Ankern

Rezension von David Brunner
23. September 2021 — 11 Min Lesedauer

„Ich glaube nicht mehr“ ist ein Satz, den ich in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder hörte und las. Der Grund: progressive Theologie. Was verbirgt sich dahinter? Was ist das eigentlich, diese „progressive Theologie“? Wieso ist der Gott progressiver Christen nicht gleichzusetzen mit dem Gott historischer Christen? Was sind überhaupt historische Christen und progressive Christen, historisches Christentum und progressives Christentum? Sind die einen „veraltet“ und die andern „fortschrittlich“?

Auf diese Fragen liefert Alisa Childers profunde und theologisch sauber durchdachte Antworten. Ihr Buch trägt (auf deutsch) zurecht den Untertitel „Eine Verteidigung der biblischen Fundamente in postmodernen Gewässern“. Der englische Originaltitel drückt es vielleicht noch drastischer aus: Another Gospel? („Ein anderes Evangelium?”)

Es geht darum, ob „progressive Theologie“ den Glauben stärkt oder schwächt; ob die Erkenntnisse so genannter “progressiver Theologen“ dazu führen, dass Menschen in ihrem Glauben an Jesus Christus fester verwurzelt oder aus diesem Glauben entwurzelt werden.

Was muss man darunter verstehen?

„Heute sind viele populäre christliche Autoren, Blogger und Redner progressiv. Ganze Denominationen sind inzwischen voller Leute, die sich so nennen. Dennoch sitzen viele andere Christen Sonntag für Sonntag in den Kirchenbänken, ohne auch nur zu ahnen, dass ihre Gemeinde sich eine progressive Theologie zu eigen gemacht hat. Progressive Christen meiden absolute Aussagen und sammeln sich typischerweise nicht um Glaubensbekenntnisse oder Glaubensaussagen. Der progressive Blogger John Pavlovitz etwa schrieb im progressiven Christentum gebe es ‚keine heiligen Kühe‘. Um progressives Gedankengut zu erkennen, mag es deshalb hilfreich sein, den Finger auf gewisse Hinweise, Stimmungen und Haltungen gegenüber Gott und der Bibel zu legen.  So betrachten progressive Christen die Bibel etwa als ein vorwiegend menschliches Buch und betonen das persönliche Gewissen und die persönliche Lebenspraxis gegenüber Gewissheiten und Überzeugungen. Außerdem neigen sie dazu, wesentliche Glaubenslehren, wie die Jungfrauengeburt, die Göttlichkeit Jesu und seine leibliche Auferstehung, umzudefinieren, neu zu interpretieren oder gar ganz abzulehnen.“ (S. 18)

Sicherlich keine allumfassende Definition von „progressivem Christentum“, aber Childers gibt hierdurch schon einmal ein paar Gedanken mit auf den Weg, wie sie „progressives Christentum“ sieht. Übrigens: Im weiteren Verlauf des Buches zitiert sie immer wieder sehr viele unterschiedliche Vertreter des progressiven Christentums (wie bspw. Brian McLaren, Nadia Bolz-Weber, Rachel Held Evans, Jen Hatmaker, Rob Bell, Brian Zahnd), so dass am Ende des Buches ein weitaus klareres Bild gezeichnet ist, was „progressives Christentum“ bedeutet.

Persönlich betroffen

Childers schreibt nicht distanziert, sondern als direkt Betroffene. Durch das gesamte Buch ziehen sich ihre Notizen und Erinnerungen an einen „theologischen Kurs“ in der Gemeinde, die sie vor einigen Jahren mit ihrem Ehemann besuchte. Der Pastor dieser Gemeinde (ein Agnostiker, wie er sich selbst bezeichnete) bot einen Kurs an, in dem so ziemlich alles hinterfragt wurde, was Childers bis dahin glaubte:

„Während dieses Seminars wurden meine Überzeugungen infrage gestellt, mein Glaube erschüttert und mein Innerstes in Aufruhr versetzt.“ (S. 6)

Nicht nur auf einer Meta-Ebene, ihren Glauben als metaphysisches Gedankengebilde betreffend, war diese Erschütterung real, sondern ganz praktisch in ihrem Alltag, dem das Fundament, der Boden unter den Füßen entzogen wurde.

