Unterordnen

Dimensionen eines anstößigen Begriffs

Artikel von Tanja Bittner
5. November 2021 — 11 Min Lesedauer
„Erinnere sie, dass sie sich den Regierenden und Obrigkeiten unterordnen und gehorsam sind.“ (Tit 3,1)
„Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie sich´s gebührt im Herrn!“ (Kol 3,18)

Die Verse, in denen der Begriff „unterordnen“ vorkommt, befinden sich bei vielen Christen wohl eher am unteren Ende der Beliebtheitsskala. Oder würdest du dir einen dieser Verse gerahmt an die Wohnzimmerwand hängen?

Andererseits: Für den, der prinzipiell die Bibel als Ganze als Gottes Wort schätzt und liebt, hat es etwas Unbefriedigendes, wenn einzelne Bibelstellen nicht so recht unser Freund werden. Schließlich wollen wir uns die Bibel nicht nach eigenem Gutdünken zurechtstutzen. Bleibt wirklich nur, diese Anweisungen als Teil des Gesamtpakets in Kauf zu nehmen, sie – soweit sie sich nicht mit gutem Gewissen umgehen lassen – zwar nicht mit Begeisterung, aber jedenfalls halbwegs umzusetzen?

Tatsächlich sagt die Bibel noch einiges mehr zum Stichwort „unterordnen“ als im ersten Moment ersichtlich ist, und das „große Bild“ kann helfen, die Bedeutung und sogar Schönheit der Einzelteile zu erahnen.

1. Das Prinzip Ordnung

Unser deutscher Begriff „unterordnen“ gibt das griech. ὑποτάσσω präzise wieder: ὑπο = unter, τάσσω = ordnen. Nicht immer ist die Etymologie eines Wortes hilfreich, hier gibt sie aber den Hinweis auf eine wichtige Fährte: Ordnung.

Durch die ganze Bibel hinweg zeigt sich Gott als ordnender Gott. Das beginnt in 1. Mose 1, wo er aus dem Tohuwabohu (so der hebr. Wortlaut in 1. Mose 1,2, der mit „wüst und leer“ übersetzt wird) eine enorm vielfältige, aber nicht chaotische, sondern genial geordnete Welt entstehen lässt. Es gibt Licht und Finsternis, den Wechsel von Tag und Nacht, es gibt Land und Meer, außerdem die verschiedensten Arten von Pflanzen und Tieren, sie alle „nach ihrer Art“ (1Mose 1,11–12.21.24–25). Später gibt Gott seinem Volk – das kaum in der Freiheit angekommen ist, als schon die Rechtsstreitigkeiten beginnen (2Mose 18,13–14) – eine detaillierte Ordnung, wie sie als Volksgemeinschaft in Gerechtigkeit zusammenleben können, unter Gott als ihrem König. In der Richterzeit macht Israel die Gegenprobe, missachtet Gottes Anordnungen – „jeder tat, was recht war in seinen Augen“ (Ri 17,6; 21,25) – und findet heraus, dass man so im Chaos landet. Und um dieses Grundproblem geht es auch noch Jahrhunderte später, als die Propheten anprangern, dass Israel Gottes „Ordnungen“ ignoriert (Jer 44,10.23). Das ist kein Kavaliersdelikt: Die Israeliten zeigen durch ihr Verhalten, dass sie Gottes Autorität nicht anerkennen, nicht bereit sind, sich von ihm derart in ihr Leben hineinreden zu lassen (vgl. Röm 8,7). Doch an diesem Punkt lässt Gott nicht mit sich verhandeln. Er beansprucht für sich das Recht, die Spielregeln festzusetzen – das Herrscherrecht.

„Gott mag offensichtlich Ordnung. Und aufs Ganze gesehen ziehen auch wir sie der Unsicherheit und dem Chaos, der Anarchie und dem Recht des Stärkeren vor.“
 

Im Neuen Testament sehen wir Jesus als denjenigen, dessen Anordnen (ἐπιτάσσω) selbst der Sturmwind, selbst Dämonen gehorchen (Mk 1,27; Lk 8,25). Später mahnt Paulus die Gemeinde, dass es in Gottesdiensten „anständig und ordentlich zugehen“ soll (1Kor 14,40), er freut sich an der „Ordnung“ in Kolossä (Kol 2,5), er ermahnt die Thessalonicher, in keinen „unordentlichen“ Lebensstil zu verfallen (2Thess 3,6–11). Selbst die Auferstehung am Ende der Zeit wird so vonstattengehen, dass „jeder aber in seiner Ordnung“ auferweckt wird (1Kor 15,23; vgl. 1Thess 4,13–17).

