Mitgliederlisten brauchen Pflege

Artikel von Matt Schmucker
28. Dezember 2021 — 6 Min Lesedauer
Matt Schmucker hat noch einen zweiten Artikel zum Thema veröffentlicht („Vom Umgang mit Wackelkandidaten“).

Täglich höre ich spannende Geschichten von Gemeindeleitern aus dem ganzen Land. Besonders verblüffend aber fand ich die E-Mail eines treuen Diakons einer Baptistengemeinde:

„Ich würde gern die Gelegenheit nutzen, mit dir über das Thema ‚Mitgliederliste aufräumen‘ zu sprechen. Gestern fing ich an, eine Liste mit all den Witwen aus unserer Mitgliederdatenbank zu erstellen. Dabei stellte ich fest, dass wir insgesamt 141 Witwen in der Datenbank haben, von denen 38 bereits verstorben und vier umgezogen sind bzw. die Gemeinde gewechselt haben. (Die ‚nicht aktiven‘ bzw. ‚nicht ortsansässigen‘ Mitglieder sind nicht einmal mitgezählt.)”

Man kann sich geradezu vorstellen, wie in einer Late-Night-Show hierüber hergezogen wird: „Habt ihr schon von den 38 toten Mitgliedern der Baptistengemeinde Neues Leben gehört? Wird wohl Zeit, sich ernsthaft um einen neuen Gemeindenamen zu kümmern!“ Das Ganze wäre ziemlich lustig, würde es nicht genau die Situation vieler Ortsgemeinden widerspiegeln.

„Die Mitgliederliste einer Ortsgemeinde sollte im besten Fall die Mitgliedschaftsliste in Gottes Reich reflektieren.“
 

Veraltete und schlecht geführte Mitgliederlisten sind eine Qual für jeden Gemeindepastor. Bevor wir jetzt aber den Rotstift ansetzen, um die Listen auf Vordermann zu bringen, gilt es, das Wie und Warum zu betrachten.

Warum sollten Gemeinden ihre Mitgliederlisten aufräumen?

  1. Die Ehre und der Name Christi stehen in dieser Welt auf dem Spiel. Der Apostel achtete genau darauf, wer mit der Gemeinde in Korinth assoziiert wird (1Kor 5).
  2. Die Mitgliederliste einer Ortsgemeinde sollte im besten Fall die Mitgliedschaftsliste in Gottes Reich reflektieren. Wir sollten Mitglieder nicht leichtfertig aufnehmen oder entlassen. Jemanden von der Liste zu streichen, sollte mit Bedacht geschehen, auch wenn das Gemeindemitglied unachtsam bzw. ignorant war.
  3. Pastoren, Älteste und Gemeindeleiter werden eines Tages vor Gott Rechenschaft dafür ablegen müssen, wie sie die Gemeinde geleitet haben (Hebr 13,17). Gott hat die Hirten Israels wegen ihrer wiederholten Untreue zur Rechenschaft gezogen (z.B. Hes 34).
  4. Auch Gemeindemitglieder müssen vor Gott Rechenschaft dafür ablegen, wie sie andere Christen aufgenommen haben. Denk nur daran, wen Paulus in 1. Korinther 5 adressierte!
  5. Weniger reife Christen laufen Gefahr, den richtigen Stellenwert der Gemeinde im Leben eines heranwachsenden Christen falsch einzuordnen, was zu Selbstgefälligkeit führen kann.
  6. Ein Gemeindemitglied, das aus der Gegend weggezogen ist, sollte ermutigt werden, neue Glaubensgeschwister in der neuen Umgebung zu finden und sich den Gläubigen dort vorzustellen. Tut es das nicht, sollte die vorherige Gemeinde das Mitglied ermutigen, dies per Telefon oder Brief zu tun. Wenn das Gemeindemitglied weiterhin nicht reagiert, sollte die alte Gemeinde das Mitglied darüber informieren, dass es bei der nächsten Mitgliederversammlung aus der Liste gestrichen wird und dass sie ab dann nicht mehr für sein Leben Rechenschaft schuldig sind.

Wie sollten Gemeinden ihre Mitgliederlisten aufräumen?

Wenn man alle Problemfälle einer Mitgliederliste gleichzeitig angeht, läuft man Gefahr, sich die Finger zu verbrennen. Sind die Gemeindemitglieder glücklich darüber, ortsansässige Mitglieder auszusortieren, weil diese fernbleiben? Akzeptieren sie es eher bei Mitgliedern, die nicht mehr in der Gegend wohnen? Wie ist es mit den Verstorbenen? Lieber Gemeindeleiter, hier ist Weisheit gefragt, wie viel deine Gemeinde verkraften kann. Sei geduldig und lehre sie, bis sie bereit sind, weiterzumachen.

