Wie Filme nach dem Evangelium suchen

Artikel von Gavin Ortlund
7. Januar 2022 — 10 Min Lesedauer

Ich liebe Filme. Das war schon immer so, aber aus irgendeinem Grund haben mich Filme in den letzten drei oder vier Jahren mehr und mehr fasziniert – die riesige Industrie, die dahinter steht, die Feinheiten und Raffinessen, die gute schauspielerische und erzählerische Leistungen ausmachen, und vor allem die Fähigkeit von Geschichten, auf einer so tiefen, komplexen und emotionalen Ebene zu kommunizieren. Ich liebe den neuesten Teil von Star Wars.

Vielleicht liegt es zum Teil daran, dass ich in Südkalifornien lebe. Neulich haben Will Ferrell und Amy Poehler einen Teil ihres neuen Films The House (US-amerik. Komödie) hier in Sierra Madre gedreht, und im Vorbeigehen blieb ich stehen und sah dem Regisseur zu, wie er sie anleitete. Es war beeindruckend. Es hat mich daran erinnert, wie viel Arbeit und Energie in jeder Szene eines Films steckt. Wusstest du, dass das Eröffnungsgespräch in The Social Network (US-amerik. Filmdrama) etwa 99 Mal gefilmt wurde? Rooney Mara sagte: „Ich dachte: ‚Ich werde ausbrennen, ich werde abstumpfen, es wird sich roboterhaft anfühlen‘, aber so war es nie. Jedes Mal fühlte es sich wie eine neue, frische Szene an.“ Verrückt.

In seiner Rede auf dem Areopag in Apostelgeschichte 17 wies Paulus auf die Anbetung eines unbekannten Gottes durch die Athener hin (V. 23) und behauptete, Gott habe das Leben der Menschen vorherbestimmt, so dass sie „den Herrn suchen sollten, ob sie ihn wohl umhertastend wahrnehmen und finden möchten“ (V. 27). Ich sehe, dass die Filme auf ihre eigene Art und Weise etwas von diesem Kampf des „sich Herantastens“ abbilden. Natürlich gibt es in der Filmindustrie viel Hässliches und Böses (wie es auch Paulus in Athen gesehen hat, vgl. Apg 17,16) – und deshalb müssen wir uns genau überlegen, welche Filme wir uns ansehen und welche Wirkung sie auf uns haben.

„Wenn ich sage, dass Filme auf der Suche nach dem Evangelium sind, dann meine ich nicht den Inhalt, sondern eher die Form des Evangeliums.“
 

Aber Filme bieten auch Einblicke in die Fragen, die sich die Menschen um uns herum stellen – sie sind Fenster in unsere kulturellen Narrative, in die Art und Weise, wie selbst sehr säkulare Menschen „einen unbekannten Gott anbeten“. (Dies gilt für alle Medien des Erzählens, und vieles von dem, was ich hier sage, gilt gleichermaßen für Steven Spielberg, Ridley Scott und Christopher Nolan wie für Aischylos, Beowulf und Jane Austen.)

Wenn ich sage, dass Filme auf der Suche nach dem Evangelium sind, dann meine ich nicht den Inhalt, sondern eher die Form des Evangeliums. Filme sprechen unsere tiefsten Gefühle an, weil sie auf Wahrheiten und Realitäten zurückgreifen, die nur im Lichte des Evangeliums Sinn ergeben, und die Fragen, die sie stellen, können nur durch das Evangelium gelöst werden.

Hier sind drei Elemente dieses Prozesses des „sich Herantastens“:

1. Gut gegen Böse

In fast jedem Film wird das grundlegende Drama entlang der Grenzen von Gut und Böse gezeichnet. Was eine erzählenswerte Geschichte ausmacht, ist meist folgendes:

  • Gut und Böse prallen aufeinander
  • das Gute kämpft und wird eine Zeit lang verprügelt
  • das Gute besiegt das Böse

Oft hat das Böse einen institutionellen Vorteil – wir lieben Jason Bourne, weil er auf der Flucht ist, wir hassen den Gefängnisdirektor Samuel Norton in Die Verurteilten wegen seiner selbstgefälligen Macht, und so weiter. Und oft ist das Gute ein Außenseiter oder irgendwie vom Pech verfolgt. Man denke zum Beispiel an Rocky Balboa (US-amerik. Boxerfilm) oder Dr. Richard Kimble (Figur in der US-amerik. Fernsehserie Auf der Flucht) – oder man denke daran, wie viele Helden in Disney-Filmen Waisen sind oder auf ihrem Weg einen oder beide Elternteile verlieren.

