Bekenntnisse

Rezension von Zach Howard
2. November 2021 — 11 Min Lesedauer

Die Bekenntnisse des Augustinus sind ein seltsames Buch. Wie man es von vielen historischen Büchern kennt, wirken der Stil und der Ton auf den modernen Leser fremd. Aber es war auch für Augustinus’ Zeitgenossen ein seltsames Buch, denn seine Gattung und Struktur sind für die meisten Erstleser ziemlich ungewöhnlich. Doch obwohl die Bekenntnisse so fremd und ungewohnt sind, haben sie schon seit Jahrhunderten ihre Leser überrascht. Es werden Nöte und Fragen benannt und durchdacht, die der Leser auch schon selbst empfunden hat, obwohl er diese vielleicht nicht einmal in Worte fassen konnte. Das, was Augustinus umtreibt, ist so normal, dass es stets aktuell ist. Und seine Antworten sind so klassisch, dass sie die Zeiten überdauert haben. So kam es, dass die Bekenntnisse eine Generation von Lesern nach der anderen erstaunt und ihnen weitergeholfen haben.

Bevor wir zu den Gründen kommen, weshalb man die Bekenntnisse lesen sollte, müssen wir zuerst drei irritierende Faktoren in den Blick nehmen, die miteinander verknüpft sind und viele Erstleser verunsichern: die Fragen nach den Adressaten, nach der Gattung und nach der Struktur.

Was sind die Bekenntnisse eigentlich?

Stell dir vor, das Buch liegt vor dir. (Oder noch besser: Steh auf und hol es aus deinem Regal, wenn du es besitzt. Oder greife auf eine online verfügbare Version zurück.[1])

Die Frage nach den Adressaten

Du schlägst die erste Seite auf und stellst sofort fest, dass Augustinus sich gar nicht an dich wendet. Stattdessen spricht er wie die Psalmisten direkt Gott an und bekennt ihm nicht nur seine Sünde, sondern auch sein Lob: „Groß bist du, o Herr, und deines Lobes ist kein Ende“ (1,1). Er wendet sich nirgends direkt an seine menschliche Zuhörerschaft. Dir wird klar, dass dieses Buch ein dreihundert Seiten langes Gebet zu Gott ist, dem du zuhören darfst.

Die Frage nach der Gattung

Dir fällt auch schnell auf, dass das Buch zwar von Szenen aus Augustinus’ Vergangenheit durchzogen ist, dass aber die Hauptabsicht des Autors nicht darin besteht, sein Leben in linearer, chronologischer Form zu erzählen. Stattdessen berichtet er von vergangenen Ereignissen, um sie zu analysieren, nimmt die Schwärze der vergangenen Sünde nur so weit in den Blick, wie es nötig ist, um das Licht von Christi Barmherzigkeit aufstrahlen zu sehen (2,1). Ähnlich wie bei den alttestamentlichen Prophetenbüchern und auch den Evangelien handelt es sich bei den Bekenntnissen um einen Text mit unterschiedlichen Gattungen. Dieser beinhaltet autobiographische Reflexionen, philosophische Überlegungen und exegetische Betrachtungen. Die Bekenntnisse sind als eine Art geistliche Memoiren verfasst, in denen Augustinus seine Geschichte nur deshalb erzählt, um dadurch Gottes gnädiges Vorsehungswirken zu verherrlichen.

Die Frage nach der Struktur

Wenn du schließlich einen Blick auf das Inhaltsverzeichnis wirfst, bemerkst du, dass die Bücher 1–9 im Wesentlichen chronologisch sind, dass es aber in den Büchern 10–13 um Themen wie Erinnerung, Zeit und Ewigkeit, Himmel und Erde und die Schöpfungstage geht. Du stellst fest, dass die Struktur des Buches komplex ist und dass seine Themen breit gefächert sind. Augustinus war Rhetor, dementsprechend schrieb er seine Bekenntnisse auf dieselbe Weise, wie ein Künstler ein Mosaik arrangiert oder ein Komponist eine Partitur – sie alle achten sorgfältig darauf, wie sich jedes Teil in das Ganze einfügt. Augustinus widmet sowohl einzelnen Schlüsselerlebnissen seiner Vergangenheit (dem Birnendiebstahl, der Trauer nach dem Tod seines Freundes, dem Hinaufsteigen zu Gott in einer Vision) als auch seinen aktuellen Versuchungen (der Fleischeslust, der Augenlust und dem hoffärtigen Leben) viel Aufmerksamkeit. Dies tut er, um genau zu bestimmen, in welchem Bezug sie zu seinem gesamten Leben stehen und – weiter gefasst – zur Geschichte des Kosmos (insbesondere in seinen Überlegungen zur Genesis in den Büchern 11–13).

