Der christliche Dienst ist mehr als nur ein Job

Ratschläge für junge Pastoren

Artikel von Ray Ortlund
1. Oktober 2021 — 8 Min Lesedauer

Vor einigen Jahren bat mich ein junger Pastor um Rat, als er am Anfang seines Dienstes stand. Ich nannte ihm drei Punkte, die geeignet sind, jeden Pastor auf seinem Weg zu stärken.

Mann mit Berufung

Erstens, jeder Mann braucht eine Berufung – nicht nur einen Job.

Eine Gemeinde stellt ihren Pastor nicht einfach an, sie beruft ihn. Der christliche Dienst ist mehr als nur eine Tätigkeit, die man für eine Organisation ausübt; er ist eine gottgegebene Berufung: „Gott [hat] mich vom Mutterleib an ausgesondert“ (Gal 1,15). Eine Gemeinde erkennt dann den göttlichen Ruf eines Mannes und stellt ihn als Pastor in den Dienst. Der Punkt ist dieser: Die Berufung des Pastors besteht nicht in erster Linie darin, den Menschen der Gemeinde zu dienen. Genau genommen ist es seine Berufung, unter den Menschen der Gemeinde dem Herrn zu dienen. „Denn wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Christus Jesus, dass er der Herr ist, uns selbst aber als eure Knechte um Jesu willen“ (2Kor 4,5).

„Ein echter Pastor wird anderen mit einer Herzenshaltung dienen, die der seines Herrn gleicht: sanftmütig und demütig. Aber er wird sich nicht selbst verkaufen, nur um seine Stelle zu behalten.“
 

Leider werden manche Pastoren auf unkluge Weise Anstoß erregen. Aber jeder treue Pastor, der wirklich seinem Herrn dient, wird unausweichlich Anstoß erregen. Der weise Apostel Paulus sagte, dass er „in allen Stücken allen zu Gefallen lebe“ (1Kor 10,33). Er war in gewisser (und auf gute) Weise ein Mensch, der es allen recht machen wollte. Aber: für den Herrn. Er sagte mutig: „Rede ich denn jetzt Menschen oder Gott zuliebe? Oder suche ich Menschen zu gefallen? Wenn ich allerdings den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich nicht ein Knecht des Christus“ (Gal 1,10). Wenn Paulus sich entscheiden musste, ob er sich selbst oder anderen gefallen wollte, entschied er sich für die anderen. Aber wenn er sich entscheiden musste, ob er den Menschen oder Gott gefallen wollte, entschied er sich für Gott, in der Zuversicht, dass seine mutige Entscheidung am Ende für alle das Beste wäre.

Ein echter Pastor wird anderen mit einer Herzenshaltung dienen, die der seines Herrn gleicht: sanftmütig und demütig (vgl. Mt 11,29). Aber er wird sich nicht selbst verkaufen, nur um seine Stelle zu behalten. Er wird beten und predigen, damit die Herrlichkeit seines Herrn in erneuernder Kraft offenbar wird. Und Gott wird das treue Streben eines Mannes, seiner heiligen Berufung gerecht zu werden, ehren.

Mann der Schrift

Zweitens, jeder Mann braucht die Bibel – nicht nur nützliche Tipps.

Im Zeitalter des Internets werden wir mit Meinungen und Behauptungen zu allen möglichen Neuigkeiten überschwemmt. Aber ein Diener Gottes muss sich dazu entscheiden, um es in John Wesleys Worten auszudrücken, „der Mann eines Buches“ zu werden.

„Zuallererst empfehle ich, jährlich die ganze Bibel durchzulesen, Buch für Buch, 20 Jahre am Stück. Du wirst dich verändern und du wirst anfangen, die Welt mit neuen Augen zu sehen.“
 

Ich hoffe du wirst dein Leben lang lesen. Ich hoffe du wirst breit aufgestellt sein und alles Mögliche lesen – Romane, Biographien, Gedichte u.v.m. Aber ich hoffe noch viel mehr, dass du das Bibellesen beherrschen wirst. Dabei wirst du mehr über Christus erfahren. Wie Jim Elliot sagte: Die Bibel ist „Christus in schriftlicher Form“. Ich denke also nicht nur an das Predigen über die Bibel. Ich empfehle ein Leben des täglichen Eintauchens in die Bibel.

