Überrascht von Furcht

Rezension von Jochen Klautke
10. Februar 2022 — 9 Min Lesedauer

Der Titel erinnert an C.S. Lewis’ Klassiker Überrascht von Freude (Brunnen, 1992). Die Rückmeldungen sind größtenteils begeistert und der Verkaufserfolg ist für ein bibeltreues Buch beachtlich. Der Autor, der unter seinem Künstlernamen Natha schreibt, hat bei Amazon mit Überrascht von Furcht sein erstes Buch veröffentlicht. In der evangelikalen Szene ist er vor allem für seine beiden Youtube-Kanäle crosstalk und crosspaint bekannt. Seit einigen Jahren zählen sie zu den bekanntesten christlichen Kanälen im deutschsprachigen Raum.

Worum geht es?

Natha sieht die evangelikale Landschaft im Westen in einer tiefen Krise. Eine Krise, die er aus seinem eigenen Leben kennt, bevor er vor über einem Jahrzehnt bei einem Aufenthalt in Indien die Augen geöffnet bekam (vgl. S. 96–97). Viele junge Christen seien gefangen in Sünde oder völlig auf Unterhaltung ausgerichtet. Immer mehr von ihnen verließen den christlichen Glauben sogar ganz. Das Problem liege in einer Vergnügungskultur, die auch vor christlichen Gemeinden nicht Halt gemacht habe: Schmerz werde um jeden Preis vermieden, Sünde toleriert und vor allem die Gottesfurcht sei völlig in Vergessenheit geraten.

Die Lösung sieht Natha in dem, was Jesus für uns am Kreuz getan hat. Verschiedene Aspekte des Kreuzes wendet er auf seine Leser an und zeigt, wie auf diese Weise der Christ zur Gottesfurcht und einem Leben in wirklicher Nachfolge geführt wird. Nachdem Natha deutlich gemacht hat, wie dringlich die Lage ist, zeigt er abschließend auf, welche konkreten Schritte wir gehen können, um ein Leben zu leben, das von Gottesfurcht geprägt ist.

Dabei hat das Buch gleich mehrere Stärken.

Gottesbild und Menschenbild

Natha rückt ein schiefes Gottesbild gerade und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Zurecht bemängelt er, dass im evangelikalen Bereich Gottes Liebe und Annahme zwar Hochkonjunktur hätten, aber andere Eigenschaften wie seine Heiligkeit kaum Beachtung fänden. Dies zeige sich dann in mangelnder Gottesfurcht. Damit trifft er ins Schwarze. Ein falsches Gottesbild führt immer zu einem falschen Leben in der Beziehung zu Gott und hat auf Dauer schwerwiegende Folgen für unser Leben.

„Ein falsches Gottesbild führt immer zu einem falschen Leben in der Beziehung zu Gott und hat auf Dauer schwerwiegende Folgen für unser Leben.“
 

Die Kehrseite des Gottesbildes ist das Menschenbild. Auch hier legt Natha den Finger in die Wunde und bringt die Sündhaftigkeit des Menschen deutlich zur Sprache: Viele junge Menschen würden sich Christen nennen, lebten aber, als wären sie keine. Nicht einfach ein bisschen Moral sei notwendig, sondern eine tatsächliche Umkehr. Natha ist sich nicht zu schade, auch die Gefahr oberflächlicher Bekehrungen oder seichter „Alles-ist-gut“- und „Entdecke-dein-Potential“-Predigten zu kritisieren.

Wirkliche Nachfolge

Weil Gott zu fürchten ist und wir Menschen Sünder sind, betont Natha die Wichtigkeit kompromissloser Nachfolge. Diese beginne beim Kreuz Christi, da Jesus uns dort geheiligt habe. Von dort aus sind wir aufgefordert, unser Leben in der Heiligung zu leben.

Natha spricht deutlich die Probleme gerade von jungen Christen an. Sei es Pornographie oder ein zu hoher Medienkonsum – es wird klar, dass der Autor weiß, für welche Sünden junge Christen besonders anfällig sind. Wirkliche Nachfolge könne nur gelebt werden, wenn man selbst in einer engen Verbindung mit Gott lebt. Deswegen reiche es nicht einfach (Kopf-)wissen über Jesus zu sammeln, man müsse ihn persönlich in einer wirklichen Beziehung erkennen, die von Gottesfurcht geprägt ist. Rigoros fordert Natha schließlich am Ende seines Buches, nein zur Sünde zu sagen und sich von falschen Einflüssen abzusondern.