„Gott ist Ruhe, wir sind ruhelos, und wir finden nur in Gott unsere Ruhe.“
 

Das Buch, das hier vor dir liegt, ist ein leidenschaftliches Gebet zu Gott, das im Stil von Lebenserinnerungen geschrieben ist und dabei die tiefen Geheimnisse von Gott, Mensch und die Frage nach der angemessenen Beziehung des Menschen zu Gott untersucht.

Warum man die Bekenntnisse lesen sollte

Ich möchte dir nun als Anreiz sieben Schlüsselthemen aus den Bekenntnissen vorstellen, die zugleich als sieben Gründe zu verstehen sind, weshalb man das Buch lesen sollte.

1. Gott und Mensch in Beziehung

Vom ersten bis zum letzten Abschnitt verwebt Augustinus seine Antworten auf drei zentrale Fragen miteinander: Wer ist Gott? Wer ist der Mensch? Und in welchem Verhältnis stehen Gott und Mensch zueinander? Er gibt seine Antworten auf verschiedenen Ebenen, und doch handelt es sich dabei nur um Variationen des einen Hauptthemas aus dem ersten Abschnitt: „zu deinem Eigentum erschufst du uns, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir“ (1,1). Gott ist Ruhe, wir sind ruhelos, und wir finden nur in Gott unsere Ruhe. Aufzudecken, inwiefern und auf welche Weise dies wahr ist, ist die große Aufgabe dieses Buches. Wir alle brauchen Antworten auf jene grundlegenden Fragen, die Augustinus in den Raum stellt; lass dich von seinen tiefgründigen Betrachtungen leiten.

2. Confessio: Sünde, Glaube und Lob

Der lateinische Begriff confessio (Bekenntnis), mit dem Augustinus sein Werk überschreibt, ist bereits ein Hinweis auf den vielschichtigen Charakter des Buches. Augustinus verwendet diesen Begriff auf mindestens drei einander überlappende Weisen: Er bekennt erstens seine Sünde. Dies entspricht der Bedeutung, wie wir dieses Wort heute in erster Linie verwenden. Doch er bekennt auch seinen Glauben: Er legt dar, was seinem Glauben zufolge wahr ist – also ein Glaubensbekenntnis. Und schließlich bekennt Augustinus von der ersten Zeile an sein Lob und seine Anbetung Gottes. So erweitern Augustinus’ Bekenntnisse unser Verständnis dessen, was Bekennen bedeutet: nicht allein Umkehr von der Sünde, sondern es schließt mit ein, unseren Glauben kundzutun und Gott zu loben.

3. Liebe und Trauer in der rechten Ordnung

Die Ereignisse aus Augustinus’ jungen Jahren zeigen, dass er leidenschaftlich liebte. Und intensive Liebe bringt es mit sich, dass einem auch die Trauer nicht fremd ist. Eines Tages starb unerwartet sein Jugendfreund, den er als seinen Seelenverwandten zutiefst geliebt hatte. Der Schmerz „umnachtete“ sein Herz. Und so wies der unbekehrte Augustinus seine Seele an: „Harre auf Gott!“ (Ps 42,6.12). Doch sie vermochte nicht zu gehorchen, „denn der teure Freund, den sie verloren, war wahrhaftiger und besser als das Trugbild, darauf sie harren sollte“. Im Rückblick sagt Augustinus über seine fehlgeleitete Liebe: „O Irrwahn, der Menschen nicht menschlich zu lieben versteht!“ (4,7). Er liebte, als würde sein Freund niemals sterben. Und er trauerte, als wäre Gott nur eine Einbildung.

