Mit Behinderungen leben lernen

Rezension von Peter Geerds
28. Oktober 2021 — 8 Min Lesedauer

Nicht schon wieder! Nicht noch ein Ratgeber für behinderte Menschen, wie sie ihr Leben zu meistern haben! Noch dazu eine Übersetzung aus dem englischen Original! Kennt der Autor überhaupt die deutschen Verhältnisse? 16 Bundesländer mit jeweils eigenen Gesetzen – dazu noch die Regierungsbezirke innerhalb der Bundesländer, die diese Gesetze sehr unterschiedlich umsetzen. Wohl kaum. Aber so ein Buch würde vom 3L Verlag auch nicht veröffentlicht werden. Also dann doch ein Buch mit Ratschlägen für Pastoren und Gemeindeleiter, mit welchen Programmen sie Behinderte ins Gemeindeleben integrieren können. Inklusion ist auch in den Gemeinden ein Schlagwort. Geht es also darum?

Kein Extra-Programm

Als Vater einer behinderten Tochter (inzwischen 25 Jahre alt) bin ich da etwas leidgeprüft. Für uns Betroffenen sind diese Themen von oben für den Alltag immer wieder wichtig, aber von einem christlichen Verlag erwarte ich etwas anderes. Vor allem Eltern von behinderten Kindern stellen sich die Frage nach der persönlichen Schuld: Warum ich bzw. wir? Was haben wir getan, dass uns Gott so prüft oder gar straft? Kommentare von lieben Geschwistern in der Gemeinde gehen auch oft in diese Richtung. Und dann die Gemeindeleitung: „Wir brauchen ein Extra-Programm für die Behinderten, damit auch sie im Gemeindeleben vorkommen.“

Das sind somit schlechte Voraussetzungen, um dieses Buch zu lesen. Trotzdem hatte ich diese Aufgabe übernommen. Ich legte mit also einen Schreibblock für Notizen, einen Bleistift und einen Textmarker zurecht. So wollte ich Kapitel für Kapitel mich „durchquälen“ und nebenbei Notizen machen. Zumindest fing ich so an…

Meinen Sohn als Mensch betrachten

Das Vorwort schrieb John Knight (Desiring God Ministries). Er hat einen 25-jährigen Sohn: blind, geistig behindert, Epilepsie, Autismus. Also ein Vorwort von einem Betroffenen – und er bringt es auf drei Seiten auf den Punkt: Wie steht es mit Behinderten in den Gemeinden? Welche Erfahrungen machen Familien mit behinderten Kindern in Gemeinden? Seine Kernaussage über positive Menschen: „(…) die meinen Sohn als Menschen betrachten (…)“ (Seite 7). Volltreffer!

Danach kommt die Einleitung des Verfassers. Auch bei ihm wird deutlich, dass er als Betroffener schreibt: 10 Kinder, davon 4 mit Hörbehinderungen, davon wiederum eines mit einer geistigen Behinderung und Autismus. Tautges Einschätzung seiner familiären Situation lässt aufhorchen:

„Im Vergleich zum Leid vieler anderer halten meine Frau und ich die Erfahrungen unserer Familie für nicht so schwerwiegend“ (Seite 14).

Das Buch schrieb der Verfasser für Pastoren, Älteste und Leiter, um auf die bei uns vorhandene „Kultur der Ablehnung von Behinderungen“ aufmerksam zu machen. Die erste Erleichterung machte sich bei mir breit. Der Verfasser theoretisiert nicht, sondern kennt die Situation der betroffenen Familien ganz genau.

Wer ist schuld daran?

Dann kam ich zum ersten Kapitel – immer noch mit Stift und Textmarker in der Hand. Der Titel dieses Kapitels lautet: „Wer ist schuld daran?“ (Seite 15). Wie ich oben schrieb, ist das die Kernfrage für betroffene Familien. Ausgehend von Römer 11,36 beantwortet Tautges diese Frage. Ich will hier nicht zu viel verraten – aber die Antwort lautet letztendlich: Gott. Der Verfasser entwirft von dieser Bibelstelle aus regelrecht eine Theologie des Leids. Dazu bezieht er viele andere Stellen mit ein, die er in ihrem jeweiligen Zusammenhang erklärt. Das hat mich inhaltlich und persönlich so gepackt, dass ich Stift und Textmarker völlig vergaß und das Buch durchlas, bis ich von meiner Tochter unterbrochen wurde.

