Komm zu Christus

Gedanken zur Jahreslosung 2022

Artikel von Thomas Richter
1. Januar 2022 — 12 Min Lesedauer

Die Jahreslosung für 2022 steht in Johannes 6,37 und wird in der Einheitsübersetzung folgendermaßen wiedergegeben: „[Jesus Christus spricht:] Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Andere deutsche Bibelübersetzungen lesen: „den werde ich nicht hinausstoßen“. Die Jahreslosung kann durchaus ein guter, geistlicher Begleiter für das vor uns liegende Jahr sein, wobei zu berücksichtigen ist, dass auch diese Verse in einem bestimmten Kontext stehen. Den Schlüssel zum Verständnis der Jahreslosung 2022 finden wir ebenfalls nur in der Betrachtung des gesamten Abschnitts. Im Folgenden möchte ich anhand von vier Punkten aufzeigen, was uns der Vers für das kommende Jahr zeigen kann.

1. Jeder darf kommen

Betrachten wir zunächst nur den Leitvers, ohne den Kontext in den Blick zu nehmen. In Vers 37 lesen wir eine herrliche Zusage, die für sich genommen vollkommen wahr ist: Christus wird niemanden abweisen, der zu ihm kommt. Welch wunderbare Wahrheit! Egal ob Egoist, Lügner, Mörder, Steuerhinterzieher, Drogenabhängiger, Fauler, Vielfraß – die Liste könnte endlos fortgesetzt werden – jeder darf zu ihm kommen. Denn Christus selbst hat gesagt: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder zur Buße“ (Lukas 5,31–32). Jesus lädt Sünder zu sich ein. Deshalb ist er in diese Welt gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist (vgl. Lk 19,10).

Jesus verbrachte viel Zeit mit Prostituierten und Zöllnern. Menschen, die in der Gesellschaft verpönt waren und es noch immer sind. Er hatte keine Berührungsängste. Im Gegenteil, da er sich nicht selten in ihrer Gegenwart aufhielt, nannten ihn die Menschen sogar einen „Freund der Zöllner und Sünder“ (Mt 11,19). Und weil wir alle Sünder sind und keiner ist, der Gutes tut, auch nicht einer (vgl. Röm 3,12), wird Jesus auch uns nicht abweisen, wenn wir zu ihm kommen. Er kann mit unserer Sünde umgehen und ist nicht überfordert. Er kennt die Abgründe des menschlichen Herzens. Was für eine herrliche Perspektive! Ganz egal, wie verkorkst dein Leben ist, wie viel Schuld du angehäuft und wie viel Ablehnung du durch andere Menschen erfahren hast, Jesus empfängt dich mit offenen Armen. Er kennt dich. Und er ist der Einzige, der dich reinwaschen kann. Es liegt aber in deiner Verantwortung, zu ihm zu kommen.

2. Buße und Jesu Herrschaftsanspruch

Und damit komme ich zum zweiten Punkt. Es hat sich ein wenig in unsere christlichen Kreise eingeschlichen, dass wir einerseits auf das wunderbare Angebot Jesu hinweisen, nach dem jeder eingeladen ist zu kommen, andererseits jedoch die Bedingungen verschweigen. Aus der Heiligen Schrift wissen wir, dass nur derjenige Eingang findet in das Reich Gottes, der seine eigene Schuld anerkennt und sie vor Gott bekennt. Wie schon erwähnt, erfahren wir im Lukasevangelium: Jesus ist nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder zur Buße. Die entscheidende Wortgruppe lautet „zur Buße“. Jesus ruft Sünder nicht einfach zu sich, er fordert sie auch auf, Buße zu tun. Was bedeutet das genau? Es bedeutet, dass wir vor Gott bekennen, dass wir an Ihm, dem allein heiligen Gott, gesündigt haben. Außerdem bedeutet es, dass wir die Sünde, die wir einst liebten, nun hassen sollen bzw. werden. Das griechische Wort für „Buße“ (μετάνοια, metanoia) bedeutet wörtlich „Sinnesänderung“.

