Wie man die Psalmen (nicht) predigen sollte

Artikel von Jim Hamilton
30. August 2021 — 9 Min Lesedauer

Normalerweise mag ich keine Artikel, die das Pferd von hinten aufzäumen. Mit anderen Worten Beiträge darüber, wie man Dinge nicht machen sollte. Sie klingen so, als ob irgendein arroganter Besserwisser allen anderen ihre Fehler vorhält, die sie gemacht haben. Doch es ist weder meine Absicht, dich dazu zu bringen, deine Predigten aus der Vergangenheit zu bereuen, noch sehne ich mich nach dem abnormen Vergnügen, den Elitisten raushängen zu lassen. Ganz bestimmt will ich hier auch keine Distanz aufrichten zwischen dir und dem Buch der Psalmen, das du liebst.

Hinter diesem Artikel steckt ein großer Grundgedanke, den ich im Folgenden auf ganz unterschiedliche Weise konkretisieren will. Der Gedanke ist dieser: Predige die Psalmen niemals isoliert.[1]

Predige die Psalmen niemals isoliert

Häufig verwenden Prediger die Psalmen, ohne dabei Rücksicht auf den jeweiligen Kontext zu nehmen. Dabei sollten wir niemals einzelne Verse innerhalb eines Psalms herauslösen und sie separat vom literarischen Aufbau des gesamten Psalms betrachten. Wir sollten auch niemals einzelne Psalmen losgelöst vom Kontext des ganzen Buches betrachten. Und zu guter Letzt sollten wir auch das Buch der Psalmen weder vom Rest des Alten noch des Neuen Testaments isolieren. Wir haben hier also eine Liste von Dingen, die wir nicht tun sollten; und sie alle handeln davon, dass die Psalmen keinesfalls getrennt von dem durch die Autoren beabsichtigten Kontext behandelt werden sollten.

„Wenn man das Gold in seiner vom Autor beabsichtigten Schönheit sehen will, muss man es in seiner silbernen Fassung betrachten.“
 

Nur um es klarzustellen: Ich denke, dass es die Intention der einzelnen Psalmisten war, dass Aussagen und Sätze im Kontext des gesamten Psalms gelesen werden sollten. Und ich denke, dass die Redaktoren bei der Zusammenstellung des Psalters ein ganz bestimmtes Ziel verfolgten und es daher wichtig ist, dass die Leser die Psalmen in der vorgegebenen Reihenfolge auslegen sollten. Diese Anordnung der Psalmen greift Muster und Verheißungen auf, die auch im übrigen Alten Testament zu finden sind. Diejenigen, die die Psalmen angeordnet haben, wollten genau die Hoffnungen und Erwartungen wecken, deren Erfüllung das Neue Testament zu bezeugen beansprucht.

Predige einen Psalm niemals isoliert von seinem literarischen Kontext

Die Psalmisten waren Dichter, und „wie goldene Äpfel in silbernen Schalen, so ist ein Wort, gesprochen zur rechten Zeit” (Spr 25,11). Wenn man das Gold in seiner vom Autor beabsichtigten Schönheit sehen will, muss man es in seiner silbernen Fassung betrachten. Mit anderen Worten: Wenn du eine bestimmte Zeile in einem Psalm verstehen willst, musst du auch den literarischen Aufbau dieses Psalms, den du gerade liest, verstehen.

Nehmen wir beispielsweise Psalm 12,7, wo die Reinheit von Gottes Wort angepriesen wird. Wie fügt sich dieser Vers in den restlichen Kontext von Psalm 12 ein? Häufig ist biblisches Material „chiastisch” strukturiert, was bedeutet, dass jeweils die erste und die letzte Aussage, die zweite und die vorletzte, die dritte und die drittletzte (und so weiter) miteinander korrelieren und sich erklären. Bei solch einem Textaufbau befindet sich die Kernaussage genau in der Mitte. Sie blickt einerseits zurück bis an den Anfang und lässt andererseits auch das Ende bereits erahnen. Betrachten wir einmal genauer, wie dies in Psalm 12 aussieht. Der chiastische Aufbau des Psalms gestaltet sich wie folgt:

  • 12,2 – Die dahinschwindenden Heiligen
    • 12,3–5 – Die leeren Worte der Gottlosen
      • 12,6 – Jahwe verspricht, den Armen und Bedürftigen Recht zu geben
    • 12,7–8 – Die reinen Worte des Herrn
  • 12,9 – Die stolpernden Gottlosen