Im gesamten Buch gelingt es Natha, diese Themen (gerade für Jugendliche) leicht lesbar anzusprechen. Mutig findet er deutliche Worte, wirkt andererseits aber auch nicht oberlehrerhaft. Seine Beispiele bringen die Sache treffend auf den Punkt und sind fast immer so anschaulich, dass jeder Prediger etwas von ihm lernen kann.

Bei näherer Betrachtung, fallen allerdings auch ein paar Schwächen auf, die teilweise auch zentrale Fragen unseres Glaubenslebens betreffen. Einige dieser Mängel will ich benennen:

Was ist Gottesfurcht?

Überrascht von Furcht leidet vereinzelt an mangelnder theologischer Schärfe, wie beispielsweise bei der Definition des für das Buch zentralen Begriffs „Gottesfurcht“ deutlich wird (vgl. S. 121 ff.). Stellenweise äußert sich Natha dahingehend, dass die Furcht des Herrn mit einer Angst gleichzusetzen sei (vgl. S. 126). Dann wiederum ist die Angst lediglich ein Element der Gottesfurcht (vgl. S. 132). Um der Bedeutung des Begriffs näherzukommen, unternimmt Natha Ausflüge in die biblischen Ursprachen. Bei der Erklärung des Hebräischen yirah (dt. fürchten) wählt er eine äußerst abenteuerliche Deutung des Begriffs auf Grundlage der Symbole hinter den hebräischen Schriftzeichen (vgl. S. 128–129). Insgesamt bleibt Natha bei der Definition des entscheidenden Begriffs für seine Thesen rein bei der Etymologie (Wortbedeutung) stehen, ohne biblisch-theologische oder systematische Überlegungen einzubeziehen.

Wesentlich differenzierter ist da beispielsweise die Definition von Michael Reeves in seinem Buch What does it mean to fear the Lord? (Crossway, 2021): „Die Gottesfurcht ist keine düstere, von Angst geprägte Furcht, sondern eine von Herzen kommende Freude an Gott als Schöpfer und Erlöser.“ Setzt man die Gottesfurcht hingegen mit Angst gleich, führt das zu Schwierigkeiten bei der Auslegung. Möchte Natha wirklich behaupten, dass Jesus vor seinem Vater Angst hat (vgl. Jes 11,2–3) oder dass Gott uns vergibt, damit wir vor ihm Angst haben (vgl. Ps 130,4)?

Der Zusammenhang von Glaubensgerechtigkeit und Heilsgewissheit

Am Anfang des Buches beschreibt Natha kurz den Beginn des christlichen Lebens: „Wir können auf ihn [Jesus] und sein Werk schauen und zulassen, dass es unser Leben und unsere Richtung verändert“ (S. 27). Das ist zwar nicht falsch. Doch scheint es so, als ob hier der zweite Schritt vor dem ersten gemacht wird. Zunächst einmal werden wir nicht verändert, sondern zu Gerechten erklärt, obwohl wir in uns selbst noch genauso sündig sind wie vorher. Und diese Gerechtsprechung geschieht durch Glauben. Durch Glauben, zu dem eine gewisse Gotteserkenntnis und Gottesfurcht dazugehört. Aber eben durch Glauben an das Evangelium, nicht durch Gottesfurcht!

Warum ist das so entscheidend? Weil das Thema „Veränderung“ im Buch einen so großen Raum einnimmt. Verankert man diese Veränderung jedoch nicht robust in der Rechtfertigung allein aus Glauben, kann das ernste seelsorgerliche Folgen haben.

Es ist beeindruckend, wie viel positives Feedback Natha für sein Buch bekommen hat und bekommt. Junge Christen sind begeistert, wirklichen Tiefgang in ihrer Gottesbeziehung zu entdecken. Aber ist nicht auch ein umgekehrter Effekt denkbar? Junge und treue Christen kommen nach der Lektüre des Buches plötzlich ins Zweifeln nach dem Motto: „In meinem Leben sehe ich nur kleine Veränderungen, die oft Zeit benötigen. Anders als Natha hatte ich auch kein prägendes Erlebnis in Indien, bei dem mich die Gottesfurcht überwältigt hat. Bin ich ohne ein solches Erlebnis überhaupt errettet?“