Manchmal stehen Gut und Böse für ein bestimmtes Motiv, wie die „helle“ gegen die „dunkle“ Seite in der Stars-Wars-Reihe; manchmal für verschiedene Parteien oder Gruppen (wie die Autobots gegen die Decepticons in der Transformers-Reihe oder Charles Xaviers Mutanten gegen Magnetos Mutanten in X-Men); manchmal wird das Gute um eine einzelne Person herum inszeniert (James Bond, Indiana Jones, usw.). Manchmal ist der Kampf zwischen Gut und Böse düsterer, wie z.B. zwischen Batman und dem Joker; in anderen Fällen ist er eher indirekt und/oder unbeschwert (z.B. Frank Dixon und Viktor Navorski in der US-amerik. Tragikomödie Terminal). Oft gibt es sehr statische „gute Jungs“ und „böse Jungs“, oder, im Falle von Superheldengeschichten, Helden und Schurken; manchmal sieht man eine Figur zwischen Gut und Böse hin und her schwanken (wie Gollum in Der Herr der Ringe). Manchmal ist das „Böse“ nicht in den Menschen, sondern in der Natur zu finden (Survival-Geschichten, Jurassic Park, Der weiße Hai usw.), aber auch hier gibt es oft „Bösewichte“, die sich einschleichen; in anderen Fällen wird der Kampf zwischen Gut und Böse innerlich dargestellt (Frankenstein, Der Pate usw.); in wieder anderen Fällen geht es um Ideen oder Systeme oder sogar um Maschinen (Matrix, Terminator usw.) oder Aliens (Alien, Independence Day usw.) – aber auch hier gibt es in der Regel gute und böse Figuren.

Aber der Punkt ist, dass es in Filmen nie nur um das Streben verschiedener Parteien nach Überleben und Macht geht. Es gibt immer eine moralische Dimension des Dramas und damit ein gesteigertes Gefühl der Bedeutsamkeit. Wir wollen nicht nur, dass eine Seite gewinnt. Wir spüren, dass eine Seite gewinnen sollte. Wir wissen, dass es richtig ist, dass Simba Scar entthront, und nicht nur, weil er Glück hat; und wir fühlen eine Auflösung und Befriedigung, wenn Gene Hackman am Ende von Das Urteil – Jeder ist käuflich allein in dieser Bar sitzt.

Warum ist das so verbreitet? Wäre dieses Paradigma nicht eintönig, wenn es sich nicht so tief in unsere Herzen eingegraben hätte, dass wir nicht merken, dass es eintönig ist? Ich denke, das ist eine Möglichkeit, wie Filme nach dem Evangelium suchen. Ein naturalistischer evolutionärer Rahmen betrachtet unsere Neigung zu Gut und Böse und sagt: „Das ist so, weil es unseren Vorfahren geholfen hat zu überleben, und das Gefühl der Transzendenz, das damit einhergeht, ist letztlich illusorisch.“ Das ist unglaublich schwer zu glauben, und die meisten von uns können es nicht, auch wenn es die logische Schlussfolgerung unserer Weltanschauung ist.

„Filme sind nicht nur auf der Suche nach einem moralischen Rahmen, sondern auch nach einem eschatologischen.“
 

Oder anders ausgedrückt: Wenn wir durch blinde Evolution hierhergekommen sind, dann erzählen uns Filme eine Geschichte, die über die Natur der Realität grundlegend täuscht. Wenn es andererseits eine Dreieinigkeit gibt, die die Welt aus Liebe hervorgebracht hat, und einen echten moralischen Kampf zwischen denen, die ihr treu sind, und denen, die gegen sie kämpfen, dann ist das Gefühl der moralischen Transzendenz, das Filme vermitteln, ein kleiner Hinweis auf den Sinn von allem.

2. Das „Happy End“

In Filmen geht es nicht nur um den Kampf des Guten gegen das Böse, sondern auch um den Sieg des Guten über das Böse. Filme sind nicht nur auf der Suche nach einem moralischen Rahmen, sondern auch nach einem eschatologischen (endzeitlichen). Auch dies ist so alltäglich, dass wir nicht einmal darüber nachdenken. Aber ein „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ ist ein wesentlicher Bestandteil jeder guten Geschichte.

Mit anderen Worten: Ob das Gute das Böse besiegt, ist dem Zuschauer niemals gleichgültig. Man denkt nie: „Na ja, entweder Jim Braddock oder Max Baer (US-amerik. Profiboxer) wird gewinnen - wen kümmert‘s?“ Nein, wenn das Gute am Ende triumphiert, stellt es immer ein gewisses Maß an Glück und Harmonie wieder her, das während des Kampfes gestört wurde. Man könnte die meisten Handlungen in drei Phasen zusammenfassen:

  • Glück
  • Verlust des Glücks
  • Wiederherstellung eines größeren und dauerhafteren Glücks

Manchmal gibt es die Vorstellung, dass sich alles wieder normalisiert, insbesondere in Zeitreisefilmen wie Zurück in die Zukunft und X-Men: Zukunft ist Vergangenheit. Die ganze Welt gerät aus den Fugen, aber am Ende ist alles wieder in Ordnung.

