Rechtfertigung – evangelisch oder katholisch?

Artikel von Bernhard Kaiser
25. Oktober 2021 — 13 Min Lesedauer

Sind die Unterschiede zwischen der römischen und der evangelischen Rechtfertigungslehre wirklich grundlegend? Ich möchte dies an einigen Punkten zeigen.[1]

1. Der Mensch als Geschöpf Gottes und als Sünder

Einigkeit zwischen der römischen und der protestantischen Theologie besteht darin, daß beide den Menschen als Geschöpf Gottes ansehen. Doch bereits in der Auffassung, wie Adam im Urstand beschaffen war, ist ein Unterschied erkennbar. Nach römischem Verständnis war Adam von Gott zwar ohne Fehler und Sünden erschaffen, aber doch noch unvollkommen. Man kann auch sagen, daß er zunächst natürlicherweise da war. Aber um vollkommen zu werden, bekam er als Zugabe die ursprüngliche Gerechtigkeit: eine geistliche Ausstattung, die ihm erlaubte, seiner göttlichen Bestimmung zu entsprechen und als vom Geist geleitetes Wesen Gott zu lieben und über sich selbst zu herrschen. Diese Zugabe aber war nicht Bestandteil seines Wesens.

Im Sündenfall hat Adam nur diese ursprüngliche Gerechtigkeit verloren, aber nicht die an seine Geschöpflichkeit gebundenen Fähigkeiten. Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt: „Der Mensch ermangelt der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit, aber die menschliche Natur ist nicht durch und durch verdorben, wohl aber in ihren natürlichen Kräften verletzt. Sie ist der Verstandesschwäche, dem Leiden und der Herrschaft des Todes unterworfen und zur Sünde geneigt; diese Neigung zum Bösen wird ‚Konkupiszenz’ (= Begierde, BK) genannt.“[2] So sehr die römische Kirche ansonsten die Existenz des Bösen anerkennt und die sündige Verfassung der Welt sieht – die Neigung des Menschen zum Bösen ist nicht eigentlich Sünde, derentwegen er den Tod verdiente. Er bleibt auch nach dem Fall mit natürlichen Kräften ausgestattet, die auf Gott und die verlorengegangene Gerechtigkeit hin programmiert sind. Seine Fähigkeit, zu denken und zu wollen, ist nach wie vor vorhanden und wird im Blick auf die Rettung des Menschen in Ansatz gebracht. – Daß ausgerechnet die menschliche Geistigkeit in dieser Weise hochgeschätzt wurde, zeigt den Einfluß der griechischen Philosophie in der römischen Theologie, denn jene hat in der menschlichen Geistigkeit das Höhere oder Göttliche im Menschen gesehen. Nach der Schrift aber ist auch der Leib von Gott erschaffen und gegenüber den Geistigen nicht minderwertig.

Die Reformatoren haben nicht übersehen, daß der Mensch von Gott geschaffen ist, sondern dies in großer Klarheit bekannt. Trotzdem haben sie die vollständige Sündhaftigkeit des Menschen gelehrt. Sie haben neu erkannt, daß die einstmals gute Schöpfung Gottes durch die Sünde Adams entstellt worden ist, so daß der Mensch nachgerade auch in seiner Geistigkeit, seinem Denken und Wollen, nicht positiv auf Gott hin, sondern im aktiven Aufstand gegen Gott lebt. Wendet er sich mit seinen natürlichen Kräften Gott zu, dann führt das zum Götzendienst, zur Verkehrung Gottes in ein Bild, und zum Selbstruhm, der Gott die Ehre raubt. Insbesondere ist der Mensch von Hause aus unfähig, Gott zu vertrauen. Das würde nämlich heißen, daß er von sich selbst wegsähe und auf das Werk eines anderen vertraute. Das aber kann der natürliche Mensch nicht, denn er ist trotz aller Religiosität in sich selbst verkrümmt.

