Warum Bekehrung notwendig ist

Artikel von Stephen Wellum
29. November 2021 — 10 Min Lesedauer

Von 1. Mose bis Offenbarung lässt die Bibel keinen Zweifel daran aufkommen, dass Bekehrung absolut notwendig ist, um erlöst zu werden und Gott zu kennen. Wenn wir uns nicht von unserer Sünde abkehren und uns Gott zuwenden, wenn wir nicht selbst erfahren haben, was die Bibel als geistliche Beschneidung am Herzen beschreibt, die nicht von Menschenhand geschieht (1Mose 30,6; Röm 2,25–29), so kennen wir Gott nicht als unseren Erlöser und sind weiter unter seinem Zorn und Gericht (Eph 2,1–3). Wie Tom Schreiner hier und hier aufzeigt, wird die Notwendigkeit der Bekehrung in der gesamten Bibel gelehrt. Wenn sie auch nicht das zentrale Motiv der Schrift sein mag, so ist die Bekehrung doch von grundlegender Bedeutung in Gottes heilsgeschichtlichem Handeln, vor allem in Hinblick darauf, auf welche Weise Erlösung zu Gottes Volk kommt. Ohne Bekehrung können wir Gott nicht als Erlöser kennen. Ohne Bekehrung werden wir keine Vergebung von Sünden erfahren. Und wir werden nicht an Gottes Königreich und an seiner erlösenden Herrschaft teilhaben.

Bleibt die Frage zu klären: Warum ist dazu Bekehrung nötig?

Gängige Sichtweisen

Bevor wir diese Frage beantworten, ist es wichtig klarzustellen, dass wir hier nicht von „Bekehrung“ gemäß seiner populären, sondern gemäß seiner biblischen Definition sprechen. Aber wo genau liegt der Unterschied? Sucht man auf Google nach „geistlicher Bekehrung“, so lautet die Mehrzahl der Vorschläge in etwa so: Bekehrung ist die „Aneignung einer neuen Religion“ oder die „Verinnerlichung einer neuen Weltanschauung“. Diese Definitionen betrachten „Bekehrung“ als eine Veränderung des Denkens oder der Perspektive, bei welcher die Person grundsätzlich dieselbe bleibt. Das ist nicht das, was Christen unter Bekehrung verstehen. Die christliche Bekehrung basiert auf dem souveränen und übernatürlichen Wirken des dreieinen Gottes im Leben eines Menschen. In der Bekehrung führt Gott Menschen vom geistlichen Tod ins Leben. Das erst befähigt sie, das zu verabscheuen, was sie einst liebten – ihre Sünde und Rebellion gegen Gott – und sich Christus zuzuwenden und ihm zu vertrauen.

Drei Wahrheiten, die die Notwendigkeit der Bekehrung untermauern

Warum ist dieses Verständnis von Bekehrung so wichtig? Es gibt drei fundamentale Wahrheiten, die der biblischen Lehre über Bekehrung zugrunde liegen. Diese helfen uns besser zu verstehen, warum die Bekehrung in Bibel, Theologie und Evangeliumsverkündigung eine so zentrale Rolle einnimmt. Dabei möchte ich betonen, dass diese drei Wahrheiten in sehr enger Beziehung zueinander stehen. Man kann die biblische Lehre über Bekehrung nicht richtig verstehen, wenn man nur eine dieser Wahrheiten außen vor lässt – was uns einmal mehr in Erinnerung ruft, dass unsere jeweiligen theologischen Ansichten letztlich miteinander stehen und fallen. Nur einen Teil unserer Theologie misszuverstehen wird sich schwerwiegend auch auf andere Teile auswirken – zumindest in Bezug auf unser Verständnis von Bekehrung.

Das menschliche Problem

Die erste wichtige Tatsache, die der biblischen Lehre über Bekehrung zugrunde liegt und hilft, sie zu verstehen, ist die biblische Sichtweise unseres menschlichen Problems. Obwohl wir Menschen im Bild Gottes geschaffen sind und daher unermesslichen Wert und Wichtigkeit besitzen, haben wir in Adam gegen unseren Schöpfer rebelliert und sind so zu Sündern geworden, die unter dem Zorn Gottes stehen (1Mose 3; Röm 5,12–21). Wenn die Bibel von Sünde und von Menschen als Sündern spricht, behandelt sie das nicht als kleines Problem am Rande. Sünde ist nicht etwas, das durch Selbsthilfe, Weiterbildung oder die Willenskraft, eine bessere Person zu werden, behoben werden kann. Solche immer wieder kehrenden Lösungsvorschläge unterschätzen bei Weitem die Natur des menschlichen Problems, welches von der Schrift eindringlich und anschaulich beschrieben wird. Biblisch gesehen ist Sünde nicht nur ein universelles Problem, welchem aufgrund unserer Verbundenheit mit Adam als unserem stellvertretenden Haupt niemand entkommen kann (Röm 3,9–12.23; 5,12–21; 1Kor 15,22), sondern dieses Problem stellt auch die Grundlage unserer sündigen Natur und der resultierenden Taten dar (Eph 2,1–3). In Adam und durch unsere eigenen Entscheidungen sind wir – als gefallene Geschöpfe in diese Welt hineingeboren – moralische Rebellen gegen Gott geworden. Wir befinden uns in einem Zustand, dem wir nicht durch Eigeninitiative oder Werke unsererseits entfliehen können. Und traurigerweise ist es auch ein Zustand, den wir nicht ändern wollen, es sei denn durch Gottes souveräne Gnade. In unserer Gefallenheit erfreuen wir uns nicht nur an unserer Sünde und widerstehen nur allzu bereitwillig Gottes rechtmäßiger Herrschaft über uns, sondern diese Bereitwilligkeit ist zugleich ein Beweis für unsere Unfähigkeit, uns selbst zu retten und zu verändern (Röm 8,7). Folglich stehen wir unter Gottes Gericht und Zorn (Röm 8,1; Eph 2,1–3), ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Durch unsere Sünde gerieten wir vor dem Richter des Universums in einen Stand von Schuld und Verdammnis (Hes 18,20; Röm 5,12.15–19; 8,1). Die Schrift bezeichnet diesen Stand als Tod, sowohl geistlich, als in letzter Konsequenz auch physisch (1Mose 2,16–17; Eph 2,1; Röm 6,23).