Gott mag offensichtlich Ordnung. Und aufs Ganze gesehen ziehen auch wir sie der Unsicherheit und dem Chaos, der Anarchie und dem Recht des Stärkeren vor.

2. Die oberste Instanz

Die Person, die im NT im Zusammenhang mit dem Stichwort unterordnen am deutlichsten hervorgehoben wird, ist Jesus Christus. Das fällt in deutschen Bibelübersetzungen nicht auf, weil ὑποτάσσω hier normalerweise mit unterwerfen oder untertan machen übersetzt wird.

Ganze drei Mal wird Psalm 8,7 („alles hat er seinen Füßen unterworfen“) zitiert und auf den auferstandenen und verherrlichten Herrn bezogen (1Kor 15,27; Eph 1,22; Hebr 2,8). Er ist nun der rechtmäßige Herrscher über „Engel und Gewalten und Mächte“ (1Petr 3,22), über alles. Der Autor des Hebräerbriefs unterstreicht dies: „Indem er [Gott] ihm aber alles unterworfen hat, hat er nichts übriggelassen, das ihm nicht unterworfen wäre“ (Hebr 2,8). Er ist die höchste Instanz, an der nichts und niemand vorüber kann.

Doch das ist noch nicht so sichtbar, wie es eines Tages sein wird, wenn „in dem Namen Jesu sich alle Knie derer beugen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind“ (Phil 2,10; vgl. Hebr 2,8). Diese Vollendung gehört in die „zukünftige Welt“ (Hebr 2,5) – und doch ist schon erwiesen, dass das Projekt nicht an mangelnder Kraft scheitern wird (Phil 3,21). Der entscheidende Sieg ist schon errungen.

Der Ort, an dem diese Herrschaft Jesu – und als Gegenstück auch die Unterordnung derer, die ihm dienen – vor den Augen einer ihm widerstrebenden Welt bereits jetzt Gestalt annimmt, ist die Gemeinde (Eph 1,22; Kol 1,18).

Paulus gibt zudem einen Ausblick, was am Ende geschehen wird: „Wenn ihm aber alles unterworfen sein wird, dann wird auch der Sohn selbst sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allen sei“ (1Kor 15,28). Es gibt kein Machtgerangel innerhalb der Dreieinigkeit. Wie schon Jesu irdisches Leben vom Gehorsam gegenüber dem Vater gekennzeichnet war (Röm 5,19; Phil 2,8; Hebr 5,8), so soll am Ende Gott als der Eine über allem stehen.

3. Unter-Ordnungen

Gott hat uns Menschen in unterschiedliche Gemeinschaftsebenen – Ordnungen – hineingewebt. Bonhoeffer spricht von vier „Mandaten“ (Arbeitswelt, Familie, Staat und Kirche) und will damit betonen: Der Mensch hat den gottgegebenen Auftrag, seinen Platz in jedem dieser Gefüge in einer auf Christus ausgerichteten Weise auszufüllen (Kol 1,16).[1]

Gott ordnet also unsere Alltagswelt, indem er Unter-Ordnungen schafft, die auf ihre eigene, geordnete Weise funktionieren. Es gibt jeweils Verantwortungsträger, die für die Leitung ihres Bereichs verantwortlich sind – vor Gott, der sie dazu berufen hat. Aber es kann nicht nur Häuptlinge geben, womit wieder die Unterordnung ins Spiel kommt. Die ntl. Stellen, in denen konkret zur Unterordnung aufgefordert wird, lassen sich diesen vier Bereichen zuordnen:

a. Arbeitswelt

Petrus mahnt die „Knechte“, sich ihren Herren unterzuordnen, und zwar „nicht nur den guten und milden, sondern auch den verkehrten!“ (1Petr 2,18). Paulus wird noch etwas praktischer: Er möchte, „dass sie sich ihren eigenen Herren unterordnen, in allem gern gefällig sind, nicht widersprechen, nichts entwenden, sondern alle gute Treue beweisen, damit sie der Lehre Gottes, unseres Retters, in jeder Hinsicht Ehre machen“ (Tit 2,9–10; vgl. Eph 6,5–8). Das gilt nicht nur, wenn jemand einen gläubigen Arbeitgeber hat, aber dann umso mehr (1Tim 6,1–2).