Noch mehr Fragen

In den ersten Kapiteln beantwortet Paul Tautges noch drei weitere Fragen, die mit der Frage nach der Schuld zusammenhängen:

  • Wo ist Gott in unserem Leid?
  • Was bewirkt Gott durch Behinderungen?
  • Macht Gott Fehler im Mutterleib?
„Gott benutzt das Leid, um den Menschen zu dienen. Aber nicht in dem Sinne, als dass das Leid da wäre und Gott es im Nachhinein irgendwie für sich verwendete oder darauf aufbauen würde. Nein, auch das Leid ist Teil Seines guten Plans.“
 

Leiderfahrungen sind seit dem Sündenfall Teil dieser Welt, die auch nicht aufhören werden, bis Jesus wiederkommt. Gott benutzt das Leid, um den Menschen zu dienen. Aber nicht in dem Sinne, als dass das Leid da wäre und Gott es im Nachhinein irgendwie für sich verwendete oder darauf aufbauen würde. Nein, auch das Leid ist Teil Seines guten Plans. Die Frage, die sich die Gemeinden stellen müssen, ist, wo also Behinderte mit ihren von Gott gegebenen Gaben an der Erbauung der Gemeinde arbeiten können. Auch Behinderte dienen der Gemeinde und den Mitchristen. Sie sind nicht ein notwendiges Übel, keine Sondergruppe mit Extraprogramm in der Gemeinde, sondern ebenso Glieder am Leib Christi. Wenn ich oben schreibe, dass das Leid Teil von Gottes Plan ist, heißt das, dass die Behinderten Teil von Gottes Plan sind. Der Verfasser will das Leid nicht beschönigen oder beiseite reden. In Kapitel 4 findet er ausgehend von der Fürsorge Gottes für seine Schöpfung auch tröstliche Worte und Gedanken für betroffene Familien. Gottes Plan mit behinderten Menschen wird vom Verfasser in Kapitel 5 ausführlicher dargelegt. Das Kapitel trägt den Titel: „Abhängig: nach Gottes Bestimmung – Behindert: nach Gottes Vorsehung“. Der Mensch ist schwach (egal ob behindert oder nichtbehindert), weil Gott will, dass wir seine Kraft sehen. So schreibt der Autor: „Gott erwählt selten die Weisen oder Starken zur Errettung“ (Seite 92). Der Schwache wird von Gott nie vergessen. Das gilt bis ans Lebensende: „Paulus wusste, dass er nicht eine Minute eher sterben würde, als Gott es für ihn bestimmt hatte.“ (Seite 93). Das Ganze geschieht, damit wir nicht mit unseren Möglichkeiten rechnen und nicht auf uns vertrauen, sondern alleine auf Gott.

Nicht mehr, als wir tragen können?

Auf Seite 95 antwortet P. Tautges auf die Aussage von manchen Menschen: „Du kannst dir sicher sein, dass Gott dir nicht mehr auflädt, als du tragen kannst.“ Diesen Satz stellt er infrage, wenn es darum geht, was wir tragen können. Richtiger wäre hier das Verständnis, dass Gott uns nicht mehr auflädt, als er uns Kraft dafür gibt. Wie in den anderen Kapiteln lenkt der Verfasser den Blick vom Menschen weg hin zu Gott. Auch hier trifft der Autor wieder die Aussage, dass das Leid von Gott kommt: „Paulus erkannte, dass eine körperliche Behinderung zwar durch Satan, letztlich jedoch von Gott kam. (…) Satan dachte sicherlich, das Leiden würden den Apostel von Gott wegtreiben. (…) Doch er hatte sich geirrt. Stattdessen trieb es Paulus dazu, noch enger mit Gott verbunden zu leben.“ (Seite 98f). Die Gnade Gottes, die auch darin sichtbar wird, dient dem Leben und Dienst als Christ. Das Wirken Gottes wird nicht durch Stärke, sondern durch Schwäche deutlich. Dabei ist Behinderung „eine größere Bühne für größere Gnade“ (Seite 101).

