Emerging Church

Rezension von Ron Kubsch
7. September 2021 — 4 Min Lesedauer

Patrick Todjeras ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Greifswald und stellvertretender Direktor des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG). Mit Band 14 in der Reihe Beiträge zu Evangelisation und Gemeindeentwicklung (BEG) hat er eine praktisch-theologische Untersuchung über die „Emerging Church“ vorgelegt. Die Arbeit wurde im Wintersemester 2018/19 unter Professor Michael Herbst von der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald als Dissertation angenommen.

Der Autor geht davon aus, dass es sich bei der „Emerging Church“ (dt. etwa „Auftauchende Kirche“) um keine homogene, einheitliche Bewegung handelt. Darum „lässt sich die ‚Emerging Church‘- Konversation als Bewegung beschreiben, die sich in Gruppen und Gemeinschaften kristallisiert sowie in Online-Diskursen agiert“ (S. 23). Ihre Vertreter gehen davon aus, dass unter den Bedingungen der Postmoderne Gespräche stattfinden müssen, in denen „soziologische, kulturelle, gesellschaftliche und philosophische Veränderungen in den westlichen Kulturen mit der religiösen Identität ins Verhältnis gesetzt werden“ (S. 23). Emergente Protagonisten integrieren Widersprüchliches, Interkonfessionelles, altkirchliche sowie außerchristliche Bestände, technische Informations- und Kommunikationstechnologien etc. und fragen nach der Nützlichkeit und Relevanz für die religiöse Identitätsbildung. „Authentizität wird zum Gütesiegel und zugleich zum Containerbegriff“ (S. 675).

Die Untersuchung konzentriert sich insgesamt vor allem auf den englischsprachigen Raum. Die Entwicklung mit all ihren Akteuren, Typen und Strömungen wird ausführlich und akribisch nachgezeichnet. Auch Kritiker der „Emerging Church“, etwa Kevin DeYoung oder D.A. Carson, kommen zu Wort. Todjeras fällt zu Recht auf, dass der Großteil der Kritik aus dem evangelikalen Lager stammt und weniger auf formale oder organisatorische, sondern vielmehr auf theologische Fragen abgezielt (vgl. S. 464). Das leuchtet ein, denn jenseits des evangelikalen Lagers werden die Impulse aus dem Kreis der „Emerging Church“ in der Regel weder als Innovation noch als Anstoß wahrgenommen.

„Die Anliegen der Emerging Church finden im gesamten Spektrum der evangelikalen Bewegung Zuspruch.“
 

Der Missionstheologe Ed Stetzer hat ähnlich wie Scot McKnight zwischen drei Strömungen der Emergenten Bewegung unterschieden. Die Relevanten bleiben „in ihrem (zumeist evangelikalen) Bibelverständnis haften, lediglich die Ausformung des christlichen Lebens für eine postmoderne Generation wird überdacht“ (S. 199). Die Rekonstruktionisten „wenden sich vom Modell der besucherorientierten Gemeinde ab und meinen, dass die vorherrschenden Gemeindemodelle dekonstruiert werden müssen, da sie irrelevant und ineffektiv sind“ (S. 201). Sie wissen sich dem christlichen Glauben, wie sie ihn kennengelernt haben, weiterhin verpflichtet. Die Revisionisten haben sich am weitesten von einer evangelikalen Frömmigkeit entfernt. Sie „lehnen evangelikale Antworten zu Themen, wie die Deutung des Todes Jesu als Sühnetod, die Wirklichkeit der Hölle oder die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen ab. Sie sehen die beiden anderen Strömungen hinsichtlich postmoderner Anpassung als nicht radikal genug an. Vertreter sind: Brian McLaren, Doug Pagitt, Tony Jones, Peter Rollins, John Caputo, Spencer Burke, Rob Bell oder Kester Brewin“ (S. 202–203).

Patrick Todjeras selbst deutet die an Erlebnissen orientierte Theologie als Pendelbewegung zu einer evangelikalen Theologie, die deutlich auf Ämter und christliche Lehre angelegt ist. Insofern ist er gegenüber Anreizen, welche die „Emerging Church“ angestoßen hat, durchaus offen. Von ihr Geleistetes ist aufzunehmen und Fragwürdiges sowie Problematisches abzulehnen (vgl. S. 676). Seiner Meinung nach darf die Erfahrungssättigung nicht zu weitreichenden Relativierungen der christlichen Lehre führen, wie das etwa bei der revisionistischen Strömung der „Emerging Church“-Konversation der Fall ist. „Der göttliche Logos wird von Jesus von Nazareth losgelöst betrachtet, der Stellvertretungsgedanke wird ausgeschieden, die Trinitätslehre wird interreligiös aufgelöst, die Gotteserwählung wird universalisiert“ (S. 637). Patrick Todjeras hat eine sehr umfangreiche und detailreiche Untersuchung zur „Emerging Church“-Konversation vorgelegt. Viele Beobachtungen sind wertvoll und nachdenkenswert, gerade auch im Blick auf die Herausforderungen im deutschsprachigen Raum. Ich hätte mir gewünscht, dass die Betrachtung von Anika Rönz (Materialdienst der EZW, 7/2012, S. 257–263) oder meine eigenen kritischen Erörterungen (z.B. „Eine neue Unübersichtlichkeit: ‚Emerging Church‘ - Was ist das denn?“, 2008) berücksichtigt worden wären. Trotz der meines Erachtens zu optimistischen Erwartungshaltung des Autors wird diese Arbeit im deutschsprachigen Raum bei Diskussionen rund um das Thema eine Rolle spielen. Die „Emerging Church“ ist zwar hierzulande und in Nordamerika mehr oder weniger verschwunden. Ihre Anliegen – besonders auch die des revisionistischen Zweigs – finden freilich inzwischen im gesamten Spektrum der evangelikalen Bewegung Zuspruch.

Buch

Todjeras, Patrick, „Emerging Church“ ein dekonversiver Konversationsraum: Eine praktisch-theologische Untersuchung über ein anglo-amerikanisches Phänomen gelebter Religiösität. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2020. 774 Seiten, 120,00 €.

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.

Diese Rezension ist zuerst in Bibel und Gemeinde (Ausgabe 2/2021) erschienen. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.

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