Ist Weihnachten ein heidnischer Abklatsch?

Artikel von Kevin DeYoung
21. Dezember 2021 — 7 Min Lesedauer

Wir haben es schon so oft gehört, dass es praktisch Teil der Weihnachtsgeschichte selbst ist.

Die Römer feierten ihr siebentägiges Winterfest, die Saturnalien, beginnend am 17. Dezember. Es war eine durch und durch heidnische Angelegenheit voller Ausschweifungen und der Anbetung des Gottes Saturn. Um das Ende der Wintersonnenwende zu feiern, legte der römische Kaiser den 25. Dezember als Fest zu Ehren von Sol Invictus (des unbesiegten Sonnengottes) fest. In dem Bestreben, das Christentum den Römern schmackhaft und bei den Menschen beliebter zu machen, übernahm die Kirche diese heidnischen Feste und legte die Feier der Geburt ihres Erlösers auf den 25. Dezember. Was immer das Weihnachtsfest heute auch ist, es begann als Nachahmung gängiger heidnischer Feste. Wenn du Weihnachten magst, hast du das also den Saturnalien und Sol Invictus zu verdanken.

So lautet die Geschichte, und alle, von liberalen über konservative Christen bis hin zu Nichtchristen, scheinen sich einig zu sein, dass sie wahr ist.

Nur stimmt sie eben nicht.

Zunächst einmal sollten wir zwischen Wurzeln, die auf eine Aneignung, und Wurzeln, die auf eine Zurechtweisung hindeuten, unterscheiden. Die Verbindung zwischen einem christlichen und einem heidnischen Fest könnte auf einer Nachahmung (im Sinne von „Lasst uns diesen beliebten heidnischen Feiertag christlich machen, um unser Fest schmackhafter zu machen“) oder aber auf einer bewussten Ablehnung beruhen (im Sinne von „Dieser heidnische Feiertag ist furchtbar, also lasst uns etwas eindeutig Christliches an seine Stelle setzen“). Nach der Bekehrung Konstantins im vierten Jahrhundert passten die Christen heidnische Feste manchmal an und christianisierten sie. Ob sie dies klug und effektiv taten, ist historisch umstritten, aber die Motivation war, das Heidentum der römischen Welt umzugestalten, anstatt es dem Erdboden gleichzumachen. Selbst wenn Weihnachten wegen der Saturnalien und Sol Invictus auf den 25. Dezember gelegt wurde, bedeutet das noch lange nicht, dass die christliche Feier der Geburt Christi wirklich als heidnisches Fest begann.

Aber im Falle von Weihnachten gibt es handfeste Beweise dafür, dass der 25. Dezember nicht wegen eines heidnischen Winterfestes ausgewählt wurde. Dies ist das Argument, das Andrew McGowan von der Yale Divinity School in seinem Artikel „How December 25 Became Christmas“ (dt. „Wie der 25. Dezember zu Weihnachten wurde“, erstmals veröffentlicht im Bible Review im Jahr 2002) vorbringt. Ich möchte versuchen, McGowans gute historische Arbeit zu erläutern, indem ich drei Fragen thematisiere.

Wann begannen die Christen, die Geburt Jesu am 25. Dezember zu feiern?

Im Gegensatz zu Ostern, das sich als christlicher Feiertag viel früher entwickelt hat, gibt es bei den frühesten Kirchenvätern keine Erwähnung von Geburtsfeiern. Christliche Autoren wie Irenäus (130–200) und Tertullian (160–225) erwähnen kein Fest zu Ehren der Geburt Christi, und Origenes (165–264) verspottet die römischen Feiern zu Geburtstagen sogar als heidnische Praktiken. Dies ist ein ziemlich gutes Indiz dafür, dass Weihnachten noch nicht im kirchlichen Kalender stand (oder zumindest nicht weit verbreitet war), und wenn doch, dann wäre es nicht mit einem ähnlichen römischen Feiertag verbunden gewesen.

„Im späten zweiten Jahrhundert gab es ein beträchtliches Interesse an der Datierung der Geburt Jesu.“
 

Das bedeutet jedoch nicht, dass sich niemand für das Datum der Geburt Christi interessiert hätte. Im späten zweiten Jahrhundert gab es ein beträchtliches Interesse an der Datierung der Geburt Jesu, wobei Clemens von Alexandria (150–215) mehrere verschiedene Vorschläge notierte, von denen keiner der 25. Dezember war. Die erste Erwähnung des 25. Dezembers als Geburtstag Jesu stammt aus einem Kalender aus der Mitte des vierten Jahrhunderts, dem so genannten „Chronograph von 354“. Einige Jahrzehnte später, um 400 n. Chr., weist Augustinus darauf hin, dass die Donatisten das Weihnachtsfest am 25. Dezember feierten, sich aber weigerten, das Dreikönigsfest am 6. Januar zu zelebrieren, weil sie das letztere Datum für eine neue Erfindung hielten. Die Donatisten waren eine christliche Gruppierung, die sich während der Verfolgung unter Diokletian im Jahr 312 gründete. Sie zeichneten u.a. dadurch aus, dass sie hartnäckig jeden Kompromiss mit ihren römischen Unterdrückern ablehnten. Deswegen können wir ziemlich sicher sein, dass sie nicht glaubten, dass das Weihnachtsfest oder das Datum des 25. Dezember heidnischen Ursprungs sei. McGowan kommt zu dem Schluss, dass es eine ältere nordafrikanische Tradition gegeben haben muss, in der die Donatisten verwurzelt waren, und dass die frühesten Weihnachtsfeiern (von denen wir wissen) auf die zweite Hälfte des dritten Jahrhunderts datiert werden können. Das war lange vor Konstantin und in einer Zeit, in der die Christen versuchten, jede Verbindung zur heidnischen Religion zu vermeiden.