„Wir befinden uns in einem Zustand, dem wir nicht durch Eigeninitiative oder Werke unsererseits entfliehen können.“
 

Doch es gibt einen Ausweg aus dieser fatalen Situation: Erlösung – das biblische Heilmittel für unser Problem. Und der entscheidende Punkt dieser Umkehr ist die Bekehrung. Mehr als alles andere brauchen wir einen Retter, der vor Gott für unsere Sünde bezahlen kann und der Gottes rechtmäßigen Anspruch und seinem Urteil volle Genüge tut. Unser Herr Jesus Christus – Gott, der fleischgewordene Sohn – tut genau dies für uns in seinem Werk am Kreuz. Er kommt Gottes eigenen Anforderungen nach; durch ihn ist für unsere Sünde zur Gänze bezahlt (Röm 3,21–26; Gal 3,13–14; Kol 2,13–15; Hebr 2,5–18). Darüber hinaus brauchen wir nicht nur jemanden, der für unsere Sünde bezahlt, sondern müssen auch vom geistlichen Tod zum Leben geführt werden, was in der Veränderung unseres gesamten Wesens resultiert (Röm 6,1–23; Eph 1,18–23; 2,4–10). Wir brauchen den dreieinen Gott, der uns vom Tod zum Leben ruft und kraft des Heiligen Geistes die Wiedergeburt in uns wirkt (Eph 1,3–14; Joh 3,1–8). Wir brauchen eine Auferstehung von den Toten nach dem Vorbild der Auferstehung unseres Bundeshauptes, damit wir dazu befähigt werden, uns bereitwillig von unserer Sünde abzukehren, unseren Widerstand gegen die Herrschaft Gottes aufzugeben und in Buße und Glauben auf die Botschaft des Evangeliums zu antworten (Joh 3,5; 6,44; 1 Kor 2,14). Zusammengefasst ist Bekehrung also notwendig, da sie ein zentraler Bestandteil der Lösung des schwerwiegenden Problems ist, das wir Menschen haben und auf das die Bibel uns aufmerksam macht.

Die Lehre Gottes

Die zweite elementare Tatsache, die der biblischen Lehre von Bekehrung zugrunde liegt und die deren Verständnis erleichtert, ist die biblische Sichtweise des Wesens und Charakters Gottes. Wie bereits erwähnt, gibt es eine wechselseitige Beziehung zwischen den ersten beiden Wahrheiten. Das menschliche Problem ist deshalb ein Problem, weil Gott so ist, wie er ist. Unser Problem erkennen wir umso deutlicher auf dem Hintergrund von Gottes eigenem gerechten und heiligen Wesen. Die Bekehrung ist deshalb notwendig, weil wir aufgrund unserer sündigen und rebellischen Natur nicht in Gottes Gegenwart weilen können. Sünde steht nicht nur im Widerspruch zu Gottes Charakter, der die Grundlage des universalen Moralgesetzes ist, sondern trennt uns auch von der Bundesgegenwart Gottes (1Mose 3,21–24; Eph 2,11–18; Hebr 9). Wir, die wir einst geschaffen worden sind, um Gott zu kennen und vor ihm als seine Vizeregenten zu leben, und um als kleine Könige und Königinnen zu seiner Ehre über die Schöpfung zu herrschen, stehen nun unter Gottes Zorn und Gericht. Folglich ist es uns nicht möglich, Gott in erlösender Weise zu kennen – sofern nicht seinem eigenen heiligen Wesen volle Genüge getan wird durch die aufopfernde Bereitstellung seiner selbst in Jesus Christus (Röm 6; Eph 4,20–24; Kol 3,1–14).

