Gott besucht sein Volk

Artikel von Peter Prock
20. Dezember 2021 — 8 Min Lesedauer
„Und Zacharias, sein Vater, wurde mit Heiligem Geist erfüllt und weissagte und sprach: Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung bereitet, …“ (Lk 1,67–68)

Bei Lukas beginnt die Weihnachtsgeschichte mit der Ankündigung und Geburt von Johannes dem Täufer. Sein Vater Zacharias lobpreist den Gott Israels dafür, dass er sein Volk besucht hat. Nach vielen Jahrhunderten nimmt sich Gott seiner Gemeinde wieder an. Der Lobpreis des Zacharias und die vorangegangene Ankündigung durch den Engel Gabriel sind gespickt mit zentralen Verheißungen aus dem Alten Testament. Für uns als neutestamentliches Gottesvolk ist es atemberaubend zu sehen, wie diese Verheißungen zu ihrer Erfüllung kommen. Die Geburt Jesu Christi und alles, was mit seinem Kommen zusammenhängt, nehmen dabei eine zentrale Rolle ein. Die Fülle der Zeit war gekommen (vgl. Gal 4,4).

Gabriel greift mit seinem Blick auf Johannes den Täufer die letzte Verheißung aus dem Alten Testament auf. Er bezieht sich auf den Propheten Maleachi, wenn er sagt:

„Und viele der Söhne Israels wird er zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren. Und er wird vor ihm hergehen in dem Geist und der Kraft des Elia, um der Väter Herzen zu bekehren zu den Kindern und Ungehorsame zur Gesinnung von Gerechten, um dem Herrn ein zugerüstetes Volk zu bereiten.“ (Lk 1,16–17; vgl. Mal 3,1.23–24)

Zacharias ist mit der Erscheinung des Engels völlig überfordert und reagiert ungläubig; und wird zum Schweigen verdammt. In diesen Monaten der verordneten Sprachlosigkeit hatte er viel Zeit, um über die Worte Gabriels nachzusinnen und die Schriften zu konsultieren. Nun musste er schnell zum Hören und langsam zum Reden sein (vgl. Jak 1,19). So wird diese Zeit, in der er menschlich gesehen beachtlich eingeschränkt war, zu einer Segenszeit. Er lernte zu sehen, dass Gott dabei ist, die Verheißung Maleachis wahrzumachen. Nachdem sein Sohn Johannes geboren war und ihm der Mund wieder geöffnet wurde, greift er seine Prophetie auf:

„Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten genannt werden; denn du wirst vor dem Angesicht des Herrn hergehen, seine Wege zu bereiten.“ (Lk 1,76; vgl. Mal 3,1)
„Das Evangelium nimmt den roten Faden auf, den die letzten Propheten hinterlassen haben.“
 

Auf diese Weise ist die Kontinuität zwischen Altem und Neuem Testament in Szene gesetzt: Das Evangelium nimmt den roten Faden auf, den die letzten Propheten hinterlassen haben. Wenn wir die geschichtlichen Ereignisse und prophetischen Schriften studieren, die nach dem Exil des jüdischen Volkes entstanden sind, wird spürbar, wie sehr das Volk auf ein Eingreifen Gottes angewiesen war. Trotz vieler Anstrengungen schafften es die Juden nicht, fortwährend nach dem Willen Gottes zu leben. Trotz geistlicher Aufbrüche fielen sie immer wieder in die alten Muster zurück, die zur Verbannung geführt hatten.

Würde Gottes Volk nie aus diesem tödlichen Kreislauf herauskommen? Und wie sieht es mit den äußeren Umständen zur Zeit der Geburt Jesu aus? Abgesehen von dem imposanten Tempel, den Herodes als „Imageprojekt“ bauen ließ, deuteten die Umstände kaum auf eine Erfüllung der prophetischen Verheißungen. Und doch heißt es: „Gott hat sein Volk besucht ...“ Gott greift tatsächlich ein, um die bedrückend Lage zum Besseren zu wenden. Mehr noch, Gott schickt Rettung. Der Herr ist barmherzig und voller Güte.

