Selbstbewusst

Rezension von Jen Oshman
30. September 2021 — 11 Min Lesedauer

In deiner Gemeinde ist eine Frau, die New York Times-Bestseller-Autorin ist, dazu Gründerin und Geschäftsführerin eines Medienunternehmens, Produzentin eines Business-Podcasts sowie gefragte Motivationsrednerin. Sie betreibt eine Lifestyle-Website und ist Influencerin mit globaler Reichweite.

Und nicht nur das. Sie verhält sich so, als könnte sie deine beste Freundin von nebenan sein. Ihr transparenter Stil – teils chaotische Geschichten, wie das Leben sie schreibt – und ihre bewährten Erfolgsrezepte haben ihr mehr als eine Million Anhänger in den Sozialen Medien eingebracht.

Als bekennender Christ solltest du der Tatsache ins Auge sehen, dass Rachel Hollis bereits gewisse Beziehungen zu den Frauen in deinen Kirchenbänken aufgebaut hat. Ihr erstes Selbsthilfebuch, Girl, Wash Your Face, erschien 2018 [die deutsche Ausgabe Schmink’s dir ab erschien 2019]. Es war monatelang die Nr. 1 auf der amerikanischen Amazon-Seite in den Kategorien Personal Growth and Christianity sowie Women’s Christian Living.

Mit ihrem neuen Buch Selbstbewusst: Umarme das Leben und steh zu dir! (Originaltitel: Girl, Stop Apologizing: A Shame-Free Plan for Embracing and Achieving Your Goals) nimmt Hollis weiter Fahrt auf. Sie möchte, dass du an dich selbst glaubst, dass du auf deine harte Arbeit und deine Leistungen stolz bist – und zwar unbefangen und mit Begeisterung. Sie möchte, dass du deine Träume mit aller Kraft verfolgst, ohne dich dafür rechtfertigen zu müssen.

Hollis’ Botschaft lautet: „Alles, was wirklich eine Rolle spielt, ist, wie wichtig dir deine Träume sind und was du bereit bist zu tun, um sie zu verwirklichen“ (S. 119).

Doch ich fürchte, das steht für eine bekennende Christin in direktem Widerspruch zu Jesu Worten:

„Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es retten. Denn was hilft es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sich selbst verliert oder schädigt?“ (Lk 9,23–25)

Jesus sagt: Verleugne dich selbst. Hollis sagt: Glaub an dich selbst.

In dieser gefallenen Welt ist jede Frau versucht zu glauben, ihr Leben sei mittelmäßig und enttäuschend. Wenn dir jemand zuruft, „dass du für mehr gemacht wurdest“ (S. 22), dann klingt das verführerisch. Natürlich werden Frauen sich aufmachen, um durchzustarten, wenn sie hören, dass alles, was sie zum Erreichen ihrer Träume brauchen, in ihnen selbst liegt. Sie werden sich an Hollis orientieren, die ihr Imperium mit lediglich einem High School-Abschluss sowie enormer Energie und Ausdauer aufgebaut hat und somit ihre eigene lebendige Rechtfertigung ist.

Aus Hollis’ Perspektive finden wir die Rettung in uns selbst:

„Dein wahres Ich ist für mehr bestimmt … für deine Version von mehr. Das ist der Mensch, als der du erschaffen wurdest, und der erste Schritt, um diese Vision zur Realität zu machen, besteht darin, dass du aufhörst, dich dafür zu entschuldigen, dass du diesen Traum überhaupt hast. Wie Lady Gaga sagt: Baby, you were born this way – du wurdest so geboren. […] Es ist an der Zeit, die Person zu werden, als die du erschaffen wurdest.“ (S. 257–258)

Um das zu erreichen empfiehlt Hollis: „Lerne zuerst, dich richtig zu lieben und dir etwas zuzutrauen, und dann streck dich nach mehr aus“ (S. 96). Sie ermutigt ihre Leser, sich zehn Träume zu überlegen, diese jeden Tag aufzuschreiben und sich dabei die Vision ihres zukünftigen Ichs vor Augen zu malen, damit sich ihr Unterbewusstsein mehr und mehr darauf einlässt. Als Beispiel für einen ihrer eigenen Träume nennt sie: „Ich fliege nur erster Klasse“ (S. 139).

Diese Übungen sind immens weit entfernt von Selbstverleugnung. De facto geht es hier um den uneingeschränkten Glauben an sich selbst.

