Warum beten wir nicht ehrlich?

Artikel von Kyle Strobel
15. Oktober 2021 — 5 Min Lesedauer

Ich erinnere mich, dass ich während meiner Zeit im College ein Buch über das Gebet gelesen habe. Ich las es in der (naiven) Hoffnung, dass es all meine Schwierigkeiten in Bezug auf das Beten lösen würde. Damals empfand ich das Gebet als frustrierend, schwierig und demütigend. Das Buch war zwar hilfreich, aber ich hielt es aufgrund meiner fleischlichen Gesinnung für einen Ratgeber, mit dessen Hilfe ich nun mein Gebetsleben aufpolieren könnte.

Ich fühlte mich schuldig, weil ich ein geistlicher Leiter war und nicht viel betete. Also nahm ich mir vor, besser zu werden. Doch anstatt mich Gott wirklich näher zu bringen, brachten meine Gebete mich nur scheinbar in seine Nähe. Ich wollte Intimität, aber auf Armeslänge. Wie Adam versuchte ich, eine beeindruckende Rede vor Gott zu halten, in der Hoffnung, dass ich unbeschadet daraus hervorgehen würde. Es stellte sich heraus, dass ich das Gebet eher im Fleisch als im Geist säen wollte, und so war ich versucht, eher in der Fantasie als in der Realität zu beten.

Nur wenn man in der Wirklichkeit betet – in der Wahrheit – kann man sich dem Gott nähern, der größer ist als unsere Herzen und alles weiß (1Joh 3,19–20).

Warum ehrliches Gebet schwierig ist

Für manche scheint das alles kontraproduktiv zu sein. Sie denken: „Ich muss nur aufhören, meine Wut rauszulassen, oder aufhören, mir Sorgen zu machen, oder über meinen Schmerz hinwegkommen. Ich muss nur meine Sünden der Vergangenheit angehören lassen.“ Genau das ist der gesunde Menschenverstand, den die Heilige Schrift jedoch „Fleisch“ oder manchmal auch „selbstgebastelte Religion“ nennt (Kol 2,23). Hier hängt alles von unserer eigenen Kraft gegen die Sünde ab.

Wir sollten deshalb bedenken, zu wem sich Jesus in seinem Dienst hingezogen fühlte: zu Menschen, deren Sünden, Schmerz und Zerrissenheit an der Oberfläche lagen: Zu dem Mann, der im Tempel zu Gott schrie – der sich an die Brust schlug und sagte: „Gott, sei mir Sünder gnädig“ –, der gerechtfertigt wegging, nicht zum Pharisäer, der in seiner Tugendhaftigkeit zu beten versuchte (Lk 18,13). Jesus umarmte nicht den Pharisäer, der ihn zum Essen einlud, sondern empfing die Frau, die ihm mit ihren Tränen und ihrem Haar die Füße reinigte (Lk 7,36–50). Seine Worte über sie sind wichtig:

„Darum sage ich euch: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig“ (Lk 7,47).

Deshalb brauchen wir keine Angst davor zu haben, die Wahrheit über unsere Herzen anzuerkennen. Um gut zu lieben, müssen wir wissen, wie viel uns vergeben worden ist. Wir müssen die Wahrheit sehen und kennen und diese Realität vor den Herrn bringen, damit seine Liebe zu uns durch unser Leben strömt und wir wiederum ihn und unseren Nächsten wie uns selbst lieben können.

„Ehrlichkeit im Gebet ist schwierig, weil wir vor allem im Gebet entdecken, wie viel wir vom Evangelium noch nicht verinnerlicht haben.“
 

Ehrlichkeit im Gebet ist schwierig, weil wir vor allem im Gebet entdecken, wie viel wir vom Evangelium noch nicht verinnerlicht haben. Im Gebet erkennen wir, dass unsere Lehre vom Sühneopfer unser Leben in der Gegenwart Gottes noch nicht geprägt hat.