„Für den Christen ist ‚Harmonie, Spannung und Auflösung‘ das grundlegende Paradigma der Wirklichkeit.“
 

Aber warum ist das so verbreitet? Hat die Vorstellung von einem „Happy End“ irgendetwas mit der realen Welt zu tun, mit der Geschichte, in der jeder von uns lebt? In einer naturalistischen Weltanschauung lautet die Antwort einmal mehr: Nein. Das Universum wird sich schließlich auflösen und keine Energie mehr haben.

Aber für den Christen ist Harmonie → Spannung → Auflösung das grundlegende Paradigma der Wirklichkeit. Wir nennen es Schöpfung → Fall → Erlösung. Mit anderen Worten: Wenn das Christentum wahr ist, dann ist der Grund, warum das Ende eines Films uns so fühlen lässt, wie es das tut, der, dass es eines Tages geschehen wird.

3. Leiden und aufopfernde Liebe

In fast jedem Film kämpft das Gute nicht nur gegen das Böse und triumphiert über es, sondern tut dies durch Leiden und Aufopferung. Wie lahm wäre eine Geschichte, wenn die Guten problemlos und ohne Kosten gewinnen würden? Das kommt nie vor.

Man nehme zum Beispiel den Football-Film Touchdown – Sein Ziel ist der Sieg (einer meiner persönlichen Favoriten). Diese Szene, in der Rudy im Park sitzt und entdeckt, dass er in die Notre-Dame-Universität aufgenommen wird – sie wird nie langweilig. Ich könnte sie mir immer wieder ansehen. Aber wie lahm wäre es, wenn Rudy 1,80 m groß wäre und einen IQ von 140 hätte? Das würde nie einen guten Film ergeben. Der Kampf, den er auf sich nehmen musste, um sein Ziel zu erreichen, ist es, was seine Geschichte für uns so stark macht: Wir alle spüren, dass nicht nur der Triumph, sondern auch der Kampf, den es braucht, um dorthin zu gelangen, von großer Bedeutung ist.

Oder denken wir an das Leiden, das John Nash in A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn (ein weiterer persönlicher Favorit) durchmacht. Die Tiefe seines Leidens in diesem Film, die Art und Weise, wie seine ganze Welt auf den Kopf gestellt wird, macht die Rede am Ende umso schöner – und die Art und Weise, wie seine Frau es mit ihm aushält. Das Besondere an der Geschichte ist, dass er nicht über sowjetische Spionagecodes, sondern über eine psychische Krankheit triumphiert; es ist eine Geschichte nicht nur über Leistung, sondern über Liebe und Erlösung.

Das Motiv der Aufopferung geht fast immer mit dem des Leidens einher. Wie oft haben wir schon gesehen, dass einer der Guten sein Leben aufgibt, oder glaubt, sein Leben aufzugeben, oder etwas anderes Wichtiges aufgibt, um den Tag zu retten? Die Entscheidung für die aufopfernde Liebe ist der entscheidende Auslöser für so viele Handlungen, von Der Planüber Die Schöne und das Biest bis hin zu Schräger als Fiktion, und so könnte man weitermachen. Jemand gibt sein Leben auf, opfert sich für einen anderen, nur um dann festzustellen, dass sein Leben zu ihm zurückkehrt.

„Schließlich ist dies der zentrale Kern unseres Glaubens: Jesus, das Kreuz, das leere Grab.“
 

Auch dieser Aspekt von Filmen ist aus evolutionären Gründen schwer zu erklären. Naturwissenschaftler zerbrechen sich den Kopf über das Problem des Altruismus. Aber für den Christen macht es durchaus Sinn, dass aufopfernde Liebe und Leiden der Schlüssel zum Sieg des Guten über das Böse sind und dass man immer zurückbekommt, was man wirklich aufgibt.

Schließlich ist dies der zentrale Kern unseres Glaubens: Jesus, das Kreuz, das leere Grab. Das ist es, was wir jeden Sonntag singen und hören. Wir glauben, dass dies eines Tages das Universum erneuern wird. Und wir glauben, dass die ganze Welt danach sucht – in unseren Filmen und in unserem Leben.

Gavin Ortlund ist Ehemann, Vater, Pastor und Schriftsteller. Er ist leitender Pastor der First Baptist Church of Ojai in Ojai, Kalifornien (USA). Er ist der Autor der Bücher Theological Retrieval for Evangelicals: Why We Need Our Past To Have A Future (Crossway, 2019) und Finding the Right Hills To Die On (Crossway/TGC, 2020).