Doch auch die Mahnung an die Übergeordneten fehlt nicht – und zwar unter Verweis auf den, der auch ihnen übergeordnet ist (Eph 6,9; Kol 4,1). Alle menschliche Leitungsverantwortung ist, wie auch in den anderen Bereichen betont wird, eine Verantwortung unter Gott, für die eines Tages Rechenschaft abzulegen ist.

b. Familie

Die Familie ist das Mandat mit den intensivsten, vertrautesten, persönlichsten Beziehungen. Dort begegnet uns die Unterordnung auf zwei Ebenen: der Frau unter ihren Mann (wir sind jetzt also bei einem der für unsere Kultur wirklich anstößigen Teile angekommen!) und der Kinder unter ihre Eltern. Dabei werden für die Unterordnung der Frau unter ihren Mann zwar auch praktische Gründe angeführt (das Zeugnis nach außen: Tit 2,5; oder vor dem ungläubigen Ehemann: 1Petr 3,1), doch Paulus öffnet darüber hinaus den Blick für ein Geheimnis. Im Zueinander von Mann und Frau in der Ehe offenbart sich das Zueinander von Christus und seiner Braut, der Gemeinde (Eph 5,22–33; vgl. oben Pkt. 2).

Die Unterordnung der Kinder ist wiederum in dt. Bibelausgaben nicht auf den ersten Blick zu erkennen, wird aber ebenfalls mit ὑποτάσσω-Begriffen formuliert. Jesus selbst hat sich seinen menschlichen Eltern untergeordnet (Lk 2,51), in einer gut geleiteten Familie sind die Kinder nicht „aufsässig“ (Tit 1,6: ἀνυπότακτος = nicht bereit, sich unterzuordnen; vgl. 1Tim 3,4). An anderer Stelle wird statt unterordnen der Begriff gehorsam sein verwendet (Eph 6,1; Kol 3,20), was zwar nicht ganz dasselbe ist, aber doch nahe beieinander liegt.

Wiederum wird auch der übergeordnete Teil gemahnt, seiner Verantwortung nicht auf selbstherrliche, sondern auf gottgefällige Weise nachzukommen (Eph 5,25–33; 6,4; Kol 3,19.21; 1Petr 3,7).

c. Staat

Des Weiteren sind wir auch als Staatsbürger Teil einer Gemeinschaft, und auch dort lautet die prinzipielle Aufforderung, sich der Obrigkeit unterzuordnen (Röm 13,1–7; Tit 3,1; 1Petr 2,13–17). Dies drückt sich insbesondere im Gehorsam gegenüber den Gesetzen und im Gutestun aus.

Eine konkrete Mahnung an die Obrigkeit fehlt – vielleicht erwarteten die ntl. Autoren nicht, dass ihre Briefe von Kaiser & Co. gelesen werden? Trotzdem verkneift Paulus es sich nicht (für den Fall der Fälle?), in Römer 13 überdeutlich herauszustreichen, dass jede menschliche Obrigkeit Gott unterstellt und somit „Gottes Dienerin“ ist (Röm 13,1–7).

d. Gemeinde

Zwar ist das Haupt der Gemeinde Christus, dem sie sich als Ganze unterordnet, doch die Gläubigen sollen sich zudem den Verantwortungsträgern ihrer sichtbaren Gemeinde unterordnen (1Kor 16,15–16; 1Petr 5,5; vgl. 1Thess 5,12–13). Auch im Rahmen der Gemeinde sollen Frauen eine generell unterordnende Haltung an den Tag legen (1Kor 14,34; 1Tim 2,11).

Auf der anderen Seite werden wiederum die Gemeindeältesten ermahnt, ihre Leitungsaufgabe nicht eigennützig, sondern in Hingabe an Gott und an die ihnen anvertraute „Herde“ auszuüben – wofür eines Tages Rechenschaft von ihnen gefordert wird (1Petr 5,1–4; Hebr 13,17).

Die Anweisung, alle miteinander in einer Haltung der Demut, der gegenseitigen Unterordnung zu leben (1Petr 5,5–6; Eph 5,21), steht dazu nicht im Widerspruch. Auch eine demütige Leiterschaft bleibt eine Leiterschaft, d. h. ihre Aufgabe ist zu leiten. Es geht um die innere Einstellung der einen wie der anderen, mit der jeder seinen Platz ausfüllt (vgl. Phil 2,3–5).