Natha schreibt: „Bro – das ist wirklich, was ich dir von Herzen wünsche. Wenn ich könnte, würde ich für dich die Sterne vom Himmel holen. Aber das geht nicht … Du musst die Stadt verlassen, um die Sterne zu sehen. Wenn du das tust, wirst du Dinge sehen, die du nie für möglich gehalten hättest“ (S. 280). Fast wirkt es, als wünsche sich Natha für Christen eine Art zweite Bekehrung hin zur Gottesfurcht. Das biblische Bild ist, dass Christen tatsächlich wachsen und Veränderung erfahren, auch was ihre Gottesfurcht anbelangt. Aber unser Heil und damit auch unsere Heilsgewissheit ruhen im Kern in einer Gerechtigkeit, die außerhalb von uns liegt – nicht in erster Linie in Gotteserfahrungen, die in uns Veränderung bewirken.

Internet oder Gemeinde?

Sprache und Aufmachung des Buches sind jugendgemäß, leicht verständlich und gut zu lesen. Selten habe ich ein theologisches Buch in der Hand gehalten, bei dem ich mir so gut vorstellen kann, dass es auch große Lesemuffel nicht aus der Hand legen. Und trotzdem: Ist es wirklich nötig, die Dinge dermaßen zu dramatisieren? „Es gab noch nie eine Zeit wie diese“ (S. 232). „Im Grunde haben wir die Möglichkeit, den Sieg nach Hause zu fahren“ (S. 233). „Er [Gott] hat beschlossen, dich die letzten Meter laufen zu lassen!“ (S. 234). „Du stehst vor der größten Chance der Geschichte“ (S. 238).

Bei der medialen Informationsflut wird heute oft nur der gehört, der wirklich etwas Neues, Besonderes oder Spektakuläres zu bieten hat (vgl. Die Gesellschaft der Singularitäten, Suhrkamp, 2017). Sollten wir als Christen da nicht betont auf das Gewöhnliche zurückverweisen? Gott wirkt im Leben der allermeisten Christen nicht durch spektakuläre Saulus-Erlebnisse. In der Regel wirkt Gott unauffällig und behutsam – viele Rückschläge eingeschlossen. Vor allem wirkt Gott im Leben der Christen durch die Gemeinde.

„In einer Gemeinde gibt es keine Clickbaits, Gemeinde ist oft nicht spektakulär und manchmal sogar anstrengend, aber sie ist der von Gott bestimmte Weg, um in der Erkenntnis und Furcht des Herrn zu wachsen.“
 

Natha verweist auf das enorme Potential des Internets (vgl. S. 235 ff.). Ohne Frage bietet das Internet großartige Möglichkeiten, die Botschaft der Bibel zu verbreiten – Möglichkeiten, die der Autor gekonnt und segensreich durch seine beiden Youtube-Kanäle nutzt. Eine Schieflage entsteht aber an dem Punkt, wo das Internet ‚gehypt‘ wird, während die Gemeinde überhaupt nicht vorkommt. Denn im Unterschied zum Internet ist die Gemeinde der Ort, auf dem die Verheißungen Gottes liegen, wo geistliches Wachstum stattfindet, wo Generationen von Christen es gelernt haben, Gott zu fürchten. In einer Gemeinde gibt es keine Clickbaits, Gemeinde ist oft nicht spektakulär und manchmal sogar anstrengend, aber sie ist der von Gott bestimmte Weg, um in der Erkenntnis und Furcht des Herrn zu wachsen (vgl. Eph 3,18–19; 4,11–16).

Fazit

Mit Überrascht von Furcht legt Natha den Finger in eine der größten Wunden des gegenwärtigen Evangelikalismus: ein schiefes Gottesbild, das oft zu einer lauwarmen Nachfolge führt. Bei der Lösung des Problems zeigt er erfrischend und zugleich kompromisslos viele hilfreiche Schritte auf, um Jesus von Herzen nachzufolgen. Man darf freilich die Schwächen des Buches nicht außer Acht lassen, da sie auch Kernthemen unseres Glaubens berühren.

Buch

Natha, Überrascht von Furcht: Der Schlüssel um wirklich mit Gott zu leben, Crosspaint, 2021, 288 S., 7,23 Euro.

Jochen Klautke arbeitet als Lehrer an einem christlichen Gymnasium. Daneben ist er Pastor der Bekennenden Evangelisch-Reformierten Gemeinde in Gießen (berg-giessen.de). Er ist verheiratet mit Natalie und hat eine Tochter.