Wann wurde zum ersten Mal behauptet, dass Weihnachten aus heidnischen Ursprüngen entstanden ist?

Keiner der Kirchenväter in den ersten Jahrhunderten der Kirche erwähnt eine mutmaßliche Verbindung zwischen Weihnachten und den Saturnalien oder Sol Invictus. Man könnte denken: Natürlich haben sie das nicht getan. Das wäre ja auch peinlich gewesen. Aber wenn es darum ginge, das christliche Geburtsfest auf ein bestehendes heidnisches Geburtsfest zu gründen, um die eigene Religion populärer oder begreifbarer zu machen, dann wäre sicherlich etwas dazu gesagt worden. Außerdem, wie McGowan hervorhebt, ist es nicht so, dass künftige christliche Führer davor zurückschreckten, diese Verbindungen herzustellen. Gregor der Große, der im Jahr 601 schrieb, forderte die christlichen Missionare auf, heidnische Tempel in Kirchen und heidnische Feste in Festtage für christliche Märtyrer umzuwandeln.

„Bis zum 12. Jahrhundert gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Geburt Jesu in die Zeit der heidnischen Feiertage gelegt wurde.“
 

Bis zum 12. Jahrhundert, als Dionysius Bar Salibi erklärte, dass Weihnachten vom 6. Januar auf den 25. Dezember verlegt wurde, um mit Sol Invictus übereinzustimmen, gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Geburt Jesu in die Zeit der heidnischen Feiertage gelegt wurde. Jahrhunderte später begannen postaufklärerische Religionswissenschaftler, die Idee zu verbreiten, dass die frühen Christen die Feste der Wintersonnenwende für ihre eigenen Zwecke umfunktionierten. Während des ersten Jahrtausends der Kirchengeschichte hat niemand diese Verbindung hergestellt.

Warum feiern wir Weihnachten am 25. Dezember?

Die erste Antwort auf diese Frage ist, dass einige Christen dies nicht tun. Im östlichen Zweig der Kirche wird Weihnachten am 6. Januar gefeiert, wahrscheinlich aus denselben Gründen – nach einer anderen Berechnung – wie Weihnachten im Westen am 25. Dezember gefeiert wird. Obwohl wir uns nicht sicher sein können, gibt es gute Gründe für die Annahme, dass der 25. Dezember aufgrund seiner Verbindung mit dem (mutmaßlichen) Todesdatum Jesu und dem Datum der Empfängnis Jesu zum Datum für Weihnachten wurde.

Diese Ereignisse spielen bei der Berechnung des Geburtsdatums eine Rolle. Beginnen wir mit dem Datum des Todes Jesu.

Um 200 n. Chr. stellte Tertullian von Karthago fest, dass Jesus am 14. Tag des Monats Nisan starb, was im römischen Sonnenkalender dem 25. März entsprach. Im Osten rechnete man mit dem 14. Tag des ersten Frühlingsmonats des dortigen griechischen Kalenders. Im römischen Kalender war dies der 6. April. Je nachdem, wen man fragt, ist Jesus also entweder am 25. März oder am 6. April gestorben.

Sowohl im Westen als auch im Osten entwickelte sich die Überlieferung, dass Jesus am selben Tag starb, an dem er gezeugt wurde. In einem anonymen christlichen Traktat aus Nordafrika aus dem vierten Jahrhundert heißt es, der 25. März sei „der Tag des Leidens des Herrn und seiner Empfängnis. Denn an diesem Tag wurde er gezeugt und an demselben Tag hat er gelitten“. Augustinus erwähnt in seinem Buch Über die Dreieinigkeit dieselbe Berechnung. In ähnlicher Weise behauptete im Osten der Bischof Epiphanius von Salamis aus dem vierten Jahrhundert, dass Christus am 6. April die Sünden der Welt wegnahm und am selben Datum „im makellosen Schoß der heiligen Jungfrau eingeschlossen wurde“. Die Tatsache, dass diese merkwürdige Tradition in zwei verschiedenen Teilen der Welt existierte, deutet darauf hin, dass sie auf mehr als bloßen Spekulationen beruhte. Wie McGowan bemerkt, lehnten sich diese frühen Christen zumindest an eine alte jüdische Tradition an, der zufolge die wichtigsten Ereignisse der Schöpfung und der Erlösung zur gleichen Zeit des Jahres stattfanden.

Anhand des Todesdatums Jesu und des (gleichen) Datums seiner Empfängnis können wir leicht erkennen, worauf das Datum von Weihnachten zurückgehen könnte. Wenn Jesus am 25. März empfangen wurde, dann müsste das passende Datum, um seine Geburt zu feiern, neun Monate später am 25. Dezember (oder, im Osten, am 6. Januar) liegen. Auch wenn wir nicht mit Sicherheit wissen können, dass der 25. Dezember daher stammt – und wir sollten sicherlich nicht dogmatisch sein, was die Historizität des Datums angeht – gibt es viel bessere antike Beweise dafür, dass unser Weihnachtsdatum mit dem Tod und der Empfängnis Christi zusammenhängt als mit den heidnischen Festen der Saturnalien und Sol Invictus.

Kevin DeYoung ist Hauptpastor der Christ Covenant Church in Matthews, North Carolina (USA), Vorstandsmitglied bei The Gospel Coalition und Assistenzprofessor für Systematische Theologie am Reformed Theological Seminary (Charlotte, USA). Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter Gott beim Wort nehmen und Leg einfach los. Kevin und seine Frau Trisha haben neun Kinder.