Zacharias greift in seinem Lobpreis auf ältere Verheißungen zurück. Namen wie David und Abraham kommen ins Spiel. Somit geht er zurück bis zu den Anfängen des Volkes Israel und zum Königtum unter David. Letzteres verweist bereits typologisch auf das vollkommene und ewige Königreich.

Es gibt einen Schwerpunkt im Lobpreis des Zacharias: Die Rettung aus der Gewalt der Feinde. „Aus dem Haus seines Dieners David hat er für uns einen starken Retter hervorgehen lassen, wie er es schon vor langer Zeit durch das Worte seiner heiligen Propheten angekündigt hatte – einen, der uns aus der Gewalt unserer Feinde rettet und uns aus den Händen all derer befreit, die uns hassen“ (V. 69–71, vgl. 2Sam 22,3; Ps 132,17). Gott denkt an den Eid, den er Abraham geschworen hat, dass er sein Volk „aus den Händen unserer Feinde befreien wird (V. 73–74; vgl. 1Mose 22,16–17).

Wer sind diese Feinde? Worin besteht die Rettung? Diese Begriffe erinnern sofort an gewaltige kriegerische Kampfszenen aus dem Alten Testament. Doch wie oben schon angedeutet, waren die Siege Israels über die feindlich gesinnten Völker meist nur von kurzer Dauer. Sie haben nie zu einem beständigen und dauerhaften Königreich geführt, in dem Gottes Herrschaft und sein Shalom sichtbar geworden wäre, ohne von Sünde und Abfall eines selbstzufriedenen und selbstgerechten Volkes getrübt und letztlich zerstört worden zu sein.

Interessanterweise lesen wir weder hier bei Lukas noch bei Matthäus von politischen Feinden, die als kriegerische Heere aufgetreten sind. Das wäre vom alttestamentlichen Denken her durchaus zu erwarten gewesen. So wurde damals von bestimmten jüdischen Gruppierungen die kommende Rettung herbeigesehnt. Eine Erwartungshaltung, die letztlich zur Katastrophe des jüdischen Krieges mit der vollständigen Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalem 70 n.Chr. führte. Von all dem ist in der Weihnachtsgeschichte nicht die Rede. Sie nimmt vielmehr Bezug auf die Rettung aus den Händen eines geistlichen Feindes:

„Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten genannt werden; denn du wirst vor dem Angesicht des Herrn hergehen, seine Wege zu bereiten, um seinem Volk Erkenntnis des Heils (der Rettung) zu geben in Vergebung ihrer Sünden.“ (Lk 1,76–77)

Gleichlautend heißt es bei Matthäus:

„Und sie wird einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk erretten von seinen Sünden.“ (Mt 1,21)

Der wahre Feind, der Urfeind, der die Gemeinde Gottes immer wieder zu Götzendienst und Abfall vom Gesetz geführt hat, ist das Böse, die Sünde. Paulus spricht im Römerbrief ausführlich von der Sünde, die in uns Menschen wohnt. Und er spricht von der Notwendigkeit einer Erlösung aus dieser Macht (z.B. Röm 3,23–24; 5; 6,22–23; 7,24–25). In all diesen Texten werden zentrale alttestamentliche Verheißungen herausgestellt. Sie beleuchten die Mitte des Evangeliums. Jesus ist gekommen, um die Mächte der Bosheit zu besiegen:

„Er hat die Gewalten und die Mächte völlig entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt. In ihm [im Kreuz] hat er den Triumph über sie gehalten.“ (Kol 2,15)

Damit ist nicht gesagt, dass es kein eschatologisches Endgericht über alle Feinde geben wird. Wenn wir das Neue Testament im Zusammenhang lesen, fällt freilich auf, dass die Überwindung des geistlichen Feindes besonders hervorgehoben wird. „Denn Christus muss so lange herrschen, bis ‚Gott ihm alle seine Feinde unter die Füße gelegt hat‘. Der letzte Feind ist der Tod, aber auch ihm wird schließlich ein Ende bereitet, denn es heißt in der Schrift: ‚Alles hat Gott ihm unter die Füße gelegt.‘“ (1Kor 15,25–27).

