Wie man eine kulturelle Krise überlebt

Artikel von Mark Dever
3. November 2021 — 8 Min Lesedauer

Amerikas Ansichten über Familie, Liebe, Sexualität im Allgemeinen, Toleranz, Gott und so vieles andere drängen bibeltreue Christen immer mehr in die Defensive. Das kann nur allzu leicht dazu führen, dass wir uns als neuerdings „moralisch Geächtete“ fühlen, um Al Mohlers Ausdruck zu benutzen. Wenn wir für die althergebrachten christlichen Prinzipien einstehen, kann uns das zunehmend in Schwierigkeiten bringen, sowohl sozial als auch möglicherweise wirtschaftlich, und eines Tages vielleicht sogar strafrechtlich. Ironischerweise wird von Christen verlangt, dass sie anderen ihre Sichtweisen nicht aufdrängen, während ihnen selbst der Verlust des Arbeitsplatzes oder andere Strafen drohen, wenn sie sich nicht in die neue Parteilinie einordnen.

Durch all das können Christen in Versuchung geraten, sich zur Panikmache oder Schwarzmalerei hinreißen zu lassen. Aber in dem Maß, in dem wir das tun, zeigen wir, wie unbiblisch und nominell unser Christentum geworden ist.

Hier folgen nun sieben Prinzipien zum Überleben der nur allzu realen kulturellen Wendungen, die wir derzeit erleben.

1. Vergiss nicht, dass Gemeinden dazu da sind, das geistliche Leben zu verändern.

Der ganze christliche Glaube basiert auf dem Gedanken, dass Gott Menschen nimmt, die geistlich tot sind, und ihnen neues Leben einhaucht. Wenn wir evangelisieren, dann evangelisieren wir also einen Friedhof.

Es hat noch nie eine Zeit oder eine Kultur gegeben, in der es etwas Natürliches war, über seine Sünden Buße zu tun. Eine solche Kultur existiert heute nicht, hat niemals existiert und wird auch nie existieren. Christen, Gemeinden und insbesondere Pastoren müssen sich tief im Inneren darüber im Klaren sein, dass unsere Aufgabe immer eine übernatürliche gewesen ist.

Von diesem Standpunkt aus gesehen machen die aktuellen kulturellen Veränderungen unsere Aufgabe in keiner Weise schwerer, als sie es ohnehin schon gewesen war.

2. Verstehe, dass Verfolgung normal ist.

Nachdem ich in den vergangenen Monaten eine Predigtreihe über das Johannesevangelium gehalten habe, dankten mir mehrere Leute dafür, dass ich das Thema der Verfolgung angesprochen hatte. Aber ich glaube nicht, dass es meine Predigt war, die sich verändert hat, sondern denke eher, dass die Ohren der Leute sich verändert haben. Die aktuellen Ereignisse in der Öffentlichkeit haben bei den Menschen die Sorge darum vergrößert, was uns Christen noch bevorstehen könnte. Aber wenn man sich einmal meine alten Predigten anschaut – genauer gesagt eine Predigtreihe über 1. Petrus, die ich in den 1990ern gehalten habe – dann stellt man fest, dass es bei einer gewöhnlichen Bibelauslegung einfach mit dazu gehört, das Thema der Verfolgung immer wieder aufzugreifen. Verfolgung ist genau das, was uns Christen in dieser gefallenen Welt begegnet. So hat Jesus es uns vorhergesagt (z. B. in Joh 16).

Nun kann es nach Gottes Vorhersehung passieren, dass manche Christen sich in Lebensumständen befinden, in denen sie trotz der vollen Hingabe ihres Lebens zum Gehorsam an Christus nicht mit Beleidigungen und Verfolgung konfrontiert werden. Aber lasst euch nicht von den schönen Gebäuden täuschen, in denen manche Gemeinden sich versammeln. Der Jesus, dem wir nachfolgen, wurde als Staatsverbrecher hingerichtet.