„Die Bekenntnisse lehren unsere ruhelosen Herzen, wie wir vor allem anderen Gott lieben können, so dass wir die guten Gaben der Schöpfung in und wegen Gott lieben können.“
 

Diese niederschmetternde Erfahrung seiner Jugend veranlasste ihn später, darüber nachzudenken, wie der Mensch die geschaffenen Dinge auf rechte Weise lieben kann. Seine Antwort lautet: „liebe sie in Gott“ (4,12). Augustinus lehnt sowohl die stoische Askese ab – als könnten wir Gott unabhängig von der Schöpfung lieben – als auch den epikureischen Genuss – als könnten wir die Schöpfung unabhängig von Gott wirklich genießen. Sondern wir müssen die Schöpfung so lieben, wie es für Geschöpfe angemessen ist; wir müssen unsere eigene Geschöpflichkeit annehmen, um die geschaffenen Dinge auf rechte Weise zu lieben. Und solche recht geordnete Liebe wird auch zu einer recht geordneten Trauer führen. Die Bekenntnisse lehren unsere ruhelosen Herzen, wie wir vor allem anderen Gott lieben können – insbesondere in dem Leid, das dieses Leben mit sich bringt –, so dass wir die guten Gaben der Schöpfung in und wegen Gott lieben können.

4. Bekehrung: Die Kraft von Geschichten

Die Bekehrung eines Menschen zu Christus ist immer etwas Einzigartiges. Doch es gibt bestimmte Elemente, die in jeder Bekehrungsgeschichte vorkommen: das Verkauftsein unter die Sünde, die Sehnsucht nach Vergebung und Freiheit, die aus Gnade geschenkte Hinwendung zu Gott. Deshalb: Egal, wie dramatisch oder auch unspektakulär die Abfolge der Ereignisse war, die zu deiner Hingabe an Gott geführt hat, wir können ähnliche Aspekte bei jedem entdecken, den Gott zu sich zieht. Augustinus wusste um diese Wahrheit. Bekehrungsgeschichten haben die Kraft, unsere Sehnsucht nach Gott zu wecken, und er unterstreicht dies dadurch, dass er von seiner eigenen Bekehrung erzählt. Diese ist der Höhepunkt der Bücher 1–9.

„Die Zeugnisse solcher Leben, die von Gott verändert worden waren, zogen Augustinus zu Gott hin, mehr als das Wissen über Gott.“
 

Augustinus berichtet, wie drei Bekehrungsgeschichten dazu beitrugen, dass er selbst sich bekehrte. So hatte er erfahren, wie Gott in Victorinus die Verlockungen des Ruhmes, des Reichtums und des tödlichen Stolzes überwand, und sagt: „da entbrannte ich, ihm nachzuahmen“ (8,5). Geschichten befeuerten sein Verlangen, Christus nachzufolgen. Wie Spiegel, in denen er seine eigene Seele erkennen konnte, stellten diese Geschichten „mich vor mein Angesicht, dass ich sähe, wie hässlich ich wäre, wie verwildert und verunreinigt“ (8,7). Es ist bemerkenswert, wie viel Einfluss das Leben anderer Christen auf Augustinus hatte. Die Zeugnisse solcher Leben, die von Gott verändert worden waren, zogen Augustinus zuGott hin, mehr als das Wissen über Gott.

Wenn man bedenkt, wie ausschlaggebend Bekehrungsgeschichten für Augustinus’ eigene Bekehrung waren – ist es da verwunderlich, dass er seine eigene, beeindruckende Bekehrungsgeschichte erzählt? Als er seine Bekenntnisse am Ende seines Lebens nochmals las, war Augustinus selbst neu bewegt von Gottes Gnade, die in seiner Vergangenheit sichtbar geworden war. Er betete nochmals darum, dass auch andere – wie wir! – davon bewegt würden.

