Glaube und Dankbarkeit

Artikel von Benjamin Schmidt
11. November 2021 — 10 Min Lesedauer

Er wusste schon nicht mehr, wie viele Monate es bereits waren, seit das Ganze begonnen hatte. Doch viel war seitdem geschehen. Die Krankheit kam so unerwartet, so plötzlich, und sie hatte ihm alles genommen. Wie glücklich war er mit seiner jungen Frau gewesen. Das zweite Kind war gerade erst geboren, sein Töpferhandwerk war in der ganzen Gegend immer beliebter geworden und dann kam der Aussatz. Nun lebte er völlig isoliert – von seinen neun Leidensgenossen abgesehen. Seine Freunde, die er schon seit frühester Kindheit kannte und die immer davon gesprochen hatten, dass nichts sie trennen würde, hatten sich seitdem nicht mehr blicken lassen. Nur seine Frau und sein Bruder hatten sich anfangs noch aus sicherem Abstand mit ihm unterhalten, wenn sie ihm zweimal wöchentlich das Essen brachten; hatten davon gesprochen, wie sehr sie ihn vermissten und wie sehr sie auf ein Wunder hofften. Doch seit einigen Wochen stand das Essen nur noch allein, sicher in einer kleinen Holzkiste verwahrt unter der alten Terebinthe. Er konnte verstehen, dass sein Anblick für sie immer unerträglicher wurde, und dennoch war es schmerzhaft, von ihnen verlassen zu sein –schmerzhafter sogar als die Wunden, die sich am Körper ausbreiteten. Was hätte er nur alles gegeben, damit das endlich ein Ende nähme und alles wieder so wäre, wie früher.

So ungefähr muss man sich die Situation der Männer vorstellen, die in Lukas 17,11–19 auftreten. Die Krankheit des Aussatzes war für die damalige Zeit ein Urteil, das das soziale Leben völlig zunichtemachen konnte. Lange Zeit ging man davon aus, dass es sich dabei um Lepra handelte, vermutlich war Aussatz aber ein Sammelbegriff für verschiedene schwere und vor allem ansteckende Hautkrankheiten. Und gerade diese Ansteckungsgefahr führte dazu, dass der Erkrankte aus seinem sozialen Umfeld ausgestoßen und an einem speziellen Ort, nur unter seinesgleichen leben durfte. Jeglicher Körperkontakt zu gesunden Menschen war verboten.

Seit 2020 können wir uns ein wenig vorstellen, wie sich dieser Umstand zumindest zeitweise anfühlen kann. Die einzige Hoffnung für einen Aussätzigen bestand in der völligen Heilung, was medizinisch unmöglich war. Man musste auf ein Wunder hoffen.

Und genau das taten die zehn Männer aus Lukas‘ Bericht: Sie hofften auf ein Wunder, als sie sich an Jesus, den Wunderheiler und Prediger des Reiches Gottes wandten. Sie mussten von Jesus gehört haben, und davon, was er alles in der Kraft Gottes getan hatte, denn sie rufen ihn namentlich und flehen von fern stehend: „Jesus, Meister, erbarme dich über uns!“ (Vers 13).

Jesus befand sich gerade auf seinem Weg nach Jerusalem, in dem Wissen, dass dort der Tod auf ihn wartete. Ja, mehr noch: Genau das war für ihn der Anlass gewesen, nach Jerusalem zu gehen. „Denn als die Zeit dafür gekommen war, dass Jesus in den Himmel aufgenommen werden sollte, machte er sich entschlossen auf den Weg nach Jerusalem“ (Lk 9,51). Auf diesem Weg durchzog er viele Städte und Dörfer und predigte das Evangelium (vgl. 13,22). Nun führte ihn sein Weg durch eine sehr abgelegene Gegend zwischen Samaria und Galiläa, wo er auf die Gruppe Aussätziger trifft, die ihn um Hilfe bitten. Die Nähe zu Samaria und der Umstand, dass man als Aussätziger bei der Wahl seiner Gefährten nicht wählerisch ist, führte dazu, dass zu dieser Gruppe ein Samariter gehörte. In einem gewöhnlichen Leben hätten die anderen neun, die aller Wahrscheinlichkeit Juden waren (denn in Vers 16 wird nur dieser eine als Samariter bezeichnet), ihren ausländischen Freund nicht einmal beachtet. Gerade zwischen Juden und Samaritern bestand ein sehr angespanntes Verhältnis; aber: Geteilte Not schafft Verbündete.

