Die pastorale Kraft der Lehre von der Bekehrung

Artikel von Jonathan Leeman
9. Februar 2022 — 6 Min Lesedauer

Eine klare Lehre der Bekehrung wird dir pastorale Kraft geben.

Eine persönliche Veranschaulichung

Lass mich direkt mit einer Veranschaulichung zur Sache kommen. Ich habe einmal einem Freund einen sündhaften Wunsch bekannt und habe ihm erklärt, dass – was total frustrierend ist – meine Theologie wusste, dass es falsch war. Aber ein Teil von mir war versucht, diesen Wunsch zu rechtfertigen, weil er „so eng mit meinem Wesen verwoben“ und „so sehr Kern meiner Seele“ war. Mit diesen Worten habe ich ihm erklärt, wie sehr der Wunsch sich wie ich anfühlte.

Mein Freund zitierte mir einfach ganz freundlich Epheser 4, 22–24: „Ihr habt, was den früheren Lebenswandel angeht, den alten Menschen abgelegt, der sich durch die betrügerischen Begierden zugrunde richtet“. Und er betonte „den alten Menschen“ genau so. Ja, es ist wahr: Solche Begierden sind vielleicht wirklich mit meiner Persönlichkeit verwoben. Dein alter Mensch ist verdorben. Hast du etwas anderes erwartet, Jonathan? Diese Wünsche bzw. Begierden sind in gewissem Sinne ich.

„Deine pastorale Aufgabe ist stets, die Worte und Fragen zu finden, die den immer noch sündigenden Christen verstehen lassen, was es bedeutet, ein wiedergeborener Christ zu sein.“
 

Ach ja, aber direkt um die Ecke gab es gute Neuigkeiten. Mein Freund beendete den Abschnitt: „dagegen erneuert werdet in dem Geist eurer Gesinnung und den neuen Menschen angezogen habt, der nach Gott geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ Warte mal kurz: Ich bin ein neuer Mensch, oder? Sicher, es gibt ein altes Ich, aber es gibt auch ein neues Ich. Und dieses neue Ich ist – stop mal, im Ernst jetzt? – nach Gott geschaffen.

Kurz gesagt: Mein Freund erinnerte mich mit ein paar ausgewählten Worten aus der Schrift an meine Bekehrung. Und wo ich an jenem Tag in melancholischer Stimmung versunken war, angetrieben vom Frust, etwas zu wollen, was ich nicht haben konnte, weckte diese Erinnerung meine Freude wieder. Sie gab mir Hoffnung.

Zweifache pastorale Kraft

Siehst du, wie viel pastorale Kraft in einem einwandfreien Verständnis von Bekehrung liegt? In den Realitäten und Verheißungen eines Lebens einer neuen Schöpfung?

  1. Es gibt dir die Fähigkeit, deine Brüder und Schwestern in Christus zu ermutigen und zu beleben, die im Würgegriff der Sünde sind. Vielleicht ist es eine Sucht. Vielleicht ist es Hass gegenüber einem Bruder oder einer Schwester in der Gemeinde. Vielleicht ist es eine nicht nachvollziehbare Verzweiflung. Was auch immer. In vielen solcher Fälle gibt die Sünde – ganz Lügnerin, die sie ist – vor, sie sei unausweichlich. Sie setzt die Maske „real“ oder „authentisch“ auf, oder „so fühle ich mich halt“, oder „natürlich“, oder sogar „gerecht“. Aber eine richtige Lehre der Bekehrung stellt die Lüge in all diesem Getue bloß. „Ja, deine Gefühle sind vielleicht natürlich. Aber nein, du bist nicht daran gebunden, weil der christliche Glaube übernatürlich ist. Du bist frei.“

    Menschen fühlen sich festgelegt durch ihre Sünde. Die christliche Lehre der Bekehrung hilft Christen, zu wissen, dass sie nicht ihre Sünde sind. Selbst wenn der Kampf lange dauert. Selbst wenn auf zwei Schritte nach vorne ein Schritt nach hinten zu folgen scheint (oder mehrere Schritte!): Die Kraft der Veränderung kommt aus der Erkenntnis dessen, was Christus getan hat, als er einen Menschen neu gemacht hat.

  2. Es gibt dir die Fähigkeit, Christen ihres neuen und ganz anderen Lebensstils zu versichern. Der christliche Glaube gibt uns das Leben des Sohnes, in dessen Bild wir neu gemacht werden. Es ist ein Leben der Heiligkeit, der Liebe und des Eins-Seins mit Gottes Volk. Es ist ein Leben des Leids, aber auch des Wissens um die Hoffnung und Kraft der Auferstehung inmitten solchen Leids.

