Wir amüsieren uns zu Tode

Rezension von Holger Lahayne
18. Dezember 2021 — 19 Min Lesedauer

Schule und Erziehung, Medien und Kommunikation sowie die Bedeutung von Technologien für all dies – das waren die Themen, die Neil Postman (1931–2003) in seinen zahlreichen Büchern und Essays über Jahrzehnte beschäftigten. Letztlich ging es ihm dabei immer auch um Sprache, denn er sah den Menschen vor allem als „Wort-Macher“ (so ein Kapitel in Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung). Der New Yorker Professor betonte in Das Technopol, dass unser wichtigstes Instrument bei unseren Bemühungen, „der Welt Gestalt und Kohärenz zu geben ... die Technologie der Sprache selbst“ ist.

Der Mensch als „Wort-Macher“

Postman beginnt daher auch Das Technopol aus dem Jahr 1991 (Untertitel Die Macht der Technologien und die Entmündigung der Gesellschaft) mit einer sagenhaften Episode aus Platons Dialog Phaidros. Sokrates erzählt Phaidros die Geschichte von Thamus und Theuth. Thamus ist König in einer ägyptischen Stadt. Ihn besucht der Gott Theuth, der vieles erfunden hat wie die Zahl und das Rechnen, Geometrie und Astronomie. Thamus fragt nach dem Nutzen einer jeden Kunst bzw. Erfindung.

Als Theuth zu den Buchstaben kommt, sagt er: „Diese Kunst, mein König, wird die Ägypter klüger machen und ihr Gedächtnis verbessern. Denn meine Erfindung ist ein Mittel für Gedächtnis und Wissen [oder Weisheit].“ Thamus entgegnet dem „Vater der Buchstaben“ jedoch, dieser habe „das Gegenteil von dem gesagt, was ihre [der Buchstaben] Wirkung ist“. Thamus fährt fort:

„Denn diese Erfindung wird in den Seelen derer, die sie erlernen, Vergeßlichkeit bewirken, weil sie ihr Gedächtnis nicht mehr üben; denn im Vertrauen auf Geschriebenes lassen sie sich von außen erinnern durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus durch sich selbst. Also hast du ein Mittel nicht für das Gedächtnis, sondern eines für die Erinnerung gefunden. Was aber das Wissen angeht, so verschaffst du den Schülern nur den Schein davon, nicht wirkliches Wissen. Denn da sie durch deine Erfindung vieles hören ohne mündliche Unterweisung, werden sie sich einbilden, vieles zu verstehen, wo sie doch gewöhnlich nichts verstehen, und der Umgang mit ihnen ist schwierig, da sie überzeugt sind, klug zu sein, es aber nicht sind.“

Natürlich irrte Thamus in gewisser Weise. Die Schrift ist keineswegs nur eine Bürde. Er sah nicht die Vorteile der Schrift, die ja auf der Hand liegen: Sprache wird durch sie fixiert und so dauerhaft und allgemein zugänglich gemacht. Aber der König lag auch nicht völlig falsch. Wer sich auf geschriebene Texte stützen kann, muss nicht mehr alles auswendig lernen und allein im Kopf mit sich herumtragen. Insofern wird durch Buchstaben und Texte tatsächlich nicht das Gedächtnis gefördert, sondern das Erinnern im Sinne der Möglichkeit des Nachlesens.

Schreiben hat daher eine sehr wichtige kulturelle Wirkung. Es verändert die Bedeutung von „Erinnerung“ und „Weisheit“. Denn in einer Schriftkultur gilt derjenige, der viel Gedrucktes konsumiert, eher als schlauer oder weiser als der, der wenig liest. Eine Buchkultur führt somit tendenziell zur Überschätzung des Buchwissens, zur Aufwertung des Intellektuellen und zur Abwertung der praktischen, ethischen Lebensweisheit. Thamus hat genau dies treffend formuliert.

Technik ist Bürde und Segen

Buchstaben sind also keineswegs völlig neutral. Sie haben wie jede Technologie, wie jedes Werkzeug, eine innewohnende Tendenz, die sich in unterschiedlichem Maße Ausdruck verleiht. Eine der wichtigsten Thesen Postmans lautet daher: „Jede Technik ist beides, eine Bürde und ein Segen.“ Natürlich setzen sich Technologien durch, wenn der Nutzen groß und viele darin für sich eine Bereicherung erkennen. Menschen entscheiden über ihre Anwendung, doch die Werkzeuge prägen auch wiederum uns durch die Richtungen, in die sie uns drängen. Und nicht selten sind diese Folgen kein Segen.