Das Augsburgische Bekenntnis sagt darum zu Recht in Artikel 2: „... daß nach Adams Fall alle natürlich geborenen Menschen in Sünde empfangen und geboren werden, das heißt, daß sie alle von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können, ferner daß auch diese angeborene Seuche und Erbsünde wirklich Sünde ist ...“ Ebenso das Westminster Bekenntnis in Artikel 6.2: „Durch diese Sünde sind sie aus ihrer ursprünglichen Gerechtigkeit und Gemeinschaft mit Gott gefallen und so Tote in Sünden geworden; gänzlich verdorben in allen Fähigkeiten und Teilen von Seele und Leib.“

Insbesondere die vom Menschen immer wieder beanspruchte Willensfreiheit ist damit hinfällig. Der Mensch kann sich nicht im Rückgriff auf seine natürlichen Kräfte Gott zuwenden. Diese Sicht des Menschen steht ganz offensichtlich im Einklang mit der Schrift, denn sie sieht das menschliche Herz als Quelle der Bosheit (1Mose 8,21; Mt 15,19), sie identifiziert die fleischliche (natürliche) Gesinnung als Feindschaft gegen Gott (Röm 8,7) und schließt die Mitwirkung des Menschen bei seiner Rettung ausdrücklich aus (Röm 9,16). Damit ist deutlich, daß schon in der Lehre vom Menschen grundlegende Unterschiede zwischen dem römischen und dem evangelischen Denken vorzufinden sind.

2. Christus im Sakrament

Viele Aussagen der römischen Theologie über Christus sind schriftgemäß. Seine Geburt durch die Jungfrau Maria, soweit sie nicht zum Marienkult vereinnahmt wird, seine beiden Naturen, sein Versöhnungswerk, Auferstehung, Himmelfahrt und Wiederkunft stellen für den Protestanten keine Probleme dar. Problematisch ist aber die Vereinnahmung Jesu in den römischen Sakramentalismus. Zwischen Christus und den Gläubigen schiebt sie die (römische) Kirche als das Sakrament schlechthin. Sie wird als die für alle Menschen maßgebliche Gestalt angesehen, in der Christus in der Welt anwesend ist, und mit den sieben Sakramenten vermittelt sie den Menschen das Heil. Die Kirche ist die Werkstatt für die Reparatur des Menschen.

Es ist zwar auch evangelische Lehre, daß das Werk Christi mitgeteilt werden muß, doch die Art der Mitteilung ist anders als nach römischem Verständnis. Aus römischer Sicht kommt Jesus im Sakrament schöpferisch beim Menschen an, und zwar mit dem bloßen Vollzug des Sakraments. Der Mensch soll es nur geschehen lassen. Der Mensch wird durch die Taufe wiedergeboren. Dabei werden ihm die drei geistlichen Tugenden, Glaube, Liebe und Hoffnung, eingegossen. Was ihm durch den Sündenfall verlorengegangen ist, wird ihm nun wiedergegeben. Zwar bleibt in diesem Leben die Neigung zur Sünde bestehen, aber der Mensch ist aufgrund der sakramental eingeflößten Fähigkeiten in der Lage, als neuer Mensch zu leben. Die weiteren Sakramente helfen ihm dabei.

Die sakramentale Handlung – etwa der Vollzug der Taufe oder die Teilnahme am Meßopfer – ist die Schnittstelle zwischen Himmel und Erde, hier geschieht für den Katholiken die Rettung des einzelnen Menschen, hier kommen die göttlichen Kräfte in das diesseitige menschliche Leben, hier ist heile Welt. Deshalb klebt das Interesse des Katholiken an dem, was im Sakrament geschieht und was es bei ihm bewirkt. Sein Glaube stützt sich auf den Vollzug der sakramentalen Handlung, denn nur durch sie wird das Heil beim Menschen bewirkt. Damit aber tritt das Sakrament in Konkurrenz zum Werk Christi.

„Nach biblischer Sicht können die von Christus eingesetzten zwei Sakramente Taufe und Abendmahl nichts anderes als zu ihm hinführen, und zwar indem sie von Christus sprechen.“
 

Nach biblischer Sicht können die von Christus eingesetzten zwei Sakramente Taufe und Abendmahl nichts anderes als zu ihm hinführen, und zwar indem sie von Christus sprechen. Sie sind sichtbares Wort. Christus ist in dem von ihnen vermittelten Wort ganz und gar anwesend. Dieses Wort soll äußerlich, mit dem Taufwasser und den Abendmahlselementen empfangen werden – als Wort der Verheißung, das man verstehen und glauben kann und soll. Sie bringen den Menschen auf der Schiene Wort-Glaube mit Christus in Verbindung. Unter dieser Perspektive geschieht die Taufe in den Tod Jesu hinein (Röm 6,3) und ist das Abendmahl die Gemeinschaft des Leibes Christi (1Kor 10,16). Der Protestant sieht beim Sakrament auf das Wort der Verheißung, daß Christus für ihn gestorben ist und er mit ihm. Seine Blickrichtung und seine Erwartung sind ganz anders als beim Katholiken. Der Katholik hingegen überschreitet die von der Bibel gesteckten Grenzen, indem er den Sakramenten eine Wirksamkeit zubilligt, die neben den Glauben die wesenhafte Erneuerung stellt.