Paulus schreibt im Römerbrief, dass wir uns nicht diesem Weltlauf anpassen, sondern uns verwandeln lassen sollen, durch die Erneuerung unseres Sinnes, damit wir prüfen können, was der gute und wohlgefällige Wille Gottes ist (vgl. Röm 12,2). Um in Jesu Gegenwart bleiben zu können, ist es unmöglich, in Sünde zu verharren: „Und nun, Kinder, bleibt in ihm, damit wir Freimütigkeit haben, wenn er erscheint, und uns nicht schämen müssen vor ihm bei seiner Wiederkunft. Wenn ihr wisst, dass er gerecht ist, so erkennt auch, dass jeder, der die Gerechtigkeit tut, aus ihm geboren ist“ (1Joh 2,28–29).

„‚In dieser Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. … Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders.‘“
 

Das Streben nach Heiligung ist ein Prozess, der jeden wahrhaft wiedergeborenen Christen auszeichnen muss (vgl. Hebr 12,14). Darf also ein Ehebrecher zu Christus kommen? Ja! Wird er als Kind Gottes in Ehebruch bleiben? Nein! Darf ein Lügner zu Christus kommen? Ja! Wird er aber als Kind Gottes in der Lüge verharren? Keinesfalls! – Christ sein und in beharrlicher Sünde leben ist widersprüchlich. Leider vertreten jedoch nicht alle, die sich als Christen bezeichnen, diese Meinung. Für viele ist Jesus nicht viel mehr als ein Sahnehäubchen auf ihrem Leben. Ein schöner Zusatz, gemäß dem Credo: „Ich lebe mein Leben weiter wie bisher, mit allen sündhaften Gedanken, Worten und Taten und als Zusatz erhalte ich in Jesus noch das ewige Leben.“ Jesu Anspruch auf unser Leben ist aber um ein Vielfaches höher, denn: Er ist das Leben! Christus sagt: „Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's erhalten“ (Lk 9,23–24).

Wie oft hören wir heutzutage noch von Selbstverleugnung? Jesus nachzufolgen bedeutet, ihm mein ganzes Leben hinzugeben, samt allen Leidenschaften und Begierden. Paulus schreibt in seinem Brief an die Galater, dass er mit Christus gekreuzigt ist und nun erst richtig lebt, jedoch nicht er, sondern Christus lebt in ihm (vgl. Gal 2,19–20). Jesus hat einen Absolutheitsanspruch auf dein und mein Leben, weil er dich und mich als Gott geschaffen hat. Wir gehören ihm. Viele Leute wollen das nicht hören. Vor allem nicht in einer postmodernen Zeit, da der Begriff „Wahrheit“ mehr und mehr aus unserem Wortschatz verbannt wird. Eine Zeit, in der man als intolerant gebrandmarkt wird, wenn man eine feste Meinung vertritt. In den Augen der heutigen Gesellschaft ist der biblische Jesus intolerant. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) nannte das zu seiner Zeit „billige Gnade“. In seinem Buch Nachfolge schreibt er: „In dieser Kirche (die billige Gnade verkündigt; Anm. d. Verf.) findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. … Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders.“ Die Folge einer Verkündigung, dass die Berufung Jesu keine wirklichen Konsequenzen für unser Leben hätte, sind Fake-Bekehrungen, die entweder bei den ersten Widerständen offenbar werden oder die betroffene Person in einem falschen Frieden wiegen.