Rufe mich an in der Not ...

Jetzt aber scheint es für sie einen kleinen Hoffnungsschimmer zu geben. Zumindest sind die Gerüchte, die über diesen Jesus in Umlauf sind, nicht von der Hand zu weisen. Und was hat man schon zu verlieren, wenn man bereits alles verloren hat? Also wenden sie sich in ihrer Not an Jesus. Die Tatsache, dass sie ihn nur um Erbarmen anflehen, ohne ihre Not wirklich beim Namen zu nennen, lässt darauf schließen, dass man ihr Elend schon von weitem erkennen konnte. Worte waren vermutlich nicht nötig. Doch genau das, was diese Männer tun, ist es, was Gott von uns fordert. Ein Mensch, der seine Not erkennt und weiß, wie sehr er Gottes Erbarmen braucht, muss keine großen Leistungen erbringen. „Rufe mich an in der Not, so werde ich dich erretten“, ermutigt uns Gott in Psalm 50,15. Jesus hört ihr Rufen und sendet sie zu den Priestern. Diese Forderung entsprach dem Gesetz Gottes aus 3. Mose 14. Der Priester hatte den Auftrag, den gesundheitlichen Zustand eines Aussätzigen zu prüfen, gegebenenfalls eine Heilung festzustellen und sie zu bestätigen, damit der Genesene wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden konnte. Der Priester war sozusagen ein negativer PCR-Test. Nun würde für die zehn Männer alles wieder so werden, wie es einmal war. Allerdings mussten sie auf Jesu Worte vertrauen und ihr Vertrauen dadurch beweisen, dass sie sich auf den Weg machten. Sie wurden nicht in dem Moment gesund, als Jesus zu ihnen sprach, sondern erst, „als sie hingingen, wurden sie gesund“ (Vers 14).

Stellen wir uns einmal vor, was passiert wäre, wenn einer der Männer gesagt hätte: „Ich habe gehört, dass Jesus mal einen Mann vom Aussatz geheilt hat, indem er ihn anfasste; und da ging der Aussatz sofort weg. [1] Uns schickt Jesus einfach nur nach Jerusalem, ohne dass ich eine Besserung sehe. Soll ich etwa nach Jerusalem gehen, nur um dann festzustellen, dass alles nur ein Scherz war? Was glaubt Jesus eigentlich, wer er ist?“ Hätten die Männer so gedacht, dann hätten sie keine Heilung erlebt. Gott sei Dank hörten die Männer auf Jesu Befehl, machten sich auf den Weg und wurden gesund.

Ein Happy End, könnte man meinen. Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Und auch der oben zitierte Vers aus Psalm 50,15 geht eigentlich noch weiter:

„Rufe mich an in der Not, so werde ich dich erretten, und du sollst mich preisen!“

... und du sollst mich preisen

Wir lesen weiter, dass einer von ihnen zurückkehrte, als er bemerkte, dass er geheilt war. Er kehrte zu Jesus zurück, pries und verherrlichte Gott mit lauter Stimme und fiel dabei vor Jesus nieder, mit dem Gesicht zu Jesu Füßen, und dankte ihm. „Und das war ein Samariter“ (Vers 16).