„Das Ziel der Rettung besteht nicht in unserem persönlichen Wohlergehen, quasi darin, das Leben zu genießen.“
 

Zacharias spricht noch einen Aspekt an, der Licht auf unsere menschliche Bestimmung wirft. Wir sind dafür geschaffen, Gott zu dienen:

„… dass wir, gerettet aus der Hand unserer Feinde, ohne Furcht ihm dienen sollen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor ihm alle unsere Tage.“ (Lk 1,74–75)

Das Ziel der Rettung besteht nicht in unserem persönlichen Wohlergehen, quasi darin, das Leben zu genießen. Bereits Mose hatte das Volk wiederholt davor gewarnt, dass es satt, fett, und feist wird, seinen Gott vergisst, und alle Gräuel der Heidenvölker praktiziert (vgl. z.B. 5Mose 32,15). Ich glaube, dass wir in unserer westlichen Kultur genau diesen Prozess erleben. Viele große Denker und Autoren, christliche wie säkulare, haben überzeugend dargelegt, dass wir unseren Wohlstand dem christlichen Welt- und Menschenbild verdanken (vgl. Larry Siedentop, Die Erfindung des Individuums, 2015; Tom Holland, Herrschaft, 2021; Alvin J. Schmidt, Wie das Christentum die Welt veränderte, 2009). So, wie Mose es vorausgesagt hat, vergessen und verleugnen wir den Gott, der uns so reich beschenkt hat. In atemberaubender Geschwindigkeit verabschieden wir uns von unserem jüdisch-christlichen Erbe und wenden uns alten und neuen törichten Vorstellungen zu, die sogar Eingang in unsere Gesetzgebung finden. Bei uns in der Schweiz wurde etwa kürzlich die „Ehe für alle“ mit einer Zweitdrittelmehrheit angenommen. Das ist ein starker Hinweis darauf, dass wir uns innerlich vom Vermächtnis der Schweizer Reformation verabschiedet haben.

Für Zacharias war es klar, dass die Bestimmung des Menschen der wahrhaftige Gottesdienst ist. Die Macht der Sünde ist allerdings so stark, dass er ohne Rettung, die Gott selbst schafft, seine Berufung nicht zu leben vermag. Die Feinde, die uns vom Gottesdienst abziehen, sitzen im eigenen Herzen. Das Böse kommt – so sagt es Jesus – aus dem Innern (vgl. Mt 15,19). Doch wer erlöst uns aus dieser Knechtschaft und Gottesferne? Das Evangelium ist eindeutig. Die Hilfe kommt von außen. Gott besucht sein Volk und schafft Erlösung. Jesus Christus ist der Retter. Weil er Mensch geworden ist und am Kreuz für unsere Sünde gesühnt hat und auferstanden ist, können wir als Versöhnte Gott dienen. „Denn des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist“ (Lk 19,10). Was für eine Botschaft! So stimmen wir in dieser Advents- und Weihnachtszeit mit frohen Herzen ein in den Chor der himmlischen Heerscharen:

„Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Friede auf Erden in den Menschen [seines] Wohlgefallens.“ (Lk 2,14)

Peter Prock ist Pastor einer Freien Evangelischen Gemeinde im Kanton Zürich (Schweiz) und im Vorbereitungsteam für die Regionalkonferenzen von Evangelium21 in der Schweiz. Er ist verheiratet mit Gabriele, Vater von drei erwachsenen Töchtern und hat bereits zwei Enkelkinder.