„Jesus verheißt den Beladenen Ruhe, ein sanftes Joch und eine leichte Last (Mt 11,30), aber Hollis’ Botschaft der Selbstbestimmung gleicht einer Verurteilung.“
 

Doch dieser Glaube an sich selbst ist nur für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe in einem ganz bestimmten Kontext sinnvoll. Denn welchen Menschen im Lauf der Weltgeschichte war bzw. ist es zumutbar, zu „glauben, dass du in der Lage bist, die Veränderungen vorzunehmen, die nötig sind, um die Art von Person zu werden, die du sein willst“ (S. 45)? Es ist nicht mehr als ein grausamer Witz, zu Behinderten, Armen oder Unterdrückten zu sagen: „[…] du musst jetzt beschließen, dass du sein kannst, wer immer du sein willst, und erreichen kannst, was immer du erreichen willst“ (S. 45). Auch wenn das vielleicht auf Hollis zutreffen mag – eine weiße Frau im Kalifornien des 21. Jahrhunderts –, ist es für einen Großteil der Menschen kein realistischer Rat. Jesus verheißt den Beladenen Ruhe, ein sanftes Joch und eine leichte Last (Mt 11,30), aber Hollis’ Botschaft der Selbstbestimmung gleicht einer Verurteilung.

Jesus sagt: Nimm dein Kreuz auf dich täglich. Hollis überlegt, ob du für so etwas Zeit hast.

Hollis fragt: „Stehen in deinem Plan Dinge, die dein Leben besser machen werden, oder wird er von den Wünschen und Bedürfnissen aller anderen diktiert?“ (S. 54). Sie argumentiert: „Gelegentlich genervt zu sein ist ein Teil des Lebens, und wenn du bereit bist, für [jemand anderen] nervige Dinge auf dich zu nehmen, solltest du auch bereit sein, zu verlangen, dass er dasselbe für dich tut“ (S. 181).

Wie es ihr damit geht, bei ihren Kindern zuhause zu bleiben, beschreibt Hollis so:

„Das entspricht nicht meiner geistigen Begabung. Das ist einfach nicht mein Ding. Weißt du, was mein Ding ist? Ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, ein Team zu leiten, Bücher zu schreiben, Grundsatzreden zu halten, auf den sozialen Medien zu posten, Strategien zu entwerfen, Marken zu entwickeln, Öffentlichkeitsarbeit zu machen und Live-Veranstaltungen zu planen, zu denen tausende von Frauen aus der ganzen Welt kommen, um sich inspirieren zu lassen.“ (S. 115–116)

Ehe du nun denkst, ich verurteile Hollis dafür, eine berufstätige Mutter zu sein, lass mich dir versichern: Das tue ich nicht. Meine Kinder kennen mich nur als berufstätige Mutter, sie haben nie etwas anderes erlebt. Aber sein Kreuz auf sich zu nehmen, anderen opferbereit zu dienen und mit anstrengenden, chaotischen, fordernden Kindern zuhause zu bleiben, von denen man am Ende des Tages kein „Danke“ erwarten mag, ist niemandes Ding. Ich fürchte, dass viele Hollis’ Anweisungen nur zu gerne beherzigen werden. Das wiederum wird dazu führen, dass Ehefrauen, Mütter, Töchter, Schwestern und Freundinnen – auf diese Weise bestärkt – abwesend sein werden, weil sie lieber ihren Träumen hinterherjagen, als diese Geringsten zu lieben.

Es ist durchaus möglich, eine passionierte und hart arbeitende christliche Geschäftsfrau zu sein, die ihre Träume verwirklicht, ohne ihre Seele zu verlieren. Ich habe viele solcher Frauen kennengelernt. Ich habe gesehen, wie sie täglich bekennen, dass sie ihren Schöpfer und Retter brauchen. Ich habe ihre harte Arbeit für das Reich Gottes bewundert und Gott gepriesen für ihr Zeugnis, dass alles, was sie tun und haben, nur durch und für Jesus geschieht (Kol 1,16). Natürlich gibt es Mittel und Wege, ein Geschäft aufzubauen, Karriere zu machen und vielleicht sogar ein globales Imperium zu errichten, die von der Liebe zu Gott und zum Nächsten geprägt sind.

Aber die Methoden, die in Selbstbewusst vermittelt werden, sind kein geeigneter Weg, um das zu erreichen.

Jesus sagt: Folge mir nach. Hollis sagt, dass du dir selbst folgen sollst – und ihr.

In ihrer Einleitung sagt Hollis: „Ich bin keine Expertin. Ich bin nur deine Freundin Rachel und möchte dir sagen, was für mich funktioniert hat“ (S. 25). Dementsprechend ist das Buch auch aufgebaut: zunächst das Loslassen von Ausreden, dann das Annehmen von bestimmten Verhaltensweisen und schließlich der Erwerb der notwendigen Fähigkeiten, um deine Träume wahr werden zu lassen.

Wenn du ihr weiter folgst, wirst du angewiesen, ausschließlich dir selbst zu folgen. Hollis befindet, dass du dir selbst so rückhaltlos folgen sollst, dass gelegentlich aufkommende Schuldgefühle rasch abgetan werden sollten als:

„Heiliger Mist. Nein, ernsthaft. [Schuldgefühle sind] eine Ladung angehäufter Mist unter dem Deckmantel der Heiligkeit. Es interessiert mich nicht, mit welcher Religion du aufgewachsen bist. Dein Schöpfer hat dich weder Schuld noch Scham gelehrt. Es waren Menschen, die dich Schuld und Scham gelehrt haben.“ (S. 81–82)

Folge dir selbst. Keine Ausreden.

