Predigtanfänger

Sieben schlechte Gewohnheiten

Artikel von Dave Harvey
21. Januar 2022 — 10 Min Lesedauer

Die Baseballschläger meines Bruders sind für Linkshänder. Das merkwürdige daran ist, dass er alles andere – schreiben, werfen, winken, Karten ziehen – mit seiner rechten Hand tut.  

Ich habe ihn einmal gebeten, mir diese Besonderheit seiner linkshändigen Schlaggewohnheit zu erklären. „Es ist einfach“, begann er. „Ich habe falsch angefangen und bin dabei geblieben.“ Das brachte mich zum Nachdenken über Prediger. Insbesondere über Predigtanfänger – Neulinge, die ihre ersten Gewohnheiten auf der Kanzel schon sehr früh entwickeln, kurz nachdem sie frisch gebacken aus dem Studium auf Kanzeln steigen oder ihre Fähigkeiten am Eisen der Gemeindegründung schleifen.

Vielleicht warst du schon einmal oder vielleicht bist du gerade in einer solchen Situation. Wenn ja, dann lerne eine Lektion aus der Schlaggewohnheit meines Bruders. Starte nicht auf dem falschen Fuß. Und wenn es doch passiert, dann bleibe nicht dabei!

In den dreißig Jahren im Dienst habe ich einige Predigten gehört, die einen Neustart nötig hatten. Traurigerweise kam vieles davon über meine eigenen Lippen. Wie mein Bruder habe auch ich in vielen Bereichen falsch angefangen, bis mein „Kanzelschlag“ korrigiert wurde, entweder durch schlechte Frucht oder gute Ratschläge. Einige meiner Fehler waren für Predigtanfänger typisch. Andere Anfängerfehler konnte ich glücklicherweise vermeiden.

Hier sind sieben der bekannteren Fehler. Wenn du in den ersten paar „Spielrunden“ des Predigtdienstes bist, kann dir die Liste vielleicht weiterhelfen, richtig zu starten, gut auszuholen und dabei zu bleiben.

1. Redundante Einleitungen

Eine gute Einleitung hat zwei einfache Ziele: (1) Die Neugier der Zuhörer zu wecken und (2) sie auf dem Weg zu einem Lehrsatz oder einem Abschnitt zu begleiten. Sofern du nicht Matt Chandler heißt, brauchst du eine. Das Schlüsselwort hier ist „eine“. Viele Anfänger erzählen mehrere Geschichten, plaudern über aktuelle Geschehnisse, schustern ein paar kluge Kommentare zusammen oder umkreisen wiederholt den Text und vergessen dabei, zu landen. Tu das nicht. Beantworte folgende Frage: „Warum sollte dich dieser Abschnitt faszinieren?“ – und komme dann zur Bibel. Ach ja, und variiere deine Einleitungen ein wenig. Beginne mit einem Zitat, stelle eine Frage, male den Kontext bildlich aus – überlege genau, wie du deine Einleitung interessant, vielfältig und kurz gestalten kannst.

2. Faule Illustrationen

Gute Illustrationen überzeugen die Zuhörer, dass die Bibel lebendig ist; Gottes Wahrheit bewegt sich geschickt in der realen Welt. Das erfordert harte Arbeit. Du musst ein Auge für gute Illustrationen entwickeln, ein System erarbeiten, wie du sie abspeichern und wieder abrufen kannst und dir in der Predigtvorbereitung Zeit nehmen, um die Illustration geschickt zu vermitteln und anzuwenden. Illustrationen sind faul gewählt, wenn sie vorhersehbar sind. Zu oft schöpfen Prediger Wasser wiederholt aus einer einzigen seichten Quelle – Sport, Film, Politik, oder – das wird weh tun – der eigenen Familie.

„In dem Obstgarten von Illustrationen können Familien-geschichten sehr schnell die tiefhängenden Früchte werden, die schnell gepflückt sind und rasch verderben.“
 

In dem Obstgarten von Illustrationen können Familiengeschichten sehr schnell die tiefhängenden Früchte werden, die schnell gepflückt sind und rasch verderben. Manchmal erlauben junge Prediger ihrer Vorstellungskraft nicht, über ihr eigenes Zuhause hinaus in die Natur, in die Kirchengeschichte, in ein breiteres Spektrum kultureller Autoritäten und vor allem in die Bibel zu blicken. Predigtpunkte durch Gottes Wort zu veranschaulichen, verdoppelt die Wirkung des Wortes und gründet eine bibelfestere Gemeinde.

3. Der Heldenfaktor

Wenn du Geschichten über dich selbst oder deine Gemeinde erzählst, wer ist der Held? Ist es Gott? Ist es die erstaunliche Kraft des unaufhaltbaren Evangeliums? Oder sind deine Geschichten trojanische Pferde, die dein Ego in die Predigten schmuggeln?

