William Wilberforce

Artikel von Benjamin Schmidt
31. August 2021 — 8 Min Lesedauer

Unsere Zeit ist wirklich turbulent – anders kann man es nicht ausdrücken. Die Hauptursache für all die turbulenten Umwälzungen scheint die Unzufriedenheit zu sein – Unzufriedenheit mit bisherigen Vorgehensweisen und Umständen. Sei es das Klima, die Geschlechterrollen, Gesundheitssysteme und derzeit der Kampf gegen den Rassismus. Es scheint, als wäre mit einem Mal eine Decke gelüftet worden, wodurch Missstände plötzlich wahrgenommen werden und alle Kraft wird drangesetzt, diese zu beheben. Mein Anliegen ist nicht, auf diese einzelnen Themen einzugehen und sie zu bewerten. Als Christ, der ich an die unmittelbare Erschaffung des Menschen im Ebenbild Gottes glaube, ist es für mich keine Frage, dass Diskriminierung und Hass in jeglicher Form abzulehnen sind. Denn jeder Mensch, ganz gleich welcher Herkunft, ob Mann oder Frau, ist gleichwertig und „wenn ihr Rang und Ansehen eines Menschen zum Kriterium dafür macht, wie ihr mit ihm umgeht, begeht ihr eine Sünde und werdet vom Gesetz als Gesetzesübertreter überführt“ (Jak 2,9). Aber wie sollen wir als Christen vorgehen, wenn uns Unrecht in der Welt begegnet? Ist es überhaupt unsere Verantwortung, uns in die Belange dieser Welt einzumischen? Oder müssen wir dies stillschweigend hinnehmen, weil wir gar nicht von dieser Welt sind (vgl. Joh 15,19; 17,14)?

Ein Mann kann uns hier ein wunderbares Vorbild sein. Er ist nur ein Beispiel von vielen, die Gott liebten, Sein Wort ernst nahmen und dies zum Maßstab ihres Denkens und Handelns machten. Aber er ist ein außergewöhnliches Beispiel, weil sein Eifer ganze Kontinente nachhaltig veränderte und unzähligen Menschen zu Freiheit und Gerechtigkeit verhalf. Ich spreche von William Wilberforce (1759–1833), Mitglied des britischen Parlaments und Anführer im Kampf gegen Sklaverei und Sklavenhandel.

Wilberforce ist für uns Christen deshalb ein großes Vorbild, weil er begründete Argumente für seine Überzeugungen hatte. Er war nicht einfach gegen etwas, weil es ihm persönlich nicht passte, sondern weil er wusste, dass es einen absoluten, göttlichen Maßstab für Wahrheit, Moral und Gerechtigkeit gibt und dass die Umstände diesem Maßstab gründlich widersprechen. Er wusste, dass er eine Mitschuld an diesen Missständen trägt, wenn er sie nur ignoriert. Und er ist ein Vorbild, weil er mit viel Geduld, Weisheit und Beharrlichkeit vorging, ohne dabei anmaßend, beleidigend oder hochmütig zu werden. Denn sein höchstes Ziel war es, Gott in allen Dingen zu ehren („die große alles beherrschende Maxime des Lebens“, wie er es nannte) – was für ihn nur zu erreichen war, wenn er sich mit aller Kraft für Gottes Moral einsetzte.

Eine begründete Überzeugung

Heute wird – insbesondere von jüngeren Menschen – angenommen, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Was für den ein oder anderen erst einmal nach reiner philosophischer Gedankenspielerei klingt, kann doch ganz praktische Auswirkungen haben. Zum Beispiel ist für den einen die Aussage Jesu, „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater als nur durch mich“, die Grundlage der Hoffnung auf ewiges Leben in Gottes Gegenwart, während sie für den anderen ein Grund zum Ärgern ist. Schließlich sollte Jesus, nach der Meinung vieler, nicht solch einen absoluten Anspruch erheben, wo doch alle Gottesvorstellungen irgendwo ihre Berechtigung haben. Diese Sichtweise versucht, niemanden auszuschließen oder zu benachteiligen, es allen irgendwie recht zu machen. Doch sie stellt sich schon sehr schnell als völlig unrealistisch heraus. Denn wie handhaben wir es bei Aussagen wie: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Art. 1.1a; GG) oder: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ (Art. 3.1; GG)? Diese Aussagen sind absolut verbindlich und Missachtung wird bestraft. Aber woraus resultiert dies, wenn nicht aus einer absoluten und verbindlichen Wahr- heit?

William Wilberforce vertrat beide grundlegenden Gesetze der Menschenwürde vehement. Aber er tat es nicht aus einem luftleeren Raum heraus, sondern auf einer festen Grundlage – der absoluten Überzeugung, dass die christliche Lehre „ohne Ausnahme bekennt, dass alle Menschen gleichwertig sind“[1], weil sie alle im Ebenbild Gottes erschaffen wurden und Gott „aus einem Menschen jede Nation der Erde gemacht“ hat (Apg 17,26).

