Ist Gott nur ein Hirngespinst?

Antworten auf Argumente der Neurowissenschaften

Artikel von Brad Sickler
14. Februar 2022 — 10 Min Lesedauer

Sind die geistlichen Erfahrungen von Christen wahre Begegnungen mit dem lebendigen Gott? Oder basieren sie lediglich auf Fehlfunktionen des Gehirns, wie manche Forscher behaupten? Diese These droht einige unserer wertvollsten (und persönlichsten) Erfahrungen als Gläubige in Frage zu stellen.

Als Teenager war ich auf einer Sommerfreizeit und bekam ein Gespräch einer Gruppe von Seelsorgern mit. Sie sprachen über ihre Beziehung zu Gott und ich merkte plötzlich, dass das, wovon sie so aufrichtig und voller Freude erzählten, meine tiefste Sehnsucht war: Gott persönlich zu kennen. Ich wollte unbedingt auch das haben, was sie hatten.

Am nächsten Tag im Gottesdienst sprach der Prediger über den Ernst und die Tragweite von Sünde, wie sie uns von Gott trennt und wie nur Jesus Christus reparieren kann, was wir zerstört haben, und unsere Gemeinschaft mit Gott wiederherstellen kann. Diese Botschaft überführte mich von meiner Sünde und als ich hinterher im Wald spazieren ging, merkte ich, wie tief sie mich angesprochen hatte. Diese zwei Erlebnisse – die Überführung meiner Sünde und der Wunsch nach Gemeinschaft mit Gott – führten noch am selben Tag zu „Buße zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus“ (Apg 20,21). Ich war wiedergeboren worden.

Ich würde diese Momente eindeutig als Begegnungen mit Gott beschreiben, in denen er klar zu mir gesprochen hat. Solche Aussagen werden aber schon lange weitgehend skeptisch betrachtet, was eine Auswirkung der Aufklärung ist. Vor kurzem hat der Versuch, solche Erfahrungen und damit Glaubensinhalte zu untergraben, einen neuen Komplizen gefunden: die Neurowissenschaften.

Gehirn und Gebet

Die westliche Kultur ist seit Jahrzehnten von einem Hang zum Reduktionismus geprägt. Viele sind der festen Überzeugung, dass nichts wirklich verstanden wird, bis das Verhalten von Materie anhand von Naturgesetzen erklärt werden kann. Das heißt, eine Sache wirklich zu verstehen, erfordert den Einblick in die Naturwissenschaften und was diese über das unsichtbare Wirken von Atomen und Molekülen zu sagen haben.

Mit dem Voranschreiten der Neurowissenschaften in den letzten Jahrzehnten gilt dieser Hang zum Reduktionismus auch für religiöse Überzeugungen und Erfahrungen. Einerseits bin ich dankbar für Gottes Gnade, die sich darin zeigt, dass vielen Menschen durch das Verstehen und Behandeln von Gehirnerkrankungen geholfen werden konnte. Andererseits haben diese wissenschaftlichen Fortschritte auch zu der gefährlichen Tendenz geführt, Menschen lediglich als Körper mit einem zentralen Nervensystem zu betrachten. Demnach muss alles, was wir erleben, durch die Neurowissenschaften erklärt werden.

„Die in der Schrift aufgezeichneten Erfahrungen sind völlig anders als die aus dem Labor.“
 

Um das zu erreichen, sind zahlreiche interessante Experimente durchgeführt worden, die zu einer Bandbreite konkurrierender Theorien über das Wesen und den Ursprung religiöser Erfahrungen geführt haben. Manche Experimente konzentrieren sich auf mystische Erfahrungen wie Meditation. Forscher untersuchen buddhistische Mönche und katholische Nonnen beim Beten und Meditieren, um die Gehirnaktivität aufzudecken, die typisch für den Höhepunkt ihrer Mediation ist.

Bei einem Verfahren signalisiert die Versuchsperson den Höhepunkt ihres meditativen Zustandes. Daraufhin wird ihr ein radioaktives Kontrastmittel injiziert, das die aktiven Gehirnzellen für mehrere Stunden sichtbar macht. So können mit einer speziellen Kamera Bilder des Gehirns erstellt werden, auf denen sowohl Durchblutungsmuster als auch die aktiven Gehirnbereiche zu erkennen sind, die charakteristisch für ihre Meditation sind. Andrew Newberg erklärt diese Forschungsmethode auf sehr bildhafte Weise in seinem Buch Der gedachte Gott: Wie Glaube im Gehirn entsteht.