3. Glaube und Rechtfertigung

Wenn in ökumenischen Verlautbarungen zur Rechtfertigungslehre dem Wortlaut nach richtig von der Rechtfertigung aus Glauben die Rede ist, dann darf das nicht darüber hinwegtäuschen, daß für die römische Kirche der Glaube eine geistliche Tugend oder eine Haltung ist, die dem Menschen durch die Taufe eingeflößt wird, neben der Liebe und der Hoffnung. Der Glaube ist Teil der Reparatur, die in der Taufe verborgenerweise stattfindet. Heilszueignung in römischer Weise ist also nichts anderes als die tatsächliche, wesenhafte Wiederherstellung des Menschen. Rechtfertigung ist insofern Gerechtmachung.

Darüber hinaus wird aus römischer Sicht erst im Endgericht definitiv entschieden, ob ein Mensch gerecht ist oder nicht. Bei diesem Gericht wird der geistliche Charakter des Menschen, wie er durch die Sakramente konstituiert wird, ebenso in Betracht gezogen wie die Werke des betreffenden Menschen, in denen er seine innere geistliche Bestimmung verwirklicht hat. Daß die römische Theologie im ökumenischen Gespräch betont, daß der Mensch aus seinen Werken keinen Anspruch ableiten könne, sondern die Rettung ganz aus Gnaden sei, täuscht darüber hinweg, daß Gnade für den Katholiken nicht die gnädige Gesinnung Gottes ist, in der er aufgrund des Opfers Christi dem Sünder vergibt. Die katholische „Gnade“  besteht in den mannigfaltigen Gaben, die im Sakrament verteilt und im Lebensvollzug verwirklicht werden. Seines Heils gewiß sein kann und darf der Christ nach römischer Lehre nicht.

„Rechtfertigung ist ganz eindeutig ein Urteil, daß Gott bereits jetzt im Blick auf Christus über dem, der an ihn glaubt, fällt.“
 

Nach der Schrift aber geschieht die Errettung nicht in einem Ereignis am Menschen, sondern im Werk Christi. Sie ist nicht die Reparatur eines defekten Menschen, sondern sie besteht im Gericht über dem irreparabel sündigen Menschen. Das hat Christus stellvertretend für den Sünder erlitten. Er hat die Forderungen, die Gott in seinem Gesetz an den Menschen erhebt, erfüllt. Darum ist es für die Bibel so wichtig, uns zu sagen, was wir „in Christus“, unserem Stellvertreter, alles haben. Um aber an Christus teil zu bekommen, ist es notwendig, das Evangelium, die gute Botschaft von Jesus Christus und seinem Werk, zu verkündigen. Diese Botschaft will und soll geglaubt werden, und sie kann nur geglaubt werden, will man etwas davon haben. Sie spricht nicht vom menschlichen Werk oder vom menschlichen Erleben, sondern vom vollbrachten Werk Christi. Dementsprechend sagt die Schrift in großer Klarheit, daß wir durch den Glauben gerechtfertigt werden (Röm 3,29; 5,1; 10,4 u.v.m.). Glauben aber heißt nach biblisch-reformatorischem Verständnis, daß man auf die Verheißungen des Evangeliums – das sind die vom Geist Christi ausgesprochenen Verheißungen – vertraut. Genauso haben Abraham und alle anderen biblischen Gläubigen, die uns in Hebr 11 als Vorbilder vorgestellt werden, den Zusagen Gottes geglaubt.

Die Rechtfertigung besteht nun darin, daß dem, der an Christus glaubt, sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet wird. Rechtfertigung ist ganz eindeutig ein Urteil, daß Gott bereits jetzt im Blick auf Christus über dem, der an ihn glaubt, fällt. Gott rechnet dem Glaubenden die Gerechtigkeit Christi zu, so daß jener in den Augen und im Urteil Gottes schon jetzt vollkommen gerecht ist. Entgegen der römischen Lehre kann er in den Zusagen Gottes schon jetzt Heilsgewißheit haben, freilich nur im Glauben an Christus und solange er glaubt.