Vielleicht fragst du dich jetzt, was das konkret mit der Jahreslosung zu tun hat? Nun, sehr viel. Denn genau um diesen Absolutheitsanspruch Jesu geht es im Kontext von Johannes 6,37. Im selben Atemzug erklärt er, dass er selbst das „Brot des Lebens“ ist (vgl. Joh 6,35.48). Jesus sichert zu, dass jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat (vgl. Joh 6,47). Und schließlich sagt er: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat ewiges Leben, und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag“ (Joh 6,53–54). Damit sagt Jesus ganz eindeutig, dass allein der Glaube an ihn Rettung bringt und wir das Leben nur finden werden, wenn er unser Leben ist. Außerhalb von Christus gibt es kein Leben. Entweder wir folgen ihm mit unserem ganzen Sein nach, oder gar nicht. Einen Mittelweg, wie ihn so viele „Christen“ verfolgen, gibt es nicht.

Wenn wir das gesamte Evangelium verkündigen, werden sich Menschen abwenden. So war es auch bei Jesus: „Das ist eine harte Rede! Wer kann sie hören? … Aus diesem Anlass zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm“ (Joh 6,60.66). Diejenigen, die diese Wahrheit ertragen können, sind wahrhaft Erlöste und werden sich den Worten von Petrus anschließen: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt, dass du der Christus bist, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Joh 6,68–69). Jeder, der mit einem bußfertigen Herzen zu Jesus kommt und sein Leben Gottes Herrschaft unterstellt, wird von Jesus nicht abgewiesen werden.

3. Die richtige Richtung wählen

Wer kennt das nicht? Immer wieder unterläuft es uns, dass wir auch als Christen in die Sündenfalle tappen. Obwohl wir eine neue Schöpfung sind (vgl. 2Kor 5,17), kämpfen wir auf unserer irdischen Pilgerreise bis zu unserem letzten Atemzug gegen die Sünde in unserem Fleisch (vgl. Röm 7,17). De facto beginnt der Kampf gegen die Sünde erst nach unserer Bekehrung (vgl. Gal 5,17) und es ist als positives Zeichen zu werten, wenn wir über die Sünde in unserem Leben zerknirscht sind, denn das bedeutet, dass wir in der Heiligung voranschreiten. Von wie vielen Männern höre ich, dass sie nach wie vor mit dem Thema Pornografie zu kämpfen haben und dass sie, nachdem sie versagt haben, die Gegenwart Christi meiden.

Mein lieber Bruder, meine liebe Schwester, von Jesus wegzugehen ist immer die falsche Richtung! Christus wurde für dich und mich am Kreuz von Golgatha zur Sünde, damit wir zur Gerechtigkeit Gottes würden (vgl. 2Kor 5,21). Du kannst dir durch deine Taten nicht den Weg zu Gott erarbeiten. Erinnere dich daran. Du lebst aus seiner Gnade. Durch die Gnade Jesu hast du deine Nachfolge begonnen und aufgrund seiner Gnade sollst du sie fortsetzen. In Christus hat dich Gott angenommen und in Christus hast du Vergebung deiner Sünden – nicht aufgrund deiner Werke. Das ist keine Lizenz zum Sündigen, sondern ein Zuspruch: Auch wenn du fallen solltest, der Weg zu Christus ist frei. Lass dich nicht von Satan, der alten Schlange, belügen. Auch als Christ solltest du dir immer wieder die Worte Jesu in Erinnerung rufen: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

4. Für die Verlorenen beten

Zu guter Letzt wollen wir uns noch den unmittelbaren Kontext der Jahreslosung ansehen. Denn Johannes 6,37 umfasst noch ein paar Worte mehr. Der komplette Vers lautet: „Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Jeder Mensch ist geistlich tot in seinen Sünden (vgl. Eph 2,1). Tote können sich nicht selbst zum Leben erwecken. Gott ist es, der aus den Toten erweckt um seiner großen Liebe willen durch Jesus Christus (vgl. Eph 2,4–5). In den folgenden Versen betont Jesus an zwei Stellen (Joh 6,44.65), dass niemand zu ihm kommen kann, es sei denn, dass ihn der Vater zieht. Wir haben zuvor gesagt, dass es deine Verantwortung ist, zu Jesus zu kommen. Doch der Wunsch, zu ihm kommen zu wollen, entspringt dem übernatürlichen Wirken Gottes.