Ebenso erkennen wir im Gebet, ob wir wirklich glauben, dass wir allein durch den Glauben gerechtfertigt sind. Im Gebet erfahren wir hautnah, wofür Christus gestorben ist, wozu er uns aufruft und was unsere Worte tatsächlich bedeuten. Hier können wir ihn in der Wahrheit über uns selbst begreifen und in der Liebe wachsen, weil wir die Tiefe seiner Vergebung für unsere Verderbtheit, Sünde und Rebellion erkennen.

Im Evangelium verwurzeltes Gebet

Ich sehe, wie sich dies bei vielen meiner Studenten abspielt. Für viele von ihnen, die eine Menge Schuld und Scham über ihre Kämpfe im Gebet erfahren, führt das Gebet zu harter Selbstkritik. Irgendwo in den verborgenen Tiefen ihres Herzens denken sie, wenn sie in Gottes Gegenwart bösartig zu sich selbst sind, dann wird er nachsichtig mit ihnen sein.

„Allzu oft ist das Gebet zu einer Art Leistung für Gott geworden, in der Hoffnung, dass wir Dinge sagen und tun können, die ihn beeindrucken.“
 

Anstatt Gott zu sagen, wie wütend sie auf ihren Ehepartner sind oder wie unzufrieden sie mit ihrem Leben sind – also offen für die Wahrheit zu sein –, versuchen sie, es zu verbergen. Ein Gebet, das auf der Wahrheit der Erlösung allein aus Glauben, allein aus Gnade und allein in Christus beruht – das darauf vertraut, dass es für die, die in Christus Jesus sind, keine Verurteilung mehr gibt (Röm 8,1) –, sollte auf der Wahrheit beruhen. Allzu oft ist das Gebet zu einer Art Leistung für Gott geworden, in der Hoffnung, dass wir Dinge sagen und tun können, die ihn beeindrucken.

Nachdem die Studenten während ihrer theologischen Ausbildung so viel Zeit damit verbracht haben, sich ein tiefes und biblisches Verständnis des Sühneopfers anzueignen, scheint all das zu verschwinden, wenn sie beten. Im Gebet versuchen sie, diese tiefen Gefühle wiedergutzumachen, indem sie Gott sagen, dass es ihnen Leid tut und sie nie wieder böse sein werden (und sich selbst verhöhnen, weil sie so böse waren). Das Gebet ist damit zu einer Darbietung geworden, um einen zornigen Gott zu besänftigen.

Wir sollten beachten, wie götzendienerisch diese Art des Betens ist und wie natürlich sie doch erscheint. Anstatt durch das Gebet zu Christus zu kommen, wird beim Beten die Wahrheit geleugnet.

„Das Gebet ist kein Ort, um gut dazustehen. Es ist ein Ort, um ehrlich zu sein.“
 

Das Gegenteil davon, die Wahrheit zu sagen, ist nicht, die Sünde irgendwie zu verharmlosen (obwohl es so scheint). Das Gegenteil vom Reden der Wahrheit ist einfach Unehrlichkeit. Zu viele Christen weigern sich, Gott die Wahrheit zu sagen, weil sie denken, dass er sie nur in ihrer Frömmigkeit annimmt. Dabei vergessen sie, dass er für sie in ihrer Sünde gestorben ist (Röm. 5,8).

Wenn wir im Gebet nicht ehrlich sind, sehen wir, wie sehr wir uns geweigert haben, die Wahrheit des Evangeliums zu akzeptieren. Das Gebet ist kein Ort, um gut dazustehen. Es ist ein Ort, um ehrlich zu sein. Das Gebet wird echt, wenn es die Wahrheit des Evangeliums annimmt und gemäß den Tatsachen betet, die Gott in Christus Jesus für uns Wirklichkeit werden lassen hat.

Kyle Strobel ist Assistenzprofessor an der Talbot School of Theology, Biola University, und Mitautor von Where Prayer Becomes Real und The Way of the Dragon or the Way of the Lamb. Folgen Sie ihm auf Facebook (KyleCStrobel) oder Twitter (@KyleStrobel).