Herstellung von Übernatürlichem

Während also manche Forscher versuchen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und Vorgänge im Gehirn zu verstehen, gehen andere noch einen Schritt weiter. Sie versuchen Erfahrungen, die sich wie Begegnungen mit dem Übernatürlichen anfühlen, künstlich herzustellen, indem sie Gehirnvorgänge durch physikalische oder chemische Mittel beeinflussen. Ein berühmtes Beispiel ist Michael Persingers sogenannter Religionshelm – ein Experiment, bei dem Probanden ein Helm aufgesetzt wurde, der durch die Erzeugung eines schwachen Magnetfeldes auf das Gehirn einwirkte. Persinger sagt dazu in seinem Artikel Are Our Brains Structured to Avoid Refutations of Belief in God? (zu deutsch: Ist unser Gehirn so aufgebaut, dass es der Widerlegung des Glaubens an Gott ausweicht?):

Wir haben herausgefunden, dass die Stimulierung der rechten Gehirnhälfte durch schwache, komplexe Magnetfelder auf Ebene der Schläfenlappen bei ungefähr 80% der normalen Probanden das Gefühl einer Präsenz hervorruft. Teilnehmer mit häufigen spirituellen Erfahrungen, die klassischerweise auf eine erhöhte Aktivität der Schläfenlappen der rechten Gehirnhälfte zurückzuführen sind, beschrieben ausführlicher und fundierter „fühlende Wesen“ als diejenigen, die nur einem Sham-Feld ausgesetzt waren [Anm. der Redaktion: ein wirkungsloses Feld, das den Ausschluss von Placebo-Effekten ermöglicht].

Es wird angenommen, dass die Begegnungen mit dem Übernatürlichen, die von verschiedenen Religionen berichtet werden, diesen Erfahrungen ähnlich sind. Daraus schließt man, dass solche Begegnungen auf ungewöhnliche Gehirnzustände zurückzuführen seien – für die kein Gott nötig sei.

Es gibt aber noch weitere Forschungsansätze. Ein Beispiel ist die Untersuchung des Gehirns von religiösen Personen im Vergleich zu nicht-religiösen. Hier nehmen Forscher an, chemische Ursachen oder der Aufbau des Gehirns würden dazu führen, dass manche Menschen von religiösen Erfahrungen berichten und andere nicht. Vielleicht funktionierten der dorsolaterale präfrontale Kortex oder andere neuronale Netzwerke nicht richtig, was zu mangelnder Kontrolle und erhöhter Leichtgläubigkeit führen würde. Es herrscht zwar weitgehend Einigkeit darüber, dass das sogenannte Gottesmodul, ein Hirnareal, das für Religiosität zuständig sei, nicht existiert. Die meisten skeptischen Neurowissenschaftler glauben aber, dass irgendwas am Gehirn für Religiosität sorgen muss. „Gott ist nur ein Hirngespinst“, sagen sie.

Haben Christen Grund zur Sorge?

Sollten Christen sich angesichts der neuesten Forschungsergebnisse Sorgen machen und sich verkriechen, aus Angst, die Neurowissenschaften hätten ihren Glauben untergraben? Ich meine, denk mal an die große Rolle, die dramatische übernatürliche Erfahrungen in der Entstehung und der Rechtfertigung des Christentums spielen. Gott erschien Abraham und gab ihm sowohl Anweisungen als auch Verheißungen. Gott erschien Jakob und Mose sichtbar. Jesaja hatte eine himmlische Vision, wie auch Daniel und Hesekiel. Denke an die Vision des Petrus auf dem Dach; an den Bericht des Stephanus, der den aufgefahrenen Christus sah; an die Bekehrung des Paulus auf dem Weg nach Damaskus und an seine Vision vom Mann aus Mazedonien – von den Träumen der Familie Jesu und der weisen Männer am Anfang vom Matthäusevangelium ganz zu schweigen.

Wenn diese Erfahrungen nur ein Streich sind, den uns die Gehirnaktivität oder Neurophysiologie gespielt haben, dann wäre die Bibel zwar eine interessante, aber völlig unglaubwürdige Aneinanderreihung von Geschichten über Menschen mit fehlerhaften Gehirnen.

Wie also gehen wir als Christen mit den Forschungsergebnissen der Neurowissenschaften um?

Wissenschaftliches Wunschdenken

Erstens: Die in der Schrift aufgezeichneten Erfahrungen sind völlig anders als die aus dem Labor. Keine Erfahrung, die unter kontrollierten Bedingungen eingeleitet wurde, ist ihnen ähnlich und es gibt keine Hinweise darauf, dass solche Erfahrungen überhaupt künstlich hergestellt werden können. Zumindest jetzt und in absehbarer Zukunft bleibt es wissenschaftliches Wunschdenken. Doch Persinger, der die Ansicht einiger Hirnforscher vertritt, geht davon aus, dass alle derartigen Ereignisse letztlich auf neurowissenschaftliche Erklärungen zurückgeführt werden können:

Die Neurowissenschaft geht davon aus, dass alle Erfahrungen, vom Ich-Bewusstsein über das Gefühl der Liebe bis hin zu der Gegenwart Gottes, aus der Gehirnaktivität hervorgehen. Wenn es dem Forscher gelingt, den kontrollierenden Stimulus zu erfassen, der eine Erfahrung hervorruft, dann kann jede Art von Erfahrung, auch die Gotteserfahrung, experimentell verifiziert und im Labor reproduziert werden.