    Und jetzt kommt das Erstaunliche: Solche Sicherheiten gehören nicht nur zu den sogenannten Imperativen des Neuen Testaments: „Geht und seid heilig und eins miteinander.“ Sie gehören zu den Indikativen: „So seid ihr.“ Es gibt ein neues Ich, und dieses neue Ich ist eins mit den Heiligen und ist heilig wie der Sohn.

Die kulturelle Kulisse

Es gibt bei all dem eine kulturelle Kulisse, die es wert ist, wahrgenommen zu werden. Unsere romantisierende Kultur zieht das Wirkliche, das Natürliche, das Authentische vor. Selbstentdeckung und Selbstentfaltung sind unsere größten moralischen Handlungen. Und diese Einstellungen sind in unsere Gemeinden eingedrungen und haben unsere Vorstellung von Bekehrung, Gemeindemitgliedschaft und unserer neuen Identität in Christus umgestaltet. Wir sind alle nur auf der Suche, so würden manche Pastoren sagen. Wir sind alle auf einer Reise. Das heißt, man geht einen Schritt, und dann noch einen, und dann noch einen.

Etwas fehlt aber bei der Logik dieser beliebten pastoralen Metaphern: Die Vorstellung eines entscheidenden Bruchs mit der Vergangenheit – eine Rettung aus dem Reich der Finsternis. Ein Tod und eine Auferstehung. Eine Entdeckungsreise ist eine vollkommen andere Sache als eine Beerdigung und eine Auferstehung, als ein altes Ich und ein neues Ich.

Zugegeben: Reisen verändern uns sehr wohl. Wir entwickeln uns durch Reisen. Und offen gesagt kann sich geistliches Wachstum oft weniger wie Raupen und Schmetterlinge anfühlen und mehr wie ein zäher Entwicklungsprozess. Ich will damit nicht sagen, dass solche Formulierungen bei der Beschreibung geistlicher Zusammenhänge keinen Platz haben. Aber wir dürfen nicht vergessen, was das neue Testament über die Macht des zukünftigen Zeitalters lehrt, das jetzt in die Weltgeschichte hineinbricht. Neuschöpfung geschieht jetzt. Das ist Bekehrung.

Wenn man dem Alkoholiker gegenübersitzt

Da sitzt du also dem Alkoholiker gegenüber, dem Opfer ehelicher Untreue, dem störrischen Diakon, der eine Gemeindespaltung verursacht, dem jungen Ehepaar, das es nicht ertragen kann, diese alten Kirchenlieder zu singen. Was ist deine Aufgabe? Sie daran zu erinnern, dass sie Christen sind.

Vielleicht hilfst du ihnen, sich an ihre Taufe zu erinnern, wie es Paulus in Römer 6 tut. Sie sind begraben und auferweckt worden – wow! Wollen sie wirklich weiter sündigen, oder nach Freiheit suchen, oder nach der Kraft der Vergebung? Wollen sie weiter auf ihren eigenen Wegen bestehen, genau wie die Welt es tut? Wie soll das gehen? Sie sind der Sünde gestorben und in der Neuheit des Lebens Christi auferweckt worden.

„Unterm Strich: predige, lehre, singe, lobe Gott im Gebet, und betreibe Seelsorge – und tu all das mit einer einwandfreien Lehre der Bekehrung. Darin liegt eine unterschätzte Kraft.“
 

Deine pastorale Aufgabe ist stets, die Worte und Fragen zu finden, die den immer noch sündigenden Christen verstehen lassen, was es bedeutet, ein wiedergeborener Christ zu sein.

Unterm Strich: predige, lehre, singe, lobe Gott im Gebet, und betreibe Seelsorge – und tu all das mit einer einwandfreien Lehre der Bekehrung. Darin liegt eine unterschätzte Kraft. Je mehr Menschen es verstehen, desto mehr pastorale Kraft wirst du haben, um sie wie ein Hirte zu leiten. Nicht nur das: Auch sie werden dann diese Kraft haben, um einander zu überführen und auszurüsten.

Jonathan Leeman ist der Redaktionsleiter von 9Marks. Er ist Herausgeber der 9Marks Buchreihe sowie des 9Marks Journal. Jonathan lebt mit seiner Frau und seinen vier Töchtern in einem Vorort von Washington DC (USA) und ist Ältester der Cheverly Baptist Church.