Wo finden wir wahres Glück?

Über den großen Segen der Reformation

Artikel von Michael Reeves
31. Oktober 2021 — 7 Min Lesedauer

„Das griechische Wort Evangelion [eingedeutscht: Evangelium] trägt die Bedeutung einer guten, freudigen Botschaft, die das Herz froh macht und den Hörer dazu bringt, zu singen, zu tanzen und vor Freude in die Luft zu springen.“

So lauten die Worte William Tyndales zu Beginn der Reformation. Die Tatsache, dass er, ein verdorbener Sünder, von einem gnädigen Gott vollkommen geliebt und mit der Gerechtigkeit Christi eingekleidet war, rief in Tyndale eine unbeschreibliche Freude hervor. Und damit war er nicht allein: Nur ein paar Jahre zuvor hatte Luther davon gesprochen, „wiedergeboren“ zu sein, als hätten „die Türen [...] sich geöffnet und [er] sei in das Paradies selbst eingetreten.“

„Die Ehre Gottes und die Freude an ihm sind zwei unzertrennliche und eng miteinander verbundene Wahrheiten, die sich als Wegweiser und wunderbares Erbe der Reformation erwiesen.“
 

Die Theologie der Reformation führte bei denen, die sie annahmen, zu unaussprechlicher Freude. In der Rechtfertigung durch Gnade allein im Glauben an Christus allein wurde Gott als vollkommen gnädig und gut, als überaus heilig und gleichzeitig barmherzig verherrlicht – und deshalb konnte man Trost und Freude in ihm finden. Durch die Verbindung mit Christus hatten Gläubige einen festen Stand vor Gott, den sie freudig als ihren „Abba“ (Röm 8,15) anriefen, zuversichtlich, dass er die Macht hat, sie zu retten und zu bewahren.

Die Ehre Gottes und die Freude an ihm sind zwei unzertrennliche und eng miteinander verbundene Wahrheiten, die sich als Wegweiser und wunderbares Erbe der Reformation erwiesen. Die Reformatoren standen dafür ein, dass alle Lehren, für die sie kämpften und die sie aufrechterhielten, der Verherrlichung Gottes und dem Trost und der Freude der Menschen dienten. Und durch diese Wahrheiten können auch heute, in dem strahlenden Licht von Gottes Herrlichkeit, Leben aufblühen.

Wenig Ehre, wenig Freude

Die Reformation begann im Oktober 1517 mit dem Kampf gegen das Konzept des Fegefeuers – die römisch-katholische Lösung für das Problem, dass der Versuch, sich das Heil zu verdienen, nie ausreichen würde, um vollkommen gerecht zu sterben. Das Fegefeuer sei der Ort, an dem die Seelen der Christen nach ihrem Tod nach und nach von ihren Sünden gereinigt würden, wo also der Prozess des Gerechtwerdens abgeschlossen werde.

„Das Fegefeuer beraubt Christus seiner Ehre als barmherzigen Retter, der die vollkommene Sühnung erwirkt, und uns beraubt es jeglicher Zuversicht und Freude.“
 

Aber für die Reformatoren wurde das Fegefeuer zum Inbegriff für die problematische Sicht der römisch-katholischen Kirche auf die Erlösung. Johannes Calvin schreibt dazu Folgendes:

„Das Fegefeuer ist eine verderbenbringende Erdichtung des Satans, es macht das Kreuz Christi eitel, es tut Gottes Barmherzigkeit unerträgliche Schmach an, es erschüttert unseren Glauben und stößt ihn um! Denn was ist nach römischer Lehre das Fegefeuer anders als eine Genugtuung, die die Seelen der Verstorbenen nach ihrem Tode für ihre Sünden leisten müssen [...]? Wenn es aber [...] mehr als deutlich geworden ist, daß Christi Blut die einzige Genugtuung für die Sünden der Gläubigen ist, die einzige Sühne, die einzige Reinigung – was bleibt dann anderes übrig, als daß das Fegefeuer nichts weiter ist als eine furchtbare Lästerung Christi?“

Die Logik ist einfach: Das Fegefeuer beraubt Christus seiner Ehre als barmherzigen Retter, der die vollkommene Sühnung erwirkt, und uns beraubt es jeglicher Zuversicht und Freude. Keine Freude für uns, keine Ehre für Christus – was dem Kerngedanken der Reformation völlig entgegengesetzt ist, der so großen Wert auf diese zwei Wahrheiten legte.

Freudige Theologie des freudigen Gottes

Luther hatte die Auswirkungen seiner vor-reformatorischen Theologie am eigenen Leib erfahren. Der Glaube daran, sein Heil verdienen zu müssen, raubte ihm jegliche Freude und erfüllte ihn mit Hass für Gott. Der junge Luther konnte sich nicht freuen. Das waren die unvermeidlichen Auswirkungen einer Theologie, in der man die eigene Sünde selbst überwinden kann und wo Christus folglich nur ein kleiner bzw. ungenügender Retter ist.