Postman nennt einige Beispiele: „Der Telegraph und die Massenpresse haben das, was wir früher unter ‚Bildung‘ oder ‚Information‘ verstanden haben, verändert. Das Fernsehen hat verändert, was wir früher unter ‚politischer Debatte‘, ‚Nachricht‘ und ‚öffentlicher Meinung‘ verstanden haben. Und der Computer verändert das Wort ‚Information‘ noch einmal.“ 1985 erschien Wir amüsieren uns zu Tode, das Postman international schlagartig populär machte. Darin schreibt er über den Telegraphen: „Er verschaffte der Belanglosigkeit, der Handlungsunfähigkeit und der Zusammenhanglosigkeit Eingang in den Diskurs“ und zwar dadurch, dass „die Telegraphie die Idee der kontextlosen Information Legitimität verlieh“. Information musste nun nur noch „neu, interessant und merkwürdig“ sein.

Technologien führen „ein unnachgiebiges Kommando über unsere wichtigsten Begriffe“, so Postman. Sie prägen deren Definitionen neu. Der „Medienökologe“ weiter: „In jedem Werkzeug steckt eine ideologische Tendenz, eine Neigung, die Welt so und nicht anders zu konstruieren, bestimmte Dinge höher zu bewerten als andere, einer bestimmten Auffassung, einer bestimmten Fertigkeit, einer bestimmten Einstellung mehr Gewicht beizumessen als anderen.“

Bild: Neil Postman (akg-images / Armin Pongs).
Neil Postman, Bildrechte: akg-images / Armin Pongs.

Vom Segen des Buchdrucks

In Wir amüsieren uns zu Tode deklinierte Postman dies für das Zeitalter des Buchdrucks und im Kontrast dazu das des Fernsehens, des Showbusiness, durch. Jedes Medium „begründet einen bestimmten, unverwechselbaren Diskurs“, und noch Mitte des 19. Jahrhunderts bedeutete dies z.B. in den USA äußerst lange politische Debatten vor einer ganz normalen Zuhörerschaft. Wie waren die Menschen in der Lage, stundenlangen Beiträgen zu folgen? „Was für ein Publikum war das?“, fragt Postman im Kapitel „Leserverstand“. Die „Aufmerksamkeitsspanne“ der Menschen war „nach heutigen Maßstäben offenbar außerordentlich groß“. Die Zuhörer waren in der Lage, „lange und komplizierte Sätze zu erfassen“. In solchen Debatten „gab es Argument und Gegenargument, Behauptung und Gegenbehauptung, Kritik maßgeblicher Texte und die äußerst sorgfältige Prüfung der Sätze“. Der Diskurs war „mit Inhalt befrachtet und ernsthaft“ und erforderte „intellektuelle Wachsamkeit“.

Dies liegt daran, dass Lesen selbst „seinem Wesen nach eine ernsthafte Tätigkeit [ist]. Und es ist eine ihrem Wesen nach rationale Tätigkeit“. Postman nennt in diesem Zusammenhang auch das Beispiel der Predigten von Jonathan Edwards aus dem 18. Jahrhundert und nannte sie „sorgfältig konzipierte, logisch aufgebaute Erörterungen über die theologische Doktrin“. Allgemein waren damals „das religiöse Denken und die religiösen Institutionen Amerikas von einer strengen, gelehrten und intellektuellen Diskursform bestimmt“. Der Buchdruck prägte das „Zeitalter der Erörterung“, verstärkte die Tendenz „zu einer erörternden Darstellungsweise“ und brachte gewisse Fähigkeiten zum Blühen: „begriffliches, deduktives, folgerichtiges Denken; die Wertschätzung von Vernunft und Ordnung; die Abscheu vor inneren Widersprüchen; die Fähigkeit zur Distanz und Objektivität; die Fähigkeit, auf endgültige Antworten zu warten.“

Das Zeitalter des Showbusiness

Doch dann „kam das Zeitalter des Showbusiness“. Im 20. Jahrhundert wurde das Fernsehen „die Leitstelle der neuen Epistemologie“. Es präsentiert jedes Thema als Unterhaltung und „erfordert die Kunst der Darstellung“. Das Medium zwingt geradezu „einen Auftritt zu absolvieren, statt Gedanken zu entwickeln“. Ziel des Fernsehens ist „Applaus, nicht Nachdenklichkeit“. Das Wesen dieses Mediums führt dazu, „dass es den Gehalt von Ideen unterdrücken muss“.