Aber warum sollte eine solche Hoffnung jemals erfüllt werden? Die bisherigen Experimente haben nichts mit den Erfahrungen der Bibel zu tun, die wir uns oben angeschaut haben. Keine der Studien kommt auch nur annähernd an diese Ereignisse heran. Ein meditierender Mönch oder eine betende Nonne ist gar kein Vergleich zu den Begegnungen mit Gott, die in der Schrift beschrieben werden.

Gibt es Giraffen?

Und selbst wenn ähnliche Ereignisse in einem Labor hergestellt werden könnten – was würde uns das zeigen?

Wenn die optimistischen Reduktionisten Recht haben und eine Erfahrung wie etwa die Offenbarung des Johannes auf der Insel Patmos eigenmächtig hergestellt werden könnte, meinen sie damit widerlegen zu können, dass es sich um eine Begegnung mit Gott handelte. Das können sie aber nicht. Zum Vergleich: Wenn ich eine Giraffe sehe, ist mein Gehirn bei diesem Anblick in einen bestimmten Zustand – ein Zustand, der genau wie jeder andere abgebildet und kategorisiert werden kann. Wenn durch sorgfältige Hirnkartierung genau festgestellt werden könnte, welche Bereiche des Gehirns bei dem Anblick von Giraffen aktiv sind, würde das bedeuten, wir hätten keinen Grund mehr, an Giraffen zu glauben? Wären Giraffenerfahrungen dann nichts anderes als ein Zustand des Gehirns, der mit der äußeren Realität nichts zu tun hat? Und wenn wir das Gehirn einer Person so beeinflussen könnten, dass sie ihre Giraffenerfahrung im Labor erneut erlebt – würde das bedeuten, dass es in Wirklichkeit keine Giraffen gibt? Natürlich nicht. Selbst wenn solche Erfahrungen auf Wunsch von Hirnforschern hergestellt werden könnten, würde das nicht beweisen, dass nie Gott selbst die Ursache war.

Für Gott gemachte Gehirne

Eine weitere Bemerkung: Die wenigsten von uns machen solche Erfahrungen und sie sind weder der Regelfall noch maßgebend für das christliche Leben. Stattdessen ist es gekennzeichnet von Erfahrungen wie die meiner Bekehrung: die Überführung von Sünde, die Gewissheit von Vergebung und Erlösung, persönliche Veränderung, Wandeln im Geist und nicht im Fleisch, die Gegenwart und der Trost Gottes und der Glaube, dass Jesus für unsere Schuld gestorben ist und Gott ihn von den Toten auferweckt hat. Solche und nicht dramatische Visionen oder schwärmerische Ekstasen sind die religiösen Erfahrungen, die das Christentum ausmachen. Neurowissenschaftliche Studien über religiöse Erfahrungen werfen wenig oder gar kein Licht auf sie und widerlegen erst recht nicht ihre Echtheit.

„In ihm leben, weben und sind wir, und das beinhaltet auch unser Gehirn.“
 

Im Gegenteil, aus biblischer Sicht ist es völlig logisch, dass wir durch unsere kognitiven Fähigkeiten und Neigungen dazu veranlagt sind, mit Gott zu interagieren. Es ergibt Sinn, dass der Boden durch die Art und Weise, in der wir gemacht sind, dazu vorbereitet ist, und das schließt auch unser Gehirn mit ein. So als hätten wir eine Landebahn, auf der Gott landen kann, die durch unsere neurologischen Strukturen, die wir als Menschen gemeinsam haben, vorbereitet wurde. Wie seltsam also, dass Skeptiker schlussfolgern, das Vorhandensein einer Landebahn bedeute, es gebe keine Flugzeuge.

Die christliche Lehre über die menschliche Natur beinhaltet, dass wir geistliche Wesen sind, die dazu geschaffen wurden, Gott zu kennen. Er erschafft und erhält uns, Körper und Seele, jeden Augenblick unseres Lebens. Er interagiert mit uns sowohl auf geistlicher als auch auf körperlicher Ebene – ein Kennzeichen des Mensch-Seins. In ihm leben, weben und sind wir, und das beinhaltet auch unser Gehirn.

Neurowissenschaften ermöglichen uns unglaubliche Kenntnisse über dieses Organ – das erstaunlichste, komplexeste und wunderbarste Objekt des Universums – aber keine ihrer Befunde sind eine Bedrohung für den christlichen Glauben.

Brad Sickler ist außerordentlicher Professor für Philosophie und Programmdirektor für theologische Studien an der University of Northwestern, St. Paul, Minnesota. Er ist auch der Autor von God on the Brain: What Cognitive Science Does (and Does Not) Tell Us about Faith, Human Nature, and the Divine.