Die Kanzel ist das Lenkrad der Gemeinde. Glücklicherweise lenken viele Pastoren die Gemeinde in Richtung des dreieinigen Gottes. Doch manchmal führen unsere Botschaften zum Berg des eigenen Ichs. Dies kann durch Phrasen oder die Art und Weise, wie der Prediger über sich spricht geschehen, doch die Wirkung ist immer dieselbe: Die Leute gehen nach Hause und denken genauso viel über den Prediger nach wie über den Abschnitt. Ständiges Reden über deine Familie, ein sorgfältiger Stapel von Erfolgsgeschichten aus deinem Dienst, Seitenhiebe gegen Kritiker und Worte, die mehr auf Cleverness als auf Klarheit abzielen, können Leute dazu bringen, dem Prediger mehr zu vertrauen als Gottes Verheißungen.

Bryan Chapell schreibt dazu:

„Während Berichte von persönlichen Erfahrungen normalerweise die stärkste Zuhöreridentifikation in sich tragen, müssen solche Illustrationen gut ausgeglichen werden mit Material aus anderen Quellen, um den Vorwurf der Selbstbezogenheit zu vermeiden.“

Anstatt dein Ansehen in den Augen der Leute zu steigern, mache Gott zum Helden.

4. Die Evangelium-„Bombe” 

Junge Prediger benutzen das Wort „Evangelium” zu häufig. Dies mag wie eine merkwürdige oder kleinliche Kritik klingen, aber hör mir bitte zu. Ein großzügiger Gebrauch des Wortes „Evangelium“ in einer Predigt macht sie noch lange nicht evangeliumszentriert. Es gibt Hunderte von Möglichkeiten zu beschreiben, was es bedeutet, ohne das Wort zu wiederholen.

„Ein großzügiger Gebrauch des Wortes Evangelium‘ in einer Predigt macht sie noch lange nicht evangeliums-zentriert.“
 

Vor einigen Jahren schlug mir ein gutherziger und bibelkundiger Laienältester in unserer Geminde vor, dass meine Predigten besser werden könnten, wenn ich nach anderen Wegen suchen würde, um die Evangeliumszentriertheit zu preisen, ohne das Wort „Evangelium“ zu benutzen. Zunächst fiel es mir schwer, diesen Vorschlag zu verstehen und ich fragte mich, ob er meine Predigten wirklich verstanden hatte. Doch er hatte sie alle nur zu gut verstanden. Dieser treue Mann schlug keine Synonyme für „Evangelium“ vor; er meinte, dass es Hunderte von Wegen gibt, die außergewöhnliche Botschaft eines von Liebe erfüllten Erlösers, der sich selbst geopfert hat, um Sünder zu retten, zu erklären und zu erhöhen.

5. Ruderlose Auslegung

Wir haben es alle schon erlebt. Die Bibel aufschlagen, den Text vorlesen, ein paar andächtige Sätze dazu sagen und ein paar Planeten wie „Meine Sorgen“, „Meine Ideen“ und „Interessante Dinge, die ich über das Thema gedacht habe“ auf die Umlaufbahn des Textes schicken.

Echte Auslegung überlässt dem Text das Ruder der Predigt. Der Text lenkt die Predigt aus dem Dock heraus in das offene Meer der ursprünglichen Zuhörerschaft, der Auslegung und der Kontextualisierung. Er bestimmt die Richtung, die Struktur und sogar die Anwendung der Botschaft. Ein vom Text losgelöster Prediger ist ein ruderloses Schiff; ein Schiff, das krampfhaft nach Richtung und Fahrtziel sucht.

Hier ist eine Beobachtung über Prediger: Je klüger man ist, desto eher ist man versucht, das Ruder aus der Hand zu geben. Mit anderen Worten: Köpfe, die fruchtbarer und aufnahmefähiger sind, haben oft mehr Ideen, die bei der Vorbereitung und beim Halten der Predigt mit dem Text konkurrieren. So erkläre ich mir Spurgeon, dessen Predigten zwar textbasiert, christuszentriert und mutig vorgetragen wurden, doch nicht zwingenderweise gute Beispiele von Auslegungspredigten waren. Doch er wird der „Prinz der Prediger“ genannt und nicht ich. Du auch nicht. Also greif nach dem Ruder und lass es nicht los, bis du mit der Predigt fertig bist.

6. Der Griff nach Humor

Ein Griff nach Humor ist eine beliebige Anmerkung, die kontextlos und ohne Verbindung zu sein scheint. Das passiert, wenn unsere Versuche, clever oder witzig zu sein, ablenken. Wir opfern Besonnenheit, um unsere Zuhörer zum Lachen zu bringen. Wir bereiten unsere Predigten mit der Annahme vor, dass sie durch unsere Witze verbessert werden müssten. „Lachen“, beobachtet John Piper, „scheint die Umkehr als Ziel von vielen Predigern ersetzt zu haben.“ Mache keinen Fehler: Es ist eine gefährliche Angewohnheit – eine, für die insbesondere junge Prediger anfällig sind.