„Ohne Heilsgewissheit kann man keine wahre Freude in Gott finden.“
 

Das ist auch heute noch Realität in den Orthodoxen Kirchen und in der römisch-katholischen Kirche: Gott wird nicht so verherrlicht wie in der reformatorischen Theologie. Sünde ist ein kleineres Problem und damit ist Christus ein kleinerer Retter. Es gibt, ganz einfach, weniger Ehre, an der man sich erfreuen kann. Ohne Heilsgewissheit kann man keine wahre Freude in Gott finden.

Wenn man die Gewissheit nicht hat, dass Gott nach seinem eigenen freien Entschluss seinen Sohn zu uns sandte, um uns durch sein vollkommenes Erlösungswerk aus Gnade allein zu retten, kann man sich auch nicht an dieser Gewissheit erfreuen. Die Größe von Gottes Herrlichkeit bleibt einem verborgen. Das Ausmaß unseres Problems und die Größe der Gnade und des Opfers Christi zeigen uns die Schönheit und Pracht von Gottes Herrlichkeit.

Was die Reformatoren sahen, vor allem in der Botschaft der Rechtfertigung durch Glauben allein, war die Offenbarung eines vor Freude übersprudelnden Gottes, der darin verherrlicht wird, dass er diese Freude teilt. Nicht geizig oder eigennützig, sondern ein Gott, der sich seiner Gnade rühmt. Deshalb rühmt ihn auch vertrauender Glaube (Röm 4,20). Seine Ehre zu verringern, indem wir sie uns selbst zuschreiben, beraubt uns nur unserer Freude an einem wunderbaren Gott.

Spurensuche der Rechtfertigung

Rechtfertigung durch Glauben allein war das Thema der Reformation. Es war wie der Beginn einer Spurensuche: Der erste Hinweis ist die Vergebung, die im Evangelium liegt, und schließlich findet man zu dem Erlöser und Autor des Evangeliums selbst. Und so weisen die Lehren der Reformation nicht auf sich selbst, sondern auf Gott hin. Als Christen danken wir Gott nicht nur für die Gnade, die er uns schenkt, sondern wir loben ihn dafür, dass er selbst gnädig ist und uns am Kreuz gezeigt hat, wie barmherzig und freundlich er ist.

Für die Reformatoren war das Evangelium nicht nur die gute Nachricht der Erlösung, sondern sie erkannten einen Gott, der Sünder zuerst liebt – nicht einen, der einfach die akzeptiert, die sich besonders angestrengt haben. Die Ehre dieses Gottes wurde zur Grundlage wahrer Zufriedenheit und Freude für die Gläubigen – sie wurde zu ihrem Wegweiser und höchsten Ziel. Schauen wir uns zum Beispiel an wie Luther – der Mann, der einmal sagte, dass er Gott hasst – später über Gottes Herrlichkeit und Liebe sprach:

„Die Liebe Gottes findet nicht vor, sondern schafft sich, was sie liebt [...].[D]ie Liebe Gottes [...] liebt, was sündig, schlecht, töricht und schwach ist, um es gerecht, gut, weise und stark zu machen, und so viel mehr sich verströmt und Gutes schafft. Darum nämlich, weil sie geliebt werden, sind die Sünder »schön«, nicht aber werden sie geliebt, weil sie »schön« sind.“

Freude finden

Die Ehre Gottes und die daraus resultierende Freude der Gläubigen war das Anliegen der Reformatoren. Es ist den Protestanten so in Fleisch und Blut übergegangen, dass der Lutheraner Johann Sebastian Bach seine fertigen Kompositionen mit „S.D.G.“, der Abkürzung für Soli Deo Gloria (Gott allein sei Ehre), unterzeichnete. Denn er wollte durch seine Musik die Schönheit und Herrlichkeit Gottes hörbar machen und sowohl Ihn ehren als auch den Menschen Freude bereiten. Bach war davon überzeugt, dass die Herrlichkeit Gottes in der Schöpfung allezeit sichtbar ist und denen Freude bringt, die sie zu schätzen wissen. Diese Herrlichkeit sei es wert, andere auf sie hinzuweisen und für sie zu leben.

Calvin zufolge ist diese Herrlichkeit sogar das Geheimnis des Glücks und des Lebens selbst. Er schreibt, dass „wir aus uns herausgehen müssen, um das Glück zu finden. Das höchste Gut des Menschen ist nichts anderes als die Verbindung mit Gott.“

Im Gegensatz zu dem, was unsere Gesellschaft sagt, finden wir unser Glück nicht in uns selbst und nicht in der Betrachtung oder dem Finden unserer eigenen Schönheit. Tiefe, bleibende, erfüllende Freude ist nur in dem einen herrlichen Gott zu finden. Anders ausgedrückt, in den Worten des „kleinen“ Westminster Katechismus:

„Was ist das höchste Ziel des Menschen?

Das höchste Ziel des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen.“

Michael Reeves lehrt an der Union School of Theology. Zuvor war er viele Jahre theologischer Leiter der Studentenarbeit The Christian Unions (UCCF) und stellvertretender Pastor der All Souls Kirchengemeinde am Langham Platz in London (England).