Wo also anfangen? Man stelle sich einmal mehrere konzentrische Kreise vor (so wie auf einer Dartscheibe), wobei der Mittelpunkt (das Bull’s Eye) eine lebendige und gewinnbringende Gemeindemitgliedschaft darstellt. Die äußeren Kreise repräsentieren weniger lebendige Mitgliedschaften und diese sind hoffentlich auch am leichtesten aufzuräumen. Während man sich also von den äußeren Kreisen in Richtung Mittelpunkt (Bull’s Eye) bewegt, sollte die Mitgliederliste zunehmend aus bekennenden Gläubigen bestehen, die aktiv in das Gemeindeleben involviert sind. Lass uns also von außen starten und uns nach innen vorarbeiten:

  1. Mitglieder, die bereits verstorben sind. (In unserer Gemeinde haben wir 10 gefunden!) Dieser äußerste Kreis sollte am leichtesten aufzuräumen sein. Liste diese Namen bei der nächsten Mitgliederversammlung mit dem Vorschlag auf, sie beim nächsten Treffen von der Mitgliederliste zu nehmen. Bitte die Gemeinde nicht, sie direkt von der Liste streichen zu dürfen, sondern gib ihnen Zeit, über den Vorschlag nachzudenken.
  2. Mitglieder, die nicht auffindbar sind. Zwei Frauen in unserer Gemeinde haben ein halbes Jahr vergeblich nach 70 Noch-Mitgliedern gesucht. Dann wurden diese Namen der Gemeinde mit der Bitte um Mithilfe vorgestellt. Als dann alle Bemühungen erfolglos blieben, wurde der Vorschlag, sie von der Liste zu entfernen, vor die Gemeinde gebracht.
  3. Abwesende und Nicht-Interessierte Mitglieder. In unserer Gemeinde haben wir Dutzende Mitglieder auf der Liste gefunden, die eigentlich gar nichts mehr mit uns zu tun haben wollten. Wir fanden sogar eine Frau aus Deutschland, die sich dem Unitarismus zugewandt hatte, und sich nun darüber beschwerte, dass wir sie überhaupt kontaktiert hatten.
  4. Nicht mehr ortsansässige Mitglieder. Dies sind Leute, die aufgrund der Entfernung zur Kirche nicht mehr regulär am Gemeindeleben und Gottesdienst teilhaben können und wo eine Rechenschaft nahezu unmöglich ist. Ganz sicher wird man in dieser Gruppe Leute treffen, die ein völlig falsches Verständnis von Mitgliedschaft haben: „Seit ich 1959 im Kinderchor sang bin ich Gemeindemitglied“ oder „Ich habe mich 1970 in dieser Kirche trauen lassen und ich habe meiner Mutter versprochen, dass ich ein treues Mitglied bleiben werde“. Unabhängig von der emotionalen Bindung zur Gemeinde, muss diesen Mitgliedern das richtige Verständnis von Gemeindemitgliedschaft vermittelt werden. Denk daran, Gemeindeleiter, dass du für diese Menschen einmal Rechenschaft ablegen werden musst. Lass dich nicht von Namen auf deiner Liste aufhalten, die du noch nie gesehen hast. Mach den Vorschlag, diese Leute aufgrund von „Fernbleiben“ bei der nächsten Mitgliederversammlung auszuschließen.
  5. Ortsansässige, aber fernbleibende Mitglieder. Dies ist mit Sicherheit einer der schwierigsten Kreise. Diese Leute wollen ihre Mitgliedschaft behalten und besuchen auch die Veranstaltungen der Gemeinde. Aber sie wollen so wenig wie möglich mit der Gemeinde zu tun haben. Dieser Kreis ist oftmals aufgrund der vielen Beziehungen, die sie mit Gemeindemitgliedern pflegen, schwierig. Vielleicht handelt es sich hier um junge Menschen, Kinder von Eltern aus der Gemeinde, die in der Gemeinde aufgewachsen sind, oder aber um einen alten Freund aus dem Chor. Auch hier muss das richtige Verständnis von Gemeinde erklärt werden und die Handlungen sollten nicht voreilig sein.

Die ersten fünf Kreise sind die größten und auch offensichtlichsten Ziele. Es gibt noch andere Kategorien, wie etwa „kommt regelmäßig zum Gottesdienst, will aber das Glaubensbekenntnis nicht unterschreiben“ oder „wohnt in der Gegend, kann aber nicht zum Gottesdienst kommen.“ Hohes Alter oder diverse Gebrechen können ein Mitglied an der Teilnahme hindern. Aber diese Leute sollten nicht aus der Gemeinde entlassen werden. Stattdessen sollte man sich ganz besonders um sie kümmern. Außerdem ermutigen wir zu besonderer Nächstenliebe gegenüber den älteren Mitgliedern, die aus der Gegend in ein Altersheim gezogen sind. Warum? Oft sind diese Menschen mit einem noch ganz anderen Verständnis von Gemeindemitgliedschaft aufgewachsen und werden sich wahrscheinlich nicht mehr ändern. Aus reiner Liebe sollten diese Mitglieder nicht von der Liste entfernt werden.

„Denk daran, dass jeder Eintrag auf der Mitgliederliste mehr als nur ein Name ist.“
 

Noch einmal, aus Liebe zur Gemeinde, räume die Liste nicht schneller auf, als die Mitglieder verkraften können. Für einige bedeutet dies, dass es Jahre dauert, sich durch die einzelnen Kreise durchzuarbeiten. Häufig sind Gemeinden aufgrund von unüberlegten Handlungen der Gemeindeleitung gespalten, dabei sollte das Ziel doch eigentlich die Einheit sein. Denk daran, dass jeder Eintrag auf der Mitgliederliste mehr als nur ein Name ist: Hinter jedem Namen verbirgt sich eine ewige Seele.

Matt Schmucker war der erste Geschäftsführer von 9Marks. Aktuell organisiert er Konferenzen wie Together for the Gospel oder CROSS. Matt ist Mitglied der Capitol Hill Baptist Church in Washington, D.C.