Predigtanfänger suchen sich oft einen predigenden Jedi – einen Prediger, der durch Konferenzen, seine Gemeindegröße oder die Kirchengeschichte bekannt geworden ist – und versuchen seinen Stil zu imitieren. Dies ist zwar eine übliche Phase für die meisten jungen Prediger, aber es ist wichtig, sich dieses Einflusses bewusst zu sein und zu wissen, dass sich die Nachahmung des Humorstils wahrscheinlich wie „aufgewärmt“ anhören wird.

Nur wenige Dinge bringen einen Prediger schneller in Verruf als der Eindruck, dass er nicht er selbst ist. Komödiantische Nachahmung riecht nach Unaufrichtigkeit. Das heißt nicht, dass es keinen Platz für Humor in einer Botschaft gibt; im Gegenteil, es gibt Prediger, deren Botschaft durch eine Portion witziger Vorstellungskraft etwas nahbarer wird. Ich erinnere mich an Predigten, bei denen ich herzhaft gelacht habe, um dann von den überführenden Sätzen, die folgten, aufgerüttelt zu werden. Wenn Humor weise und gut eingesetzt wird, ist er eine Gabe für die Gemeinde.

„Nur wenige Dinge bringen einen Prediger schneller in Verruf als der Eindruck, dass er nicht er selbst ist.“
 

Wenn du überlegst, ob es deine Gabe für die Gemeinde ist, fange an, dir folgende Fragen zu stellen: Bin ich privat witzig? Denkt jemand anders außer mir selbst, meiner Frau und meiner Mutter, dass ich witzig bin? Dein Humor auf der Kanzel sollte übereinstimmen mit deiner privaten Persönlichkeit. Verbessert mein Stil und meine Verwendung von Humor die Botschaft oder lenken sie davon ab? Ist der Gebrauch von Witz meinem Alter angemessen, oder untergräbt er meine Autorität?

7. Feedbackphobie

Der Schlüssel für Wachstum als Prediger ist, Einschätzungen von anderen Leuten zu bekommen. Dennoch ist es verblüffend, wie oft neue Prediger nur sehr widerwillig eine Feedbackkultur etablieren, um ihre Predigten und Vorträge zu verbessern. Vielleicht ist es nicht verwunderlich. Ich meine, wer will gesagt bekommen, dass die zwölf bis zwanzig Stunden, die sorgfältig geschliffenen Worte, die Ideen, die das eigene Herz und die Seele erfüllt haben, am Ende weder inspiriert noch inspirierend waren? 

„Beurteilung kann schmerzhaft sein, aber es ist ein guter Schmerz.“
 

Beurteilung kann schmerzhaft sein, aber es ist ein guter Schmerz – die Art von Schmerz, die du an dem Tag fühlst, nachdem du wieder mit dem Training angefangen hast. Weniges wird dir mehr helfen, als Prediger schneller zu wachsen, als eine kleine Gruppe von qualifizierten Leuten, die dir ehrliches Feedback geben. Habe keine Angst davor; stelle dich ihr.

Ein wichtiger Aspekt der Beurteilung sollte die Predigtlänge sein. Beginne nicht damit, wie lange in deiner Gemeindetradition gepredigt wird („Ich bin charismatisch und wir predigen nun mal eine Stunde lang!“). Beginne mit deinen Erfahrungen und deiner Begabung, wie sie dir von deiner Gemeindeleitung zugeteilt werden. Wenn du wie die meisten bist, denkst du, dass die dir zugeteilte Zeit kürzer ist, als du dir wünscht. Finde dich damit ab. Ein weiser Prediger sorgt dafür, dass Menschen mehr hören wollen und weniger schlafen.

Andere (Schlag-)Gewohnheit?

Die Angewohnheit meines Bruders, mit seiner linken Hand zu schlagen, kam daher, dass er falsch angefangen hat und dabei geblieben ist. Wenn dieser Artikel dir einige Bereiche gezeigt hat, in denen du dich verbessern kannst, ist es jetzt an der Zeit, auf die andere Seite zu gehen und von dort zu schlagen. Sei nicht entmutigt. Diese Fehler kommen bei Predigtanfängern häufig vor, und viele begabte Ausleger sind darüber gestolpert.

Gott ist treu und hilft gerne denen, die sich ernsthaft wünschen, sein Evangelium zu verkündigen. Predigen ist schließlich Gottes Idee (1Kor 1,21). Dich zu berufen, mit all deinen Stärken und Schwächen, war auch seine Idee. Also vertraue ihm. Der Gott, der dich berufen hat zu predigen, ist in der Lage, dich zu gebrauchen.

Dave Harvey ist Leiter von Great Commission Collective, einer Initiative für Gemeindegründung. Dave war 34 Jahre lang Pastor und beliebter Redner auf Konferenzen. Er ist u.a. Autor des Buches Wenn Sünder sich das Ja-Wort geben. Dave und seine Frau Kimm leben im Südwesten Floridas.