Das Gleichnis vom guten Hirten

Artikel von Gregory Lanier
28. Dezember 2021 — 4 Min Lesedauer

Tiefgründige Metaphern (Gott ist unser Fels, Liebe ist eine Reise, usw.) helfen uns, tiefe Wahrheiten besser zu verstehen, die wir sonst leicht überlesen würden. Johannes 10 ist dafür ein gutes Beispiel. Das komplexe Bild vom Hirten, den Schafen, der Tür und den Dieben führt zum Kern der Identität Jesu und zu unserer Berufung, allein auf seine Stimme zu hören. Wie jede gute Metapher entfaltet sie sich langsam auf mehreren Ebenen.

Jesus verwendet hier das Bild eines Schafpferchs, das seinem Publikum wahrscheinlich vertraut war. Man stelle sich eine große Schafhürde vor, mit einem Wächter vor der Tür, der sicherstellt, dass nur echte Schafhirten zu den wehrlosen Schafen ein- und ausgehen. Jeder, der nicht durch die Tür hineingeht, ist ein Dieb. Dieses Bild ruft in Erinnerung, wie Jesus die Menschen an anderer Stelle als „Schafe ohne Hirten“ (Mk 6,34) bezeichnet und sich selbst als denjenigen, der gesandt ist, die verlorenen Schafe zu suchen (Mt 18,12; Lk 15,3–7). Er kümmert sich liebevoll um seine Schafe, sie kennen seine Stimme (Joh 10,4). Im alten Israel leitete der Hirte seine Schafe allein mittels seiner Stimme, statt sie von hinten anzutreiben. An dieser Stelle im Johannesevangelium betont Jesus, dass er der wahre Führer der „Seinen“ ist (Vers 3), im Gegensatz zu den korrupten religiösen Anführern, die sie zerstören wollen, wie die Diebe hier im Gleichnis.

Auch andere Bibelstellen, die Bilder von Schafen und Hirten verwenden, stellen das Volk Gottes als Schafherde dar (1Kön 22,17; Ps 44) und Israels Könige, insbesondere David als ihren Hirten (Ps 78). Wann immer sich Oberhäupter als korrupt erweisen, werden sie von den Propheten als unwürdige und diebische Hirten angeklagt (Jes 56,9–12; Jer 23,1–4; Sach 11,4–17). In diese Welt voller falscher Hirten hinein verspricht Gott den einen wahren Hirten, den neuen David, der sich für immer um die Menschen kümmern wird: „Ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, … nämlich meinen Knecht David; der soll sie weiden, und der soll ihr Hirte sein“ (Hes 34,23). Jesus stellt klar, dass er dieser versprochene messianische Hirte ist, indem er sich selbst als den guten Hirten bezeichnet (Joh 10,11). Er wird jeglichen irdischen Hirten weit übertreffen; während die Mietlinge fliehen, sobald Gefahr droht (Vers 12), wird Jesus sein Leben für die Schafe lassen, um ihnen Leben zu geben (Vers 11).

„Auf atemberaubende und gleichzeitig mysteriöse Art erfüllt Jesus, als der göttliche Sohn des Vaters, das Versprechen des einen – dreieinigen – Hirten, der die Herde hüten wird.“
 

Doch das Bild zieht noch weitere Kreise. Durch das Alte Testament hindurch wird Gott oft als der wahre Hirte beschrieben (1Mose 49,24; Ps 23; 95,7). Gott verspricht, dass er in Zukunft selbst nach seinen Schafen suchen und sich ihrer annehmen wird (Hes 34,11). Anders formuliert sind also Gott und der davidische Messias beide zukünftige Hirten der Herde. Es überrascht daher nicht, dass Jesus zu dem Schluss kommt, dass er nicht nur die messianische Rolle des Hirten in seinem Gleichnis erfüllt, sondern erklärt: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Auf atemberaubende und gleichzeitig mysteriöse Art erfüllt Jesus, als der göttliche Sohn des Vaters, das Versprechen des einen – dreieinigen – Hirten, der die Herde hüten wird.

Durch dieses schöne Bild offenbart Jesus, dass er allein die Tür zur Erlösung und der gute Hirte ist, der als fleischgewordener Gott seine Herde hütet, indem er für ihre Errettung stirbt. Er kennt die Seinen. Er liebt sie. Diejenigen, die wahrlich zu ihm gehören – die ihm der Vater gegeben hat – kennen seine Stimme und finden Sicherheit in seiner Herde. Obwohl wir „wie Schafe … in die Irre gehen“ (Jes 53,6), sind wir „zu dem Hirten und Hüter [unserer] Seelen“ (1Pet 2,25) zurückgekehrt.

Doch das ist noch nicht alles. Jesus, der große Hirte der Schafe (Hebr 13,20), hat Hirten unter sich eingesetzt, um die Herde zu hüten und für sie zu sorgen (1Pet 5,2). Diese Hirten bzw. Pastoren wehren räuberische falsche Lehrer ab (Apg 20,29). Sie füttern die Schafe, indem sie für ihr geistliches Wohl sorgen (Joh 21,16–17). Sie arbeiten hart, um den Schafen zu helfen, die Stimme Jesu zu erkennen und ihr zu folgen, welche hörbar in Gottes Wort – der Bibel – geschrieben ist.

Was bedeutet Johannes 10 also für uns? Für die Schafe: Lasst uns alles dransetzen, um gute Schafe zu sein, die der Stimme ihres Hirten folgen.

Für Pastoren, die unter dem Oberhirten eingesetzt sind: Lasst uns unsere Herden durch die wahre Tür führen, hinaus auf die Weide. Lasst sie uns nicht wie die Mietlinge führen, die nur an sich selbst denken, sondern als solche, die in den Fußspuren des guten Hirten wandeln.

Gregory Lanier ist Professor für Neues Testament am Reformed Theological Seminary in Orlando, Florida. Außerdem ist er Pastor der River Oaks Church. Er hat mehrere Bücher und wissenschaftliche Artikel über frühe Christologie, die Evangelien, die Septuaginta und andere Themen veröffentlicht. Greg und seine Frau Kate leben mit ihren drei Töchtern in Florida.