Der Gott, der die oberste Instanz des Universums ist, ordnet seine Welt also in seiner weisen Autorität in Ordnungsbereiche, in denen sich von ihm beauftragte Verantwortungsträger selbstlos um die ihnen anvertrauten Menschen kümmern, die sich wiederum bereitwillig deren Leitung anvertrauen. Soweit die Theorie.

(Übrigens: Es sieht ganz danach aus, als wäre jeder Mensch auf mindestens einer, wahrscheinlich aber sogar mehreren Ebenen dazu aufgerufen, sich unterzuordnen.)

4. Zwei Schwierigkeiten

Die Unterordnung wäre nun deutlich einfacher, hätte man es mit sündlosen Übergeordneten zu tun. Dem ist aber nicht so. Die Bibel schließt sogar die Unterordnung unter Nichtchristen ausdrücklich mit ein (1Tim 6,1–2; 1Petr 3,1; die römische „Obrigkeit“ war damals ohnehin alles andere als christlich). Gottes angeordnete Unter-Ordnungen haben in seinen Augen offenbar eine hohe Priorität – selbst ein relativ gravierendes Problem (Unglaube) ist kein Grund, sie als hinfällig zu betrachten. Eine Grenze ist erst dort erreicht, wo die Übertretung von Gottes Gebot gefordert wird (vgl. Apg 4,19; 5,29) – dort ist sie aber auch erreicht. Gott ist die ultimative Autorität.

„Gottes angeordnete Unter-Ordnungen haben in seinen Augen offenbar eine hohe Priorität.“
 

Das zeigt, dass das biblische Bild kein „Kadavergehorsam“ ist. Nur wer wach mitdenkt, erkennt, wo die rote Linie der biblischen Gebote überschritten wird. Überhaupt wird ein weiser Leiter sein „Team“ ernst nehmen (2Kön 5,2ff; Spr 15,22) und auf ihre Bedenken hören (2Mose 8,15; 10,7).

Doch wie so oft liegt das Problem nicht nur bei den anderen, sondern auch in mir selbst. Es ist ja gerade das Kennzeichen des gefallenen Menschen, nicht bereit zu sein, sich Gott unterzuordnen. Wir wollen autonom (unser eigener Gesetzgeber) sein. Unsere westliche, individualistische Kultur bestärkt uns zusätzlich darin, uns von niemandem etwas sagen zu lassen.

„Moment mal – Gott ordne ich mich natürlich unter, nur bei dieser Regierung mit ihren widersinnigen Gesetzen, bei meiner Gemeindeleitung mit ihren unklugen Entscheidungen, bei meinem Mann mit seinen seltsamen Impulsen sehe ich es nicht ein!“ Was aber, wenn beides Hand in Hand geht? Ordne ich mich wirklich Gott unter, wenn ich seine Aufforderung zur Unterordnung – wo sie in meinen Lebenszusammenhängen zutrifft – an meine eigene Einsicht binde und damit eigentlich missachte? Die Frage nach der Unterordnung greift ja erst dann wirklich, wenn mir etwas nichteinleuchtet – zuvor handle ich schlicht aus eigener Überzeugung. Die rote Linie ist aber nicht meine Ansicht oder Einsicht, sondern die Überschreitung von Gottes Gebot.

Offenbar hat Gott uns einige sehr konkrete Übungsfelder gegeben, um die Unterordnung unter ihn, den Herrn des Universums, in unserem kleinen Alltag praktisch werden zu lassen (vgl. 1Joh 4,20–21). Darf Gott mir reinreden? Wirklich? Dürfen es die, die er damit beauftragt hat? Ist es vielleicht nur mein alter Stolz, der wieder einmal bockt, aber kein Recht mehr auf mich hat (Röm 6,11)?

In all dem dürfen wir auf Jesus sehen, der nichts von uns fordert, was er nicht selbst getan hätte – der uns in der Demut vorangegangen ist (Phil 2,3–8) und der sich nicht zu schade war, um unseretwillen den untersten Weg zu gehen (vgl. Hebr 12,2–3). Und zu dem wir übrigens auch und gerade dann kommen dürfen, wenn wir wieder einmal versagt haben (Hebr 4,15–16).


[1]  Vgl. Dietrich Bonhoeffer, Ethik, zusammengestellt und herausgegeben von Eberhard Bethge, Stuttgart: Evangelische Buchgemeinde, [o.J.], S. 70.

Tanja Bittner ist Wissenschaftliche Assistentin am Martin Bucer Seminar. Sie ist glücklich verheiratet mit Andreas.