Freikirchliche Gottesdienste

Artikel von Ron Kubsch
27. August 2021 — 4 Min Lesedauer

Obwohl sonntägliche Gottesdienste in den meisten Freikirchen einen hohen Stellenwert einnehmen, werden diese theologisch selten reflektiert. Ausgehend von dieser Erfahrung hat Stefan Schweyer, der selbst über 10 Jahre als Pastor in einer Freikirche tätig war, mit liturgischen Reflexionen begonnen. Die führten zu der vorliegenden Studie, die von der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg (Schweiz) im Jahr 2019 als Habilitation angenommen wurde.

Dass freikirchliche Gottesdienste wissenschaftlich bisher wenig bedacht wurden, ist eine echte Leerstelle. Zahlenmäßig bilden in der Schweiz die Freikirchen im Blick auf die Gottesdienstbesuche die zweitgrößte Gruppe nach der römisch-katholischen Kirche. Somit besuchen sonntags doppelt so viele Freikirchler einen Gottesdienst wie Mitglieder der evangelisch-reformierten Kirchen (vgl. S. 16–17).

Die Studie zielt darauf ab, durch Analysen zu freikirchlicher Gottesdienstpraxis und -theologie einen Beitrag zur Schließung dieser Lücke zu leisten (vgl. 19). Schweyer hat dafür einen empirisch-qualitativen Zugang gewählt. Die Feldforschung verbessert die Quellenlage und ermöglicht damit ein tieferes wissenschaftliches Gespräch über die freikirchliche Gottesdienstkultur.

Die Studie konzentriert sich auf die Analyse ausgewählter Gottesdienste in Freikirchen in der deutschsprachigen Schweiz (vgl. S. 19). In einem einführenden Teil werden wichtige Begriffe wie „Freikirche“, „Gottesdienst“ oder „Evangelikale Bewegung“ geklärt. Zudem liefert Schweyer einen Überblick über den Forschungsstand. Es folgt die Beschreibung des Forschungsdesigns. Haupt- quellen sind gefeierte Gottesdienste, „die durch eine Verbindung von teilnehmender Beobachtung und videografischen Studien erschlossen werden, sowie die im Zusammenhang mit den Gottesdienstteilnahmen durchgeführten Gruppeninterviews“ (S. 20). Außerdem wurden schriftliche Quellen aus lokalen Gemeinden, freikirchlichen Verbänden oder Verbandszeitschriften integriert. Nach einer Präsentation der Gottesdienstporträts werden Elemente aus der gottesdienstlichen Praxis, darunter Eröffnungsszenen, das Singen und die Musik, das Beten, die Predigt, das Abendmahl oder die Verwendung der Bibel, ermittelt. Es folgen Analysen des Gottesdienstverständnisses. Unter Berücksichtigung ökumenischer Impulse werden anschließend charakteristische Merkmale theologisch reflektiert. Im letzten Kapitel werden Ein- und Aussichten zur freikirchlichen Gottesdienstpraxis formuliert (vgl. S. 20).

Der empirisch-qualitative Zugang bringt viele interessante Sachverhalte ans Licht. Ein Beispiel: In den Freikirchen wird im Rahmen der Gottesdienstgestaltung das Wortfeld „Moderation“ rund dreimal so häufig verwendet wie das Wortfeld „Leitung“. Dabei ist den Akteuren durchaus klar, dass sie hier auf Gewohnheiten der Medienwelt zurückgreifen: „Unter dem Begriff Moderation wird nicht wie in andern Kontexten die neutrale Leitung eines Gesprächsprozesses mit heterogenen Gesprächsteilnehmern verstanden, sondern eher eine Aufgabe, die der Moderation in Radio und Fernsehen nicht unähnlich ist, nämlich das Führen durch das Programm und die Herstellung und Förderung der Beziehung der Zuhörenden zum Programm. Moderation wird entsprechend beschrieben als die Aufgabe, die Gottesdienstteilnehmenden auf der Reise durch den Gottesdienst zu begleiten“ (S. 296). Damit übernimmt in den freikirchlichen Gottesdiensten gewissermaßen der Moderator die Funktion des Gottesdienstformulars. Schweyer sieht die Gefahren durchaus: „Ein Übermaß an Moderation kann den negativen Eindruck erwecken, dass freikirchliche Gottesdienste zerredet werden und dass der Fluss der gottesdienstlichen Dramaturgie dadurch erheblich gestört wird“ (S. 310).

„Die allgemeine Hochachtung der Bibel zeigt sich besonders in der Predigt (und oft nur dort, da der freikirchliche Anspruch, Gottesdienste biblisch zu gestalten, kaum Gewicht hat).“
 

Wenig erstaunt hat mich die Beobachtung, dass in den Freikirchen „Jesus“ mit Abstand die bevorzugte Gebetsanrede ist, wohl, um eine gewisse Vertrautheit mit Gott zu signalisieren (vgl. S. 222–223). Überrascht war ich hingegen davon, dass die durchschnittliche Predigtdauer bei 38 Minuten liegt und die Predigt nach wie vor der wichtigste Teil der freikirchlichen Gottesdienste in der Schweiz ist (vgl. S. 270). Erstaunt war ich fernerhin darüber, dass in allen observierten Gemeinden die Predigt von einem zentralen Punkt aus, meist einer Kanzel, gehalten wurde (vgl. S. 271). Ich selbst beobachte immer häufiger, dass Prediger quasi wie Comedians frei auf der Bühne herumlaufen und dadurch die Aufmerksamkeit der Besucher intensiv absorbieren. Traditionell haben Talar und große Kanzeln den Prediger eher „versteckt“, um die Aufmerksamkeit der Hörer auf das verkündigte Wort zu lenken.

Als charakteristisch für freikirchliche Gottesdienste beschreibt Schweyer in seinem Fazit: a) der Gottesdienst hat alltagskulturelle Prägungen; b) die Sozialkontakte rund um den Gottesdienst haben einen hohen Stellenwert; c) die Form des Gottesdienstes wird durch die gelebte lokale Tradition bestimmt; d) Veränderungen der Gottesdienstgestalt werden meist durch Impulse von außen angestoßen; e) die Verantwortung für den Gottesdienst übernimmt in der Regel ein Trio aus Prediger, Gottesdienstleiter (o. Moderator) und Lobpreisleiter; f) Glaubensüberzeugungen werden klar benannt und gezeigt; g) das gemeinsame Singen wird meist von einer Band geleitet; h) die allgemeine Hochachtung der Bibel zeigt sich besonders in der Predigt (und oft nur dort, da der freikirchliche Anspruch, Gottesdienste biblisch zu gestalten, kaum Gewicht hat); i) Abendmahl wird allermeist monatlich gefeiert; und schließlich darf j) gelacht werden (vgl. S. 543–544).

Die Studie leistet ohne Zweifel einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis freikirchlicher Gottesdienste und ist damit eine wichtige Fundgrube für die Erforschung der Freikirchen im deutschsprachigen Raum.

Buch

Stefan Schweyer, Freikirchliche Gottesdienste: Empirische Analysen und Theologische Reflexionen, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2020, 606 S., 58,00 Euro.

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.