Pillars

Rezension von Elliot Clark
22. Oktober 2021 — 12 Min Lesedauer

Der christliche Glaube muss sich nicht davor fürchten, mit dem Geheimnisvollen oder Ungewissen konfrontiert zu werden. Schon Anselm stellte fest: Wir haben einen Glauben, der sich danach ausstreckt, zu verstehen. Unser Glaube ruht auf dem sicheren Grund von Gottes Offenbarung in Christus, was durch Jahrhunderte des christlichen Zeugnisses unterstrichen wird. Doch diese Festlegung unterbindet nicht das Nachforschen, sondern sie ermutigt zum Fragen, Erkunden und Überlegen. Christen sind Menschen, die den Fragen nachgehen, die durch ihre Zweifel aufgeworfen werden, und die sich darum bemühen, wirklich zu verstehen.

Rachel Pieh Jones verarbeitet in ihrem Buch Pillars: How Muslim Friends Led Me Closer to Jesus (dt. „Säulen: Wie muslimische Freunde mich näher zu Jesus brachten“) ihr Ringen mit dem christlichen Glauben. Dabei stellt sie sich den Fragen, die bei ihr aufkamen, als sie als Evangelikale am Horn von Afrika lebte. Sie fragt insbesondere, ob es möglich ist, den Glauben der Muslime zu achten, ohne im Hinblick auf unseren eigenen Kompromisse einzugehen (S. 100).

In ihrem emotionalen und sensiblen Bericht nimmt uns Jones mit auf die staubigen Straßen von Somaliland und Dschibuti, mit hinein in Gefahren, Strapazen und Tücken. Unterwegs stellt sie uns viele muslimische Freunde vor – diejenigen, für die sie über den Ozean gekommen war, um sie zu bekehren. Doch wie wir erfahren, haben eben diese Freunde sie verändert und – so versichert uns Jones – sie näher zu Jesus und tiefer in den Glauben hineingeführt.

Säulen des Missverstehens dekonstruieren

Jones gliedert ihr Buch nach den Säulen des Islam: Bekenntnis, Gebet, Almosen, Fasten und die Pilgerfahrt. In den Kapiteln innerhalb dieser Abteilungen gibt sie Einblick in persönliche Erlebnisse mit muslimischen Freunden und zeigt, wie sich das Gebäude des islamischen Glaubens zusammensetzt. Doch wie Jones feststellt, weisen der muslimische und der christliche Weg erstaunliche Ähnlichkeiten auf. Schließlich haben Beten, Fasten, Geben und Bekennen allesamt ihren Platz auf der Pilgerreise des Christen.

Wir könnten das auch die christliche Religion nennen. Zwar spricht Jones eher vom Glauben, doch sie dekonstruiert erkennbar einige der Ansätze, wie amerikanische Evangelikale Religion aufspalten. Uns wird häufig gesagt, das Christentum sei etwas Innerliches, nicht äußerlich; es sei geistlich, nicht physisch. Viele Evangelikale sehen die ideale Anbetung als etwas Individuelles, nicht unbedingt Gemeinsames, eher spontan als rituell. Bei der Nachfolge Jesu gehe es ganz und gar um eine Beziehung, nicht um eine Religion.

Aber wenn wir nun Jones’ muslimische Freunde kennenlernen, zeigt sich, dass ihr Glaube diese vereinfachenden Aufspaltungen in Frage stellt. Für sie können auswendig gelernte Rituale tiefe Bedeutung haben. Der Islam ist etwas Gemeinschaftliches und physisch Greifbares, und doch kann er auch zutiefst persönlich und geistlich sein. Ja, die muslimische Anbetung verläuft in starren, festgelegten Formen, doch sind deshalb die äußeren Handlungen nicht zwangsläufig von inneren Gefühlen abgekoppelt.