Du wirst vielleicht die Welt gewinnen, aber deine Seele verlieren.

Wenn du auf Rachel Hollis hörst, wirst du vielleicht die Welt gewinnen. Aber was ist mit deiner Seele?

Ich bitte dich hiermit, dich von Hollis’ Lehre zu distanzieren, weil sie dich auslaugen wird und weil sie Verdammnis im Gepäck hat. An dich selbst zu glauben muss dich auslaugen, weil dieser Glaube immer nur so gut sein kann, wie du selbst es bist. Er wird nur funktionieren, so lange wir genügend Energie haben und uns gut verhalten und richtig denken. Doch wir wissen nur zu gut, dass wir müde werden, Fehler machen und versagen. Für dieses Leben benötigen wir mehr als das, was wir aus uns selbst hervorzaubern können. Ironischerweise wird dich der Glaube an dich selbst nicht in die Freiheit führen oder zur Ganzheit oder auf den Gipfel deiner Träume, sondern in die Versklavung. In die Versklavung an das Selbst.

„Lass uns mit einer Entschuldigung beginnen. Wenden wir uns doch von unserem selbstzentrierten Lebensstil ab, hin zu einem Jesus-zentrierten Lebensstil – und wir werden darin wahres Leben finden.“
 

Und zum anderen führt der Glaube an dich selbst zur Verdammnis. Es ist töricht und tragisch, ein self-made Ich dem liebevollen Wirken Gottes vorzuziehen, der uns einen Weg eröffnet hat, um mit Ihm versöhnt zu werden. So lange wir nicht auf unsere Knie fallen, mit unserem Selbst brechen und uns der Güte unseres liebenden Vaters anvertrauen, bleiben wir im Herrschaftsbereich der Finsternis, für die Hölle bestimmt, wie wir es als gerechten Lohn für unsere Sünde verdienen (Kol 1,13; Joh 3,36; Röm 6,23).

Meine Freundin, unser Vater im Himmel steht bereit, um uns zu versetzen „in das Reich des Sohnes seiner Liebe, in dem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Sünden“ (Kol 1,13–14). Es steht viel auf dem Spiel. Es geht um die Ewigkeit. Um Himmel und Hölle. Jetzt ist nicht die Zeit, um an dich selbst zu glauben. Dies ist ein bluterkaufter Augenblick, in dem du dich von dir selbst abwenden und dein Vertrauen auf Christus setzen kannst.

Das Leben, das sich wirklich lohnt, beginnt mit einer Entschuldigung.

Im Gegensatz zur Botschaft von Selbstbewusst [der Originaltitel lautet übersetzt: Mädchen, hör auf, dich zu entschuldigen] werden wir nur dann zu den Frauen, die wir eigentlich sein sollten, wenn wir mit einer Entschuldigung beginnen. Es beginnt mit dem demütigen Eingeständnis, dass wir von einem herrlichen und heiligen Gott geschaffen wurden, aber jeden Tag auf vielfache Weise gegen Ihn rebellieren. Es beginnt mit der Erkenntnis, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, um uns zu retten. Und weil wir einst hoffnungslos verlorene Sünder waren, denen nun aus Gnade vergeben wurde, beginnt es – und geht weiter und endet – damit, Christus mehr zu schätzen als alles andere.

Die Frauen zu werden, die wir sein sollten, bedeutet, Jesus nachzufolgen, an Jesus zu glauben, für Jesus zu leben – und nicht uns selbst. Die Schrift könnte es gar nicht deutlicher sagen:

„Denn die Liebe des Christus drängt uns, da wir von diesem überzeugt sind: Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben; und er ist deshalb für alle gestorben, damit die, welche leben, nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und auferstanden ist.“ (2Kor 5,14–15; Hervorhebung hinzugefügt)

Wir wurden geschaffen, um mehr als nur self-made zu sein. Wir sind von Gott gemacht. Von Ihm gerettet. Von Ihm geliebt. Nur wenn wir unser Leben und unsere Träume an Ihm ausrichten, werden wir wahre und bleibende Freude erleben.

Lass uns mit einer Entschuldigung beginnen. Wenden wir uns doch von unserem selbstzentrierten Lebensstil ab, hin zu einem Jesus-zentrierten Lebensstil – und wir werden darin wahres Leben finden. Denn in Ihm, nicht in uns selbst, finden wir den Weg zum Leben, Freude in Fülle und ewige Wonne (Ps 16,11).

Jen Oshman ist Ehefrau und Mutter von vier Töchtern. Sie war als Missionarin fast zwei Jahrzehnte lang auf drei Kontinenten tätig. Aktuell lebt sie in Colorado, wo sie und ihr Mann für Pioneers International arbeiten. Außerdem unterstützt sie ihren Mann bei der Gründung der Redemption Gemeinde in Parker.