Einer meiner Pastorenkollegen bemerkte kürzlich, dass es in der Geschichte der Christenverfolgung oft die zweitrangigen Fragen – nicht das Evangelium selbst – sind, die Verfolgung hervorrufen. Die Verfolger sagen nicht: „Du glaubst an das Evangelium von Christus, deshalb werde ich dich jetzt verfolgen.“

„In dem Maß, in dem wir auf die kulturellen Veränderungen mit Panik oder Alarmstimmung reagieren, in demselben Maß widersprechen wir der biblischen Lehre davon, was gewöhnliche christliche Jüngerschaft bedeutet.“
 

Es ist eher so, dass irgendein Glaubenssatz oder eine praktische Anwendung, die wir als Christen pflegen, dem entgegensteht, was die Leute wollen und damit ihre Weltsicht bedroht. Deshalb widersetzen sie sich uns.

Ich sage es noch einmal: In dem Maß, in dem wir auf die kulturellen Veränderungen mit Panik oder Alarmstimmung reagieren, in demselben Maß widersprechen wir der biblischen Lehre davon, was gewöhnliche christliche Jüngerschaft bedeutet. Es zeigt, dass wir sie gegen die Normalität der Gesetzlichkeit eingetauscht haben.

Stattdessen sollten Pastoren Vorbilder sein, indem sie ihre Gemeinden lehren, nicht eine Opferrolle einzunehmen. Wir sollten die Normalität der Verfolgung in unsere regelmäßigen Predigten und Gebete einstreuen. Es ist die Aufgabe der Leiter, die Gemeinden darauf vorzubereiten, wie wir Jesus nachfolgen können, auch wenn das für uns bedeuten kann, dass wir heftig von unserem Umfeld kritisiert werden, Privilegien verlieren und finanzielle Bußen erdulden oder sogar strafrechtliche Verfolgung erleiden müssen.

3. Meide den Utopismus.

Die Christenheit sollte ein Volk der Liebe und Gerechtigkeit sein, und das bedeutet, dass wir immer danach streben sollten, unser kleines Fleckchen auf dem Erdball etwas angenehmer zu machen, als wir es vorgefunden haben, ob das nun ein Kindergartenzimmer oder ein ganzes Königreich ist. Aber selbst während wir für Liebe und Gerechtigkeit arbeiten, müssen wir im Gedächtnis behalten, dass es uns niemals gelingen wird, diese Welt zu einem Reich Christi umzugestalten.

Gott hat uns nicht den Auftrag gegeben, diese Welt zu perfektionieren, sondern er hat uns hauptsächlich dazu beauftragt, auf den Einen hinzuweisen, der sie eines Tages vollkommen machen wird, auch wenn wir natürlich unsere Zeit mit Liebe und Gutestun verbringen. Wenn du versucht bist, zum Utopismus zu neigen, beachte bitte, dass die Schrift diesem keinen Raum gibt und dass der Utopismus eine Erfolgsgeschichte von Ablenkung und Verblendung einiger von Christi eifrigsten Nachfolgern aufweist.

Es ist gut, wenn wir Traurigkeit über die wachsende Zustimmung zu sündigem Leben in unserer Zeit empfinden. Aber einer der Gründe, warum viele Christen in Amerika sich wegen der aktuellen kulturellen Veränderungen so desillusioniert fühlen, ist, dass wir in unseren Hoffnungen etwas utopisch gewesen sind. Ich wiederhole: In dem Maß, in dem du wie ein Schwarzseher denkst und sprichst, in dem Maß zeigst du, dass du schon die ganze Zeit von utopischen Fehlschlüssen motiviert warst.

4. Nutze deine demokratische Verantwortung.

Ich wäre traurig, wenn jemand aus meinen Ausführungen den Schluss ziehen würde, dass es keine Rolle spielt, was Christen in der Öffentlichkeit oder im Staat tun. Paulus fordert uns dazu auf, uns der Obrigkeit unterzuordnen. In unserem demokratischen Kontext gehört die Teilnahme an der staatlichen Herrschaft zu dieser Unterordnung dazu. Und wenn wir an seiner Herrschaft teilnehmen, könnten wir bis zu einem gewissen Grad auch an seiner Tyrannei teilhaben. Den demokratischen Prozess zu vernachlässigen, solange wir etwas tun können, bedeutet eine Verantwortung zu vernachlässigen.