Jesu Verwunderung darüber, dass nur einer von zehn Geheilten zurückkam, um ihm zu danken und Gott zu preisen, ist absolut verständlich. Jetzt könnte man einwenden, dass die anderen neun ja auch auf dem Weg nach Jerusalem oder später im Kreis ihrer Familie Gott genauso gut für das Wunder hätten danken können. Stattdessen scheint Jesus sehr darauf zu bestehen, dass sie Gott nur in Verbindung mit ihm selbst die Ehre für dieses Wunder geben konnten. Warum Jesus so reagierte, weshalb der eine zurückkam und die anderen neun nicht – die Antworten auf diese Fragen helfen uns dabei, ein besseres Bild davon zu bekommen, wer Jesus ist, was Gottes Absichten sind und was wahre Dankbarkeit ausmacht.

1. Wer Jesus wirklich ist

Die meisten Menschen halten Jesus bloß für einen von den Guten. Für die einen ist er sozialpolitisch ein Vorbild, für andere eine besonders spirituelle Person. Für neun der zehn Aussätzigen war Jesus ein Mittel zum Zweck, wieder gesund zu werden. Dieser Zweck war erreicht, deshalb war es für sie nicht nötig, zu Jesus zurückzugehen, um ihm zu danken. Für den Samariter war Jesus aber nicht einfach ein x-beliebiger Wunderheiler. Er hatte in Jesus den von Gott gesandten, lang ersehnten Retter erkannt. Und er wusste, dass sein größtes Problem nicht in seinem Aussatz bestand und es mit der Heilung seiner Haut nicht getan wäre; er brauchte eine tiefgreifende Veränderung.

Jesu Aussage „Dein Glaube hat dich gerettet!“ bezieht sich deshalb nicht auf die schon vollzogene körperliche Heilung, denn die hatten die anderen neun auch erfahren. Die Tatsache, dass der Samariter es vorzog, als Geheilter zuerst Jesu Gegenwart aufzusuchen, um zu seinen Füßen niederzufallen, anstatt im Kreise seiner Familie und seiner Freunde die neu gewonnene Freiheit zu genießen, zeigt, dass er in Jesus mehr gesehen hatte und es auch empfing; er wurde innerlich geheilt, mit Gott versöhnt, von aller Schuld befreit und durch den Glauben an Jesus gerechtfertigt. Er hatte nicht sein altes Leben zurück, er hatte ein völlig neues Leben bekommen – etwas, das ihm allein Jesus geben konnte.

2. Gottes Absicht

Genau diese Absicht verfolgte Jesus auch mit all seinen Wundern. Jede Heilung, jedes Wunder diente nicht nur dazu, die vorübergehenden Umstände der Menschen zu verbessern, sondern hatte ein sehr viel höheres, geistliches Ziel. David Goodings schreibt:

„Undankbarkeit für die allgemeinen Gaben Gottes ist an sich schon schlimm genug. Man kann vermutlich kaum abschätzen, wie viele schon in Notzeiten Gott um Hilfe angefleht hatten und dann, wenn Gott eingriff und ihnen half, sie ihn sofort wieder vergaßen und so weiterlebten, als hätten sie niemals seine Hilfe erfahren. Unsere Geschichte mit den zehn Aussätzigen ist aber weit schlimmer und noch trauriger als das. Die Heilung dieser Männer war keine allgemeine Gabe des Schöpfers, sondern ein ganz besonderes Wunder, das den eigentlichen Zweck hatte, Jesus als den Messias zu offenbaren, damit sie durch den Glauben in Christus gerettet werden und das ewige Leben empfangen.“ [2]