Zuallererst empfehle ich, jährlich die ganze Bibel durchzulesen, Buch für Buch, 20 Jahre am Stück. Du wirst dich verändern. Du wirst sehen, wie die gesamte Geschichte der Bibel sich entfaltet und du wirst anfangen, die Welt mit neuen Augen zu sehen.

Ein weiterer Vorschlag ist, sich ein Buch des Alten und ein Buch des Neuen Testaments auszusuchen und tief zu graben. Mache diese zwei Bücher für den Rest deines Lebens zu deinem besonderen Projekt. Ich persönlich mache das mit Jesaja und Römer. Sie machen süchtig. Ich habe sie sowohl auf Englisch, meiner Muttersprache, häufig gelesen als auch in den biblischen Sprachen, und habe Artikel und Kommentare zu ihnen gesammelt. Und ich bin so froh, direkt ins kalte Wasser gesprungen zu sein. Sowohl Jesaja als auch Römer sind wie theologische Kreuzungen, wo der gesamte Verkehr der Bibel hindurchfährt. Durch diese zwei Bücher habe ich ein tieferes Verständnis der gesamten Bibel erlangt. Aber such du dir deine zwei Bücher aus und leg los!

Nicht zuletzt, wenn es dir möglich ist, lies die komplette Bibel in ihren Ursprachen. Wenn du kein Hebräisch oder Griechisch kannst, ist das nicht schlimm, die Elberfelder Übersetzung zum Beispiel ist sehr nah am Original und damit ausreichend. Wenn du dir die biblischen Sprachen aber angeeignet hast, verlerne sie nicht!

Wie hoch mag wohl der Prozentsatz an Christen sein, die in den letzten 2000 Jahren das Privileg hatten, Bibelhebräisch und Bibelgriechisch lesen zu können? Nach dem Tod des Kirchenvaters Hieronymus 420 n. Chr. gab es nur eine Handvoll Christen in der westlichen Welt, die Hebräisch und Griechisch konnten. Und wenn du heute zu den wenigen Privilegierten gehörst, die diese Fähigkeit besitzen, dann geh auf deine Knie und danke Gott dafür! Und dann lies, lies, lies die Bibel in ihren Ursprachen.

Ich kann mir kaum einen Pastor vorstellen, der am Ende seines Lebens bereut, die Bibel zu gut zu kennen. Ich habe auch noch nie von einem Gemeindemitglied gehört, das sich über die zu umfassenden Bibelkenntnisse seines Pastors beschwerte. Was ich aber tatsächlich gehört habe, ist die Geschichte eines Gemeindeleiters in Schottland, der einmal Besuch von einer Gruppe muslimischer Gelehrter bekam, die hinterher sagten: „Eure heiligen Männer kennen ihre heilige Schrift nicht.“ Lass nicht zu, dass so etwas über dich gesagt wird! Setze dir Ziele und gib alles, sie zu erreichen. Durch Gottes Gnade wirst du reiche Frucht ernten.

Mann unter Männern

Drittens, jeder Mann braucht Brüder – nicht nur Bekannte.

Als Jonathan den Glauben Davids in Aktion sah – was für ein Anblick muss das gewesen sein, als David Goliaths abgehackten Kopf zu der israelitischen Armee schleppte –, „da verband sich die Seele Jonathans mit der Seele Davids, und Jonathan gewann ihn lieb wie seine eigene Seele“ (1Sam 18,1). Jonathan sah in David den mutigen Glauben und die tapfere Männlichkeit, die sein Herz erfreuten, und er dachte: „Dieser gottgefällige Riesenbezwinger soll Teil meines Lebens werden!“ Aus ihnen wurden unzertrennliche Freunde, eng wie Brüder, und mutige Verbündete.