Diese Entdeckung war für Jones offensichtlich irritierend. Sie hatte keine Muslime erwartet, die mit Freude Muslim sind. Stattdessen hatte sie unbewusst damit gerechnet, dass sie „den Vorgaben eines Glaubenssystems folgten, an das sie nicht glaubten und das sie innerlich nicht bereicherte“ (S. 99). Zudem erkannte Jones mit der Zeit, dass die religiösen Praktiken der Muslime – ihre Säulen – gar nichts so Fremdes sind. Auch wenn sie persönlich in einer christlichen Tradition aufgewachsen war, in der Frauen ihren Kopf nicht bedeckten, in der Christen nicht für längere Zeit fasteten (etwa in der Passionszeit) und in der man keine vorformulierten Gebete sprach (wie das Vaterunser), war so etwas doch während eines Großteils der Kirchengeschichte in verschiedenen Kulturen die gängige Praxis. An dieser Stelle räumt Jones ein, sie sei praktisch losgelöst von der weltweiten Kirche und dem historischen Christentum auf das Missionsfeld gegangen (S. 225). „Mein Horizont war klein“, gibt sie zu, und dieser fehlende Überblick sorgte dafür, dass sie schnell aus dem Gleichgewicht gebracht werden konnte (S. 19).

Das Leben am Horn von Afrika konfrontierte Jones aber nicht nur mit ihrer persönlichen Unwissenheit. Es deckte auch die kulturellen und sozialen blinden Flecken vieler Amerikaner auf. Während sie in Afrika Aufrichtigkeit und Gastfreundschaft erlebte, waren Jones’ Freunde in der Heimat Muslimen gegenüber oft misstrauisch und ängstlich. Ihrer Meinung nach waren sie mehr von Islamophobie und christlichem Nationalismus geprägt als von dem christusähnlichen Wunsch, zu verstehen und sich wirklich zu kümmern. Im Lauf der Zeit scheint Jones zu dem Schluss gekommen zu sein, dass ihre ursprüngliche Motivation, nach Afrika zu gehen, in ähnlicher Weise verfehlt war. Als sie Minnesota verließ, war sie arrogant und ignorant (S. 130). Schließlich verlagerten sich ihre persönlichen Bemühungen als Missionarin auf das Experiment, wie man den richtigen Weg finden kann, wenn man vom falschen Ausgangspunkt gestartet ist; ihre Pilgerreise ist ein Missverständnisse aufspürender Glaube.

Verständliche Fragen, fragwürdige Antworten

Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, dass Rachel Jones mir persönlich bekannt ist. Wir haben schon gelegentlich zusammengearbeitet und uns auch einmal persönlich getroffen. Seit vielen Jahren lese und verfolge ich, was sie erarbeitet; sie ist eine begabte Autorin und Erzählerin. Ich schätze ihre Einsichten und ihre kulturelle Erfahrung, und stimme vielen ihrer Beobachtungen zu. Zum Beispiel kann ich von ganzem Herzen bestätigen, dass Muslime im Allgemeinen überaus gastfreundlich, meist friedliebend und in ihrem Glauben aufrichtig sind. Ich stimme ihr auch zu, dass Christen von Muslimen lernen können – ich habe selbst beschrieben, wie das Erleben der muslimischen Kultur meine persönliche Gebetspraxis verändert hat.

„Tatsächlich scheint sich Jones mit dem Nicht-wissen-Können zufrieden zu geben – fast, als wäre dies unverzichtbar für echten Glauben. “
 

Doch an vielen Punkten scheint Jones über diese Ebene des Beobachtens, Wertschätzens und Aufgreifens hinauszugehen. Zwar stellt sie nachvollziehbare Fragen, gelangt aber zu fragwürdigen Antworten.

Während des gesamten Buches hatte ich den Eindruck, dass Jones durchweg dem Islam einen Vertrauensvorschuss gewährt, dagegen ihre bohrendsten Fragen für das Christentum reserviert. Dort stößt sie sich an logischen Inkonsistenzen. Sie spottet über praktizierte Heuchelei. Sie hinterfragt ihre eigene geistliche Aufrichtigkeit. Aber wenn es um den Islam geht, weicht sie den großen Schlaglöchern muslimischen Glaubens und Praktizierens aus. Ähnlich stellt Jones in aller Seelenruhe traditionelle und weithin akzeptierte Auslegungen der Bibel in Frage, schenkt aber Koranversen, -berichten und -deutungen teils unkritisch ihren Glauben.

Dennoch übernimmt Jones nicht blind alles, was sie im Islam sieht. Gelegentlich hinterfragt sie den Aberglauben ihrer muslimischen Freunde, deren Angst vor den Dschinn und ihr Fasziniertsein vom Übernatürlichen (S. 92 u. 109). Daher scheint sich Jones auf ihrer Pilgerreise nicht völlig von der westlichen Neigung zum Naturalismus zu entfernen. Auch den postmodernen Subjektivismus meidet sie nicht. Tatsächlich scheint sich Jones mit dem Nicht-wissen-Können zufrieden zu geben – fast, als wäre dies unverzichtbar für echten Glauben. „Was, wenn Gott jenseits des Erkennens wäre, voller Überraschungen und unergründlich, während er sich zugleich in Jesus zum Anfassen offenbart?“, fragt sie (S. 29).