„Es war dunkel. Ich saß alles andere als bequem in einem Schaukelstuhl, dessen Armlehnen sich mir unangenehm in die Hüfte drückten. Mein unruhiges Kleinkind in den Armen wiegend, sang ich leise eine Hymne in die Dunkelheit – eine Dunkelheit, die mir so undurchdringlich vorkam, als könne sie meine Schluchzer in dem Moment ersticken, in dem sie meine Kehle verließen. Ich wandte mich an einen Gott, von dem ich nicht mehr länger wusste, ob es ihn überhaupt gab. ‚Gott, ich weiß, du bist real‘, flüsterte ich. ‚Bitte lass mich deine Gegenwart spüren. Bitte.‘ Nichts.“ (S. 11)

Das gesamte Buch hindurch beschreibt Childers diese ganz persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse – sie sind teilweise nur schwer zu ertragen, wenn man sich vor Augen führt, in welche Zweifel, welche Tiefen und in welche Schwärze sie dadurch hineingeworfen wurde. Zwar ist Childers im christlichen Glauben aufgewachsen und großgeworden – bezeichnet sich aber selbst als schon immer kritisch denkend und hinterfragend, ist also alles andere als das „fromme US-Girl“, das man sich aus dem amerikanischen Bible Belt so vorstellt.

Ja, sie geht mit manchem, was sie in ihrem „christlichen Leben“ so erfahren und was ihr begegnet ist, durchaus kritisch ins Gericht. Sie spricht immer wieder von den Kieselsteinchen in den eigenen Schuhen, die beim Gehen drücken und schmerzen, die man widerwillig in Kauf nimmt und weiß „da stört etwas“ – aber dem keine größere Bedeutung beimisst oder es schnell mal wegdrückt.

So beschreibt Childers auch diverse Erlebnisse, die sie als Teil der Band ZOEGirl hatte, während sie in den USA (und darüber hinaus) auf Tour war. Sie schreibt davon, wie so mancher Bekehrungsaufruf anderer Prediger auf der Bühne so ein Kieselsteinchen im Schuh war. Nicht, weil sie nicht theologisch dahinter gestanden wäre, sondern weil sie sich fragte, wie es wohl mit den (vielen) Teenagern, die in einem besonderen Moment ihr Leben Jesus übergaben, nach diesem Ereignis wohl weiterginge (vgl. Kapitel 2: „Die Steine in meinen Schuhen“).

Diese lange „Einleitung“ stelle ich deswegen voran, weil sie zwei wichtige Grundlagen verdeutlicht:

  1. Childers schreibt nicht wie ein Blinder von der Farbe sondern als jemand, der in progressive Theologie direkt involviert war und sich intensiv damit auseinandersetzte.
  2. Childers schaut selbstkritisch und selbstoffenbarend auf ihre eigene Glaubensbiografie zurück, erkennt Schwachstellen genauso wie Stärken und glorifiziert nichts von dem, wie sie ihren Glauben lebte, wie sie ihn vermittelt bekam und wie sie darin aufwuchs.

Auf diese Weise kann Childers überzeugend von der Folge progressiver Theologie schreiben, nämlich der Dekonstruktion des Glaubens, während sie hier (wie die meisten progressiven Christen und Theologen) nicht stehen bleibt, sondern im letzten Kapitel ihres Buches von der Rekonstruktion des Glaubens schreibt.

Progressiv vs. Historisch

Auf dieses „Duell“ läuft es im Buch immer wieder – zurecht – hinaus. In den zwölf Kapiteln widmet sich Childers wichtigen theologischen Fragen, welche mal mehr oder weniger von der Peripherie her kommend, das „Grundkorsett“ des christlichen Glaubens ausmachen:

  • Ist Jesus Gott oder nur Mensch?
  • Ist die Bibel göttlich inspiriert oder doch (vor allem) nur ein von Menschen verfasstes Werk?
  • Gibt es Himmel und Hölle – auch in der Ewigkeit, nicht nur als irdische Bildsprache?
  • Welche Bedeutung hat der Tod Jesu am Kreuz?
  • Wie bindend oder inspirierend ist die Bibel im Blick auf ethische Themen von heute wie bspw. die Gender-Frage oder Homosexualität?
  • Beten alle Religionen den gleichen Gott an oder gibt es Unterschiede?