Auch im Internetzeitalter gilt das: Es ist „für Bilder ein Leichtes, sich gegen Worte durchzusetzen und die Besinnung kurzzuschließen“. Als jüngeres Beispiel sei hier nur das Stichwort Bergamo genannt: die Bilder aus dem Frühjahr 2020 mit Lkw-Ladungen voller Särge. „Sehen ist Überzeugtsein“ hat sich kulturell festgesetzt. Daher sind nun weite Bevölkerungsteile fest davon „überzeugt“, dass das neue Virus aus der Coronafamilie so besonders gefährlich ist, dass sogar drakonische Maßnahmen bis hin zur Zwangsimpfung gerechtfertigt sind. Da das „Zeitalter der Erörterung“ vorbei ist, analysieren nur noch Randgruppen die tatsächliche Letalitätsrate („infection fatality rate“) des Virus, die sich allgemein im Promillebereich oder für Jüngere gar darunter bewegt.

Postman hatte erkannt, dass gerade Kommunikationstechnologien neue Definitionen von Wahrheit hervorbringen. Das Fernsehen etablierte als „letztes Kriterium für die Wahrheit eines Satzes die Glaubwürdigkeit des Sprechers“. Um die Realität brauchen sich Politiker so lange nicht sonderlich zu kümmern, solange sie glaubwürdig wirken. „Wenn die Politik dem Showbusiness gleicht, dann kommt es nicht darauf an, überragende Leistungen, Klarheit und Redlichkeit anzustreben, sondern darauf, den Eindruck zu erwecken, man täte es – und das ist etwas ganz anderes.“

Evangeliumsverkündigung als Unterhaltung?

Das Christentum bzw. die Kommunikation der Kirchen sind von dieser Entwicklung nicht ausgeschlossen. Im Kapitel „Im Wiegeschritt nach Betlehem“ nimmt Postman die damals in den USA schon sehr populären TV-Prediger ins Visier. Auch wenn manches Extrem es nicht nach Europa geschafft hat, ist seine Kritik bedenkenswert:

„Im Fernsehen wird auch die Religion einschränkungslos ohne jede Nachsicht als Unterhaltung präsentiert ... da gibt es kein Ritual und kein Dogma, keine Tradition und keine Theologie und vor allem keinen Sinn für spirituelle Transzendenz. In diesen Sendungen gibt der Prediger den Ton an. Der liebe Gott spielt die zweite Geige.“

Postman, selbst Agnostiker, gibt zu bedenken: „Das Christentum ist eine anspruchsvolle, ernsthafte Religion. Wenn man es als leichte Unterhaltung darbietet, dann wird aus im eine ganz andere Art von Religion.“

Huxleys Warnung

Postman beendet seinen Bestseller mit „Huxleys Warnung“. Bekanntlich schildert der britische Schriftseller Aldous Huxley in Brave New World (1932) eine ganz andere dystopische Welt als sein Zeitgenosse George Orwell etwas später in 1984 (1949). Er hält es mit Huxley, der es laut Postman für weitaus wahrscheinlicher ansah, „dass sich die westlichen Demokratien aus eigenem Antrieb in die Gedankenlosigkeit hineintanzen und -träumen, als dass sie in Reih und Glied, mit Handschellen gefesselt, in sie hineinmarschieren“.

Das gedankenlose Hineintanzen wird durch Kommunikationstechnologien wie das Fernsehen und zweifellos auch das Internet beflügelt. Postman bedauerte, dass es für diese prägende Kraft von Technologien kaum öffentliches Bewusstsein gibt. Vor über 35 Jahren schrieb er uns ins Stammbuch:

„Wer verkennt, dass eine neue Technik ein ganzes Programm des sozialen Wandels in sich birgt, wer behauptet, die Technik sei ‚neutral‘, wer annimmt, die Technik sei stets ein Freund der Kultur, der ist zu dieser vorgerückten Stunde nichts als töricht.“

Die Vergöttlichung der Technologie

Postman erweiterte die Gedanken aus Wir amüsieren uns zu Tode im Technopol zu einer Gesamtkritik. Das Technopol bedeutet nichts anders als die „Vergöttlichung der Technologie“. Er beklagte, dass das „Immunsystem gegen die Informationsfülle“ und auch gegen Propaganda nicht mehr intakt ist. Das Technopol ist für ihn die „totalitär gewordenen Technokratie“. Und eines der Grundprinzipien des Technopols ist, „dass die Technik das Denken ersetzen kann“. Das fast schon blinde Vertrauen auf die Technik von Big Data und Big Pharma hat nun dazu geführt, dass keine echte Klimadebatte geführt wird. Die Klimahysterie ist der Zwilling der Pandemiepanik, und beide fordern penetrant Aktionismus statt gründlichem Nachdenken.