Vers 2 thematisiert die Bedrohung für die Gottesfürchtigen und Getreuen, während der letzte Vers über das Herumstolzieren der Gottlosen spricht. In den Versen 3–5 finden wir Aussagen über Lügner mit ihrer Schmeichelei und Prahlerei, die in den Versen 7–8 der Bewunderung von Gottes reinen Worten gegenübergestellt werden. Im Zentrum von Psalm 12 (V. 6) erklärt Jahwe, dass Er sich erheben wird, um die bedrohten Gläubigen aus Vers 2 zu erretten und die herumstolzierenden Gottlosen aus Vers 9 anzusprechen. Die Verse 7–8 feiern also nicht nur Gottes reine Worte im Gegensatz zu den Lügen und Prahlereien der Gottlosen in den Versen 3–5, sie bezeugen auch den Glauben, dass Gott sein Versprechen, das Er in Vers 6 macht, halten wird.

Ignoriere also in deiner Predigt niemals den literarischen Aufbau, den die Psalmisten verwendet haben - Strukturen voller Schönheit, die von Bedeutung in der Auslegung sind.

Predige niemals einzelne Psalmen isoliert vom gesamten Psalter

Mein Ratschlag hier beschränkt sich nicht nur auf den Gedankenfluss, der zwei benachbarte Psalmen miteinander verbindet (siehe dazu meine Predigt über die Psalmen 42–48). Denn neben den Beziehungen zwischen unmittelbar aufeinanderfolgenden Psalmen gibt es auch eine Vielzahl an Verbindungen zwischen weiter voneinander entfernt liegenden Psalmen. Die Berücksichtigung dieser Verbindungen kann uns helfen, einige der schwierigeren Aussagen des Psalters zu verstehen.

„Im wahrsten Sinne des Wortes bildet den Kontext für jede Zeile im Psalter nicht nur der jeweilige Psalm, sondern der gesamte Psalter.“
 

So klingt etwa Psalm 137,9 zunächst ziemlich schockierend: „Wohl dem, der deine Kindlein nimmt und sie zerschmettert am Felsgestein!”. Aber es gibt eine wichtige Verbindung zwischen dem Wort „zerschmettern" hier und demselben hebräischen Verb in Psalm 2,9: „Du sollst sie mit eisernem Zepter zerschmettern, wie Töpfergeschirr sie zerschmeißen!” Dieser sprachliche Berührungspunkt zeigt uns, dass Psalm 137 den zukünftigen König aus Davids Geschlecht segnet, zu dem der Herr auch in Psalm 2 spricht. Außerdem werden die rebellierenden Könige in Psalm 2 eindringlich gewarnt, weise zu sein und sich dem gesalbten König des Herrn zu unterwerfen, damit sie nicht „umkommen auf dem Wege" (2,10–12). Psalm 137,9 warnt die Gottlosen, die sich weigern, Buße zu tun, auf anschauliche und – wie ich wage zu sagen – barmherzige Weise davor, was mit ihnen und ihren Kindern geschehen wird, wenn sie sich weigern, die Ermahnung von Psalm 2 zu beherzigen, nämlich „den Sohn zu küssen" und „sich bei ihm zu bergen" (2,12).

Im wahrsten Sinne des Wortes bildet den Kontext für jede Zeile im Psalter nicht nur der jeweilige Psalm, sondern der gesamte Psalter.

Predige die Psalmen niemals isoliert vom Rest des Alten Testaments

Hier ist der wichtigste Satz in diesem Artikel: Entscheidend für das Verständnis der Psalmen sind die biblischen Schriften, die ihnen vorangehen. Betrachte einmal Psalm 29. David beginnt den Psalm, indem er die „Söhne Gottes“ dazu aufruft, Jahwe die Ehre zu geben (29,1–2). Dann feiert er die Macht der Stimme Jahwes (29,3–9), bevor er davon spricht, dass Jahwe über den Fluten thront (29,10–11).

Wo sonst sehen wir eben diese Symbolik? Erinnern wir uns einmal an 1. Mose 6–9. Der Herr, der in Psalm 29,10 über den Fluten thront, ist derselbe Herr, der in Psalm 2,1–4 im Himmel thront und über diejenigen lacht, die sich verabredet haben, Ihn und Seinen Gesalbten zu stürzen.