„Es hat noch nie eine Kombination von Umständen gegeben, in denen Christen nicht darauf vertrauen konnten, dass Gott sie durchträgt.“
 

Wir können kein Utopia erschaffen, aber das bedeutet nicht, dass wir keine guten Haushalter dessen sein können, was in unseren Händen liegt, oder dass wir nicht die demokratischen Prozesse nutzen können, um für andere ein Segen zu sein. Um der Liebe und der Gerechtigkeit willen sollten wir unsere demokratische Verantwortung nutzen.

5. Vertraue dem Herrn, nicht menschlichen Umständen.

Es hat noch nie eine Kombination von Umständen gegeben, in denen Christen nicht darauf vertrauen konnten, dass Gott sie durchträgt. Jesus ist ein wunderbares Beispiel dafür, als er dem Vater am Kreuz „um der vor ihm liegenden Freude willen“ völlig vertraute (Hebr 12,2). Nichts, was du oder ich erdulden müssen, kommt dem nahe, was unser König erleiden musste. Wir können ihm vertrauen. Er wird sich in allem, was wir erleiden, als des Vertrauens würdig erweisen. Und indem wir ihm vertrauen, werden wir zu einem wunderschönen Zeugnis von Gottes Güte und Kraft und bringen ihm Ehre.

6. Denke daran, dass alles, was wir haben, Gottes Gnade ist.

Wir dürfen nicht vergessen, dass alles, was weniger schlimm ist als die Hölle, für uns Christen ein Freudentanz ist. Stimmt's? Alles, was ein Christ hat, ist reine Gnade. Wir müssen das im Gedächtnis behalten, damit wir nicht in Versuchung kommen, zu ungehalten über unsere Arbeitgeber, unsere Freunde, unsere Angehörigen und unsere Regierung zu sein, wenn sie uns entgegentreten.

Wie konnte Paulus im Gefängnis singen? Er wusste, was ihm vergeben worden war. Er wusste, welche Herrlichkeit auf ihn wartete. Er erkannte und schätzte diese weitaus größeren Wirklichkeiten.

7. Bleibe ruhig in der Gewissheit des Sieges Christi.

Die Pforten der Hölle werden die Gemeinde Jesu Christi nicht überwältigen können. Wir müssen nicht zittern und Angst haben, als ob Satan nach all den Jahrtausenden nun schließlich durch die Homo-Ehe-Lobby die Oberhand in seinem Kampf gegen Gott gewonnen hätte.

„Oh nein, hier könnten wir doch als Verlierer dastehen!“ Nein, keine Chance.

Unzählige Menschen auf der Erde heute und früher in der Geschichte haben schon weitaus mehr erlitten, als die Christen in Amerika es heute tun. Und wir denken nicht, dass Satan dort die Oberhand hatte, oder?

Jede Nation und jede Zeit bringt ihre Verdorbenheit auf ihre eigene Art zum Ausdruck, um Gott anzugreifen. Aber keiner dieser Angriffe wird einen erfolgreicheren Sieg über Jesus erringen, als es bei der Kreuzigung der Fall war. Ja, Jesus starb. Aber drei Tage später ist er von den Toten auferstanden.

Das Königreich Christi steht nicht in der Gefahr, zu scheitern. Das müssen Christen, Gemeinden und vor allem Pastoren zutiefst verinnerlichen. Der D-Day hat bereits stattgefunden. Jetzt ist die Zeit der Reinigung. Nicht eine einzige Person von denen, die Gott erwählt hat, wird verlorengehen, weil das weltliche Programm in unserer Zeit und in unserem Umfeld „gewinnt". In uns sollte keine Spur von Angst oder Verzweiflung übrigbleiben.

Vielleicht werden wir nicht in der Lage sein, die anderen argumentativ zu besiegen. Sie werden vielleicht nicht von unseren Büchern und Artikeln überzeugt werden. Aber wir können sie lieben mit der übernatürlichen Liebe, die Gott uns in Jesus Christus gezeigt hat. Und wir können sein Wort heute bekannt machen – in Demut, Vertrauen und mit Freude.

Mark Dever ist der leitende Pastor der Capitol Hill Baptist Church in Washington, D. C. und der Vorsitzende von 9Marks.