Postman hatte gut erkannt, dass es im 21. Jahrhundert die Propheten einer neuen Technologiegläubigkeit sein werden, die eine willige, weil säkularisierte Bevölkerung in ein irdisches Paradies führen wollen. Der religiöse Eifer, mit dem auch der Kampf gegen das Coronavirus durchzogen ist, hätte ihn kaum überrascht. Zu Jahresbeginn widmete der „Spiegel“ den Biontech-Gründern ein huldigendes Portrait; auf dem Titelblatt blickte man zu Erlösergestalten hinauf, die „Millionen Menschenleben retten“. In der Weihnachtsnummer überhöhte der „Stern“ auf dem Titel das Impfen ebenfalls unverhohlen religiös. Und zu Ostern (!) dieses Jahres ließ die ARD den Propheten Bill Gates die heiß ersehnte Gute Nachricht verkündigen: die ganze Menschheit wird geimpft werden. Gelobt sei der Große Dirigent der Weltrettung (in dieser Rolle sieht sich Gates tatsächlich selbst). Schon im Frühjahr 2020 sprach der katholische US-Historiker und Radiojournalist Tom Woods weitsichtig und ganz zu Recht vom „Covid cult“. Und Postman in seinem letzten Buch: „Der Technologie-Gott verspricht uns: ‚Ja, ihr könnt... alles haben‘. Meine eigene, beschränkte Lesart der Heiligen Schrift sagt mir, dass Gott ein solches Versprechen nie gegeben hat ...“.

Drei Dinge, die wir lernen sollten

Was also tun? Ich denke, Neil Postman würde uns drei Dinge mit auf den Weg geben: studiert Geschichte, stellt die richtigen Fragen und achtet auf eure Sprache.

„Neil Postman würde uns drei Dinge mit auf den Weg geben: studiert Geschichte, stellt die richtigen Fragen und achtet auf eure Sprache.“
 

Postmans Bücher sind alle (zumindest die ins Deutsche übersetzten) von vielen geschichtlichen Ausführungen und Beispielen durchzogen. Er setzte damit einen Akzent gegen die „Tyrannei der Gegenwart“, die mit dem Fernsehen vollends einsetzte. Dies vermittelt  Bruchstücke und Bilder, schafft keine Kontinuität und „verstellt  den  Zugang zu einer historischen Perspektive“. Auf diese Weise „werden wir unfähig gemacht, uns zu erinnern“. Und er gibt zu bedenken: „Nur wer nichts über die Geschichte der Technik weiß, kann annehmen, eine Technik sei neutral“.

Im Technopol plädierte Postman daher dafür „jedes Fach [auch] als Geschichte zu unterrichten“. Ob Sprache, Technik, Wissenschaft, Kunst, Schule und Erziehung – studiert man ihre Geschichte, schafft dies eine gesunde kritische Distanz. Postman schlägt vor, „im geisteswissenschaftlichen Unterricht die Werke der Vergangenheit in den Vordergrund zu stellen“. Vor allem das historische Studium der Kunst könne von der Fixierung allein auf die Gegenwart befreien. Er findet es erstaunlich, „dass die große Geschichte von der gefahrvollen und aufregenden Romanze der Menschheit mit der Technologie in unseren Schulen nicht vermittelt wird“.

Damit kommen wir zu Postmans zweiten Vermächtnis: „Fragen geben unseren Gedanken eine bestimmte Richtung“, so Postman im Technopol; sie sind in Struktur und Inhalt nicht neutral, denn unterschiedliche Fragen begünstigen unterschiedliche Lösungen. In Die zweite Aufklärung betonte er „die Kunst und Wissenschaft des Fragenstellens“. Seine kühne These: Fragen sind „das bedeutsamste intellektuelle Werkzeug, das dem Menschen zur Verfügung steht.“ Ist es aber dann nicht seltsam, dass es in der Schule nicht gelehrt wird? Mit dem kritischen Denken wird es viel zu wenig in Verbindung gebracht.