Die Psalmen verweisen nicht nur zurück auf die frühere Schrift, wie denn David beispielsweise in Psalm 72,17 betet, dass sich der Segen Abrahams (1Mose 12,1–3) in dem König erfüllen möge, den Gott versprochen hat, aus seinem Geschlecht zu erwecken (2Sam 7,14) (vgl. insbesondere 1Mose 12,3; 2Sam 7,9). Nein, die Psalmen weisen auch voraus auf die später noch kommende Schrift. Zum Beispiel betete David, der um 1000 v. Chr. lebte, in Psalm 72,8, dass der zukünftige König aus seinem Geschlecht herrschen wird (vgl. 1Mose 1,28) „von Meer zu Meer und vom Strom bis an die Enden der Erde". Nach der Rückkehr aus dem Exil, um 520 v. Chr., prophezeite Sacharja, dass, wenn der Herr den König senden würde, „demütig und reitend auf einem Esel" (Sach 9,9), dieser herrschen würde „von einem Meer zum anderen vom Strom bis an die Enden der Erde" (Sach 9,10). Sacharja zitiert Psalm 72, als er über den zukünftigen König aus dem Geschlecht Davids prophezeit.

Lies die Psalmen niemals isoliert vom Neuen Testament

Die Autoren des Neuen Testaments haben die Psalmen typologisch gelesen. Das heißt, sie erkannten Muster in der Heilsgeschichte, die sich letztendlich in Jesus erfüllt haben. Sehen wir uns Psalm 41 an: David wurde von einem engen Freund verraten, dem er vertraute; es war jemand, der sein Brot aß und später seine Ferse gegen ihn erhob (Ps 41,10). Vielleicht bezieht sich David hier auf Ahitophel, seinen eigenen Berater, der sich später Absaloms Revolte anschloss, um David zu stürzen (siehe 2Sam 15–17). In Psalm 41 beschreibt David also seine eigene Erfahrung. Aber er sieht auch eine Analogie zwischen seiner Erfahrung und der Erfahrung früherer Figuren wie Josef oder Mose, die ebenfalls von ihren eigenen Verwandten abgelehnt und bekämpft wurden; sogar von denen, die ihnen am nächsten standen (Josefs Brüder, 1Mose 37; Miriam und Aaron, 4Mose 12). Wäre die Behauptung zu gewagt, dass David erwartete, dass sich das Muster, das er bei Josef und Mose sah und das sich dann bei ihm selbst wiederholte, im Leben jenes Königs erfüllen würde, von dem Gott verheißen hatte, dass er eines Tages aus seinem Geschlecht hervorgehen würde?

Basierend darauf, dass ich den gesamten Psalter durchgearbeitet habe, um diese Hypothese zu überprüfen, schlage ich vor, dass David in seinen Psalmen genau das tut: er beschreibt seine eigene Erfahrung, versteht dabei aber, dass diese Erfahrung die Etablierung eines gewissen Musters von Ereignissen ist, wie sie schon zuvor in der Schrift beobachtet werden konnten. Darüberhinaus erwartet er, dass dieses Muster auch in dem Nachkommen, den Gott ihm verheißen hatte, gipfeln und seine Erfüllung finden würde (siehe z.B. Ps 18,51).

So setzt Jesus seine Jünger mit folgenden Worten darüber in Kenntnis, dass einer von ihnen ihn verraten wird: „Doch muss die Schrift erfüllt werden: ‚Der mit mir das Brot isst, hat seine Ferse gegen mich erhoben.’“ (Joh 13,18; mit einem Zitat aus Psalm 41,10). David hat in Psalm 41,10 nicht die Zukunft vorausgesagt, er hat in erster Linie seine eigene Erfahrung beschrieben. Und Jesus behauptet in Johannes 13,18 nicht die Erfüllung einer Vorhersage über die Zukunft, sondern die Erfüllung eines typologischen Musters. Wie David hatte auch Jesus die typologische Parallele zwischen Josef, Mose und David verstanden, und Jesus wusste, dass das, was sie vorhergesehen und im Voraus angedeutet hatten, sich in ihm erfüllen würde. Und das, so behaupte ich, ist vollkommen im Einklang mit dem, was David in Psalm 41 vermitteln wollte.

Predige also die Psalmen niemals, ohne ihren unmittelbaren oder größeren Kontext zu beachten! Möge Gott sein Wort in deinem Munde segnen, und mögen die Empfindungen in den Psalmen der Herzschlag von Gottes Volk sein.


[1] Dieser Abschnitt ist meinem 2021 veröffentlichten Kommentar zu den Psalmen entnommen.

Jim Hamilton ist Professor für Biblische Theologie am The Southern Baptist Theological Seminary und leitender Pastor der Kenwood Baptist Church in Louisville (Kentucky, USA).