Letztlich bringt Johannes 6,37 ein großes Geheimnis auf den Punkt: die Verantwortung des Menschen und die Souveränität Gottes in der Errettung. Jesus sagt: „Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützt gar nichts“ (Joh 6,63). Echte Buße steht immer in Verbindung mit dem Wirken Gottes. Diese Erkenntnis sollte uns nicht dazu führen, dass wir uns über Gott ärgern und in eine passive Haltung verfallen, weil Gott ja ohnehin alles macht. Nein, lasst uns diese wunderbare Erkenntnis über Gottes wirksame Gnade im kommenden Jahr zum Anlass nehmen, um begeistert vom Evangelium Jesu – in seiner ganzen Fülle – zu reden. Mögen wir dabei unser Bestes geben und gleichzeitig in Gott ruhen, weil wir wissen, dass es an seinem Zutun liegt. Lasst uns das Jahr 2022 zum Anlass nehmen, um ganz konkret für die Menschen um uns herum Fürbitte zu tun. Denn diese Wahrheit, die uns hier in Johannes 6 geoffenbart wird, sollte uns Hoffnung geben. Es gibt keinen Menschen auf dieser Welt, der hoffnungslos verloren ist. Wir dürfen auf Gottes gnädiges Eingreifen hoffen. Vielleicht betest du schon viele Jahre für eine bestimmte Person in deinem Leben, der du möglicherweise schon oft das Evangelium verkündigt hast. Mir persönlich kommen da einige Namen in den Sinn. Dann sei ermutigt: Höre nicht auf, für diese Person zu beten! Rechne mit Gottes Eingreifen, selbst wenn der Fall menschlich gesehen hoffnungslos scheint.

Eine Geschichte bewegt mich bei diesem Thema besonders. D.A. Carson erzählte sie 2018 auf der E21-Konferenz in Hamburg. Sein Vater war ein Gemeindegründer im französischsprachigen Teil Kanadas. Zu seiner Zeit war das ein hartes Pflaster für Christen. Viele Missionare waren damals gekommen, um seinen Vater zu unterstützen, aber keiner von ihnen hielt es länger als sechs Monate in der Region aus. Carson – damals im Teenie-Alter – fragte seinen Vater, warum keiner von ihnen länger blieb. Sein Vater antwortete ihm, dass die meisten von ihnen zuvor in Gebieten gedient hätten, wo sie viel Frucht sehen konnten. Deshalb sei es für sie schwer aushaltbar, in Regionen zu dienen, in denen sie wenig bis gar keine Frucht sähen. Folglich käme bei ihnen der Gedanke auf, dass es nicht Gottes Wille sein könne, dass sie weiterhin hier arbeiten sollten. Daraufhin fragte Carson ihn: „Warum gehst du dann nicht auch an einen anderen Ort, um in deinem Leben mehr Frucht hervorzubringen?“ Diese Frage bereue er bis heute, so Carson. Doch sein Vater antwortete ihm: „Weil ich glaube, dass Gott noch ein großes Volk an diesem Ort hat.“ Diese Zuversicht in Gottes Wirken hielt Carsons Vater an einem Ort, der menschlich gesehen hoffnungslos schien. Und genau diese Ermutigung sprach auch Gott dem Apostel Paulus in Apostelgeschichte 18,9–10 zu: „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt!“ Mögest du für das Jahr 2022 ermutigt sein, weiterhin für die Menschen in deinem Umfeld zu beten und ihnen das Evangelium Jesu Christi zu verkündigen.

Thomas Richter (geb. 1989) ist verheiratet mit Jana, gemeinsam haben sie eine Tochter. Er ist Mitarbeiter bei der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA und Gemeindeleiter in Dresden. Er hat Evangelische Theologie an der TU Dresden und am Martin Bucer Seminar in Chemnitz studiert.