Diesen Fragen geht Childers meist auf dreifache Weise auf den Grund, ohne dabei ein bestimmtes Schema zugrunde zu legen:

  1. Childers lässt Vertreter des „progressiven Christentums“ zu Wort kommen.
  2. Childers beschreibt Gespräche und Treffen des oben genannten Kurses in der Gemeinde.
  3. Childers kontrastiert diese Aussagen mit den Zeugen der ersten Christenheit, also Vertretern der so genannten „Alten Kirche“ (ca. erstes bis drittes Jahrhundert).

Dabei trifft Childers eine grundlegende Entscheidung, die ich vortrefflich finde und für mich der wahre „Knackpunkt“ ist. Sie kontrastiert die Theorien und Theologie des progressiven Christentums nicht mit einer Theologie einer anderen theologischen Strömung der heutigen Zeit.

„Die Ideen der ‚progressiven Theologie‘ sind alles andere als ‚neu‘ oder ‚innovativ‘. Sie sind uralt und in der Kirchengeschichte schon längst als Häresie (Irrlehre) verworfen worden.“
 

Vielmehr kontrastiert sie diese Aussagen mit den Aussagen, die wir in den ersten Aufzeichnungen der christlichen Gemeinde, in der Epoche der so genannten „Alten Kirche“, finden. Dieser Zeitraum belegt nämlich (wie es Childers auch immer wieder erwähnt): Die Ideen der „progressiven Theologie“ sind alles andere als „neu“ oder „innovativ“. Sie sind uralt und in der Kirchengeschichte schon längst als Häresie (Irrlehre) verworfen worden.

Demgegenüber ist der Kern des christlichen Glaubens „historisch“ (und nicht „traditionell“ oder „konservativ“), da er sich auf ein historisches Ereignis (das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu) bezieht und in der Geschichte (Historie) der ersten Christen immer wieder auftaucht. Childers schreibt:

„Während meine tiefen Überzeugungen von dem progressiven Pastor und meinen Mit-Kursteilnehmern regelmäßig infrage gestellt wurden, war ich bemüht, zu den Wurzeln unsres Glaubens zurückzugelangen – zu dem, was ich ‚historisches Christentum‘ nenne.Warum habe ich mich für das Wort ‚historisch’ entschieden statt für “traditionell” oder ‚konservativ‘? Wahrscheinlich deshalb, weil diese Ausdrücke zu viel Gepäck mit sich herum tragen. Sie können für unterschiedliche Leute sehr verschiedene Bedeutungen haben. Ich nenne es ‚historisch‘, weil es genau darum geht.Zwischen den Glaubensbekenntnissen aus vor-neutestamentlicher Zeit und den neutestamentlichen Dokumenten definierten die ursprünglichen Glaubenssätze das Christentum, die es einzigartig in der Welt gemacht haben.“ (S. 54)

Childers erwähnt es in Ankern immer wieder: Hinter ihr liegen Jahre der Auseinandersetzung und der Beschäftigung mit historischem Christentum, progressivem Christentum und Apologetik. Und das merkt man. Was Childers schreibt, schreibt kein Mensch einfach mal so. Man spürt sowohl ihre persönliche Betroffenheit, ihre Leidenschaft wie auch die tiefen theologischen Wahrheiten, die sie benennt.

Und hier wird das Buch sicherlich nicht jedem schmecken – schon gar nicht Vertretern progressiver Theologie, denn Childers kommt zu klaren Erkenntnissen und scheut sich nicht, diese auch in Worte zu fassen.

Zum Beispiel über die Frage nach Himmel und Hölle.

„Ich sage jetzt etwas Unpopuläres. Wir leben in einer Kultur, in der es als arrogant, ja hasserfüllt gilt, wenn man dogmatische Aussagen über die Realität macht. Aber wenn wir glauben, dass die Bibel wahr ist – wenn wir unserem Herrn Jesus folgen –, dann müssen wir mit ihm dies bejahen: Der Himmel ist real. Die Hölle ist real. Und eines Tages wird die Tür sich schließen.“ (S. 228)

Oder auch im Blick auf die Frage nach dem Sühnetod Jesu im Kapitel „Kosmische Kindesmisshandlung“ (so wird das Kreuzesgeschehen mitunter von progressiven Theologen bezeichnet):