Leider wird heute im Schul- und Lehrbetrieb meist die „Quantität der Antworten, nicht die Qualität von Fragen“ gemessen. Antwortengeber, nicht Fragesteller sind heutzutage gefragt. Postman dagegen: „Erkenntnis bedeutet nicht, dass man die richtigen Antworten hat; Erkenntnis heißt nur, dass man die richtigen Fragen stellt.“ Man muss wissen, „welche Fragen man an das Wissen stellen muss.“  Das älteste und wichtigste intellektuelle Problem der Menschheit ist, so Postman, „wie man zwischen wahren und falschen Aussagen unterscheidet“. Daher ist die wichtigste Frage: Ist das wirklich wahr?

Postman unterstrich, „dass ein aktiver, couragierter und geschickter Fragesteller genau das ist, was eine ‚gute Erziehung‘ hervorbringen sollte“. Gute Fragen können „gegen die Verführungskraft der Eloquenz wie gegen den Reiz des Unsinns“ wappnen. Allerdings ist die ernsthafte Beschäftigung mit dieser Kunst „politisch explosiv“.

„Ich plädiere für den Gebrauch gelassener Vernunft gegenüber dem Furor technologischer Innovationen“, so Postman weiter in Die zweite Aufklärung. Es ist banal einzugestehen, dass diese Innovationen unvorhersehbare Folgen haben werden. Zu fragen ist daher nach den „vorhersehbaren Folgen“. Er nennt als Beispiel: „Welche Art Leute und Institutionen könnten in der Folge technologischen Wandels zu besonderer wirtschaftlicher und politischer Macht gelangen? Man muss diese Frage stellen, weil gewichtige technologische Veränderungen immer eine Umverteilung von Macht zur Folge haben.“ Die Aktualität dieses Gedankens liegt auf der Hand.

Welches Problem wird mit einer Technologie gelöst? Gleich als nächstes ist zu fragen: Wessen Problem ist es? „Welche Leute und Institutionen werden durch eine neue technologische Lösung am stärksten geschädigt?“ Postman kommt auf seinen Grundgedanken, der Bürde und des Segens von Technologien, zurück:

„Nur ein Dummkopf weiß nicht, dass neue Technologien immer Gewinner und Verlierer produzieren, und wenn sich die Verlierer widersetzen, ist das nicht irrational. Bill Gates, der zu den Gewinnern gehört, weiß das, und da er nicht dumm ist, gibt er seiner Propaganda immer die Botschaft mit, dass die Computertechnologie niemandem schaden kann. So gehen Gewinner vor; sie möchten, dass die Verlierer auch noch dankbar sind, vor allem aber, dass sie nicht merken, dass sie Verlierer sind.“

Schließlich hat uns Postman in allen seinen Werken die Wichtigkeit der Sprache ans Herz gelegt, was eingangs schon deutlich geworden ist. In Wir amüsieren uns zu Tode legte er dar, dass etwas zeigen (wie im Fernsehen) und über etwas sprechen Aktivitäten sind, die nicht in einem Gegensatz zueinander stehen müssen, aber dennoch grundverschieden sind. Bilder muss man erkennen, Wörter verstehen. So kommen „die Wörter ‚wahr‘ und ‚falsch‘ aus dem Universum der Sprache“, nicht des Bildes.

Im Technopol betonte Postman, dass Sprache das Instrument ist, das das eigene Denken leitet. Die „Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit“, die „Unterschiede verschiedener Aussagenarten“, das „Wesen der Propaganda“ – all das gilt es zu untersuchen, um als „liebevoller Widerstandskämpfer“ dem Technopol Einhalt gebieten zu können. Wir müssen lernen, wie „der Wahrheitsgehalt einer Aussage zu prüfen“ sei und wie wir „auf disziplinierte Weise die Sprache benutzen können“ – und wie wir merken, „wenn andere das nicht tun“. Auf die postmodernen Autoren gemünzt: „Können wir wirklich in dem Glauben in die Zukunft gehen, dass Unfug so gut ist wie jede ander Form von Sprache?“

Auch in Die zweite Aufklärung rief Postman im Kapitel „Sprache“ dazu auf, nicht dem postmodernen Philosophen Jacques Derrida zu folgen, sondern klares Reden einzuüben. Eleganter Unsinn ist unbedingt zu meiden, denn „Sprache ist ein wichtiger Faktor beim Zustandekommen unserer Wahrnehmungen und Urteile, unseres Wissens und unserer Institutionen“. In Keine Götter mehr nannte er Definitionen, Fragen und Metaphern „drei der machtvollsten Instrumente, aus denen die menschliche Sprache eine Weltsicht konstruiert. Das Studium dieser Elemente sollte in der Schule höchste Priorität genießen.“ Auch in diesem Werk betonte Postman, „dass unsere Sprachgewohnheiten im Kern bestimmen, wie wir uns die Welt vorstellen“. Mehrfach schlug er vor, zur Tradition des „Triviums“ zurückzukehren. Der Unterricht in den klassischen Fächern Logik, Rhetorik und Grammatik könnte die Sprachkompetenz neu beleben, die heute so sehr fehlt.