Obwohl ich ebenfalls ein tiefes Geheimnis im christlichen Glauben wahrnehmen und bejahen kann, liegt über Pillars eine tiefe Ironie: dass nämlich Jones trotz ihrer vielen ungelösten Grübeleien sehr wohl bei einem „Wissen“ anlangt. Sie gibt im Lauf des gesamten Buches Antworten – Antworten, die den biblischen Glauben, Evangelisation, Bekehrung und Mission grundlegend umdefinieren. Für sie besteht das christliche Zeugnis darin, zu beobachten, wie Gott in der Welt anderer Religionen wirkt (S. 51); die Neugeburt bestehe im persönlichen Erkennen der Güte, die uns als Gottes Ebenbild innewohnt (S. 52); christliche Mission bedeute, uns mit unseren muslimischen Nächsten gemeinsam um eine friedlichere Welt zu bemühen (S. 48); und der Glaube sei eher eine persönliche Pilgerreise als ein festgeschriebenes Bekenntnis. Solcher Glaube blüht offenbar auf, wenn der stabile Boden eines festen Standorts und der Gewissheit erodiert und Raum entsteht für Offenheit und Entdeckergeist – wenn du eine Freundin fragen kannst: „Was begeistert dich daran, eine Muslima zu sein?“, und du dann ihre Antwort feierst (S. 185).

Weder Christentum noch Islam

Trotz der propagierten Ungewissheit widmet sich Jones der Evangelisation. Dieses Buch scheint ihr Versuch zu sein, uns zum Glauben zu verhelfen: zu dem Glauben, dass Muslime oftmals gut sind, dass Evangelikale oftmals falsch liegen und dass man Jesus in anderen Religionen finden kann.

„Dieses Buch scheint ihr Versuch zu sein, uns zum Glauben zu verhelfen: zu dem Glauben, dass Muslime oftmals gut sind, dass Evangelikale oftmals falsch liegen und dass man Jesus in anderen Religionen finden kann.“
 

Jones räumt ein, dass die Pilgerreise zu ihrem neugefundenen Glauben nicht einfach war. Ihre Folgerungen waren nicht immer beliebt. Zuhause in Minnesota werden sie bei manchen Evangelikalen nicht gern gesehen. In ihrer afrikanischen Heimat fanden ihre muslimischen Freunde sie teils irritierend. Diese sehen, wie sie die Salat betet oder Zamzam-Wasser trinkt, und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Manche freuen sich über ihre Teilnahme an islamischen Ritualen; andere finden es verwirrend und befremdlich, wie auch ich.

Im gesamten Buch flirtet Jones mit Inklusivismus und Pluralismus. Zuweilen schreibt sie dem Koran Autorität zu, gibt zu verstehen, dass Gläubige von einigen seiner Lehren lernen und ihnen folgen könnten (S. 50, 87, 90, 160). Jones scheint den Koran sehr hoch zu achten, sie hat für ihn den höchsten Platz in ihrer Wohnung reserviert und spricht von ihm als einem ihrer heiligen Bücher (S. 196). Uns wird eine Begebenheit berichtet, nach der ihr Mann bei der Geburt ihrer Tochter vor einheimischen Freunden sowohl aus der Bibel als auch aus dem Koran Gebete über Gott vorlas (S. 113). Jones überlegt sogar, ob die kirchliche Praxis des Abendmahls ein exklusiver Ritus sein muss; Christen und Muslimen sollte es doch möglich sein, dieses gemeinschaftliche Mahl miteinander zu genießen (S. 191).