„Progressive Christen glauben, sie stellen Gott in einem toleranteren Licht dar, indem sie den stellvertretenden Sühnetod Jesu verneinen. Aber in Wirklichkeit konstruieren sie damit nur einen co-abhängigen und ohnmächtigen Gott, der dem Bösen nichts entgegenzusetzen hat. Dieser Gott ist nicht wirklich gut. Dieser Gott ist nicht der Gott der Bibel. Dieser Gott kann niemanden retten.“ (S. 252)

Fazit

Doch damit möchte ich diese Buchvorstellung nicht enden lassen. Ich will es Childers gleichtun und mit ihren Worten der Hoffnung enden. Denn das macht dieses Buch: Hoffnung.

Man muss weder beim Schaden, den progressive Theologie in den Gemeinden angerichtet hat, stehen bleiben noch beim Schaden, den Menschen persönlich genommen haben. Es gibt Antworten. Oder wie Childers in Ankern ihr persönliches „Umdenken“ beschreibt:

„Mir war, als käme ein Rettungsboot auf mich zugeschossen, und der Kapitän rief mir zu: ‚Es gibt Antworten! Steig ins Boot! Es gibt Antworten!‘ Wenn Sie auch das Gefühl haben, Ihr Schiff reißt sich aus der Verankerung aufgrund von tiefen Verletzungen, Zweifeln, oder den überzeugend klingenden Einwänden eines progressiven Christen, dann hören Sie bitte genau hin: Es. Gibt. Antworten.“ (S. 256)

Und diese findest du schon in diesem Buch Ankern. Alisa Childers liefert aber nicht nur Antworten. Als US-Amerikanerin schreibt sie über das, was progressive Theologie in den USA und vor allem in christlichen Gemeinden anrichtet. Erfahrungsgemäß schwappt das, was „über dem großen Teich“ geschieht, wenige Jahre auch nach Europa. Insofern ist ihr Buch ein prophetischer Weckruf und ich wünschte, dass viele, viele Christen ihr Buch lesen.

Von Herzen dankbar bin ich Dominik Klenk und dem Fontis-Verlag, die das Buch Another Gospel? in deutscher Sprache mit dem Titel Ankern veröffentlicht haben. Am Ende des Buches findet sich nicht nur eine herausragende Literaturliste und jede Menge Fußnoten, sondern auch weitere Materialien und Ressourcen, um weiter dranzubleiben an diesem Thema.

Darüber hinaus finden sich ein Diskussionsleitfaden mit 14 Fragen sowie ein Nachwort von Dr. Dominik Klenk.

Außerdem empfehle ich dir einen Klick auf www.alisachilders.com. Von hier gelangst du zu vielen weiteren hilfreichen Ressourcen – beispielsweise auch zum Podcast von Alisa Childers.

Zusammenfassung

Ankern von Alisa Childers ist eine prophetisch-mahnende Stimme für den deutschsprachigen Raum.

Klar, verständlich und theologisch begründet zeigt Childers in ihrem Buch auf, welchen Schaden „progressive Theologie“ verursachen kann. Gleichzeitig gibt sie dem Leser das an die Hand, was er benötigt: Gesunde, biblisch und historisch fundierte Theologie, um die Geister zu unterscheiden.

Ankern ist ein Buch, wie ich es bisher noch selten gelesen habe: Es bleibt nicht bei einer schonungslosen Problemanzeige stehen, sondern zeigt Alternativen auf. Oder um im Bild des Buchtitels zu bleiben: Ankern malt keine Drohkulisse theologischer Eisberge, sondern zeigt einen Weg, diese Eisberge unbeschadet zu umschiffen.

Buch

Alisa Childers, Ankern. Eine Verteidigung der biblischen Fundamente in postmodernen Gewässern, fontis 2021, 288 Seiten, 20 Euro.

David Brunner ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Baden (wutachblick.de), Blogger (david-brunner.de), verheiratet und Vater von zwei Kindern. Jesus, Gemeinde und Leiterschaft sind seine Themen auf dem Blog – darüber hinaus ist er passionierter Fußballer, begeisterter Leser und liebt guten Single Malt Whisky.

Die Rezension erschien zuerst im Blog von David Brunner. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.

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