Doch eine einfache rechtliche Transaktion reicht nicht aus, so wichtig diese auch sein mag für den Urteilsspruch unserer Rechtfertigung vor Gott. Denn Erlösung umfasst immer auch die Beseitigung der Sünde, die in uns wohnt, sowie die Veränderung unseres gesamten gefallenen Wesens. Dieser Prozess beginnt, wenn wir mit Christus vereint werden durch das erneuernde Werk des Heiligen Geistes, wodurch wir dazu befähigt werden, uns bereitwillig von unserer Sünde abzuwenden und im vollbrachten Werk unseres Herrn Jesus Christus zu ruhen. In anderen Worten, Bekehrung ist unumgänglich, weil Gott verlangt, dass seine Geschöpfe heilig sind, wie er heilig ist. Deswegen müssen wir in der Gerechtigkeit Jesu gekleidet, durch die Kraft des Geistes verändert und eine neue Schöpfung in Christus Jesus sein, um vor ihm bestehen zu können (2Kor 5,17–21). Denn es gibt keine Möglichkeit für die Ebenbilder Gottes, zu ihrer ursprünglichen Berufung zurückzukehren und in den Genuss aller Vorteile der neuen Schöpfung zu kommen, wenn nicht für ihre Sünde vollumfänglich bezahlt wurde, sie durch den Geist von Neuem geboren und durch den Glauben mit Christus vereint wurden. Solange wir zu wenig von Gottes vollkommener Heiligkeit und Gerechtigkeit sowie von seiner Anforderung verstehen, dass seine Geschöpfe als gehorsame Söhne und Ebenbilder handeln sollen, werden wir auch nie begreifen, warum Bekehrung gemäß der Schrift so entscheidend ist. Ferner werden wir nie die Tiefe und die Breite der Liebe Gottes zu uns, seinem Volk, genug wertschätzen, solange wir nicht begreifen, dass Bekehrung nur dank des souveränen Willens des dreieinen und gnädigen Gottes stattfindet.

Bekehrung beinhaltet Buße und Glauben - Unser ganzes Sein Gott zugewandt

Die dritte grundlegende Wahrheit, die uns hilft, die biblische Lehre von Bekehrung besser zu verstehen, ist, dass sich Bekehrung auf die gesamte Person auswirkt. Das heißt, in der Bibel umfasst die Bekehrung sowohl die Abkehr von Sünde (Buße), als auch die Hinwendung zu Christus (Glauben). Beides ist für die Bekehrung notwendig. Deswegen sind Buße und Glauben als zwei Seiten derselben Medaille zu betrachten. In anderen Worten, biblische Bekehrung ist nie lediglich eine Veränderung auf Verstandesebene ohne praktische Auswirkung auf das Leben einer Person. Bedauerlicherweise finden sich in vielen Gemeinden Menschen, die vorgeben, bekehrt zu sein, aber trotz ihrer intellektuellen Zustimmung zum Evangelium jeglichen Beweises echter Veränderung in ihrem Leben entbehren.

„Unsere Sünde ist eine Rebellion der ganzen Person gegen Gott, und christliche Errettung ist ebenfalls eine Veränderung der ganzen Person, wortwörtlich eine neue Schöpfung.“
 

Die Bibel betrachtet diese rein intellektuelle Zustimmung ganz klar als falsche Bekehrung (Mt 7,21–23). Gott verlangt eine ganzheitliche (i.S.v.: vom ganzen Menschen) Antwort von uns als seinen Bundesgeschöpfen: unsere Sünde ist eine Rebellion der ganzen Person gegen Gott, und christliche Errettung ist ebenfalls eine Veränderung der ganzen Person, wortwörtlich eine neue Schöpfung. Bekehrung umfasst Abkehr von Sünde und Zuwendung zu Christus, was wiederum die ganze Person involviert – ihren Intellekt, ihren Willen und ihre Emotionen (Apg 2,37–38; 2Kor 7,10; Hebr 6,1).

Es reicht nicht, vor Jesus den Hut zu ziehen

Bekehrung ist nicht optional; sie ist absolut notwendig. Wir können die Errettung und das Evangelium nicht ohne eine gefestigte, biblische Sicht der Bekehrung verstehen. Namenschristen, welche sich zuhauf in unseren Gemeinden finden, repräsentieren nicht das biblische Christentum. Es reicht nicht, vor Jesus den Hut zu ziehen; wir müssen Gottes souveränes und gnädiges Werk in unserem eigenen Leben erfahren – wie er uns neues Leben gibt und uns durch den Heiligen Geist dazu befähigt, Buße zu tun und an das Evangelium zu glauben. Unser mangelhaftes Verständnis von Bekehrung ist oft unserer mangelhaften Theologie geschuldet. Die richtige Reaktion auf diese Situation wäre es, auf unseren Knien zur Bibel zurückzukehren und unseren großen Gott zu bitten, seine Gemeinde zu erquicken, damit Männer und Frauen, Jungen und Mädchen gleichermaßen durch unsere Evangeliumsverkündigung von ihren Sünden Buße tun und an unseren Herrn Jesus Christus glauben.

Stephen Wellum ist Professor für Christliche Theologie am Southern Baptist Theological Seminary in Louisville, Kentucky. Stephen und seine Frau, Karen, haben fünf erwachsene Kinder.