4. Die Heiligung

Der Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts hat die reformatorischen Grundlagen verlassen. Wie im römischen Denken hat er das schöpferische Ankommen Christi gelehrt. Doch das geschah nicht einheitlich. Bei Schleiermacher(1768-1834) war es das christlich-fromme Selbstbewußtsein, das ein Mensch entwickeln mußte. In der Erweckungstheologie war es die Wegnahme der inneren Unseligkeit und die faktisch gefühlte Gemeinschaft mit Gott. Etliche Lutheraner schrieben dem Ritus der Taufe eine innerlich-wiedergebärende Wirkung zu. Im Kulturprotestantismuswar es die kulturelle Leistung, in der sich die Gegenwart Christi verwirklichte. Der Neupietismus, der sich mit und aus der Erweckungstheologie entwickelte, forderte die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist und meinte damit ziemlich genau das, was sich der Katholik unter der sakramentalen Erneuerung vorstellte: das Zustandekommen des wesenhaft neuen Menschen durch das direkte innerliche Wirken des Heiligen Geistes – nur ohne das Sakrament. Deswegen hat der Neupietismus heute kein Verständnis dafür, hier einen Unterschied zur römischen Theologie zu sehen.

Wenn dagegen die Schrift sagt, daß jemand, der in Christus ist, eine neue Kreatur ist, dann muß man genau hinsehen, was dort steht: In Christus ist der Christ eine neue Kreatur. Es ist dies der Christus, der zunächst stellvertretend für uns gestorben und dann auferstanden ist. Der auferstandene Herr ist die neue Kreatur; er ist der Anfang der neuen Schöpfung. Der Christ aber steht noch in der alten Schöpfung, die dem Tode verfallen ist. Aber weil Gott es rechtlich so verfügt, ist er in Christus, dem Stellvertreter. Indem er an Christus glaubt, hat er schon jetzt teil an der neuen Schöpfung. Die Schrift fordert den Christen nicht auf, eine innere Anlage oder Fähigkeit zu aktivieren. Christus kommt von außen auf den Menschen zu. Der Christ (!) soll Christus anziehen (Röm 13,14; Eph 4,24), Christus lernen (Eph 4,20-21), die Liebe und andere Verhaltensweisen anziehen (Kol 3,12.14) und in der Kraft des Glaubens die Welt überwinden (1Joh 5,4-5). Durch den Glauben an das Evangelium wird das Herz des Menschen rein (Apg 15,9) und wohnt Christus im Herzen des Menschen (Eph 3,17). Die in Christus offenbare Gnade nimmt den Sünder in Zucht, so daß er sich selbst verleugnet (Tit 2,11-14). Lebt er im Glauben, dann lebt er ein neues Leben nach dem Willen Gottes. Dann gibt er seine Glieder Gott zum Dienst und ehrt seinen Erlöser mit seiner Lebensführung – ohne daß er aufhörte, in seinem Wesen ein todeswürdiger Sünder zu sein und häufiger oder seltener aus Klein- oder Unglauben zu handeln oder gar in offene Sünde zu fallen. Deswegen gibt es im Protestantismus keine katholischen Heiligen, sondern nur solche, die durch den Glauben an Christus geheiligt sind und Gott gehören (Apg 26,18).

Zusammenfassung

Evangelisch, also dem Evangelium gemäß, zu glauben, unterscheidet sich vom römischen Verständnis nicht in theologischen Spitzfindigkeiten. Es geht um das, worauf der Mensch vertraut: auf Jesus Christus allein und die daraus folgende Gewißheit, daß die Zusagen, die Gott im Evangelium macht, stimmen, oder auf die eigene, subjektive Neuheit, mit dem ständigen Frömmigkeitsstreß und der unterschwelligen oder offenen Ungewißheit, noch nicht heilig genug zu sein, oder der anmaßenden Illusion, tatsächlich ein neuer Mensch zu sein. Wer aber sein Heil nicht in Christus sucht, wird es nicht finden, und wer nicht zum Glauben an Christus ruft, sondern neben dem Glauben Werke oder Erlebnisse als Bedingungen für das Heil einfordert, predigt nicht evangelisch.


[1] Ich verweise zur Klärung der Details auf meine früheren Publikationen Christus allein. Ein Plädoyer für den evangelischen Glauben (Bielefeld: Missionsverlag, 1996) und die Internetpublikation der ART: Konsens oder Differenz? Eine kritische Bewertung der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Marburg 2001 (s. www.irt-ggmbh.de).

[2] Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche (München u.a.: Oldenbourg, 1993), S. 405.

Bernhard Kaiser ist Dozent an verschiedenen theologischen Ausbildungsstätten; Gründer und Leiter des Instituts für Reformatorische Theologie und Hochschullehrer für Systematische Theologie an der Selye-János-Universtität in Komarno (Slowakei).

Der Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Bekennende Kirche, Nr. 13, 2003, S. 21–25. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.