Doch auch die geistliche Heilung und Errettung erfüllt ein noch höheres Ziel: Die Verherrlichung Gottes. Leider lesen wir nichts davon, dass die anderen neun Männer Gott auch nur im Entferntesten ihren Dank und ihr Lob entgegenbrachten. Der Verlauf der Geschichte und Jesu Reaktion geben uns keinen Anlass, das zu glauben. Im modernen Verständnis von Gott und dem christlichen Glauben, in dem es hauptsächlich um das Wohl und die Erfüllung des Menschen geht, wird man häufig schief angeschaut, wenn man davon spricht, dass Gottes oberstes Ziel seine eigene Ehre ist. Doch genau das ist der Fall, wie wir es in der Bibel finden. Angefangen bei der Schöpfung (vgl. Jes 43,7) über die Erlösung (Jes 43,25; Eph 1,12), ja selbst in ganz alltäglichen Dingen wie essen oder trinken (vgl. 1Kor 10,31), soll alles zu Gottes Ehre dienen (vgl. Röm 11,36). Es ist schlichtweg unmöglich, an Gott zu glauben und nicht seine Ehre zu suchen (vgl. Joh 5,44).

3. Wahre Dankbarkeit

Der rettende Glaube in Jesus bewirkt eine Dankbarkeit, die zur Anbetung Gottes in Jesus Christus führt. Wahre Dankbarkeit gegenüber Gott hängt untrennbar mit dem rettenden Glauben an Jesus Christus zusammen. Es ist eine Dankbarkeit, die unabhängig ist von äußeren Umständen, weil sie sich auf das besinnt, worauf der Glaube ganz sicher ruht: Auf Gottes Barmherzigkeit und Treue in Jesus!

Kürzlich hörte ich die Aussage einer Glaubensschwester über einen Verwandten. Sie sagte: „Er glaubt zwar an Jesus, aber er kann nicht glauben, dass Jesus ihn retten kann.“ Wie oft fallen ähnliche Sätze, die zeigen, wie sehr die Vorstellung von Glauben von der biblischen Darstellung abweicht. Rettender Glaube in der Bibel ist das sichere Vertrauen darauf, dass Jesus nicht nur ein Retter ist, sondern mein Retter. Ja, ich kann auch als Glaubender zweifeln und auch sehr oft undankbar sein; doch dies geschieht hauptsächlich dann, wenn ich meine Rettung von meinem Versagen abhängig mache, anstatt von Gottes Verheißungen; es geschieht dann, wenn ich falsche Erwartungen hege in Bezug auf Gottes Absichten. Wenn ich mich aber darauf besinne, dass Gottes Absicht in erster Linie mein geistliches, ewiges und nicht mein körperliches, zeitliches Wohl ist, wenn ich mir bewusst mache, dass er es nicht nur gut meint, sondern gut macht, wenn ich meine Erwartungen an dem ausrichte, was er in seinem Wort wirklich zu tun verheißen hat, dann wird dies meinen Glauben und er wiederum meine Dankbarkeit in Christus stärken.

Was ist unsere Reaktion auf das, was Gott für uns getan hat? Vertrauen wir auf Gott? Führt die Botschaft von seinem gekreuzigten Sohn dazu, dass in uns eine Dankbarkeit entsteht, die unabhängig ist von äußeren Umständen? Oder reicht es uns schon aus, die täglichen guten Gaben zu empfangen, die das Leben so bietet, solange unsere Absichten und Ziele erfüllt sind?

Führst du ein Leben, das Gott ehrt, indem du auch in den schwierigsten Umständen eine Dankbarkeit empfindest, die durch die Freude an der Beziehung zu Gott und das tiefe Vertrauen in ihn lebt und nicht durch äußere Umstände?


[1] Vgl. Lk 5,12ff.

[2] David Gooding, According to Luke, Belfast: Myrtlefield House, 2013, S. 289.

Benjamin Schmidt ist Leiter des Herold Verlags. Als Diakon der Immanuel-Gemeinde Wetzlar ist er im Bibelunterricht und in der Kinderarbeit tätig. Benjamin ist verheiratet mit Hanna und gemeinsam haben sie drei Kinder.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Herold, 10/2021, Nr. 10 (778), S. 3–5. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.