5. Sich selbst fremd (Innerlichkeit)

Augustinus spricht auf vielerlei Weise als jemand, der sich selbst fremd ist: Er ist in sich selbst gespalten, vor sich selbst verborgen, und auf diese Weise ein Problem für sich selbst. Er entdeckt in sich einen Fremden – sowohl, weil die Sünde die Augen seines Herzens verblendet hat, als auch, weil er als Träger von Gottes Ebenbild in sich selbst ein gewisses Geheimnis erkennt, in dem das Geheimnis der Dreieinigkeit widerhallt.

Augustinus’ Streben, in Gott Ruhe zu finden, führt ihn dazu, sein gegenwärtiges inneres Leben aufzuzeichnen wie ein Kartograph, der ein unbekanntes Gebiet kartographiert. Als er das Bild Gottes in seiner Erinnerung sucht, in „dem Sitz meiner Seele selbst“ (10,25), entdeckt er dort ein noch immer „wundes Herz“ (10,41), das verzweifelt Heilung benötigt. Im Wissen um diese tragische Wunde tief in seinem Inneren ruft Augustinus Christus an, seinen „Arzt im Innersten“ (10,3), ihn zu heilen, den „wahrhaften Mittler“ (10,43), ihn zurück zu Gott zu bringen.

6. In der Zeit errettet (Zeitlichkeit)

In dem Bemühen, sein ganzes Leben in den Blick zu nehmen, beschäftigt Augustinus nicht nur, wer er war und wer er ist, sondern auch, wer er werden wird. Das meiste, was er darüber weiß, wer er werden wird, stammt dabei aus dem Zeugnis der Schrift. Wenn er an seiner Fähigkeit zweifelt, den Sinn seiner Vergangenheit und Gegenwart zu verstehen, dann streckt er sich wie Paulus nach der Zukunft aus (Phil 3,12–14). Aus dem Blick auf sein Ende ergibt sich der Sinn seines Beginns. Augustinus lehrt uns, dass Gott uns in der Zeit errettet, um uns für das Ende der Zeiten bereit zu machen.

7. Die verändernde Kraft von Büchern

Als junger Mann liest Augustinus den Hortensius von Cicero und „bekehrt sich“ zu den Büchern. „Dieses Buch wandelte meinen Sinn, […] und gab meinen Wünschen und meinem Sehnen eine andere Wendung“ (3,4).

Doch in den Bekenntnissen ist kein Buch so wichtig wie die Bibel. Die Bücher der Philosophen weckten das Verlangen nach Wahrheit, aber in der Schrift fand Augustinus die wahre Erkenntnis Gottes. Seine Bekehrung gipfelt in der Reaktion auf eine Kinderstimme, die aufforderte: tolle lege – „Nimm und lies!“ Augustinus schlägt Römer 13,13–14 auf und nachdem er diese Stelle gelesen hat, „kam das Licht des Friedens über mein Herz und die Nacht des Zweifels entfloh“ (8,12). Er beendet seine Bekenntnisse mit einer ausgedehnten Betrachtung von Genesis 1–2 – er kann sein Leben nur im Rahmen der biblischen Heilsgeschichte verstehen, von der Schöpfung bis zur Vollendung.

Lies also die Bekenntnisse. Lies sie, um zu sehen, wie Gott Augustinus durch sein Wort veränderte. Und lies sie, um in jene Geschichte hineingezogen zu werden, in der dieses Wort dein eigenes Leben verändert. Tolle lege – nimm und lies.

Buch

Aurelius Augustinus, Bekenntnisse, dtv 1997, 480 Seiten, 14,90 Euro.


[1] Z.B. Aurelius Augustinus – Bekenntnisse, URL: https://www.glaubensstimme.de/doku.php?id=autoren:a:augustinus:augustinus-bekenntnisse (Stand: 28.09.2021). Die hier im Artikel verwendeten Zitate entstammen teils dieser Quelle, teils: Augustinus: Bekenntnisse, übersetzt von Joseph Bernhart, Frankfurt/M. u. Hamburg: Fischer Bücherei, 1956.

Zach Howard ist Direktor des College-Programms sowie Assistenzprofessor für Theologie und Geisteswissenschaften am Bethlehem College & Seminary. Er und seine Frau Betsy haben drei Töchter und leben in Minneapolis, USA.