Jeder Pastor braucht inspirierende, glaubensstarke Männer, die sich danach sehnen, Dinge zu erleben, die nur Gott vollbringen kann; ehrliche Männer, die einander wirklich lieben, Männer, die sich furchtlos einander verpflichten und deren Seelen sich verbinden. Das alles hat seinen Preis. Aber der Herr ist dabei: „So sei der Herr [Zeuge] zwischen mir und dir, zwischen meinem Samen und deinem Samen ewiglich“ (1Sam 20,42). Diese Männer waren voller Hingabe, weil Christus selbst voller Hingabe ist.

Hast auch du dich anderen Männern Gottes verpflichtet? Ist das heilige Band zwischen euch so stark und die Freude der Bruderschaft so groß, dass egoistische Ambitionen keinen Platz haben? Wenn du diesen mutigen Schritt nicht gehst, wird dein Dienst nicht die Frucht bringen, die er könnte. Und das wäre auch richtig so. Du wirst vielleicht sogar feststellen, dass du auf halber Strecke steckenbleibst.

Als David und Jonathan sich das letzte Mal sahen, heißt es in der Bibel: „[D]a machte sich Jonathan, Sauls Sohn, auf und ging hin zu David nach Horescha und stärkte dessen Hand in Gott“ (1Sam 23,16). David war in einer ausweglosen Lage und Jonathan eilte ihm zu Hilfe. Dabei machte er ihm dieses nobles Versprechen: „[D]u wirst König werden über Israel, und ich will der Nächste nach dir sein!“ (1Sam 23,17). Jonathan gab seinen rechtmäßigen Anspruch auf den Thron auf und versprach David seine Hilfe.

Ich frage mich, wie oft David später noch an Jonathan dachte, nachdem dieser gestorben war und er selbst als König regierte. Vielleicht dachte er sich: „Jonathan, mein geliebter Bruder, ich wünsche mir so sehr, du wärst hier! Aber in meinen Gedanken bist du hier und stärkst noch immer meine Hand in Gott!“ Ich frage mich, in wie vielen Psalmen wohl die ermutigenden Worte Jonathans Nachhall fanden: „David, der Herr ist dein Hirte, dir wird nichts mangeln.“ Oder: „David, der Herr erforscht dich und kennt dich. Du bist gesehen!" Vielleicht hat David Jonathans tröstende und belebende Worte in Psalm 23 und in Psalm 139 aufgenommen, die dadurch auch an uns überliefert worden sind. Auch du kannst eine Kraftquelle sein, selbst nachdem du diese Welt verlassen hast. Und deine Worte können noch immer nachhallen, selbst nachdem du verstummt bist. Wie? Indem du dich im Glauben an Christus selbstlos mit einem Bruder verbündest!

Vielleicht denken jetzt einige, ich spreche davon, Rechenschaft abzulegen. Aber „Rechenschaft ablegen“ kann zu Zwang und Unterdrückung führen. Was ich vorschlage, ist etwas Großes. Sammle um dich christliche Männer, die du besonders respektierst und die den Mut haben, sich in Bruderschaft zusammenzuschließen. Und dann verpflichtet euch einander mit Leib und Seele zur Ehre Christi. Werdet „Blutsbrüder“ wie damals und lasst nicht zu, dass euch jemals etwas auseinanderbringt.

Was für eine Kraft wird das bringen, für diese Generation und die nächste! Um meinen lieben Vater zu zitieren, der mir wahre Freundschaft vorgelebt hat: „Geh ein wenig auf Risiko und halte nichts zurück!“

Ray Ortlund ist Leiter von Renewal Ministries und ist für The Gospel Coalition tätig. Er gründete die Immanuel Church in Nashville, Tennessee (USA), und dient dort als Pastor für Pastoren.