Teil der Gemeinde

Erst im letzten Kapitel kommt Paul Tautges auf die Gemeinde zu sprechen. Von den vorherigen Kapiteln ausgehend stellt er die Gemeinde nicht als eine Ansammlung von Aktivitäten dar, sondern als lebendigen Organismus, der auf keines seiner Organe verzichten kann. Behinderte Menschen sind genauso Teil dieses Organismus wie andere Gemeindemitglieder. Dabei gibt es keinen Unterschied: „Wir alle haben Gottes Erbarmen und die rettende Kraft des Evangeliums gleich nötig“ (Seite 110). Auf zwei Gefahren geht der Verfasser ein und stellt beide Gedankenkonstruktionen als falsch dar: zu wenig von sich zu halten (ich bin weniger wichtig als andere) oder zu viel von sich zu halten (ich bin wichtiger als andere). Der Organismus besteht nicht aus vielen Individuen oder individuellen Teilen, sondern handelt als ein Körper. Die letzten zwei Sätze des Verfasser in diesem Kapitel verdeutlichen die grundlegende Einstellung:

„In Christus gibt es keine Unterscheidung: Nichtbehinderte und behinderte Glaubende stehen Seite an Seite als Miterben Christi, die mit ihm einen Platz in der himmlischen Welt haben (siehe Eph 2,6). Diese Erkenntnis fördert selbstlose Liebe, die wiederum Barmherzigkeit um des Evangeliums willen hervorbringt.“

Schluss, Arbeitshilfen und Bonus

Am Ende des Buches gibt P. Tautges noch einen Ausblick auf die Ewigkeit: Unser Körper mit seinen Einschränkungen ist nur vorübergehend; etwas viel größeres, herrlicheres ist für uns schon jetzt vorbereitet.

„Das Ganze geschieht, damit wir nicht mit unseren Möglichkeiten rechnen und nicht auf uns vertrauen, sondern alleine auf Gott.“
 

Die letzten 30 Seiten des Buches dienen als Arbeitshilfe für Gruppengespräche. Anhand von Kapitelzusammenfassungen, Bibelstellen und hilfreichen Fragen kann man sich dem Thema in der Gruppe nähern.

Eine Besonderheit hatte ich bisher nicht erwähnt: Zu jedem Kapitel hat Joni Eareckson Tada einige wenige Seiten geschrieben. In einfühlsamer, fast zärtlicher Weise geht sie auf die Kernaussagen ein, erweitert diese mitunter durch eine weitere Bibelstelle und erzählt aus ihrem eigenen Leben oder aus Begegnungen mit anderen Menschen. Immer wieder wird auch hier deutlich, dass da ein Mensch aus eigener Betroffenheit schreibt.

Mein Fazit

Das Buch ist absolut empfehlenswert und sollte tatsächlich von Gemeindeleitungen und Mitarbeitern gelesen werden. Ebenso ist es aber für angehende und praktizierende Seelsorger eine Bereicherung. Und für alle anderen Christen empfehle ich es auch, da Leid in jeder Form auch jeden von uns treffen kann.

Einen einzigen Kritikpunkt habe ich: Der Titel des Buches „Mit Behinderungen leben lernen“ ist etwas irreführend. Immerhin geht es im Buch nicht speziell um Behinderungen und das Leben mit diesen. Alle Aussagen lassen sich auf jede Form des Leids übertragen. Wesentlich klarer und treffender ist der Untertitel: „Gottes Gnade in Schwachheit und Leid erleben.“

Buch

Paul Tautges, Mit Behinderungen leben lernen. Gottes Gnade in Schwachheit und Leid erleben, Waldems: 3L Verlag, 2021, 172 Seiten, 13,50 Euro. Das Buch kann auch direkt beim Verlag bestellt werden.

Peter Geerds ist Vater von vier Kindern, von denen eines behindert ist. Er ist Grundschullehrer und ist bei Straßeneinsätzen und in der Kinderevangelisation aktiv.