Was sollen wir tun?

Rezension von Lea Kubsch
6. Januar 2022 — 5 Min Lesedauer

Ethische Fragen rund um Corona, Abtreibung, Sterbehilfe oder autonomes Fahren beschäftigen die Gesellschaft und insbesondere uns Christen derzeit fast täglich. Dabei müssen wir feststellen, dass sich der Konsens über moralische Normen und Handlungsweisen immer mehr von der christlichen Ethik entfernt.

Mit diesen Beobachtungen rund um das Thema Ethik befasst sich der dritte Band mit dem Titel Was sollen wir tun? – Was ist das beste Konzept für Ethik? der vierteiligen Buchreihe „Die Suche nach Wirklichkeit und Bedeutung“. Die beiden Professoren David W. Gooding und John Lennox setzen sich innerhalb dieser Buchreihe mit elementaren Menschheitsfragen auseinander, wobei sie sich an den von Immanuel Kant aufgeworfenen Grundfragen orientieren:

  • „Was kann ich wissen?“
  • „Was soll ich tun?“
  • „Was darf ich hoffen?“
  • „Was ist der Mensch?“

Ihr Ziel ist es, vor allem jungen Menschen – etwa Schülern und Studenten – das breite Feld von Theologie, Philosophie, Wissenschaftstheorie und Geschichte näher zu bringen und ihnen dabei zu helfen, eine eigene Weltanschauung zu entwickeln. Dabei verheimlichen die Autoren nicht, dass sie selbst Christen sind und daran glauben, dass menschliches Handeln am Willen Gottes und dem Maßstab seiner Gebote beurteilt werden muss. Somit ist das Buch zugleich auch ein apologetisches Werk für den christlichen Glauben bzw. das christliche Handeln.

Vielen Fragen und Antworten in drei übersichtlichen Teilen

Insgesamt gliedert sich das Buch in drei große Teile. Der erste Teil, überschrieben mit „Bedeutung, Grundlage und Autorität von Ethik“, beschäftigt sich im Wesentlichen mit Subjektivismus und Objektivismus (S. 65–118). Dem Subjektivismus zufolge kann das Erkennen und Handeln hauptsächlich oder sogar ausschließlich durch persönliche Gründe gerechtfertigt werden. Der Gegenbegriff zum Subjektivismus ist der Objektivismus, nach welchem moralische Werte existieren, die von menschlichen Meinungen unabhängig sind.

Die Autoren zeigen die Unzulänglichkeit des Subjektivismus eindringlich auf. Würde die persönliche Moral zum universellen Maßstab für das Handeln erklärt werden, dann würden etwa „alle moralischen Urteile auf eine Frage des Geschmacks“ reduziert werden (S. 82). Einwände gegen den Objektivismus werden widerlegt und mögliche Quellen objektiver moralischer Werte vorgestellt.

„Ethik kann uns zwar aufzeigen, was richtig und was falsch ist. Sie sagt uns, was sein soll. Die Wirklichkeit ist aber oft nicht so, wie sie sein soll. So führt uns die Ethik auch unsere Unzulänglichkeiten vor Augen.“
 

Im daran anschließenden zweiten Teil stellen die Autoren die bedeutendsten zeitgenössischen Ethiksysteme vor und bewerten diese (S. 119–244). Darunter z.B. den Handlungsutilitarismus, die kantsche Ethik sowie die christliche Ethik. Schließlich eröffnet der dritte Teil einen Ausblick auf die Relevanz der Ethik in unserer Gesellschaft (S. 245–306). „Was ist der Wert des Menschen?“, „Was sagt uns die christliche Sexualmoral?“, „Wie verhält es sich mit der moralischen Betrachtung von Sterbehilfe?“, sind nur einige der behandelten Themengebiete. Nach einem Exkurs zu der Frage „Was ist Wissenschaft?“ (S. 331–367) schließt das Buch mit einem praktischen Anwendungsteil für Lehrer und Schüler bzw. Studenten, in dem anhand von verschiedenen Fragestellungen zu jedem Kapitel die Aussagen des Buches reflektiert und wiederholt werden können (S. 409–441).

Positiv fällt auf, dass der Band insgesamt sehr übersichtlich angelegt ist. Eine Kapitelübersicht zu Beginn ermöglicht es, die Kerngedanken jedes Kapitels und dessen Argumentationsstruktur auf einen Blick zu erfassen. Die Autoren verfolgen einen roten Faden und bauen ihre Argumentationen überzeugend auf. Der Anfang des Buches gestaltete sich für mich etwas zäh, da er abstrakt und durchaus anspruchsvoll geschrieben ist. Hier hätten mehr Beispiele und Veranschaulichungen die Verständlichkeit erhöhen können. Dennoch finde ich, dass die Autoren es schaffen, verschiedenste Fragen im Zusammenhang mit der Ethik auf zentrale Überlegungen herunterzubrechen.

Die Möglichkeiten der Ethik sind begrenzt

Sehr gelungen ist auch die Art und Weise, auf welche die Autoren verdeutlichen, dass die Ethik selbst nicht ausreicht, um die ethischen Probleme zu lösen. Ethik kann uns zwar aufzeigen, was richtig und was falsch ist. Sie sagt uns, was sein soll. Die Wirklichkeit ist aber oft nicht so, wie sie sein soll. So führt uns die Ethik auch unsere Unzulänglichkeiten vor Augen. Sie führt nicht aus dem Zustand der Verfehlungen oder – wie die Bibel es nennen würde: aus der Sünde – heraus. Die Möglichkeiten der Ethik sind demnach begrenzt. Nur Gottes Barmherzigkeit kann Menschen aus ihrer Misere herausführen. Gott schenkt durch seinen Sohn Jesus Christus Versöhnung und damit auch eine geistliche und ethische Erneuerung des Charakters und Lebensstils (vgl. S. 319–327).

Fazit

Was sollen wir tun? ist eine christliche Einführung in die Thematik und eignet sich auch als Nachschlagewerk. Nicht in allen Details stimme ich den Autoren zu, doch das geht mir bei vielen guten Büchern so. Meiner Meinung nach handelt es sich um ein durchaus gelungenes Werk, das sich inhaltlich auf angemessenem Niveau mit der Frage des richtigen Handelns auseinandersetzt.

„Das Buch liefert überzeugende Gründe für das Vermögen und die Schönheit der christlichen Weltsicht.“
 

Jedem, der sich noch nie mit Ethik auseinandergesetzt hat, kann ich dieses Buch ans Herz legen. Denn wie die Autoren bereits in der Einleitung ihres Buches beschreiben, handelt es sich nicht um rein akademische Fragen, sondern um zentrale Lebensfragen, die jeden Menschen beschäftigen und die Gesellschaft prägen. Gerade für Christen sollte es ein Anliegen sein, sich mit den Weltanschauungen anderer auseinanderzusetzen und sie besser zu verstehen. Nur wenn wir zuhören, wissen wir, was die Menschen bewegt. Schnell antworten wir sonst nämlich auf Fragen, die niemand gestellt hat. Was sollen wir tun? fördert eine christliche Sicht auf moralische Fragen und das Buch liefert überzeugende Gründe für das Vermögen und die Schönheit der christlichen Weltsicht.

Buch

John Lennox u. David Gooding, Was sollen wir tun?: Was ist das beste Konzept für Ethik? Dillenburg: CV, 2021, 254 S., 24,90 Euro. Das Buch kann auch direkt beim Verlag bestellt werden.

Lea Kubsch lebt in München, studiert Rechtswissenschaften und arbeitet nebenbei am Zentrum für Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht.