Der Heilige Geist, das Gebet und die Predigt

Artikel von David Helm
15. September 2021 — 7 Min Lesedauer

In letzter Zeit bin ich mehr und mehr zu der Überzeugung gelangt, dass das größte Bedürfnis der heutigen Gemeinde ein erneutes und andauerndes Wirken des Heiligen Geistes ist. Dabei geht es mir vordergründig nicht um die ohnehin notwendige Voraussetzung, dass der Heilige Geist auf die Gemeinde herabkommen und neues Leben und Kraft geben soll. Vielmehr entspricht diese Überzeugung dem deutlichen Empfinden der Notwendigkeit, dass der Heilige Geist uns die Herrschaft Jesu Christi erneut vor Augen führt.

Wenn die Überzeugung dieser Notwendigkeit in deinem Herzen und in deinem Geist mehr und mehr an Gestalt und Dynamik gewinnt, ist es vielleicht an der Zeit zu fragen: „Wie kann ich sicher sein, dass meine Überzeugung echt ist?“ Oder anders ausgedrückt: „Gibt es irgendwelche sichtbaren Beweise, dass ich diese Überzeugung tatsächlich in mir trage?“

Hingabe im Gebet

Nachdem ich in letzter Zeit sehr gründlich über diese Fragen nachgedacht habe, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass unsere Überzeugung sich auf mindestens zwei Arten ausdrücken würde.

Das erste Anzeichen unserer Überzeugung ist Hingabe im Gebet; die betende Person hat "es begriffen". Tatsächlich bin ich sogar versucht zu behaupten, dass nur diejenigen, die beständig zu Gott beten, auch diejenigen sind, die diese Überzeugung teilen. Denn ihre Gebete sind Zeugen eines Glaubens, dass allein Gott durch das Werk des Heiligen Geistes dazu in der Lage ist, das Wunder der Wiedergeburt zu vollbringen. Wenn das Gebet nicht unsere Visitenkarte ist, so ist das ein Hinweis darauf, dass wir immer noch glauben, es alleine schaffen zu können.

Wenn also meine Annahme stimmt und das Gebet tatsächlich ein offenkundiger Beweis unserer Überzeugung ist, dann wird sich das folgendermaßen zeigen: Diejenigen, die sich wünschen, dass Gott sich in unserer heutigen Zeit erneut durch das Evangelium verherrlicht, werden Menschen sein, die beten.

„Je mehr wir davon überzeugt sind, dass wir den Heiligen Geist brauchen, desto größer wird unsere Hingabe im Gebet sein.“
 

Diese interessante Beziehung entdecken wir auch an mehreren entscheidenden Stellen im Lukasevangelium. Wir erfahren von zumindest vier verschiedenen Begebenheiten, in denen Menschen Jesus in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang zu ihren Gebeten erkennen durften:

  • Kurz bevor Petrus erkennt, dass Jesus der Christus ist, betet Jesus allein (Lk 9,18–20)
  • Petrus, Johannes und Jakobus steigen auf einen Berg, um zu beten. Dort ertönt die Stimme Gottes vom Himmel und offenbart nicht nur die Herrlichkeit des Sohnes, sondern auch, was seine Nachfolger angesichts dieses Wissens tun sollten (9,28–36)
  • Bei seiner Taufe betet Jesus; daraufhin öffnet sich der Himmel, der Heilige Geist kommt herab und eine Stimme aus dem Himmel bestätigt Jesus als Seinen Sohn (3,21–22)
  • Im hohen Alter erkennen Simeon und Anna durch das Wirken des Heiligen Geistes – sowie im Rahmen ihrer beständigen Gebete – wer Jesus ist.

Diese vier Beispiele sind wichtig. Und ich bin fest davon überzeugt, dass sie uns nicht ohne guten Grund gegeben wurden. Sie lehren uns, dass Menschen, die zu Christus gekommen sind, durch das erneuernde und kontinuierliche Wirken des Heiligen Geistes beginnen, Ihm nachzufolgen – und zwar durch Gebet.

Je mehr wir davon überzeugt sind, dass wir den Heiligen Geist brauchen, desto größer wird unsere Hingabe im Gebet sein.

Beschäftigung mit Gottes Wort

Des Weiteren wird sich die Überzeugung, dass wir ein erneutes und andauerndes Wirken des Heiligen Geistes dringend benötigen, nicht nur in offenkundiger Hingabe im Gebet manifestieren, sondern auch in dem zunehmenden Verlangen, sich dem Wort Gottes auszusetzen.

Wenn der Gemeinde wieder bewusst wird, was sie wirklich braucht, werden Menschen und Pastoren gleichermaßen ein Verlangen nach der einfachen und unverblümten Verkündigung des Wortes Gottes entwickeln. Oder anders ausgedrückt wird derjenige, der betet, zwangsläufig auch einen zunehmenden Hunger nach Gottes Wort verspüren.

Der Heilige Geist und Predigen gehen Hand in Hand

Ich bin mir darüber im Klaren, dass viele den Zusammenhang zwischen unserer Überzeugung von der Notwendigkeit des Heiligen Geistes und dem Predigen nicht ohne Weiteres nachvollziehen können. Schließlich wurde vielen von uns – fälschlicherweise – beigebracht, dass wir zwischen einer Verpflichtung gegenüber dem Heiligen Geist und einer Verpflichtung gegenüber dem Wort Gottes wählen müssten. Wir sollten uns also entscheiden zwischen „Glaubwürdigkeit“ einerseits oder „geistlicher Reife“ andererseits. Beides zugleich wäre jedoch nicht erreichbar.

Dieselben Personen wollen uns glauben machen, dass es nur zwei Arten von Gemeinden gibt: „auf den Heiligen Geist ausgerichtete Gemeinden“ oder „Wortzentrierte Gemeinden“; eine ausgeglichene Mischung von beiden sei nicht möglich. Diese gängige Meinung hat sich tief in uns verwurzelt. Dabei haben wir es hier mit einer falschen Dichotomie zu tun; wir müssen uns nämlich nicht entscheiden, wer uns wichtiger sein sollte, unsere ungläubigen Nachbarn oder unsere gläubigen Geschwister.

Um ehrlich zu sein, bin ich des Ganzen ziemlich überdrüssig. Ich habe genug von denen, die solche Diskussionen anzetteln und es so aussehen lassen, als stünden der Geist und das Wort im Widerspruch zueinander. Diese Zweiteilung ist schlicht falsch – und es ist an der Zeit, dass wir lernen, wie wir diese Diskussion ein für alle Mal beenden können.

Ich würde stattdessen argumentieren, dass die Erkenntnis darüber, wie nötig wir ein erneutes und dauerhaftes Wirken des Heiligen Geistes haben, letzten Endes immer zu hingebungsvollem Gebet sowie Eifer für Gottes Wort führt. Das liegt daran, dass das Wirken des Heiligen Geist nicht getrennt werden kann vom Wirken des Wortes und vice versa.

Die Bibel als Vorbild

Obwohl noch wesentlich mehr Beispiele angeführt werden könnten, reicht ein Text allein aus, um dies zu veranschaulichen. Werfen wir einen Blick auf Hebräer 3, insbesondere Vers 7, der so beginnt: „Darum, wie der Heilige Geist spricht […]“.

Diese fünf Worte beinhalten zwei wundervolle Überraschungen. Erstens verweist der Verfasser auf die Autorenschaft des Heiligen Geistes, als er Psalm 95 zitiert. Er schreibt nicht „Wie die Bibel spricht“ oder „Wie der Psalm spricht“ oder sogar „Wie die Schrift spricht“. Stattdessen schreibt er „[…] wie der Heilige Geist spricht […]“.

„Wenn du hören willst, wie Gott heute zu dir spricht, dann geh in dein Zimmer, schließ die Tür und lies die Bibel laut vor.“
 

Das hat eine wichtige Bedeutung. Wenn du die Stimme des Heiligen Geistes hören willst, musst du verstehen, dass sie mit den biblischen Texten auf besondere Weise verwoben ist. Das heißt, dass der Heilige Geist schon seit jeher als Autor anwesend ist, in Worten, die schon vor langer Zeit in der Schrift festgehalten worden sind. Ich glaube, es war John Piper, der in etwa schrieb: „Wenn du hören willst, wie Gott heute zu dir spricht, dann geh in dein Zimmer, schließ die Tür und lies die Bibel laut vor.“ Ich sehe das genauso. Das Wort Gottes ist die Stimme des Geistes. Daher geht unsere Überzeugung, dass wir als Gemeinde ein erneutes und dauerhaftes Wirken des Heiligen Geistes brauchen, zwangsläufig einher mit der Absicht, sich dem Wort Gottes ganz hinzugeben.

Die zweite Überraschung in Hebräer 3,7 ist eine grammatische: Das Verb steht im Präsens! Wir lesen: „Darum, wie der Heilige Geist spricht […]“. Das sollte nicht außer Acht gelassen werden. Psalm 95, der ursprünglich einem Volk aus einer ganz anderen Epoche gegeben wurde, gilt als Gottes aktuelles und lebendiges Wort für die Menschen einer viel späteren Generation – und er betrifft auch uns. Hebräer 3,7 stellt eine fortwährende und aktive Beziehung zwischen dem gegenwärtigen Wirken des Heiligen Geistes um dem in der Predigt ausgelegten Wort Gottes her.

Fazit

Wir müssen von der Notwendigkeit des erneuten und dauerhaften Wirkens des Heiligen Geistes überzeugt sein. Und wir werden wissen, dass sich diese Überzeugung in unserem tiefsten Inneren festgesetzt hat, wenn Hingabe bzw. Verpflichtung zu Gebet und Predigt in uns vorhanden sind.

Diese Überzeugung ist in letzter Zeit mit neuer Kraft in meine eigene Seele eingedrungen. Ich weiß, dass sie authentisch ist, weil Gebet und Predigt zunehmend sichtbare Auswirkungen auf mein Leben haben. Und das Gleiche wünsche ich auch dir.

David Helm ist Hauptpastor der Christ Church Chicago, Vorstandsvorsitzender des Charles Simeon Trust und Mitglied im Vorstand von The Gospel Coalition. Er hat eine Reihe von Büchern verfasst, darunter Gottes einzigartige Geschichte, Expositional Preaching und A Conversation with Jesus. Er und seine Frau Lisa haben fünf Kinder.