Der Verlust der Tugend von Alasdair MacIntyre (geb. 1929) liest sich über weite Strecken, als ob es aus Postmans Feder stammte. Der britisch-amerikanische Philosoph beklagte in einem der wichtigsten Werke zur Ethik des 20. Jahrhunderts gleich zu Beginn die Verwahrlosung der „Sprache der Moral“. Wir besitzen „nur noch Bruchstücke eines Begriffsschemas“ und „in Wahrheit nur Scheinbilder der Moral“, gebrauchen aber „weiterhin viele ihrer Schlüsselbegriffe“.

Postmans Optimismus fehlt die Grundlage

Postman, jüdischer Abstammung, war persönlich nicht gläubig und verfügte damit auch nicht über eine metapyhsische Grundlage für den Wert der Sprache, der Vernunft und den Sinn der Geschichte. Oft knüpfte er an der Aufklärung und ihren Idealen an. Im Grunde sah er seine Mission als Lehrer und Kommunikator ganz in den Spuren der Denker des 18. Jahrhunderts. Daher wollte er eine Brücke in diese Zeit schlagen und war überzeugt, dort Ideen finden zu können, „die der Zukunft eine humane Richtung offerieren“.

Der Christ MacIntyre war in Der Verlust der Tugend dagegen weniger optimistisch (wohl der wichtigste Unterschied zwischen den Autoren). Am Schluß seines Buches sah er schon 1981 eine „Zeit der Barbarei und Finsternis“ heraufziehen; ja die Barbaren „beherrschen uns schon eine Weile“. MacIntyre ruft daher auf zur „Schaffung von lokalen Formen der Gemeinschaft, in denen die Zivilisation und das intellektuelle und moralische Leben über das neue finstere Zeitalter hinaus aufrechterhalten werden können, das bereits über uns gekommen ist.“

Schöpferische und feste Formen der Gemeinschaft finden

Christen bilden seit Jahrtausenden ihre „lokalen Formen der Gemeinschaft“ – dies wird, im Sinne MacIntyres, wieder ganz neu wichtig werden (vgl. dazu Rod Drehers Die Benedikt-Option, 2019). Im Sinne Postmans können Gläubige in diesen Gemeinschaften „der Welt Gestalt und Kohärenz geben“ (so Postman), Reste von „Leserverstand“ bewahren, „anspruchsvolle, ernsthafte Religion“ einüben sowie der „Vergöttlichung der Technologie“ widerstehen und ein „Immunsystem gegen die Informationsfülle“ aufbauen. Dort werden „liebevoller Widerstandskämpfer“ ausgebildet, die die „Hörigkeit verweigern“ (s. der deutsche Titel von Postmans Essayband von 1988). So könnten Christen – frei von Panik – Hoffnungsträger sein. Denn sie wissen, dass Not sie lehrt durchzuhalten, „und wer gelernt hat durchzuhalten, ist bewährt, und bewährt zu sein festigt die Hoffnung. Und in unserer Hoffnung werden wir nicht enttäuscht. Denn Gott hat uns den Heiligen Geist gegeben und hat unser Herz durch ihn mit der Gewissheit erfüllt, dass er uns liebt“ (Röm 5,4–5, NGÜ). Ruhend in der Hoffnung auf das ewige Leben, können wir die Kraft aufbringen, uns über moralische Gundbegriffe zu verständigen, eine christliche Sprache der Ethik zu entwickeln und den Verlust der Tugend überwinden.

Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir damit beginnen?

Buch

Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1988, 206 Seiten, 12,00 Euro.

Holger Lahayne ist Missionar in Litauen. Er arbeitet als Zweitpastor der ev.-reformierten Gemeinde in Vilnius und unterrichtet an einer theologischen Ausbildungsstätte im Land. Außerdem leitet er den Vorstand der litauischen Studentenmission LKSB. Er bloggt unter lahayne.lt.