Diese Perspektive erlaubt es Jones auch, an verschiedenen islamischen Praktiken teilzunehmen. Genau genommen zeigt uns dieser biografische Bericht die Säulen des Islam nicht nur als etwas der christlichen Praxis (ganz zu schweigen von ihren Fälschungen) Ähnliches; die islamischen Säulen seien tatsächlich tragfähige Strukturen, um darauf einen fundierten Glauben zu errichten. Daher meint sie, Muslime könnten auch ohne Umkehr und ohne auf Jesus zu vertrauen Gott auf tiefe und bedeutsame Weise erfahren. Sie schreibt: „Wenn wir unseren eigenen Glauben im Rahmen einer Beziehung zu jemanden, der anders denkt, erforschen, dann wird jeder von uns Gott in umfassenderer und innigerer Weise erfahren“ (S. 49).

Jones’ Reise führt zu einem Glauben, aber es handelt sich nicht um den Glauben unserer Väter und Mütter. Es ist nicht der rechtgläubige Islam; es ist auch nicht das historische Christentum. Obwohl Jones sich bemüht, den verschiedenen Traditionen gebührenden Respekt entgegenzubringen, denke ich nicht, dass sie auch nur einer dieser Religionen wirklich Ehre erweist. Stattdessen wird dem Leser ein zutiefst westlicher, postmoderner und persönlicher Glaube vorgelegt, der uns nicht dem Jesus der Bibel näherbringt. Und ich kann auch nicht erkennen, wie dieser Glaube dabei helfen sollte, Jesu Evangelium unseren muslimischen Freunden zu bringen.

Wenn das Kulturchristentum auf dem Missionsfeld zerbröckelt

Jones schreibt, dass „das Studium des Islam etwas auslöste, das zu einem freien Fall in die Dunkelheit, in das Mysterium und schließlich in den Glauben wurde“. Als sie all das durchmachte, befand sie sich „auf der anderen Seite der Welt, umgeben von Muslimen, während ich versuchte, den roten Faden meines Glaubens zu fassen zu bekommen, und ohne dabei zu merken, wie stark er durch die neuen Fäden geworden war, die ich in ihn hineingeflochten hatte“ (S. 29).

Als ich Pillars las, fragte ich mich fortwährend: Ist das nun eine Missionarin, die einfach nur die unnützen Säulen des Kulturchristentums dekonstruiert, oder handelt es sich um die Geschichte von jemandem, der sich auf der Pilgerreise weg vom biblischen und historischen Christentum befindet? Ist das eine weitere Biografie einer „Exvangelikalen“ oder einer „allerschlechtesten Missionarin“, oder handelt es sich um die Geschichte von jemandem, der Jesus wirklich nähergekommen ist?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich all diese Fragen beantworten kann, und Jones’ Reise ist vermutlich noch nicht zu Ende. Aber ich weiß: Wenn die Säulen des Christentums im Erdbeben des Kulturschocks zerbröckeln, können wir nicht vorhersehen, was davon übrigbleiben wird. Ich habe gesehen, wie sich diese Geschichte im Leben von Missionaren auf der ganzen Welt wiederholt. Wenn Dekonstruktion und Dekonversion im Westen auf dem Vormarsch sind, sollten wir uns nicht wundern, wenn sie auch unter amerikanischen Evangelikalen vorkommen, die an Orten leben, an denen man dem Evangelium feindlich gegenübersteht.

Ich vermute, Jones würde den Gedanken, der Islam stehe Christus feindlich gegenüber, infrage stellen. Und sie würde beteuern, sie habe ihren Glauben nicht verloren; sie habe Jesus gefunden. Aber es ist Sache der Gemeinde, zu entscheiden, ob das zutrifft, denn die Gemeinde ist „der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit“ (1Tim 3,15). Und wenngleich die Gemeinde für Fragen offen sein und niemals das Zweifeln diskreditieren sollte, hat der christliche Glaube, „der den Heiligen ein für alle Mal überliefert worden ist“, doch ein unumstößliches Fundament (Jud 3). Erbaut auf dem Eckstein, der Christus ist, und auf den apostolischen Schriften (Eph 2,20), ist seine Wahrheit sowohl erkennbar als auch unerschütterlich.

Buch

Rachel Pieh Jones, Pillars: How Muslim Friends Led Me Closer to Jesus, Plough Publishing House 2021, 280 Seiten, ca. 10,00 Euro.

Elliot Clark hat in Zentralasien gelebt, wo er mit seiner Frau und seinen Kindern als interkultureller Gemeindegründer tätig war. Zurzeit arbeitet er mit Training Leaders International an der Ausbildung von Gemeindeleitern in Übersee. Er ist Autor von Evangelism as Exiles: Life on Mission as Strangers in Our Land.