Eine tiefe Opferbereitschaft

William Wilberforce kam aus gutem Hause der britischen Oberschicht. Als Halbwaise wuchs er seit seinem 9. Lebensjahr bei Onkel und Tante auf, die ihn verwöhnten; er brauchte sich um nichts zu sorgen, musste wenig arbeiten und lebte doch in großem Wohlstand. Die ersten 25 Jahre seines Lebens genoss er die Gesellschaft der Reichen und Mächtigen Englands, feierte als junger Mann bis spät in die Nacht Partys und galt als Frauenschwarm. Bis zu dem Tag, an dem er sich intensiv mit dem Evangelium auseinandersetzte und feststellte, dass das britisch-bürgerliche Christentum nur sehr wenig mit der Lehre Jesu gemein hatte. Je mehr er das Evangelium kennenlernte, umso mehr entwickelte er nicht nur eine Abneigung gegen seinen eigenen Luxus und den der feinen Gesellschaft, er stellte vor allem fest, dass dieser Luxus auf der Ausbeutung anderer Menschen beruhte – größtenteils der afrikanischen Sklaven – und dass diese Ausbeutung gegen Gottes Moral verstößt.

„Die Erkenntnis, dass Gott real ist, dass er durch die Bibel spricht und er ein Gott ist, der Gerechtigkeit liebt und das Unrecht hasst, veränderte das Denken und Handeln von Wilberforce grundlegend.“
 

Die Erkenntnis, dass Gott real ist, dass er durch die Bibel spricht und er ein Gott ist, der Gerechtigkeit liebt und das Unrecht hasst, veränderte Williams Denken und Handeln grundlegend. Er unterzog sich selbst einer kritischen Prüfung und kam zu dem Schluss, dass Gott ihn nicht zufällig mit all diesen Privilegien und dem großen Einfluss gesegnet hatte. All dies war ihm nicht zum Eigennutz gegeben, sondern stellte ihn vor große Verantwortung. Er schrieb: „Reichtümer sind an sich akzeptabel, aber aufgrund der Schwäche unseres Wesens sind sie ein gefährlicher Besitz; wir sollten sie in erster Linie nicht als Mittel zum Leben im Luxus ansehen, sondern sie zur Ehre unseres himmlischen Wohltäters und zur Verringerung der Not anderer einsetzen.“[2] Es war damals nicht populär, sich für die Belange anderer einzusetzen und die Welt zu verändern. Mit seinem Anliegen stieß Wilberforce auf Widerstand und Unverständnis. Es gab keine „Mainstream-Bewegung“, der er sich anschließen konnte und die ihn zum Handeln motivierte. Er stand ziemlich allein da und riskierte viel. Aber er war bereit, seinen persönlichen Wohlstand zu opfern, um die Umstände anderer zu verbessern. Seine Motivation dabei war vor allem das Evangelium. Die Erkenntnis, dass er selbst ein erlöster Sklave der Sünde war, der die Liebe Christi, seines Erlösers, erfahren hatte, beeinflusste sein Gewissen und sein Handeln.

Wir Christen brauchen eine ernsthafte, vom Evangelium beeinflusste Haltung, bei der es uns zuerst um das Wohl anderer und um Gottes Ehre geht (vgl. Phil 2,1–11).

Ein demütiger Kämpfer

Ein weiterer Punkt, den wir von William Wilberforce lernen können, ist, in Demut für die Wahrheit einzutreten. In verschiedenen Biografien über William Wilberforce wird deutlich, dass er seinen Kampf gegen die Sklaverei mit viel Geduld und Demut führte. Er widmete sich 46 Jahre lang mit aller Kraft diesem Kampf. Elfmal wurde sein Antrag auf Abschaffung der Sklaverei abgelehnt, und jedes Mal nahm er ihn wieder neu auf; bis letztendlich, drei Tage vor seinem Tod, im Jahr 1833, seinem Antrag stattgegeben wurde und man den Sklavenhandel in England verbot. (Die Ab- schaffung wurde bereits 1807 durch Wilberforces Drängen im Parlament beschlossen, doch es dauerte noch 26 Jahre, bis es umgesetzt und die Sklaverei als ungesetzlich erklärt wurde). Bezeichnend ist hierbei nicht nur seine Ausdauer, mit der er für die Rechte der Sklaven kämpfte, sondern auch die Art, wie er es tat: Er war hartnäckig aber nicht anmaßend, unermüdlich aber nicht arrogant.

Neben seinem politischen Amt war Wilberforce auch als Evangelist bekannt – und zwar unter seinen scheinfrommen Arbeitskollegen, die (wie er selbst früher) davon ausgingen, dass ein Engländer als Christ geboren wird. Er ging weise und rücksichtsvoll vor und blieb so ein geschätztes Mitglied, dem man gerne zuhörte. Wilberforce predigte selbst das Evangelium der Rechtfertigung allein aus Gnade durch den Glauben an Christus und setzte sich auch für die Auslandsmission in Indien, unter William Carey, ein. William Wilberforce war nicht perfekt. Er hatte Schwächen und er versagte. Doch er vertraute in allen Dingen auf die souveräne Fürsorge und Gnade seines himmlischen Vaters.

Wir überzeugte Christen sollten dadurch überzeugen, dass wir Gottes Wort ernst nehmen, indem wir es gut kennen und uns zuerst selbst sehr kritisch am Maßstab dieses Wortes messen. Wir sollten für Wahrheit und Gerechtigkeit einstehen – doch in erster Linie zum Wohl anderer und in Demut und Liebe.


[1] Aus William Wilberforce: „Praktische Ansicht des vorherrschenden Religions- systems verglichen mit dem wahren Christentum“, 1807, S. 258.

[2] Ebd., S. 249

Benjamin Schmidt ist Leiter des Herold Verlags. Als Diakon der Immanuel-Gemeinde Wetzlar ist er im Bibelunterricht und in der Kinderarbeit tätig. Benjamin ist verheiratet mit Hanna und gemeinsam haben sie drei Kinder.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Herold, 10/2020, Nr. 10 (766), S. 3–4. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.