirst du tun, wenn deine Echtheit und deine Heiligung das nächste Mal im Konflikt miteinander stehen?


[1] Charles Taylor, The Ethics of Authenticity, Harvard University Press, 1992, S. 28–30. Eigene Übersetzung aus dem Englischen.

[2] Antinomismus wird aus den griechischen Wörtern „anti“ (dt. gegen) und „nomos“ (dt. Gesetz) zusammengesetzt. Es handelt sich um eine Auffassung, die Gottes Gnade und die Freiheit der Gläubigen überbetont, weil die Gläubigen von den Forderungen des Gesetzes Gottes befreit wären.

[3] Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, Hg. Martin Kuske und Ilse Tödt, Sonderausgabe, Bd. 4, Dietrich Bonhoeffer Werke, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2015, S. 29–30.

[4] „[T]here is more mercy in Christ than sin in us.“ Richard Sibbes, The Complete Works of Richard Sibbes, Hg. Alexander Balloch Grosart, Bd. 1, Edinburgh; London; Dublin: James Nichol; James Nisbet and Co.; W. Robertson, 1862, S. 47.

[5] Vgl. https://hanniel.ch/2012/02/22/aus-der-blogsphare-gib-was-du-befiehlst-und-befiehl-was-du-willst/

Florian Gostner hat Gott in Neuseeland kennen, fürchten und lieben gelernt. Seither liest, liebt und verkündigt er Gottes Wort. Deshalb absolvierte er eine dreijährige Prediger-Ausbildung in Zürich und ein Theologiestudium am Martin Bucer Seminar in München. Er lebt mit seiner Frau und vier Töchtern im österreichischen Vorarlberg und arbeitet hauptberuflich für die Freie Evangelikale Gemeinde Feldkirch sowie nebenher für Langham Österreich.